Der Bettler

von

Richard von Volkmann-Leander.

Wintertag. Die Flocken trieben

durch die enge Flucht der Gassen,

und hernieder von den Dächern

hängen kalt und schwer die Zapfen.

Aber drin im dunkeln Stübchen,

wo die Mutter mit der Tochter

spinnend sitzt am warmen Herde,

prasselt lustig auf die Flamme

und die roten Lichter wirft sie

spielend auf den blanken Estrich.

Horch! da klopft es an der Türe,

leise klopft es, doch vernehmlich --

wär’s auch nur für Mädchenohren,

die versteckt im Busch der Locken

lauschen und die feinsten Dinge

hören auf der weiten Erde.

Zögernd auf nach kurzem Säumen

hebt die Jungfrau sich vom Sitze;

leise auf den Zehen schreitet

sie hinaus. Da steht der Liebste

vor der Tür: „Um Gottes willen,

geh, die Mutter ist zu Hause!

Warte doch!“ Und beide Arme

schlingt sie um den Hals dem Jüngling,

drückt ihn an die Brust und küßt ihn. --

In das Zimmer tritt sie wieder,

schüttelt sich den Schnee vom Kleide.

„War’s ein Bettler?“ „Ja, ein Bettler,

Mütterchen, ein armer Bettler!“

„Sag, was hast du ihm gegeben?“

„Eine Kleinigkeit nur, Mutter!“

spricht das Mädchen, und errötend

beugt sie sich und schürt das Feuer,

daß die Flamme lohend aufschlägt,

und wie goldne Mückenschwärme

tanzend über ihrem Scheitel

im Kamin die Funken fliegen.

„Gib den Bettlern nicht zu reichlich,“

mahnt die Mutter sorgend wieder,

„denn sie kommen viel zu oft.“

Schweigend rückt den Stuhl zum Herde

sich das Mädchen. Schweigend greift es

wieder zur verlass’nen Spindel,

und wie sie im Kreise wirbelt,

wiederholt es in Gedanken

still die Worte: Viel zu oft!

Ein gutes Tier...

von

Wilhelm Busch.

Ein gutes Tier

ist das Klavier,

still, friedlich und bescheiden,

und muß dabei

doch vielerlei

erdulden und erleiden.

Der Virtuos

stürzt darauf los

mit hochgesträubter Mähne.

Er öffnet ihm

voll Ungestüm

den Leib, gleich der Hyäne.

Und rasend wild,

das Herz erfüllt

von mörderlicher Freude,

durchwühlt er dann,

soweit er kann,

des Opfers Eingeweide.

Wie es da schrie,

das arme Vieh,

und unter Angstgewimmer

bald hoch, bald tief

um Hilfe rief,

vergeß ich nie und nimmer.

Fing man vorzeiten einen Dieb...

von

Wilhelm Busch.

Fing man vorzeiten einen Dieb,

hing man ihn auf mit Schnellbetrieb,

und meinte man, er sei verschieden,

ging man nach Haus und war zufrieden.

Ein Wandrer von der weichen Sorte

kam einst zu solchem Galgenorte

und sah, daß oben einer hängt,

dem kürzlich man den Hals verlängt.

Sogleich, als er ihn baumeln sieht,

zerfließt in Tränen sein Gemüt.

Ich will den armen Schelm begraben,

denkt er, sonst fressen ihn die Raben.

Nicht ohne Müh’, doch mit Geschick,

klimmt er hinauf und löst den Strick;

und jener, der im Wind geschwebt,

liegt unten, scheinbar unbelebt.

Sieh’ da, nach Änderung der Lage

tritt neu die Lebenskraft zutage,

so daß der gute Delinquent

die Welt ganz deutlich wiederkennt.

Zärtlich, als wär’s der eigne Vetter,

umarmt er seinen Lebensretter,

nicht einmal, sondern noch einmal,

vor Freude nach so großer Qual.

„Mein lieber Mitmensch,“ sprach der Wandrer,

„geh’ in dich, sei hinfür ein andrer.

Zum Anfang für dein neues Leben

werd’ ich dir jetzt zwei Gulden geben.“

Das Geben tat ihm immer wohl.

Rasch griff er in sein Kamisol,

wo er zur langen Pilgerfahrt

den vollen Säckel aufbewahrt.

Er sucht’ und sucht’ und fand ihn nicht,

und länger wurde sein Gesicht.

Er sucht’ und suchte, wie ein Narr,

weit wird der Mund, das Auge starr,

bald ist ihm heiß, bald ist ihm kalt.

Der Dieb verschwand im Tannenwald.

Deutsche Humoristen, 4. und 5. Band (von 8) · 第 130 / 182 题