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Berlin, 3. Mai 188.
»Bester Freund!
Hast Du zufällig jemals die Physiognomie eines Menschen beobachtet, der
in heiterster Stimmung und anregendster Unterhaltung begriffen, sich
niedersetzen will, den aber irgend eine Schicksalstücke des vermeintlich
hinter ihm stehenden Stuhles beraubt hat. Todesschreck, innere Wut,
lächerliche Hilflosigkeit, ja jammervolle Stupidität -- das alles prägt
sich stets in den Zügen solch' eines Beklagenswerten aus.
Mir ist gestern Abend Ähnliches passiert, das heißt: etwas passiert,
was mich veranlaßte, den Gesichtsausdruck eines dummen Jungen anzunehmen.
Nicht etwa, daß ich mit meinem ganzen physischen Körpergewicht auf die
Erde geplumpst wäre, nein, =amico=, moralisch habe ich einen Purzelbaum
gemacht, der wirksam genug sein könnte, selbst den überspanntesten
Phantasten und Idealisten in die rauhe Wirklichkeit zurückzuführen. Ich
knirsche -- ich tobe in machtlosem Grimme, dabei aber befällt mich auch
wieder ein wahrer Lachkrampf, wenn eine Stimme -- ich glaube, es ist
das bessere Ich in meiner Brust -- mir zuraunt: »Reingefallen, Gilbert,
gründlich reingefallen!«
Zurückgekehrt von einem Besuche bei Agnes, wo sie mir beim Abschiede,
als wir zufällig allein im Zimmer waren, mit holdem Erröten versicherte,
demnächst bald heimzukommen, finde ich endlich die langersehnte Antwort
aus Wiesbaden vor. Welch' ein Dank, welch' ein Brief! Doch zu meiner
Überraschung zeigt die Marke den Poststempel: Berlin. Frau v. Baranow
teilte mir als Postskriptum mit, sie sei im Kaiserhofe abgestiegen und
erwarte am nächsten Tage meinen Besuch. Wie damals auf dem Maskenballe
fühlte ich jenes aus Entzücken und Leidenschaft gemischte Gefühl meine
Adern durchrieseln. Bombenfest stand es in mir, die verführerische Frau
morgen aufzusuchen. Allein auf welche Weise sollte ich mir die
langen Stunden bis dahin verkürzen? Mit Eifer studierte ich den
Vergnügungsanzeiger Berlins und verfiel schließlich auf das »Deutsche
Theater«.
Gesagt -- gethan. Zwar war der Andrang an der Kasse desselben groß. Doch
bald hielt ich ein glücklich erobertes Parkett-Billet in den Händen:
Dritte Sitzreihe, Platz Nr. 35. Herrlich fürwahr! Ich bin ganz befriedigt
und befinde mich in äußerst animierter Stimmung. Da es übrigens noch
ziemlich früh war, so mache ich noch eine kleine Wanderung durch die
Straßen, weil ich es hasse, vor Beginn der Komödie meine ohnedies nicht
sehr guten Nerven durch das entsetzliche Bänkeklappen und Thürenwerfen in
unnötigen Aufruhr versetzen zu lassen. Als ich das Theater betrat, war der
Vorhang bereits aufgezogen und das Stück hatte begonnen. Meine Nr. 35 war
glücklicherweise ein Eckplatz.
Nachdem ich in größter Gemütsruhe das Opernglas blank geputzt, schaue
ich nach der Bühne. Da schlagen die Laute einer mich wie mit elektrischem
Schlage berührenden Stimme aus nächster Nähe an mein Ohr. Herr des
Himmels! Das konnte niemand anders -- das mußte Susanna -- Madame de
Baranow sein, die hier in dem so reinen, so fließend und melodisch
klingenden Französisch eben gesprochen! Gleich einem Achtzehnjährigen --
beinahe zum Zerspringen klopfte nun mein Herz, und ich lausche atemlos.
