3. Papa.

Er stand am Schreibtisch und war, auf verschiedene Papiere, Kuverts

und Geldpäckchen deutend, in lebhafter Unterhaltung mit dem Verwalter

Jakob Michailow begriffen, der mit auf dem Rücken verschränkten

Händen auf seinem gewöhnlichen Platz zwischen Tür und Barometer stand

und die Finger sehr schnell nach verschiedenen Richtungen drehte. Je

lebhafter Papa sprach, um so schneller bewegten sich die Finger; wenn

er verstummte, ruhten auch die Finger; wenn aber Jakob selbst das Wort

nahm, kamen auch die Finger wieder in starke Bewegung. Und aus ihren

Bewegungen konnte man die geheimsten Gedanken Jakobs erraten, während

sein Gesicht stets den Ausdruck von Würde und Unterwürfigkeit zeigte:

»Ich habe recht, aber natürlich ganz wie es Ew. Gnaden beliebt.«

Bei unserem und Karl Iwanowitschs Anblick sagte Papa nur: »Einen

Augenblick; sofort,« und deutete durch eine Kopfbewegung an, daß jemand

von uns die Tür schließen sollte.

»Ach, lieber Gott! Was hast du heute nur, Jakob?« fuhr er, seiner

Gewohnheit nach achselzuckend, zum Verwalter gewandt fort. -- »Dieses

Kuvert mit achthundert Rubeln ...«

Jakob nahm das Rechenbrett, schob achthundert beiseite und starrte, in

Erwartung des Weiteren, unbestimmt vor sich hin.

»... sind für Wirtschaftsausgaben in meiner Abwesenheit, verstanden?

Für die Mühle bekommst du ja wohl tausend? Ja, oder nein? Für

Hypotheken achttausend; für Heu, -- nach deiner Rechnung kann man

siebentausend Pud rechnen -- sagen wir fünfundvierzig Kopeken das Pud,

macht zirka dreitausend; also hast du zusammen wieviel? Zwölftausend.

Ja oder nein?«

»Jawohl,« sagte Jakob, aber aus den schnellen Fingerbewegungen bemerkte

ich, daß er etwas erwidern wollte. Papa schnitt ihm das Wort ab: »Also

von diesem Gelde schickst du zehntausend zum Amt in Petrowskoie.

Jetzt das Geld im Kontor,« fuhr Papa fort -- Jakob warf die früheren

zwölftausend zusammen und notierte einundzwanzigtausend -- »das bringst

du mir und trägst es unterm heutigen Datum als Ausgabe ein« -- Jakob

schob die Kugeln beiseite und kehrte das Rechenbrett um, dadurch

wahrscheinlich andeutend, daß nun auch diese einundzwanzigtausend

verloren wären. -- »Diesen Geldbrief übergibst du an seine Adresse.«

Ich stand dicht am Tisch und las die Adresse. Da stand: An Karl

Iwanowitsch Mauer. Papa bemerkte wohl, daß ich etwas las, was ich nicht

zu wissen brauchte. Er sprach weiter, legte aber seine Hand auf meine

Schulter und wies mich durch eine leichte Bewegung vom Tisch fort. Ich

verstand nicht, ob das eine Liebkosung oder ein Tadel sein sollte,

küßte aber für alle Fälle seine große, weiße, nervige Hand mit dem

Trauring auf dem Goldfinger.

»Zu Befehl,« sagte Jakob. »Was soll aber mit dem Gelde von Chabarowka

geschehen?«

Chabarowka war Mamas Gut.

»Das soll im Kontor bleiben und ohne meine Verfügung nicht angerührt

werden,« sagte Papa.

Jakob schwieg einen Augenblick, dann drehten sich plötzlich wieder

die Finger mit verstärkter Geschwindigkeit, er änderte den Ausdruck

unterwürfigen Stumpfsinns, mit dem er die Befehle des Herrn anzuhören

für nötig hielt, nahm den ihm eigenen Ausdruck spitzbübischer

Findigkeit und Schlauheit an, zog das Rechenbrett heran und begann:

»Gestatten Sie, zu bemerken, Peter Alexandrowitsch -- ganz wie Sie

wünschen, aber auf dem Amt werden wir das Geld kaum rechtzeitig

bezahlen. Sie beliebten zu sagen: das Geld müßte von der Mühle, für

Lombard und Heu einkommen ...« Er rechnete den Betrag aus und schob die

Kugeln auf der Rechenmaschine beiseite. »Ich fürchte aber, daß wir uns

in den Voranschlägen irren,« fügte er nach kurzem Schweigen hinzu, Papa

dabei tiefsinnig anstarrend.

»Warum?«

»Ja, sehen Sie, was die Mühle betrifft, so hat mich der Müller schon

zweimal aufgesucht und um Stundung gebeten, hat bei Gott und allen

Heiligen geschworen, daß er kein Geld hätte. Er ist auch jetzt wieder

da. Wollen Sie nicht selbst mit ihm sprechen?«

Papa machte mit dem Kopf ein Zeichen, daß er das nicht wünsche.

»Was sagt er denn?« fragte Papa.

»Das weiß man schon,« erwiderte Jakob. »Hätte nichts zu mahlen gehabt

und alles Geld in das Wehr gesteckt. Wenn wir ihm kündigen, Herr,

fragt sich noch, ob wir dabei profitieren. Was Sie über die Hypothek

zu bemerken beliebten -- so habe ich vielleicht schon ausgeführt, daß

unser Geld dort festliegt und wir es so leicht nicht wiederbekommen.

