Amerikanische Existenzen 133

Licht.

Weit draußen am äußersten Ende von Williamsbourgk, einem Stadtteile

Brooklyns, dort, wo die Straßen- und Häuserreihen bereits durch

ausgedehnte Wiesenflächen und üppige Obstplantagen unterbrochen werden,

so daß die Bezeichnung »Stadt« daselbst eigentlich nicht mehr zutreffend

erscheint, weil die Gegend schon allmählich den Charakter des Ländlichen

annimmt -- dort steht eine Reihe allerliebster, hüttenartiger Häuschen,

deren Gesamtheit, wegen der Zierlichkeit und Gleichheit der Gebäude,

im Volksmunde »Dolly Ward (Puppenfestung)« benannt wird. Diese

Miniaturvillen, eine aufs Haar genau so wie die andere, mußten

unzweifelhaft aus der Hand desselben Baukünstlers hervorgegangen sein, der

sie, wohl mehr um einer flüchtigen Laune zu genügen, als um praktische

Behausungen zu schaffen, aus der Erde hervorgezaubert haben mochte.

Jedes der Häuschen war mit einem niedlichen Vorgärtchen, einer Art

Veranda, worauf die Hausthür mündete, und einer grün angestrichenen,

hölzernen Treppe versehen, deren Geländer ein fast elegant zu nennendes

Schnitzwerk auswies. Das Innere einer solchen Villa bestand aus nur

zwei größeren Zimmern im ersten Stock, sogenannten Parlours, drei

Mansardenstübchen und der großen hellen Küche im Basement (Souterrain).

Merkwürdigerweise stand nur äußerst selten ein Häuschen der Dolly Ward

zu vermieten. Die meisten derselben befanden sich schon seit vielen Jahren

in festen Händen, was ihr Äußeres auch fast durchweg verriet. Die

Gärtchen zeigten sich auf das sorgsamste gepflegt, ihre schmalen Gänge

waren mit rotem Kies bestreut, während verschiedenes feines Strauchwerk

die etwas primitiven Staketenzäune, welche die Grundstücke von der

Verkehrsstraße trennten, verdeckte und dadurch eine Art hübsche lebende

Hecke bildete. Rosen und andere duftende Blumen erfreuten im Sommer

das Auge der Vorübergehenden, und die stets blitzblank geputzten

Fensterscheiben und sauberen Gardinen vollendeten den guten Eindruck, den

diese Villen auf den Fremden ausübten.

Die Bewohner von Dolly Ward, zum Teil bejahrte Leute, welche sich nun ins

Privatleben zurückgezogen hatten, zum Teil Angestellte großer Geschäfte

von Brooklyn und New York, welche ihrer Familie wegen die bei weitem

billigeren und gesünderen Wohnungen hier draußen dem Geräusch und

dem Staube der Großstadt vorgezogen, und einige alte Fräuleins, welche

Pensionäre hatten, bildeten eine förmliche feste Clique, so daß auf

Dolly Ward jeder neue Ankömmling anfänglich allseitigem Mißtrauen

begegnete.

Im Anfang des Frühlings 188. war Mr. Holstein, der deutsche Eigentümer

des Häuschens Nr. 9, plötzlich gestorben und bald darauf hatte seine

Witwe den guten Bekannten von rechts und links Lebewohl gesagt, weil sie

ihren Aufenthalt fortan nach Jersey City zu einer verheirateten Tochter zu

verlegen gedachte. Mr. O'Reilly, der Nachbar zur Rechten, welchem die alte

Dame vor ihrem Scheiden die vorteilhafte Vermietung ihres Besitztums noch

recht eindringlich ans Herz gelegt hatte, hing eigenhändig die weiße

Tafel zum Fenster hinaus, auf welcher mit großen Lettern zu lesen stand:

»=to let=.«

Etwa vier Wochen lang zerbrach man sich in Dolly Ward die Köpfe, wer wohl

seinen Weg hier heraus nach dem entlegenen Teile von Williamsbourgk nehmen

würde, denn die guten Leute der kleinen Villenkolonie waren äußerst

exklusiv und fürchteten begreiflicherweise das Niederlassen des ersten

besten Rowdy in ihrer friedlichen Ansiedelung. Da verkündete Mr. O'Reilly

eines Morgens einer wißbegierigen Dame, daß des seligen Holsteins

Häuschen vermietet worden sei und die neuen Bewohner, in Gestalt von

Mutter und Tochter demnächst schon eintreffen würden. Das gab natürlich

viel zu reden. Allein auf alle an ihn gerichteten Fragen vermochte Mr.

O'Reilly keine weitere Auskunft zu geben, als daß beide Damen respektabel

aussähen und gebildet schienen.

Vier Tage später war die kleine Villa von den neuen Bewohnern bezogen.

