Anthony Clark vermochte in der darauffolgenden Nacht gar keine Ruhe zu
finden. Immer und immer stand das hochherzige Mädchen mit den ernsten,
charaktervollen Zügen und den wunderbar schönen Augen vor seinem
fieberhaft erregten Geist. Und als gegen Morgen der Schlaf sich endlich
auf seine Lider herabsenkte, war es ihm, wie wenn ihr holdes Angesicht, von
einer leuchtenden Strahlenkrone umgeben, sich über ihn niederbeugte und
die melodische Stimme in sein Ohr flüsterte: »Was man Schwerstes je
empfunden, Liebe hat es überwunden!« -- -- --
Ganz seltsam unsicher und befangen hatte Miß Northland am andern Morgen
das Clarksche Haus betreten und war viel eiliger als sonst durch die weite
Halle der unteren Etage die Treppe hinauf nach dem für ihre Obliegenheiten
bestimmten Zimmer geschlüpft. Dort angekommen atmete sie förmlich
erleichtert auf, daß ihr niemand begegnet war, weil sie sich nach ihrer
Idee in einer krankhaft erregten Gemütsstimmung befand. Zu ihrer Schande
mußte sie auch selbst die Wahrnehmung machen, daß ihr die zu verrichtende
Arbeit zum erstenmale drückend und peinlich erschien. Wenn Mr. Clark nur
nicht etwa wieder bei ihr eintreten und ein Gespräch mit ihr anknüpfen
wollte, dachte das junge Mädchen hochklopfenden Herzens -- heute würde
sie ihm nicht mehr so unbefangen in die klugen Augen blicken und nicht mehr
so präcise antworten können! Warum aber fürchtete sie sich davor? Über
dieses Warum indessen vermochte sich Grace nicht klar zu werden und schob
es auf »ihre krankhaft erregte Gemütsstimmung!« --
Bei ihrem Eintritt in den gewohnten Arbeitsraum stand alles wie sonst am
bekannten Platze. Sie zog flink Schürze, Schutzärmel und Handschuhe aus
der mitgebrachten Tasche hervor und war eben im Begriff, an die Arbeit zu
gehen -- da gewahrte sie, dicht neben den Lampen liegend, eine prachtvolle
Marschall-Niel-Rose. Was bedeutet das? Beim Anblick der Blüte war Grace
dunkle Glut ins Gesicht geschossen und eine tiefe Zornesfalte legte sich
über die weiße Stirn. Empörend! Das mußte der unverschämte Nigger, der
Butler des Hauses gethan haben, welcher ihr beim Kommen und Gehen stets den
Mantel an- und ausziehen half und sie dabei immer so keck anstierte oder
seine wulstigen Lippen zu süßlichem Grinsen verzog. Empörend war das!
Mit dem Zeigefinger der linken Hand schob sie die zartgelbe Blüte an das
entgegengesetzte Ende des großen Tisches; allein eben so schnell ergriff
sie dieselbe wieder, sie mit fast wildem Ungestüm an die Brust pressend.
Allmächtiger Gott, wäre es denkbar, konnte es möglich sein, daß er --
Anthony Clark, dessen Bild sich in ihrer jungen Brust gar fest eingelebt
hatte, dessen milde, zum Herzen dringende Stimme ihr noch jetzt durch das
Gemüt klang, daß er jene Blume hier auf diesen Tisch gelegt? Ein Zittern
überfiel die hohe Mädchengestalt -- und wenn er es wirklich gethan,
mußte sie es dann nicht eher als Demütigung und Beleidigung ansehen, die
er, der reiche, hochgestellte Mann dem armen, schutzlosen Mädchen damit
angethan? Durfte sie die Blüte, ohne erröten zu müssen, auch wirklich
annehmen? Was würde die Mutter dazu sagen? O gewiß, Anthony Clark war
eines unedlen Gedankens nie fähig, das war ja sonnenklar! Mit fliegenden
Händen, gewiß das erste Mal weniger gewissenhaft als sonst, verrichtete
Grace Northland an diesem verhängnisvollen Morgen ihre Arbeit. Mrs. Clark
sei ausgegangen, bedeutete sie der aufwartende Butler, als sie sich zur
Dame des Hauses, wie alltäglich, begeben wollte. Wie Grace bei dieser
Auskunft voll Beruhigung wahrnahm, verrieten die Züge des Schwarzen heute
nur steife Würde und stumme Ehrerbietung. Gott sei Dank, endlich konnte
sie dem sie heute so eigentümlich beengenden Hause den Rücken wenden,
flink eilte das junge Mädchen in die anderen Häuser, in welchen sie die
nämliche Beschäftigung zu verrichten hatte, und wenige Stunden später
lief Grace Northland bereits leichtfüßig die Treppenstufen zu dem
traulichen Häuschen Nr. 9 auf Dolly Ward hinan.