Ich habe eigens in der Angelegenheit eine Fuhre Mehl und ein Schreiben

an Iwan Afanasjewitsch in die Stadt geschickt; der antwortet, er wolle

sich gern Ihretwegen bemühen, die Sache hinge aber nicht von ihm ab

und allem Anschein nach würden wir kaum in einem Monat Ihre Quittung

bekommen. Bezüglich des Heus beliebten Sie zu bemerken -- selbst

angenommen wir verkaufen für dreitausend« -- er warf dreitausend auf

dem Rechenbrett zur Seite, schwieg einen Augenblick und blickte bald

auf das Rechenbrett, bald in Papas Augen, als wollte er sagen: Sie

sehen selbst, wie wenig das ist. »Und mit dem Heu fallen wir auch

wieder herein, wenn wir es jetzt verkaufen, das wissen der Herr selbst.«

Offenbar hatte er noch einen großen Vorrat von Argumenten; deswegen

unterbrach Papa ihn: »Es bleibt bei meinen Anordnungen. Sollte wirklich

im Eingang des Geldes eine Verzögerung eintreten, dann ist nichts zu

machen; dann nimmst du von Chabarowka Geld soviel wie nötig ist.«

»Zu Befehl.«

Jakob war Papas Leibeigener. Er war zunächst sein Wärter gewesen, dann

Kammerdiener und jetzt Verwalter. Er hatte alle Feldzüge mit Papa

mitgemacht, und dieser hatte ihn wegen seiner Anhänglichkeit, seines

Eifers und seiner Treue gern. Wie alle guten Verwalter war er im

Interesse seines Herrn äußerst knauserig und hatte von dessen Vorteil

die sonderbarsten Vorstellungen. Er war stets bemüht, das Eigentum

Papas auf Kosten Mamas zu vermehren und suchte zu beweisen, daß alle

Einkünfte von Mamas Gütern auf Petrowskoie (das Dorf, in dem wir

lebten) verwandt werden müßten. Gegenwärtig war ihm das gelungen, und

als er »zu Befehl« sagte, konnte man an seinem Gesicht erkennen, daß er

sehr mit sich zufrieden war, wie jemand, der seine liebste Tätigkeit

ausübt.

Nachdem Papa uns begrüßt hatte, sagte er, wir wären jetzt keine kleinen

Kinder mehr, es sei Zeit, daß wir ernstlich etwas lernten. Deswegen

führe er heute nacht nach Moskau zur Großmutter und nähme uns ganz

dahin mit. Er fügte noch hinzu, Mama bliebe mit den Mädchen hier, und

das eine würde sie trösten, die Überzeugung, daß wir gut lernen und daß

man mit uns zufrieden sein würde.

Obgleich wir an den Vorbereitungen seit einigen Tagen bemerkt hatten,

daß etwas Ungewöhnliches im Gange war, überraschte uns diese Neuigkeit

vollständig. Wolodja sagte, um seine Verwirrung zu verbergen: »Mama

läßt dir bestellen, du möchtest zu ihr kommen, Papa,« und ging zum

Fenster. Mir aber tat Mütterchen sehr, sehr leid, und gleichzeitig

freute mich der Gedanke, daß wir nun groß seien.

Wenn wir heute reisen, gibt es keine Schule mehr, das ist famos, dachte

ich. Aber der arme Karl Iwanowitsch tat mir leid; der wurde sicher

entlassen, weil man das Kuvert für ihn zurechtgemacht ... Dann schon

lieber immer lernen, nicht fortreisen, sich nicht von Mama trennen und

dem armen Karl Iwanowitsch nicht weh tun, der schon so sehr unglücklich

ist.

Diese Gedanken zogen mir durch den Sinn. Ich rührte mich nicht von der

Stelle und starrte unverwandt auf die schwarzen Schleifen an meinen

Schuhen.

Nachdem Papa mit Karl Iwanowitsch noch einige Worte über das Fallen

des Barometers gewechselt und Jakob befohlen hatte, die Hunde nicht

zu füttern, weil er zum Abschied nach Tisch die jungen Treibhunde

probieren wollte, schickte er uns wider Erwarten zum Unterricht.

Allerdings bekamen wir den Trost mit auf den Weg, daß wir nach Tisch

mit auf die Jagd genommen würden.

Traurig und zerstreut gingen wir nach oben zum Lernen in Begleitung

unseres noch mehr zerstreuten und traurigen Mentors Karl Iwanowitsch,

der seine Entlassung erwartete.

Unterwegs lief ich auf die Veranda. Dicht an der Tür lag mit

zugekniffenen Augen in der Sonne, wie ein Hase im Lager, Papas

Lieblingswindhund Milka.

»Milkachen,« sagte ich, den Hund streichelnd und auf die Schnauze

küssend, »wir reisen heute, leb wohl, wir sehen uns nie wieder.«

Wahrscheinlich gefiel der Hündin mein tränenfeuchtes Gesicht nicht,

oder sie war nicht bei Laune; jedenfalls brüllte sie mich an, stand

auf, ging beiseite und legte sich faul an einer anderen Stelle nieder.

»Was bin ich für ein unglücklicher Junge,« sagte ich und rannte Hals

über Kopf nach oben.

Kindheit: Autobiographische Novelle · 第 9 / 55 题