»Wer mag das wohl sein? Weshalb kommen Leute, die solch eine Masse von

eleganten Möbeln mit sich führen, hier heraus? Die Geschichte gefällt

uns nicht -- das hat sicher noch einen Haken!« So flüsterte man sich

gegenseitig zu nach dem Eintreffen von Mrs. Northland und ihrer schönen

Tochter auf Dolly Ward. Nachdem jedoch zwei und drei Monate ins Land

gegangen und die beiden Damen trotz ihrer großen Zurückhaltung bekannter

geworden waren, fing man an, sie gerade um ihrer Zurückhaltung und

vornehmen Würde willen mit anderen Augen anzusehen, und nun sagten die

Nachbarn von rechts und links unter sich: »Feine Leute sind es offenbar,

das bezeugt ihr ganzes Auftreten, allein -- wovon leben sie?«

Nach amerikanischen Begriffen hat das Wort »Arbeit« die höchste

und ehrendste Bedeutung und nur der gilt als angesehen, welcher auf

irgendwelche ehrliche Weise durch eigene Arbeit sein Brot erwirbt. Die

reichen Leute arbeiten aus angeborener und anerzogener Lust zum Schaffen,

die Unbemittelten, um reich zu werden -- Müßiggang giebt es in den

Vereinigten Staaten nicht und wer sich ihm hingiebt, hat Mißtrauen zu

fürchten über die Art, durch die er sich seinen Lebensunterhalt erwirbt.

Da nun Mrs. Northland und ihre Tochter, außer einer gelegentlichen Fahrt

nach New York, keine besondere Beschäftigung zu haben schienen, so war das

selbstverständlich auch ein Grund, sich über die seltsame Lebensweise

der beiden Damen aufzuhalten. Dessenungeachtet hatten die Fremden es

verstanden, sich bald die Achtung und Teilnahme der Bewohner von Dolly Ward

zu erwerben. Wer auch hätte dem freundlich sanften Wesen der Mutter, wer

dem bezaubernden Augenaufschlag der Tochter zu widerstehen vermocht? So

schroff und absprechend auch anfangs über die beiden Frauen geurteilt

worden war, jetzt bemühte sich jeder, ihnen Gefälligkeiten zu erweisen,

wenn auch ein näherer Verkehr nicht in den Wünschen der Damen zu liegen

schien.

Außer Mr. O'Reilly, dem jungen Advokaten, welcher in Goldsmiths Office

in Brooklyn arbeitete und hier bei der alten Miß Colnay Pensionär war,

außer diesem hatte noch keiner der Bewohner von Dolly Ward Mrs. Northlands

Schwelle überschritten, und auch sein Verkehr mit den beiden Damen

beschränkte sich nur auf einige geschäftliche Besuche, die O'Reilly

der neuen Mieterin als Verwalter des Holsteinschen Grundstücks zu machen

hatte. Es schien auch durchaus nicht in deren Absicht zu liegen, mit

irgend jemand näher bekannt zu werden. Bei Begegnungen grüßte man

untereinander, sprach gelegentlich einige Worte über den Gartenzaun, das

war alles.

Im allgemeinen galt Mr. O'Reilly als wortkarger Mann; seit er jedoch die

Bekanntschaft der Fremden gemacht, gab es dennoch einen Punkt, der seinen

Mund überfließen machte: das war, wenn er von Mrs. Northland und deren

Tochter sprach und in Lob und offener Bewunderung über beide sich erging.

Durch ihn wußte es auch bald jedermann in Dolly Ward, daß diese Damen

eine ganz ungewöhnliche Bildung, sowie die feinsten Umgangsformen

besäßen und daß, obwohl Miß Grace Northland alltäglich mit einem

Körbchen am Arm die Einkäufe bei Fleischer und Kaufmann selbst machte,

die jetzige Einrichtung von Nr. 9 derjenigen einer Lady der V. Avenue von

New York gleichgestellt werden konnte.

An einem regnerischen Junitage, um die sechste Abendstunde, trat Miß

Grace, eine schlank gewachsene Brünette, mit kühn geschwungenen

Augenbrauen und herbgeschlossenem, ausdrucksvollem Munde, dessen Linien

sowohl starke Willenskraft wie auch Unerschrockenheit bekundeten, nach

einem Ausgange durch die Verandathür in das vordere der beiden Parlours

und schaute sich sichtlich befremdet darin um: »M'ma! Mama!«

Keine Antwort erfolgte -- das junge Mädchen stellte daher den Regenschirm

rasch beiseite und eilte nach dem zweiten, nach der Rückseite des

Häuschens gelegenen, kleinen Salon, welcher von dem ersten nur durch eine

schwere, moosgrüne Portiere getrennt war.

»M'a!«

Auch hier zeigte sich niemand. Und doch wußte Grace, daß die Mutter Tag

für Tag an dem nach der Straße gelegenen Fenster saß und die Tochter,

wenn sie von ihren kurzen Ausgängen heimkehrte, regelmäßig an diesem

Plätzchen erwartete. So lange man auf Dolly Ward wohnte, war dies

geschehen und heute nun zum erstenmale vermißte sie die teure Gestalt an

dem gewohnten Platze.

