Gilbert.«

* * * * *

Berlin, 3. Mai 188.

»Bester Freund!

Hast Du zufällig jemals die Physiognomie eines Menschen beobachtet, der

in heiterster Stimmung und anregendster Unterhaltung begriffen, sich

niedersetzen will, den aber irgend eine Schicksalstücke des vermeintlich

hinter ihm stehenden Stuhles beraubt hat. Todesschreck, innere Wut,

lächerliche Hilflosigkeit, ja jammervolle Stupidität -- das alles prägt

sich stets in den Zügen solch' eines Beklagenswerten aus.

Mir ist gestern Abend Ähnliches passiert, das heißt: etwas passiert,

was mich veranlaßte, den Gesichtsausdruck eines dummen Jungen anzunehmen.

Nicht etwa, daß ich mit meinem ganzen physischen Körpergewicht auf die

Erde geplumpst wäre, nein, =amico=, moralisch habe ich einen Purzelbaum

gemacht, der wirksam genug sein könnte, selbst den überspanntesten

Phantasten und Idealisten in die rauhe Wirklichkeit zurückzuführen. Ich

knirsche -- ich tobe in machtlosem Grimme, dabei aber befällt mich auch

wieder ein wahrer Lachkrampf, wenn eine Stimme -- ich glaube, es ist

das bessere Ich in meiner Brust -- mir zuraunt: »Reingefallen, Gilbert,

gründlich reingefallen!«

Zurückgekehrt von einem Besuche bei Agnes, wo sie mir beim Abschiede,

als wir zufällig allein im Zimmer waren, mit holdem Erröten versicherte,

demnächst bald heimzukommen, finde ich endlich die langersehnte Antwort

aus Wiesbaden vor. Welch' ein Dank, welch' ein Brief! Doch zu meiner

Überraschung zeigt die Marke den Poststempel: Berlin. Frau v. Baranow

teilte mir als Postskriptum mit, sie sei im Kaiserhofe abgestiegen und

erwarte am nächsten Tage meinen Besuch. Wie damals auf dem Maskenballe

fühlte ich jenes aus Entzücken und Leidenschaft gemischte Gefühl meine

Adern durchrieseln. Bombenfest stand es in mir, die verführerische Frau

morgen aufzusuchen. Allein auf welche Weise sollte ich mir die

langen Stunden bis dahin verkürzen? Mit Eifer studierte ich den

Vergnügungsanzeiger Berlins und verfiel schließlich auf das »Deutsche

Theater«.

Gesagt -- gethan. Zwar war der Andrang an der Kasse desselben groß. Doch

bald hielt ich ein glücklich erobertes Parkett-Billet in den Händen:

Dritte Sitzreihe, Platz Nr. 35. Herrlich fürwahr! Ich bin ganz befriedigt

und befinde mich in äußerst animierter Stimmung. Da es übrigens noch

ziemlich früh war, so mache ich noch eine kleine Wanderung durch die

Straßen, weil ich es hasse, vor Beginn der Komödie meine ohnedies nicht

sehr guten Nerven durch das entsetzliche Bänkeklappen und Thürenwerfen in

unnötigen Aufruhr versetzen zu lassen. Als ich das Theater betrat, war der

Vorhang bereits aufgezogen und das Stück hatte begonnen. Meine Nr. 35 war

glücklicherweise ein Eckplatz.

Nachdem ich in größter Gemütsruhe das Opernglas blank geputzt, schaue

ich nach der Bühne. Da schlagen die Laute einer mich wie mit elektrischem

Schlage berührenden Stimme aus nächster Nähe an mein Ohr. Herr des

Himmels! Das konnte niemand anders -- das mußte Susanna -- Madame de

Baranow sein, die hier in dem so reinen, so fließend und melodisch

klingenden Französisch eben gesprochen! Gleich einem Achtzehnjährigen --

beinahe zum Zerspringen klopfte nun mein Herz, und ich lausche atemlos.

