Der neunte Brief

Wieder angefangen Mittwoch den 20. ob zum Zerreissen oder wie!

Genug ich fange an. Auf dem Ball bis sechs heut früh, nur zwey

Menuets getanzt, Gesellschafft gehalten einem süsen Mädgen, die

einen Husten hatte -- Wenn ich dir mein gegenwärtig Verhältniss

zu mehr recht lieben und edlen weiblichen Seelen sagen könnte!

wenn ich dir lebhafft! -- Nein wenn ich s könnte ich dürfts

nicht, du hieltests nicht aus. Ich auch nicht, wenn alles

auf einmal stürmte, und wenn Natur nicht in ihrer täglichen

Einrichtung uns einige Körner Vergessenheit schlucken lies.

Jezt ist's bald achte Nachts. Hab geschlafen bis 1, gegessen,

etwas besorgt, mich angezogen, den Prinzen von Meinungen mich

dargestellt, ums Thor gangen, in die Comödie. Lili sieben Worte

gesagt. Und nun hier. Addio.

Donnerst. den 21. Ich habe mir in Kopf gesezt mich heut wohl

anzuziehen. Ich erwarte einen neuen Rock vom Schneider den ich

mir hab in Lion sticken lassen, grau mit blauer Bordüre, mit

mehr Ungedult als die Bekandtschafft eines Manns von Geist der

sich auf eben die Stunde bey mir melden lies. Schon ist was

missglückt. Mein Perückenm. hat eine Stunde an mir frisirt und

wie er fort war riss ich's ein, und schickte nach einem andern,

auf den ich auch passe. -- -- --

Samstag den 23. Es hat tolles Zeug gesezt. Ich hab nicht zum

schreiben kommen können. Gestern lauter #Altessen#. Heut hab ich

einen Husten. Ade.

Sonntag den 8. Oct. Bisher eine grose Pause ich in wunderbaaren

Kälten und Wärmen. Bald noch eine grössere Pause. Ich erwarte

den Herzog v. Weimar der von Karlsruhe mit seiner herrlichen

neuen Gemahlinn Louisen von Darmstadt kommt. Ich geh mit ihm nach

Weimar. Deine Brüder kommen auch hin, und von da schreib ich

gewiss liebste Schwester. Mein Herz ist übel dran. Es ist auch

Herbstwetter drinn, nicht warm nicht kalt. Wann kommst Du nach

Hamburg?

Weimar den 22. Nov.

Ich erwarte deine Brüder, o Gustgen! was ist die Zeit alles mit

mir vorgangen. Schon fast vierzehn Tage hier, im Treiben und

Weben des Hofs. Adieu bald mehr. Vereint mit unsern Brüdern! Dies

Blättel sollst indess haben.

Goethes Briefe an Auguste zu Stolberg · 第 13 / 30 题