Ein banges Gefühl beklemmte die Brust des jungen Mädchens. Rasch sprang

sie die Treppe zum oberen Stockwerk hinan und öffnete die Thür des

gemeinsamen Schlafgemachs -- dort saß Mrs. Northland und schien, über ein

weißes Papier gebeugt, zu schreiben. Sobald die ältere Dame jedoch der

schnell Eintretenden ansichtig wurde, schrak sie leicht zusammen und sagte

halb verlegen, die Hand über das vor ihr liegende Schriftstück breitend:

»Wie, schon zurück, mein Kind? Ich habe Dich noch nicht erwartet.«

»Eben das befremdet mich, Mama, was thust Du hier allein?«

Mit diesen erregt gesprochenen Worten eilte Grace auf die Mutter zu und

umschlang sie mit fast ungestümer Zärtlichkeit. »M'a, geliebte M'a, Du

verbirgst etwas vor mir, Du willst etwas thun, was ich nicht wissen soll.

O warum das? Haben wir bisher nicht alle Sorgen und Mühen miteinander

geteilt?« Ein wahrhaft rührender Ausdruck lag jetzt über den schönen

Zügen der jungen Sprecherin.

»Grace!« Die ältere Dame suchte ein Schluchzen zu bekämpfen, »o Grace,

es kann ja so nicht weiter gehen.«

»Es darf nicht, Mama, Du leidest physisch und seelisch darunter, das habe

ich Dir schon oft gesagt, und deshalb werde ich Abhilfe schaffen. Ich muß

es schon um Deinetwillen thun,« entgegnete das junge Mädchen mit fester

Stimme.

»Nein, nein, nur das nicht! Du sollst nicht hingehen in die großen

Geschäfte, wo all' die tausend von jungen Mädchen als Verkäuferinnen

angestellt und von früh bis spät in jenen Tretmühlen beschäftigt sind

-- nimmermehr! Mein Stolz würde das nie ertragen lernen. Lasse mir doch

diesen Stolz -- er ist das einzige, was von allem Glanz und Schimmer der

schönen Vergangenheit mir geblieben ist,« schluchzte Mrs. Northland unter

heißen Thränen.

»Es giebt aber doch auch noch andere Wege, uns einen genügenden Unterhalt

zu verdienen,« gab Grace unbeirrt zurück.

»Du meinst als Lehrerin, mein Kind! Gewiß -- diese Damen werden gut

bezahlt, allein, ob wir auch an Deine Erziehung viel gewendet haben, so

bist Du für diesen Beruf doch noch nicht ausgebildet genug und müßtest

noch einmal mit Deinem Studium von vorn beginnen, was einige Jahre

beanspruchen -- nein, mein Kind, auch das will ich nicht. Welchen

Demütigungen und Versuchungen wärest Du in einer solchen Stellung

ausgesetzt!« fügte Mrs. Northland hinzu, ihre Wange zärtlich an die der

Tochter schmiegend.

»Aber, was willst Du denn thun, Herzens-Mama, hast Du denn einen anderen

Plan?« fragte das junge Mädchen eindringlich, indem sie das mit Zahlen

bedeckte Papier auf dem Tische prüfend musterte.

Die Antwort ließ eine Weile auf sich warten, dann kam es zagend über der

Mutter Lippen: »Ich glaube, daß unsere Einrichtung, das bißchen Silber

dazu genommen, noch ein recht leidliches Sümmchen repräsentiert. Nach

meiner Zusammenstellung des Ganzen ergiebt sich -- schlecht gerechnet --

ein Ertrag von 2300 Dollars. Damit könnte ich vielleicht -- irgend ein

-- bescheidenes Geschäft beginnen, das uns wenigstens vor Not schützte.

Niemand kennt uns in New York -- wer ahnt in mir die Witwe des Millionärs

und Eisenbahnkönigs Frederik A. Northland aus St. Louis, dessen Name

ehedem im Westen einen solch' bedeutungsvollen Klang gehabt?! Nicht Du,

mein Liebling, sondern ich muß mich aufraffen aus dieser lähmenden

Apathie und für unsere Zukunft sorgen!«

»Nein, um Gotteswillen, nein, wenn Du mich liebst, Mama, so schweige von

solchen Dingen,« rief Grace fast leidenschaftlich, »Du, die schöne,

vornehme Frau Dich erniedrigen, hinter dem Ladentische zu stehen --

entsetzlich! Du Dich von Deinen lieben Sachen trennen, wo jedes Stück

Dich an das frühere Glück und den teuren Vater erinnert! Das undankbarste

Geschöpf unter der Sonne müßte ich sein, wollte ich das zulassen. Wozu

bin ich jung und kräftig. Nein, Mama, daraus wird absolut nichts!« Jetzt

hatte das junge Mädchen sich zur vollen Höhe emporgerichtet, wobei ein

Ausdruck von Energie und Mut aus den schönen Augen leuchtete.

»O Gott, daß es dahin kommen mußte! Wenn er, Dein Vater, noch lebte, es

stünde besser mit uns, und wie gern wollte ich auch Not und Sorgen mit ihm

teilen!« weinte leise die beklagenswerte Frau.

»Der Himmel hat ihm dieses Schwerste erspart, das muß uns trösten,

M'a,« sagte die Tochter weich.