Wo -- wo war -- wo saß das entzückende Geschöpf, das allein schon durch
Organ und Grazie mich bestrickte? Sollte es mir jetzt -- von diesem still
verborgenen Platze aus -- vergönnt sein, das im Traume schon tausendmal
mir vor die Sinne gezauberte, holde Angesicht zu schauen? Welche Seligkeit,
die schöne Frau, ohne daß sie meine Gegenwart ahnte, beobachten zu
können! Soviel ich indes mein Gehör auch anstrenge, diese wohllautende
Stimme ließ sich nicht mehr vernehmen.
Prüfend, aber möglichst vorsichtig, überschaute ich die nächste
Umgebung, die größtenteils aus Herren und einigen schlichten
Matronen bestand. Nur links von mir -- in der ersten Reihe, sah ich die
wohlfrisierten Köpfe zweier eleganten Damen auftauchen. Sollte das ...?
Meine Brust wogte so heftig auf und nieder, daß ich, um mich nicht
bemerklich zu machen, oder aufzufallen, den Atem dämpfen mußte. O
Gott! Sollte sie es wirklich sein? Schien das nicht das nämliche goldige
Lockengeringel im Nacken zu sein, wie es mir viele Stunden lang auf jenem
Maskenballe vor Augen geschwebt? Damals freilich wurde das herrliche Blond
des Vorderhaares von der scheußlichen Maske neidisch verhüllt. Ja gewiß!
Diese und keine andere mußte =bella= Susanna sein!
Allein so viel ich mich auch drehte und wendete, von ihren Augen vermochte
ich nichts zu erspähen; immer blieben nur die nach aufwärts gekämmten
blonden Haarsträhne des Hinterhauptes sichtbar. -- Da -- noch während ich
dies niederschreibe -- lähmt ein krampfartiges Gefühl die Muskeln meiner
Rechten -- da taucht plötzlich in der Hand der blonden Dame ein Fächer --
ein ausgebreiteter Fächer auf. Mein Herzschlag stockt; denn mit glühenden
Blicken erspähe ich darauf -- das eigenhändig gemalte Bild! Sie ist's! So
juble ich vor stummem Entzücken und verkrieche mich förmlich hinter den
breiten Rücken eines behäbigen Berliner Rentiers, um recht ungestört
nach der Angebeteten hinüberschauen zu können. Einmal -- hoffte ich --
würde sie doch wohl den Kopf nach mir herumwenden. Ein unglücklicher
oder vielmehr glücklicher Zufall kam mir zur Hilfe. Noch war der erste
Akt nicht zu Ende gespielt, da ließ eine Dame in der zweiten Sitzreihe
ihr Opernglas mit ziemlichem Geräusch zur Erde fallen. Natürlich
wendeten sich sofort eine Anzahl höchst indignierter Gesichter nach der
Ruhestörerin um, =la bella= Susanna ebenfalls. Allmächtiger Gott! Sind
denn meine Augen getrübt, -- bin ich verrückt oder treibt der Satan
sein Spiel mit mir? Keuchend stößt mein Atem aus der Brust, so daß der
gemütliche Rentier neben mir wohl gedacht haben mochte, ein Mensch im
letzten Stadium der Lungenschwindsucht befinde sich in seiner Nähe.
Einerlei -- ja, was geht mich die ganze Welt an! Wie gelähmt starre ich in
das als engelhaft schön erträumte Antlitz von Madame de Baranow. Wut
und Abscheu krampfen mir das Herz zusammen. Das also ist die vermeintliche
Beauté, um deren Figur und Grazie selbst Juno vor Neid geborsten wäre?
O pfui! Welch' ein tückisches Spiel, welche Grausamkeit der Natur! Ein
pockennarbig gelbes Gesicht mit wulstigen Negerlippen, in welchem
eine niedrige Stirn und kleine geschlitzte Tartarenaugen den fatalen
Gesamteindruck noch erhöhen, zeigt sich meinen getrübten Blicken. Doch
wie ist mir denn! Plötzlich taucht in meinem wilderregten Geiste auch
eine Erinnerung auf. Diese widrigen Züge kenne ich ja; der cynisch-frivole
Ausdruck derselben war mir durchaus nicht fremd?