Hätte sie während des Weges nur ein einziges Mal nach rückwärts
geschaut, dann würde sie wohl sicher nicht mehr im Zweifel über den Geber
jener Rose gewesen sein.
* * * * *
Es war ein zauberisch schöner Juliabend. Gleich Diamanten strahlten die
Sterne am Himmel und wer nie eine amerikanische Sommernacht durchlebte, der
hätte denken können, ein Teil der Gestirne wäre zur Erde herabgefallen,
so glitzerten und funkelten die zahlreichen =glow worms= (Leuchtkäfer)
allenthalben im tauigen Grase und duftigen Gesträuch. In traulicher
Eintracht saßen Mutter und Tochter auf der kleinen Veranda, während
Polly, eine junge Negerin, welche Grace, seitdem sie so guten Verdienst
erzielte, zum Beistand der Mutter ins Hauswesen genommen, geräuschlos hin
und her glitt und den Theetisch abräumte.
»Du bist heute so still, mein Kind, was ist Dir? Zuweilen scheint es mir,
als ob Deine Gedanken ganz wo anders weilten, als zu Hause!« fragte Mrs.
Northland, nachdem sie schon einigemal nach der prächtigen Rose geschaut,
die an des jungen Mädchens Busen prangte.
»Ich denke darüber nach, daß wir doch jetzt sehr glücklich sein
können, Ma,« entgegnete die Angeredete mit halb abgewandtem Gesicht.
»Du, mein Engelskind! Wie sorgst und plagst Du Dich für mich -- das
zu vergelten, vermag nur Gott,« flüsterte die ältere Dame in tiefer
Bewegung.
»Ich ernte ja auch reiche Früchte. Die Mühe ist so gering, in
anbetracht, daß ich Deine Stirn wieder ohne Sorgenfalten erblicke,«
lautete die heitere Erwiderung.
»Du wolltest mir ja längst einmal etwas über die verschiedenen Häuser
erzählen, in denen Du ein- und ausgehst, Grace. Ich hoffe, man begegnet
Dir mit Achtung?«
»Sei außer Sorge, Mama. Noch niemals habe ich die geringste
Zurücksetzung erfahren. Vor allen ist es --« (Grace zögerte ein wenig)
»ist es Mrs. Clark, die stets in sehr liebreicher Weise zu mir spricht.«
»Mrs. Clark, eine noch junge Frau?«
»Etwa in Deinem Alter. Sie ist eine große volle Blondine, mit selten
schönen, blauen Augen und -- --«
»Und einem kleinen, roten Male an der Oberlippe?« fiel Mrs. Northland der
Tochter hastig ins Wort.
»Ja, gewiß. Woher kennst Du denn diese Dame?«
Die Mutter war jetzt in ihren Stuhl zurückgesunken und atmete tief und
schwer.
»O Grace, welche Entdeckung! Warum auch mußtest Du gerade in dieses Haus
geraten? Gerade sie ist die Frau, um deretwillen Dein armer Vater einen
Treubruch beging, indem er mich ihr, dem reichen Mädchen, mit welchem er
bereits verlobt war, vorzog. Einst waren wir uns beide in beinahe mehr als
schwesterlicher Liebe zugethan, lange Jahre hindurch; dann aber hat sie mir
die Thür gewiesen, sich gänzlich von mir losgesagt -- mich verflucht!
Ein Unsegen ruhte seitdem auf dem Bunde zwischen Deinem Vater und mir. Dein
Vater verlor sein ganzes Hab und Gut und ist im kräftigsten Mannesalter
dahingerafft worden. Annie, meine frühere Freundin, wurde die zweite Frau
des reichen Handelsherrn Mr. Albert Clark, wie ihr Vater es wünschte, und
nun lebt sie im Überfluß in New York. So viel ich weiß, besaß Clark
auch einen Sohn aus erster Ehe; Annie hatte keine Kinder!«
Längst war das junge Mädchen von ihrem Sitze aufgesprungen, war
niedergekniet und lauschte, die verschlungenen Hände im Schoße der
Mutter, atemlos deren Worten. »Grace,« fuhr dieselbe nach kurzer Pause
fort, »in diesem Hause darfst Du Deinen Namen niemals nennen, hörst Du,
Grace?«
Es erfolgte keine Antwort. Dafür aber gewahrte Mrs. Northland, ungeachtet
der zunehmenden Dunkelheit, wie ein Herr und eine Dame sich langsam
dem Hause Nr. 9 genähert hatten und nun leise zögernd die Stufen der
hölzernen Treppe emporstiegen.