»Als wir hier ankamen, Grace, glaubten wir uns beinahe reich mit der

kleinen Summe, die wir mitbrachten -- nun ist sie fast ganz zusammen

geschmolzen! Ich habe nie gedacht, daß die täglichen Bedürfnisse des

Lebens soviel Geld verschlingen könnten. Dabei steht der Quartalswechsel

vor der Thür und die Miete soll an Mr. O'Reilly bezahlt werden. -- Ach,

ich werde ihn wohl bitten müssen, uns den Betrag für einige Wochen zu

stunden.«

»Nimmermehr, Mama! Nur keine Gefälligkeit von diesem Manne, es wäre

mir schrecklich -- erdrückend!« wehrte Grace mit auffälliger Hast ab.

Prüfend schaute ihr die Mutter ins Gesicht und sagte bedeutsam:

»Er ist kein übler Mann. Seine Manieren sind tadellos und neben einem

guten Einkommen scheint er ein redliches gutes Herz zu besitzen. Nicht ohne

Grund sucht er uns verlassenen Frauen öfters auf -- hast Du daran schon

gedacht, mein Kind?«

»Er ist mir unsympathisch, Mama! Bitte, erwähne seiner gegen mich nie

mehr in dieser Weise, ich könnte Mr. O'Reilly sonst nicht mehr unbefangen

und freundlich begegnen,« gab Grace unwillig und in ernstem Tone zurück.

Mrs. Northland seufzte und schwieg, worauf beide Damen langsam nach der

unteren Etage hinabstiegen.

Da die Dämmerung eingetreten war, so brachte das junge Mädchen die

Lampe, welche sie alsbald mit großer Geschicklichkeit in Brand setzte. Ein

intensives Licht beleuchtete jetzt das mit feinem Geschmack ausgestattete

Gemach, so daß jeder Gegenstand darin erkennbar war. Die Mutter, welche

mit sichtlichem Vergnügen den flinken Bewegungen der auffallend schönen

Hände ihres Kindes zugeschaut hatte, sagte plötzlich lächelnd:

»Wie Du doch diese wenig anmutende Arbeit verstehst und graziös

verrichtest, mein Liebling! Ich habe niemals, auch in jener Zeit, als viele

Diener mir zur Verfügung standen, solche hell und klar brennende

Lampe gehabt, wie jetzt, wo mein teueres Töchterchen sich dieser Mühe

eigenhändigst unterzieht!«

»Ich bin auch stolz darauf, Mama, weil ich mir sage: Arbeit schändet

nicht,« versetzte Grace heiter.

»Nein, gewiß nicht, aber, ganz abgesehen von Deiner Opferwilligkeit, Du

hast wirklich ein großes Talent dafür.«

Bei diesen harmlosen Worten hob das schöne Mädchen die langen, dunklen

Wimpern und sah der Sprecherin einige Sekunden starr und nachdenklich

ins Gesicht. Eine schärfere Beobachterin, als Mrs. Northland war, würde

wahrgenommen haben, daß es zugleich wie ein blitzartiges Aufleuchten über

die regelmäßigen Züge glitt.

Als nach einer halben Stunde die Damen am Theetisch saßen, der in seinem

zierlichen Arrangement von gutem Porzellan und einigen wertvollen Stücken

Silbergerät nur zu deutlich verriet, daß die Dasitzenden einst bessere

Tage gesehen, erschien Grace merklich einsilbig und zerstreut. Abermals

seufzte die Mutter still für sich und beobachtete mit Wehmut und Trauer,

aber verstohlen des einzigen Kindes liebes Angesicht.

Am nächsten Morgen fuhr Grace, kleine Einkäufe vorschützend, hinüber

nach New York. Pünktlich nach drei Stunden, wie sie es versprochen,

kehrte sie auch zurück, doch konnte das junge Mädchen es jetzt nicht

unterlassen, der Mutter eine Mitteilung zu machen. Halb verlegen, halb

freudig schlüpfte die geheimnisvolle Enthüllung über die rosigen Lippen,

daß sie Hoffnung hege, vielleicht einen kleinen Verdienst zu bekommen.

Aufs höchste erschreckt, starrte Mrs. Northland der Erzählerin ins

Gesicht, indem sie darauf noch einmal alles schon unzählig oft Gesagte

wiederholte und das junge Mädchen himmelhoch beschwor, sich nicht als

Ladenmädchen zu verdingen. Aber Grace beruhigte die erregte Frau insofern,

daß diese Aussicht auf einen Erwerb bisher nur in einer Annonce bestände,

die sie in den »Herald« habe einrücken lassen und worüber sie die

Mutter aufklären wolle, sobald man darauf geantwortet haben würde. Unter

einer Chiffre habe sie Briefe, Hauptpostamt restante New York erbeten.

Der flehende und zugleich so mädchenhafte reine Ausdruck in Graces Augen

bekämpfte die im Herzen der bekümmerten Frau aufsteigenden Zweifel und

damit war diese Sache fürs erste abgethan. --

* * * * *

Im Speisesaale eines hocheleganten Privathauses der V. Avenue in New York

befanden sich eine ältere, aber noch immer sehr wohl konservierte Dame,

welche, den »Herald« in der Hand, am Fenster saß, und ein junger

auffallend hübscher Mann von vielleicht neunundzwanzig Jahren, der sich

mit seinem Frühstück beschäftigte.

