Dein Gilbert!«

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Berlin, den 26. März 18..

»Lieber Karl!

Ich bin allein in meiner stillen Bude. Agnes sah in letzter Zeit miserabel

aus und ist recht erholungsbedürftig, so daß ihre besorgte Mama, meine

verehrte Frau Schwiegermutter, für einige Wochen das Töchterlein zu sich

genommen hat, um ihr alle erdenkliche Pflege und Schonung angedeihen zu

lassen, deren sie im eigenen Heim entbehrt. Liegt doch das Haus ihres

Vaters im schönsten, gesundesten Teile Berlins, wo die herrliche laue

Frühlingsluft, die dort vom Tiergarten herüberweht, die Wangen des

blassen Kindes hoffentlich bald wieder runden und rosig färben wird.

Über die letzte Zeit habe ich wenig Interessantes, noch Erfreuliches zu

berichten. Ich meine, daß ich seit Wochen schauerlich schlechter Laune

und höchst ungemütlich gewesen bin. Manchmal befielen mich wahrhafte

Wutparoxismen, so daß ich am liebsten jede lästige Fessel gesprengt

hätte und hingeeilt wäre zu derjenigen, die unausgesetzt all' mein

Denken gefangen hielt -- hin zu Madame de Baranow nach Wiesbaden. Dann

aber versank ich auch wieder in eine stumpfsinnige Apathie, welche mir

das Dasein fast ekelhaft fade erscheinen ließ. Glücklicherweise ist der

bedeutungsvolle Fächer noch vor dieser Trübsinnsperiode vollendet worden

und befindet sich jetzt schon in den Händen von =bella= Susanna. Was ich

darauf gezaubert?

Ich glaube wirklich, der Genius der Malerei hat mir dabei die Hand geführt

und Amor die Palette gehalten. Seit jenem Abende fragte Agnes allerdings

nicht mehr nach dem Fächer; doch weil ich so unvorsichtig gewesen, ihn

einmal unverschlossen liegen zu lassen, hatten ihre Kinderaugen ihn dennoch

erblickt.

Mehreremale in jeder Woche besuche ich das Haus der Schwiegereltern, um

mich pflichtschuldigst nach dem Befinden meiner Gemahlin zu erkundigen,

welche wieder sanft und freundlich zu mir ist, aber auffallend traurig.

Der Herr Papa dagegen betrachtet mich öfters mit seltsam herausfordernden

Blicken, während die Frau Mama mir stets so offen ihre Ungnade zeigt, daß

sie mit mir überhaupt nicht mehr spricht. =Amico Carolo!= Es will mich

bedünken, es steigen düstere Wolken über meinem unseligen Haupte auf.

Zuweilen sogar regen sich im Busen leise Anwandlungen von Reue, und

ich sage mir dann ganz ehrlich, daß ich doch ein recht ungemütliches,

trübseliges Leben führe, welches anders -- besser sein könnte, wenn ich

-- ja, was denn eigentlich? Ich glaube, der Fächer hat mich verhext -- ich

bin ein Narr! Adieu!

Lose Blätter: Neue Novellen · 第 10 / 19 题