Wo -- wo war -- wo saß das entzückende Geschöpf, das allein schon durch

Organ und Grazie mich bestrickte? Sollte es mir jetzt -- von diesem still

verborgenen Platze aus -- vergönnt sein, das im Traume schon tausendmal

mir vor die Sinne gezauberte, holde Angesicht zu schauen? Welche Seligkeit,

die schöne Frau, ohne daß sie meine Gegenwart ahnte, beobachten zu

können! Soviel ich indes mein Gehör auch anstrenge, diese wohllautende

Stimme ließ sich nicht mehr vernehmen.

Prüfend, aber möglichst vorsichtig, überschaute ich die nächste

Umgebung, die größtenteils aus Herren und einigen schlichten

Matronen bestand. Nur links von mir -- in der ersten Reihe, sah ich die

wohlfrisierten Köpfe zweier eleganten Damen auftauchen. Sollte das ...?

Meine Brust wogte so heftig auf und nieder, daß ich, um mich nicht

bemerklich zu machen, oder aufzufallen, den Atem dämpfen mußte. O

Gott! Sollte sie es wirklich sein? Schien das nicht das nämliche goldige

Lockengeringel im Nacken zu sein, wie es mir viele Stunden lang auf jenem

Maskenballe vor Augen geschwebt? Damals freilich wurde das herrliche Blond

des Vorderhaares von der scheußlichen Maske neidisch verhüllt. Ja gewiß!

Diese und keine andere mußte =bella= Susanna sein!

Allein so viel ich mich auch drehte und wendete, von ihren Augen vermochte

ich nichts zu erspähen; immer blieben nur die nach aufwärts gekämmten

blonden Haarsträhne des Hinterhauptes sichtbar. -- Da -- noch während ich

dies niederschreibe -- lähmt ein krampfartiges Gefühl die Muskeln meiner

Rechten -- da taucht plötzlich in der Hand der blonden Dame ein Fächer --

ein ausgebreiteter Fächer auf. Mein Herzschlag stockt; denn mit glühenden

Blicken erspähe ich darauf -- das eigenhändig gemalte Bild! Sie ist's! So

juble ich vor stummem Entzücken und verkrieche mich förmlich hinter den

breiten Rücken eines behäbigen Berliner Rentiers, um recht ungestört

nach der Angebeteten hinüberschauen zu können. Einmal -- hoffte ich --

würde sie doch wohl den Kopf nach mir herumwenden. Ein unglücklicher

oder vielmehr glücklicher Zufall kam mir zur Hilfe. Noch war der erste

Akt nicht zu Ende gespielt, da ließ eine Dame in der zweiten Sitzreihe

ihr Opernglas mit ziemlichem Geräusch zur Erde fallen. Natürlich

wendeten sich sofort eine Anzahl höchst indignierter Gesichter nach der

Ruhestörerin um, =la bella= Susanna ebenfalls. Allmächtiger Gott! Sind

denn meine Augen getrübt, -- bin ich verrückt oder treibt der Satan

sein Spiel mit mir? Keuchend stößt mein Atem aus der Brust, so daß der

gemütliche Rentier neben mir wohl gedacht haben mochte, ein Mensch im

letzten Stadium der Lungenschwindsucht befinde sich in seiner Nähe.

Einerlei -- ja, was geht mich die ganze Welt an! Wie gelähmt starre ich in

das als engelhaft schön erträumte Antlitz von Madame de Baranow. Wut

und Abscheu krampfen mir das Herz zusammen. Das also ist die vermeintliche

Beauté, um deren Figur und Grazie selbst Juno vor Neid geborsten wäre?

O pfui! Welch' ein tückisches Spiel, welche Grausamkeit der Natur! Ein

pockennarbig gelbes Gesicht mit wulstigen Negerlippen, in welchem

eine niedrige Stirn und kleine geschlitzte Tartarenaugen den fatalen

Gesamteindruck noch erhöhen, zeigt sich meinen getrübten Blicken. Doch

wie ist mir denn! Plötzlich taucht in meinem wilderregten Geiste auch

eine Erinnerung auf. Diese widrigen Züge kenne ich ja; der cynisch-frivole

Ausdruck derselben war mir durchaus nicht fremd?