»Welch' seltsame Annonce! Bitte, höre mir einmal zu, Anthony, Hahaha!«

»Ja, sofort, Mutter! Erlaube nur, daß ich noch dieses halbe Ei verzehre,

dann stehe ich zu Deinen Diensten.«

»Das ist wirklich originell, hahaha!« -- Abermals tönte das helle Lachen

nach dem Sprechenden hinüber.

»So, nun, was ist denn da so spaßig, Mutter.«

Der Gerufene war jetzt näher getreten und zog sich einen Stuhl dicht an

die Seite der stattlichen Frau. Diese las:

»Eine sehr respektable junge Dame aus guter Familie, welche, durch

mißliche Verhältnisse gezwungen, sich einen eigenen Broterwerb zu

verschaffen genötigt ist, bietet in nur feinen Häusern ihre Dienste

an, um das von den Domestiken in der Regel vernachlässigte Geschäft

des Putzens, Reinigens und Versorgens der Lampen zu übernehmen und

bestmöglichst auszuführen. Dieselbe besitzt in dieser Branche

eine seltene Fertigkeit und Übung und wird ihre Kunden sicherlich

zufriedenstellen. Auf Wunsch Referenzen. Briefe erbeten:

=Head-Postoffice restante Nr. 600=.«

»In der That höchst sonderbar,« äußerte der mit Anthony Angeredete

kopfschüttelnd, mehr ernst als scherzend, »entweder ist das nur ein

schlechter Spaß oder -- was mir wahrscheinlicher dünkt -- ein Notschrei

aus der Brust einer armen Frau.« Er nahm die Zeitung in die Hand und ließ

die Blicke über die vielen kleinen Annoncen gleiten, ehe er fort

fuhr: »Ich bin überzeugt, daß fast jede dieser Zeilen einen Roman zu

verzeichnen hat. Dafür lebt man eben in der Riesenstadt New York. Wohl

demjenigen, dem es einmal vergönnt ist, einen Blick in solch' verborgenes

Leid zu thun, der in die Lage versetzt wird, heimlich geweinte Thränen

trocknen zu können!«

»Du bist ein Schwärmer, Anthony. Diesen weichen, menschenfreundlichen

Sinn und das poetische Gemüt muß Dir Deine deutsche Mutter vererbt haben.

Dein Vater besaß hiervon nichts,« versetzte die stattliche Dame mit

einem leichten Seufzer, indem sie das edel geformte Antlitz des Stiefsohnes

wohlgefällig betrachtete. »Was meinst Du, Anthony, ob ich diese

Annonce beantworte? Man könnte ja dann sofort erfahren, inwieweit Deine

Vermutungen zutreffend sind oder nicht.«

»Thue das, Mutter; es würde mich herzlich freuen, wenn Du ein gutes Werk

damit zu stiften im stande wärest,« sagte der junge Mann lebhaft, und die

Dame fuhr angeregt fort:

»Übrigens könnte wirklich eine kunstgeübte Hand unseren Lampen samt

und sonders nicht schaden, da der alte, schwachköpfige Jim sein Geschäft

zuweilen arg vernachlässigt. Fast täglich habe ich Klage über ihn zu

führen -- wohlan, ich schreibe, Anthony.«

Als der junge Handelsherr Mr. Anthony E. Clark gegen die elfte

Vormittagsstunde nach seiner in der unteren Stadt gelegenen Office fuhr,

hatte er selbst den Brief der Stiefmutter zur Beförderung in der Tasche.

Als dies geschehen, war aber bei ihm auch die Annonce und das darauf

bezügliche Gespräch vergessen. --

Der nächste Morgen führte den jungen Mann indessen nach der in einem

Seitenflügel seines großen Hauses gelegenen Bibliothek, um ein für sein

Geschäft wichtiges Werk daraus zu entnehmen. Beim Durchschreiten eines

in den Garten mündenden Zimmers, welches von seiner Stiefmutter zur

Aufbewahrung des häuslichen Wäscheschatzes benutzt wurde und mächtige

Schränke und Truhen aufwies, stutzte Mr. Anthony überrascht. Dort an

einem großen Tische am Fenster, auf welchem eine förmliche Batterie von

Lampen aufgestellt war, stand ein hochgewachsenes Mädchen und schien in

ihre prosaische Beschäftigung so vertieft zu sein, daß sie den Eintritt

des jungen Mannes gar nicht wahrgenommen hatte.

Wohl drei Minuten betrachtete dieser das trotz seiner Originalität höchst

anmutige Bild. Durch die halb zugezogene Gardine fiel ein Strahl der

goldenen Morgensonne gerade über den dunkeln Scheitel des feinen, etwas

vorgebeugten Kopfes und ließ ein wahrhaft holdseliges Profil erblicken,

das gegen den hellen Hintergrund wie gemeißelt erschien. Die ebenmäßige

Figur zeigte auffallend schöne Formen, wie auch der Schnitt des

Kleides unleugbare Eleganz bewies. Anthony Clark zögerte noch immer,

weiterzuschreiten, weil er darauf wartete, daß die junge Unbekannte

vielleicht einmal die tief auf die Arbeit gesenkten Augen heben würde,

aber vergebens. Nun trafen seine prüfenden Blicke die rührigen Finger --

wie sonderbar! Ein Paar waschlederne Handschuh bedeckten die Hände bis zum

Gelenk, hieran schlossen sich eine Art Schutzärmel aus grauem Futterstoff,

die bis über den Ellenbogen hinaufreichten; ein kleines, weißes

Schürzchen vervollkommnete diese seltsame Toilette.