Durch die Glasthür der Veranda fiel ein heller Lichtstrahl direkt auf das
blasse Gesicht einer stattlichen, noch immer schönen Frau.
»Annie! Barmherziger Gott!«
»Mary!«
Wie durch einen Federdruck in die Höhe geschnellt, fuhr nun auch des
jungen Mädchens Kopf aus dem Schoß der Mutter empor. Allein, Grace sah
nicht, daß diese der eleganten Dame in die Arme sank, nicht, daß jene das
vergrämte Gesicht der Wiedergefundenen mit heißen Küssen bedeckte --
sie sah nur ihn -- Anthony Clark und seine herzlich und liebevoll auf sie
blickenden Augen.
»Annie, Du kommst zu mir? Bringst Du mir Vergebung -- bringst Du Deine so
schmerzlich vermißte Liebe mir zurück?« klang es schluchzend aus Mrs.
Northlands Munde.
»Alles, alles, Mary. Aber ich bringe Dir noch mehr: Siehe hier, das ist
Anthony Clark, der mir zu jeder Zeit ein lieber Sohn gewesen. Er hat eine
Bitte an Dich zu richten, die so groß und bedeutungsschwer ist, daß es
meiner Fürsprache bei Dir bedarf!«
Der Genannte war rasch näher getreten und verneigte sich tief vor der
überraschten Frau.
»Eine Bitte an mich?« stammelte Mrs. Northland, während sie in fast
scheuer Verwunderung von dem eleganten, hübschen Manne zu ihrer
Tochter hinübersah. Was war denn hier geschehen? -- Das purpurglühende
Gesichtchen mit den Händen bedeckend, lehnte das junge Mädchen an einem
Sessel.
Obwohl in leidenschaftlicher Erregung, aber doch in festem Tone, sagte nun
Mr. Anthony: »Ich habe einmal die Äußerung gethan, daß es, seit Sie,
Grace Northland, die Schwelle unseres Hauses überschritten, Licht darin
geworden ist. Allein damals wagte ich nicht, hinzuzusetzen, daß dieses
Licht mit einer Kraft und Macht, die höheren Ursprung zeigten, auch mir
ins Herz hineingedrungen ist! Wie ein Geblendeter bin ich seit
Wochen umhergegangen -- geblendet und beschämt über die eigentliche
Erbärmlichkeit des sonst so hochgeschätzten eigenen Wertes. Erst Sie, nur
Sie, Miß Northland, haben mich gelehrt, daß es noch Höheres giebt als
das, was mir bis dahin als allein edel und erhaben vorgeschwebt. Wenn ich
mir bisher einbildete, ein guter Mensch zu sein, so erkannte ich mich jetzt
als einen egoistischen, jämmerlichen Wicht, dessen ganzes Verdienst darin
bestanden hatte, die Annehmlichkeiten des Lebens mit Behagen zu genießen.
-- Heute, als die verhängnisvolle Rose auf Ihrem Platze lag, war ich so
anmaßend, durch eine Thürspalte zu Ihnen hinüber zu sehen. Ich gewahrte
Ihren Kampf, gewahrte aber auch, wie mein stummes Liebeszeichen mit
Ungestüm ans Herz gepreßt wurde. Grace Northland! Diese Brust erfüllt
nunmehr ein einziger, seliger, heißer Wunsch -- eine Bitte -- --«
»Anthony!« Ein fassungsloser Jubelruf unterbrach den Sprecher; Graces
Arme waren jetzt schlaff herabgesunken und wie in einer Verklärung starrte
sie ihn an.
»Grace, mein hochherziges, mutiges Mädchen, ich will noch nichts anderes
wissen, als ob Sie meine tiefe innige Liebe einst werden erwidern können.
Das weitere überlassen wir der Zeit und diesen da ...«
Damit deutete er auf die beiden älteren Damen, welche Hand in Hand
nebeneinander standen und mit seligen Blicken an der reizenden Befangenheit
des holden jungen Mädchens sich weideten.