Heiliger Brahma! Gleich einem zündenden Funken fiel es in das Gedächtnis

Deines armen Freundes. Lieber Karl! Entsetze Dich nicht! Denn -- die

häßliche, uns allen von Rom her nur zu wohlbekannte Paula Uschakow war

es, welche schon damals gerade mich mit ihrer Affenliebe immer verfolgt und

gepeinigt hat. Und ich Narr, -- ich Esel, -- bin hier so einfältig auf den

Leim gegangen! Meine Empörung kannte keine Grenzen; alles wurde mir mit

einem Schlage klar. Du, mein Freund, mußt es ja noch wissen, daß Paula,

nachdem sie vergeblich darnach getrachtet, durch ihr nicht unbedeutendes

Talent unter den deutschen Künstlern sich einen Mann zu erobern,

schließlich einen alten, sehr reichen Russen geheiratet haben soll. Und

jetzt muß das abscheuliche Weib mir solch' einen Streich aufspielen!

Wirklich schändlich -- empörend! Ist es nicht wahrhaft jammervoll, daß

mein reizendes, poetisches, alle zarten Empfindungen der Menschenbrust

versinnbildlichendes Fächerbild in solche Hände geraten! Dabei aber

tönen, als ob ein guter Geist sie gesprochen, Agnes' Worte sogleich in

mein Ohr: »O, mir hast Du noch niemals einen Fächer gemalt, Gilbert!«

Nein, ihr, diesem reinen, unschuldsvollen Kinde habe ich wirklich noch nie

eine derartige Freude gemacht, habe sie ja kaum beachtet, während ich drei

Monate meiner kostbaren Zeit nur an diese Kokette gedacht. Vor Wut zitternd

ballte ich heimlich die Faust nach den Damen in der ersten Sitzreihe

hin, drückte dann den Hut so tief wie möglich in die Stirn und verließ

eilends das Theater. Erst auf der Straße atmete ich ein wenig freier auf.

Da es kaum halb neun Uhr war, so fand ich unter den Linden noch einige

elegante Läden geöffnet. In dem ersten besten Galanterie-Bazar, wo ich

hineinstürme, verlange ich einen kostbaren, aber unbemalten Fächer.

»Schwarz?« fragt schüchtern die Verkäuferin mit ängstlichem Blicke

in mein erhitztes Angesicht. Sie mochte wohl gedacht haben, ich sei

angetrunken.

»Nein, rot -- feuerrot!« entgegnete ich diktatorisch und hielt schon

nach zwei Momenten ein wahrhaft entzückendes Exemplar in den Händen.

Die geforderten vierzig Mark erschienen mir eine Lappalie. Ich hätte

fünfhundert Mark gezahlt, wenn sie verlangt worden wären, ohne eine

Miene zu verziehen. Darauf warf ich mich in eine Droschke und ließ mich

schnurstracks nach Hause fahren. Totenstill -- öde und einsam dünkte mir

in diesem Momente mein sonst so behagliches Heim.

Der verwundert mich anstarrenden Dienerin befahl ich, im Atelier sofort

einige Lampen anzuzünden, während ich nur ganz beiläufig fragte,

ob irgend eine Nachricht von meiner Frau gekommen wäre. Die bejahende

Erwiderung bewies mir, daß man im Hause eben besser orientiert sei, als

ich, der Ehemann. Denn bald erfuhr ich aus dem Munde des Dienstmädchens,

Agnes gedächte schon in den nächsten Tagen zurückzukehren.

Deswegen mußte ich also fleißig sein, um das, was mir vorschwebte,

rechtzeitig zu vollenden.

Nun gute Nacht, Bruderherz! Vielleicht schreibe ich morgen oder übermorgen

weiter. Ich spüre nämlich in mir das Bedürfnis, einer fühlenden Seele

mich mitzuteilen. Gehab Dich wohl und gieb bald Nachricht

Lose Blätter: Neue Novellen · 第 11 / 19 题