Das also war die junge Dame aus guter Familie, welche ihr Brot zu erwerben

genötigt war? Er hatte mit seinen Vermutungen demnach doch recht gehabt.

»Eine _Dame_, hm!« Im Augenblick dachte er gar nicht mehr an seine

Absicht, jenes Buch zu holen, sondern beschäftigte sich mit dem Gedanken,

daß diese Bezeichnung hier in der That höchst gerechtfertigt erschien,

wobei ein merkwürdiges Gefühl, halb Befriedigung, halb Freude sein

Inneres bewegte: »Wie glücklich mochte das arme Mädchen sein, etwas

Beschäftigung -- und hoffentlich auch recht lohnende -- gefunden zu

haben!« --

Gleichsam instinktiv, als ob es die Nähe eines Fremden ahne, schlug das

schöne Mädchen jetzt die Augen empor und trat, merklich erschrocken,

zurück, während ein heißes, verräterisches Rot sich über Antlitz und

Hals ergoß. Mr. Anthony Clark wußte nichts anderes zu thun, als leicht zu

grüßen und rasch nach der Bibliothek hinüberzuschreiten, von wo aus er

dann seinen Rückweg durch einen anderen Teil des Hauses nahm.

Etwa vier Wochen mochten vergangen sein, während welcher die junge

Fremde alltäglich um die zehnte Morgenstunde bei Mrs. Clark erschien, um

sämtliche im Haushalt gebrauchten Lampen in Ordnung und Stand zu setzen.

Nach Vereinbarung wurde ihr regelmäßig durch die Lady selbst ein Dollar

für ihre Arbeit verabreicht, den sie auch mit ruhiger Würde, man hätte

fast sagen können, mit vornehmer Herablassung entgegennahm, als ob sie

selbst dem Hause einen großen Dienst geleistet hätte und nicht die

Empfängerin eines unverhältnismäßig hohen Arbeitslohnes sei. Mrs.

Clark, eine obwohl stolze, doch zugleich äußerst gutherzige Frau, hatte

das junge Mädchen, dessen schönes Antlitz sie oft nachdenklich musterte,

gelegentlich auch einmal gefragt, ob es auf die im »Herald« erlassene

Annonce noch mehr Arbeit und Verdienst erhalten habe, worauf ihr die

in kühlem Tone gegebene Antwort wurde, daß sie bereits fünfzehn der

feinsten Familien New Yorks zu ihren Kunden zähle und mit der Zeit noch

bekannter zu werden hoffe.

Mr. Anthony Clark, ein Mann von durchaus ehrenhaften, edlen Gesinnungen,

hatte es nicht mehr gewagt, die Unbekannte bei ihrer mehr oder weniger

demütigenden Beschäftigung durch seine Gegenwart zu belästigen, und

mied das Zimmer, in welchem sie ihre Arbeit stets pflichttreu verrichtete.

Allein der Zufall wollte es, daß er ihr öfters in der großen Halle oder

auf der Treppe begegnete. Alsdann lüftete er jedesmal in ausgesuchtester

Höflichkeit den Hut, wobei er es jedoch nicht unterlassen konnte, einen

raschen Blick in das reizende, stets so ernste Mädchengesicht zu thun.

»Nun, freust Du Dich nicht über meine Acquisition, Anthony?« fragte Mrs.

Clark eines Abends, als man einige Freunde zum Diner erwartete und nun bei

den prächtig und tadellos brennenden Lampen saß.

»Die Freude ist eine problematische, Mutter,« lautete die freundliche,

aber bestimmte Antwort des Stiefsohnes, »die blendende Helligkeit all'

dieser Lampen bildet einen grellen Kontrast zu dem dunklen Lebenswege des

armen Mädchens, dem wir zu Dank verpflichtet sind.«

Die Hausfrau zuckte halb bedauernd die Schultern und meinte gutmütig,

daß man der Fremden zu Neujahr ein recht anständiges Geschenk zu machen

verpflichtet wäre. --

Eines Morgens, bevor Mr. Anthony wie gewöhnlich nach seiner Office fuhr,

trat Mrs. Clark, zum Ausgange gerüstet, noch einmal in des Stiefsohnes

Privatzimmer und sagte in mütterlich herzlicher Weise: »Bitte, thue mir

den großen Gefallen, Anthony und trage die Bücher, welche ich mir gestern

Abend aus der Bibliothek holte, wieder an den alten Platz. Du weißt, ich

liebe die Ordnung -- sie liegen auf meinem Schreibtisch.«

Da das Verhältnis zwischen dem Sohne und der zweiten Frau des verstorbenen

Mr. Clark ein selten inniges war, so entgegnete er ebenso freundlich und

zuvorkommend:

»O gewiß gern, liebe Mutter, aber ...«

Den Schluß seiner Rede hörte die Dame nicht mehr, weil sie Eile zu haben

schien und das Zimmer bereits verlassen hatte.