Jedenfalls mußte die Antwort auf jene inhaltsschwere Frage wohl zur
allseitigen Zufriedenheit ausgefallen sein, denn bald darauf saßen vier
glückliche Menschen in dem kleinen, gemütlichen Salon, wo Erinnerungen
ausgetauscht und neue Zukunftspläne geschmiedet wurden. Als Anthony Clark,
über das Geländer der Veranda gebeugt, indessen die Stiefmutter
lächelnd vorausgegangen war, noch ein letztes Lebewohl, einen warmen
Kuß austauschte mit seiner schönen Braut, war es bereits dunkle Nacht
geworden.
* * * * *
Selbstverständlich brachte nun die nächste Zeit den guten Leuten von
Dolly Ward wieder viel Stoff zum Reden. Mr. O'Reilly jedoch ging womöglich
noch etwas einsilbiger als sonst umher. So lange schon hatte er sich, nach
einem schweren Kampf mit seiner ursprünglichen Absicht einer Geldheirat,
bereit gemacht, der schönen Tochter seiner Nachbarin von Nr. 9 einen
ernsten Antrag zu machen, aber es hatte ihm stets an dem nötigen Mut
gefehlt, und nun mußte ihn das glückstrahlende Gesicht des jungen
Mädchens, als es wenige Tage später an Anthony Clarks Arme an der
Behausung des Advokaten vorüberging, hinlänglich darüber aufklären,
daß seine erträumten Aussichten auf Erfüllung seiner stillen
Herzenswünsche nur sehr kümmerlich beschaffen gewesen seien, und das
schien ihm ziemlich nahe zu gehen, denn bei einem gelegentlichen Besuche
in der Nr. 9 ließ der junge Irländer die Bemerkung fallen, daß er
demnächst »aus Geschäftsrücksichten« nach Brooklyn übersiedeln werde.
Noch vor seiner Vermählung mit Grace hat Anthony Clark ganz heimlich das
Häuschen Nr. 9 auf Dolly Ward käuflich erworben, um es seiner holden
Braut als Morgengabe zu schenken. Mrs. Northland ist fortan die Gebieterin
desselben, und für die schwergeprüfte Frau ist es stets ein Festtag,
wenn das glückliche junge Paar dem Geräusch und Getriebe der Riesenstadt
einmal entflieht, um ein paar ruhige, selige Stunden zu verleben in der
poetischen Einsamkeit von Dolly Ward.
Fächer-Bilder.
Berlin, 14. Januar 18..
»=Caro amico!=
Warum ich so lange nicht geschrieben, willst Du wissen? Nun, das ist
eigentlich keine so leichte Sache, Dir zu erklären. Fürs erste begnüge
Dich damit, daß ich mich langweile -- zum Sterben langweile und Dein
heiteres Künstlergemüt -- Dich, Du Glücklicher, der Du unter Italiens
Sonne der abgeschmackten Wintergenüsse unserer Reichshauptstadt kaum mehr
gedenkst, nicht mit Stoßseufzern und Lamentationen inkommodieren wollte,
die Dir doch vielleicht nur ein mitleidiges Lächeln entlockt haben
würden!
»Aber Mensch, bist Du verrückt geworden!« höre ich in Gedanken Deine
Stimme rufen: »Bist verheiratet seit sechs Monaten, hast eine charmante
Frau, ein Heim, eine Stellung unter den Künstlern, um die Dich die Götter
beneiden könnten, und sprichst von Langweile?!« Zugegeben -- alles
zugegeben, alter Freund! Aber ich kann Dir einmal nicht helfen. Gerade
das Geregelte meines jetzigen Daseins widert mich an. Es erscheint mir zu
philisterhaft, zu sittsam, zu hausbacken, keine Spur von Abwechslung --
von prickelnden Reizen liegt darin. Wo bist Du hin, Du goldige
Junggesellenzeit! Nimm den freien Waldvogel, stecke ihn unbarmherzig in
einen Paradekäfig und schau zu, was er für eine Miene macht! So ungefähr
kannst Du Dir denken, wie mir, den Du früher zur Genüge gekannt, nun zu
Mute ist. O heiliger Brahma! Es war eine große Dummheit, mir jetzt schon
die Flügel zu stutzen und mich ins Joch zu spannen. Die Galle läuft
mir zuweilen über, wenn ich an die verschiedenen Tanten, Onkels -- und
Schwiegermütter denke, welche mir diese Heirat so plausibel dargestellt
und es fertig gebracht haben, aus einem von Übermut und Lebensgenuß
beseelten Taugenichts einen soliden Ehemann zu machen! -- Solide?? Das
doppelte Fragezeichen steht nicht ohne Bedeutung da. Arme kleine Frau!