Heiliger Brahma! Gleich einem zündenden Funken fiel es in das Gedächtnis
Deines armen Freundes. Lieber Karl! Entsetze Dich nicht! Denn -- die
häßliche, uns allen von Rom her nur zu wohlbekannte Paula Uschakow war
es, welche schon damals gerade mich mit ihrer Affenliebe immer verfolgt und
gepeinigt hat. Und ich Narr, -- ich Esel, -- bin hier so einfältig auf den
Leim gegangen! Meine Empörung kannte keine Grenzen; alles wurde mir mit
einem Schlage klar. Du, mein Freund, mußt es ja noch wissen, daß Paula,
nachdem sie vergeblich darnach getrachtet, durch ihr nicht unbedeutendes
Talent unter den deutschen Künstlern sich einen Mann zu erobern,
schließlich einen alten, sehr reichen Russen geheiratet haben soll. Und
jetzt muß das abscheuliche Weib mir solch' einen Streich aufspielen!
Wirklich schändlich -- empörend! Ist es nicht wahrhaft jammervoll, daß
mein reizendes, poetisches, alle zarten Empfindungen der Menschenbrust
versinnbildlichendes Fächerbild in solche Hände geraten! Dabei aber
tönen, als ob ein guter Geist sie gesprochen, Agnes' Worte sogleich in
mein Ohr: »O, mir hast Du noch niemals einen Fächer gemalt, Gilbert!«
Nein, ihr, diesem reinen, unschuldsvollen Kinde habe ich wirklich noch nie
eine derartige Freude gemacht, habe sie ja kaum beachtet, während ich drei
Monate meiner kostbaren Zeit nur an diese Kokette gedacht. Vor Wut zitternd
ballte ich heimlich die Faust nach den Damen in der ersten Sitzreihe
hin, drückte dann den Hut so tief wie möglich in die Stirn und verließ
eilends das Theater. Erst auf der Straße atmete ich ein wenig freier auf.
Da es kaum halb neun Uhr war, so fand ich unter den Linden noch einige
elegante Läden geöffnet. In dem ersten besten Galanterie-Bazar, wo ich
hineinstürme, verlange ich einen kostbaren, aber unbemalten Fächer.
»Schwarz?« fragt schüchtern die Verkäuferin mit ängstlichem Blicke
in mein erhitztes Angesicht. Sie mochte wohl gedacht haben, ich sei
angetrunken.
»Nein, rot -- feuerrot!« entgegnete ich diktatorisch und hielt schon
nach zwei Momenten ein wahrhaft entzückendes Exemplar in den Händen.
Die geforderten vierzig Mark erschienen mir eine Lappalie. Ich hätte
fünfhundert Mark gezahlt, wenn sie verlangt worden wären, ohne eine
Miene zu verziehen. Darauf warf ich mich in eine Droschke und ließ mich
schnurstracks nach Hause fahren. Totenstill -- öde und einsam dünkte mir
in diesem Momente mein sonst so behagliches Heim.
Der verwundert mich anstarrenden Dienerin befahl ich, im Atelier sofort
einige Lampen anzuzünden, während ich nur ganz beiläufig fragte,
ob irgend eine Nachricht von meiner Frau gekommen wäre. Die bejahende
Erwiderung bewies mir, daß man im Hause eben besser orientiert sei, als
ich, der Ehemann. Denn bald erfuhr ich aus dem Munde des Dienstmädchens,
Agnes gedächte schon in den nächsten Tagen zurückzukehren.
Deswegen mußte ich also fleißig sein, um das, was mir vorschwebte,
rechtzeitig zu vollenden.
Nun gute Nacht, Bruderherz! Vielleicht schreibe ich morgen oder übermorgen
weiter. Ich spüre nämlich in mir das Bedürfnis, einer fühlenden Seele
mich mitzuteilen. Gehab Dich wohl und gieb bald Nachricht