Zögernd und mit einer ihm selbst unerklärlichen Befangenheit stand

Anthony Clark noch einige Minuten vor der Thür des Zimmers, das von der

Fremden zu ihrem prosaischen Geschäft benutzt wurde. Er wußte es selbst

nicht, warum er gerade diesen Weg nach der Bibliothek eingeschlagen hatte.

Einerseits scheute er eine Begegnung mit dem jungen Mädchen, andererseits

trieb eine innere Gewalt ihn vorwärts. War er denn nicht der Hausherr

hier, der überallhin kommen und gehen konnte, wie es ihm beliebte? Mit

dieser Schlußfolgerung trat er endlich ein.

Ja, da stand sie wieder, die so eigentümlich imponierende und doch so

mädchenhaft schüchterne Gestalt. Ein leichtes Rot war ihm nun in die

Stirn gestiegen, weil er sich bewußt war, oft -- vielleicht sehr oft sich

dieses seltsame Bild vor die Seele gezaubert zu haben.

Recht auffällig sichtbar nahm er nun den mitgebrachten Bücherstoß in

seinen linken Arm und grüßte höflich mit den Worten: »Verzeihung,

mein Fräulein, daß ich Sie störe, allein -- ich muß hinüber nach der

Bibliothek!« Dabei war aber Anthony keineswegs weitergeschritten, sondern

etwa sechs Schritte von dem jungen Mädchen stehen geblieben. Verwundert

und, wie es ihm vorkam, mit leisem Lächeln, begegnete sie seinem

leuchtenden Blicke.

»Es steht mir kein Recht zu, dieses Zimmer für mich allein beanspruchen

zu wollen, Mr. Clark,« entgegnete sie mit volltönender überaus

sympathischer Stimme. -- Also wußte die Fremde darum, daß er der Hausherr

war. Rasch erwiderte er:

»O doch, Miß, Miß --« (augenscheinlich verlangte es ihn, ihren Namen zu

erfahren) -- »Northland!« klang es sehr leise zurück.

»O doch, Sie haben ein Recht, hier ganz ungestört zu sein, Miß

Northland. Sie sind ja die Wohlthäterin für das ganze Haus, ich meine:

seit Sie zuerst hier eingetreten, ist es -- Licht geworden.«

Der schöne Mädchenkopf senkte sich tiefer auf die Brust herab. »Man ist

gütig gegen mich,« flüsterte sie bescheiden.

»Vielleicht ist es sehr anmaßend von mir, Ihnen ein plumpes Lob zu

spenden, aber ich kann es doch nicht unterlassen, Ihnen zu gestehen, daß

ich Ihren Mut, Ihre Willensstärke und Selbstverleugnung -- bewundere,«

sagte Anthony nun eigentümlich erregt.

»Das Wörtlein ›muß‹ ist ein strenger Lehrmeister, Mr. Clark, welcher

mit eiserner Hand alle rebellischen Oppositionsgelüste herabzudrücken

versteht. Aber dennoch giebt es noch etwas Mächtigeres als diesen

moralischen Zwang, und diesem Mächtigeren bringt man gerne Hochmut,

Eitelkeit und thörichte Eigenliebe zum Opfer,« versetzte das schöne

Mädchen, indem ihre großen Augen freudig aufleuchteten.

»Sie haben Eltern, Miß Northland, eine Mutter, für die Sie sorgen?«

forschte er, näher tretend.

»Jawohl, um meiner Mutter willen stehe ich hier an diesem Platze, und

das Bewußtsein, für sie, die mir auf Erden das teuerste ist, meine

Kindespflicht zu erfüllen, hat den Gedanken an Demütigung und

Erniedrigung noch niemals in mir aufkommen lassen.«

Mr. Anthony erwiderte kein Wort und so war es mehrere Minuten ganz still

im Zimmer; Miß Northland hatte unterdessen ihre Beschäftigung wieder

aufgenommen.

»Haben Sie keine Verwandten oder Freunde hier in New York?« fragte er nun

eindringlich und leise. Es kam ihm so vor, als ob seine Stimme plötzlich

einen veränderten Klang bekommen hätte.

»Nein, keine; wir sind erst vor einigen Monaten aus dem Westen -- aus

St. Louis gekommen und daher noch ganz fremd hier,« lautete der einfache

Bescheid.

Die Sprecherin gewahrte nicht die sichtliche Überraschung in des jungen

Mannes Zügen; unverwandt und forschend waren seine Augen auf das feine

Profil gerichtet. Nur als er sich jetzt fast ehrfurchtsvoll vor ihr

verbeugte und leise sagte: »Auf Wiedersehen, Miß Northland,« schaute sie

eigentümlich befremdet auf und entgegnete schüchtern:

»Ich hoffe, daß Ihre Frau Mutter meine kleinen Dienste noch einige Zeit

wird gebrauchen können.«

Nicht lange verweilte Mr. Anthony in der nahen Bibliothek, schon nach fünf

Minuten kehrte er daraus zurück; allein dieses Mal durchmaß er beinahe

hastig das Gemach, indem er in Anknüpfung an das vorige Gespräch nur die

halb prophetische, halb aufmunternde Bemerkung hinwarf:

»Miß Northland, gewiß wird sich auch an Ihnen das Dichterwort erfüllen:

Was man Schwerstes je empfunden, Liebe hat es überwunden!« --

An demselben Abend nach dem Diner war es das erste Mal, daß Anthony seiner

Stiefmutter gegenüber die Rede auf die Fremde brachte. Er blätterte

dabei in einem Buche und seine gleichgültige Miene zeigte nichts von der

Erregung und Unruhe, die in ihm arbeiteten. Ernst und wie beiläufig fragte

er:

»Hast Du niemals nach den Familienverhältnissen des Mädchens geforscht,

das seit einigen Wochen hier ein- und ausgeht, Mutter?«

»Nein, wieso? Ich denke, sie ist sehr bescheiden und zurückhaltend. Auf

mich macht sie einen ausnehmend günstigen Eindruck. Vielleicht bin ich

aber bei dieser Meinung beeinflußt durch eine Ähnlichkeit, welche -- mich

an frühere glückliche Zeiten erinnert. Hast Du, mein Sohn, etwas gegen

das Mädchen einzuwenden?«

»Ich -- einzuwenden? Allerdings!« Der junge Handelsherr war aufgesprungen

und ließ sein schönes, kluges Auge mehrere Sekunden prüfend auf den

wohlgebildeten Zügen der älteren Dame haften, dann fuhr er, tief und

schwer aufatmend, fort:

»Als ich heute, auf dem Wege zur Bibliothek, zufällig einige Worte mit

der jungen Dame (er betonte letzteres Wort ziemlich scharf) wechselte,

erfuhr ich, daß sie den Namen »Northland« führt und mit ihrer Mutter

aus St. Louis herübergekommen ist. Du hast mir nun früher das große

Vertrauen geschenkt, mich in eine mir ziemlich nahe gehende Angelegenheit

einzuweihen, und soviel ich mich aus Deinen damaligen Mitteilungen

erinnere, ist dieser Name Dir durchaus nicht unbekannt, vorausgesetzt, daß

irgendwelche Beziehungen bestehen sollten, zwischen -- zwischen ...« Er

stockte.

»Northland! O mein Gott, also doch! Ja, diese Ähnlichkeit mit diesem

Manne, den ich einst liebte, frappierte mich sofort.« Tief erblaßt hatte

Mrs. Clark jenen Ausspruch hervorgestoßen und die Hände dabei aufs Herz

gepreßt: »O Anthony, sie, diese arme Kleine, wäre Marys und Northlands

Kind? Nein, das kann, das darf ja nicht möglich sein!«

»Dieses Rätsel bald -- recht bald zu lösen, soll Dir und mir eine

Pflicht sein!« gab der Sohn mit Nachdruck zurück, indem er seinen Arm

zärtlich um die Schulter der tief erschütterten Stiefmutter legte. Mit

dem Taschentuche vor den Augen weinte diese jetzt leise vor sich hin:

»O, Anthony, das wäre eine grausame Strafe für mich. Wie oft, als

ich mich damals voll Empörung mit harten Worten von Mary losgesagt und

Northlands Reichtum und Ansehen höher und höher stieg, wie oft habe

ich da das Glück dieses Paares beneidet und berufen! Und tief im Herzen

grollte ich der einstigen Freundin, weil von rechtswegen der Platz an ihres

schönen Gatten Seite mir gebührte, mir, die ihn ebenso, vielleicht noch

inniger geliebt. Und auf diese Weise soll ich endlich, endlich wieder von

Mary hören! Anthony, ich kann's nicht fassen!«

»Gottes Wege sind unerforschlich,« versetzte der Angeredete sanft.

»Aber, mein Himmel, was sitze ich hier so müßig und lasse die kostbare

Zeit verrinnen,« rief Mrs. Clark nun heftig aufspringend. »Mary, meine

arme Mary in Not und Elend, während ich in Wohlleben und Überfluß

schwelge. Fort, mein Sohn, bringe mich zu ihr! An mein reuiges Herz ziehen

will ich die Teure und ihr Kind. O, welch' eine Schmach ist es für mich,

daß gerade hier in unserem Hause das arme Mädchen sich so erniedrigen

mußte, Anthony!«

»Erniedrigen? O nein, Mutter! Das, was Miß Northland gethan hat, webt

einen Glorienschein um ihr edles Haupt,« klang es auffallend feurig aus

des jungen Mannes Munde, so daß Mrs. Clark in stummer Überraschung zu dem

Stiefsohne aufblickte.

»Willst Du meine Ratschläge befolgen, Mutter?« fragte er nach einer

Pause.

»Thue ich das nicht stets, Anthony?«

»Wohlan, so lasse die junge Dame, welche zweifellos die Tochter Deiner

Freundin ist, morgen noch einmal -- zum letztenmale -- hier ihres schweren

Amtes walten, nur damit ich ihr dann unbemerkt folgen und Mrs. Northlands

Wohnung erforschen kann. Ist das erreicht, so magst Du hingehen und thun,

was Dir Pflicht und Herz gebieten. Bist Du damit einverstanden, Mutter?«

Lose Blätter: Neue Novellen · 第 7 / 19 题