Ich glaube, sie hat von uns beiden wohl doch noch die schlechtere Nummer
gezogen, obgleich ich bisweilen moralischen Katzenjammer bekomme und in
bitterer Reue diesem noch so kindlichen Geschöpfe, was sich mein Weib
nennt, alle begangenen Sünden abbitten möchte. Wer aber verlangt auch,
daß ein Maler, ein Künstler von Ruf, wie ich ohne Überhebung es mir
zu sein schmeichle, der überdies in Berlin lebt, Grundsätze und
Selbstverleugnung des heiligen Antonius besitzen soll! Wer das verlangt,
der ist ein Narr! Ich habe Agnes geheiratet, erstens: weil meine und ihre
Familie es wünschten; zweitens: weil sie ein leidlich hübsches, sanftes
Geschöpf ist, die sogar einer Ameise aus dem Wege geht, um sie nicht zu
zertreten, wie viel weniger dem eigenen Gatten unfreundlich begegnen
oder ihm gar widersprechen würde. Darum habe ich sie zu meiner Gemahlin
gemacht, nicht aber, weil --, wie Du es zu glauben scheinst -- sie es
verstanden hätte, mein launisches Herz in Fesseln zu schlagen, noch
weil sie überhaupt qualifiziert wäre, einen Mann -- noch dazu einen
verwöhnten Mann -- zu begeistern und hinzureißen. In unserer Art führen
wir ja auch eine ganz glückliche Ehe. Sie ist eine wohlhabende Frau,
ich derjenige, der um sein Brot schaffen muß. Daher habe ich es mir
selbstverständlich auch zur Pflicht gemacht, jeden ihrer Wünsche zu
erfüllen und ihr stets aufs Rücksichtsvollste zu begegnen. Nebenbei
glaube ich wirklich, daß sie einiges Vertrauen zu mir hat und mir
aufrichtig zugethan ist. Dankbar zeigt sie sich wenigstens für jedes
freundliche Wort aus meinem Munde, wenn auch mein übriges Thun und Lassen
-- außer unsern vier Pfählen -- sie wenig oder gar nicht zu interessieren
scheint. Von Eifersucht habe ich vorläufig noch nicht das Mindeste
bemerkt. Manchmal sogar könnte mich der sonst sehr anerkennenswerte
Mangel dieser Untugend an meiner jungen Frau beinahe ungeduldig machen. Wir
führen somit ein ganz modernes, großstädtisch angehauchtes Eheleben.
Agnes lebt ziemlich häuslich, verkehrt nur im kleinen Verwandten- und
Bekanntenkreise. Ich hingegen tummle mich in der großen Welt umher, wozu
ein Künstler von Beruf verpflichtet ist, wenn er seinen Geist anfeuern
will. Trotzdem aber entgehe ich bei solchem Dasein der Langweile nicht.
Das ewige Haschen nach pikanten Abenteuern und reizvoller Abwechslung wird
schließlich fade; oft fehlt dabei der wahre Humor, oft aber auch jedwede
Poesie! Pah! So ist einmal der Mensch. Er erwartet immer, daß Fortuna ihm
einmal etwas ganz Apartes in den Schoß werfen soll! Das einzige, was mich
wahrhaft befriedigt, ist und bleibt immer die Kunst. Diese edle Dame ist
es auch, die mich zuweilen recht energisch bei den Ohren zieht mit der
Mahnung: »Nun ist's genug, Freund Gilbert, mit dem Vergnügen! An die
Arbeit mit Dir!« Und dieser Mahnung habe ich mich bisher noch immer willig
gefügt. Halte mir aber in Deinem Antwortschreiben um Himmelswillen
nicht etwa eine Moralpredigt, =amico Carolo=, um mich mit diplomatischen
Redensarten auf den schmalen Pfad der Tugend hinüberzulocken! An mir ist
nun einmal Hopfen und Malz verloren, und muß ich fürs Leben verbraucht
werden, wie ich eben bin. Wenn Dir übrigens etwas daran liegt, so will
ich Dir von Zeit zu Zeit eine gedrängte Übersicht meiner hiesigen
Lebensweise, oder richtiger gesagt: ein Sündenregister zukommen lassen.
Vor Dir kennt mein Herz keine Geheimnisse. Und nun Addio bis zum nächsten
Male.