Ja lieb Gustgen gleich fang ich an d. 14. Sept. im Moment da ich
ihren Brief endige, sehen Sie wie hoch und klein, wie viel ich zu
schreiben dencke. Heut bin ich ruhig, da liegt zwar meist eine
Schlang im Grase. Hören Sie, ich hab immer eine Ahndung, sie
werden mich retten, aus tiefer Noth, kanns auch kein Weiblich
Geschöpf als Sie. Dancke zuerst für Ihre lebendige Beschreibung
alles was Sie umgiebt, hätt ich nur iezt noch einen Schattenriss
von Ihrer ganzen Figur! Könnt ich kommen. Neulich reisst ich zu
Ihnen! Durchzog in trauriger Gestalt Deutschland, sah mich weder
rechts noch lincks um, nach Coppenhagen, und kam und trat in ihr
Zimmer, und fiel mit Trähnen zu ihren Füssen, und rief Gustgen
bist dus! -- Es war eine seelige Stunde, da mir das lebendig
im Kopf und Herzen war. Was Sie von Lili sagen ist ganz wahr.
Unglücklicher Weise macht der Abstand von mir das Band nur fester
das mich an sie zaubert. Ich kann ich darf Ihnen nicht alles
sagen. Es geht mir zu nah ich mag keine Erinnerungen. Engel! Ihr
Brief hat mir wieder in die Ohren geklungen wie die Trompte dem
eingeschlafnen Krieger. Wolte Gott Ihre Augen würden mir Ubalds
Schild, und liessen mich tief mein unwürdiges Elend erkennen, und
-- Ja Gustgen wir wollen das lassen -- über des Menschen Herz
lässt sich nichts sagen, als mit dem Feuerblick des Moments. Nun
soll ich zu Tische
_Nach Tische._ Dein Gut Wort würckte in mir, da sprachs auf
einmal in mir, sollts nicht übermäsiger Stolz seyn zu verlangen,
dass dich ganz das Mädgen erkennte und so erkennend liebte,
erkenn ich sie vielleicht auch nicht, und da sie anders ist wie
ich, ist sie nicht vielleicht besser. -- Gustgen! -- Lass mein
Schweigen dir sagen, was keine Worte sagen können.
Gute Nacht Gustgen! Heut einen guten Nachmittag, der selten ist
-- mit Grosen, das noch seltner ist -- Ich konnte zwey Fürstinnen
in Einem Zimmer lieb und werth haben. Gute Nacht. Will dir so ein
Tagbuch schreiben, ist das beste. Thu mir's auch so ich hasse die
Briefe und die Erörterungen und die Meynungen. Gute Nacht! So! --
ich sehe zurück, schon dreymal, ists doch als wenn ich verliebt
in dich wäre! und den Hut immer nähme und wieder niederlegte.
Wie wollt ich du könntest nur acht Tage mein Herz an deinem,
meinen Blick in deinem fühlen. Bey Gott was hier vorgeht ist
unaussprechlich fein und schnell und nur dir vernehmbar.
Gute Nacht.
d. 15. Guten Morgen. Ich hab eine gute Nacht gehabt. Und bin iezt
recht wie ein Mädgen. Sie rathen nicht was mich beschäfftigt,
eine Maske, auf kommenden Dienstag wo wir Ball haben.
Nach Tisch! -- Ich komme geschwind gelaufen, dir zu sagen was mir
drüben in der andern Stube durch den Kopf fuhr: Es hat mich doch
kein Weiblich Geschöpf so lieb wie Gustgen.
Und meine Masque wird eine altdeutsche Tracht, schwarz und Gelb,
Pumphose, Wämslein, Mantel und Federstuzhut. Ach wie danck ich
Gott dass er mir diese Puppe auf die paar Tage gegeben hat, wenns
so lang währt.
halb viere. In Brunnen gefallen wie ichs ahndete. Meine Masque
wird nicht gemacht. Lili kommt nicht auf den Bal. Aber dürft
ich, könnt ich alles sagen! -- Ich thats sie zu _ehren_ weil
ich deklarirt für sie bin, und eines Mädgens Herz pp. -- Also
Gustgen! -- Ich thats auch halb aus Truz, weil wir nicht
sonderlich stehn die acht Tage her. Und nun! -- Sieh Gustgen!
so kanns allein werden wenn ich dir so von Moment zu Moment
schreibe. -- -- halb 5. ich wollt ich könnt mich dir darstellen
wie ich bin, du solltest doch dein Wunder sehn. Gott! so in dem
ewigen Wechsel, immer eben derselbe.
d. 16ten. Heut Nacht necksten mich halb fatale Träume. Heut früh
beym Erwachen klangen sie nach. Doch wie ich die Sonne sah sprang
ich mit beyden Füssen aus dem Bette, lief in der Stube auf und
ab, bat mein Herz so freundlich freundlich, und mir wards leicht,
und eine Zusicherung ward mir dass ich gerettet werden, dass noch
was aus mir werden sollte: Gutes muths denn Gustgen. Wir wollen
einander nicht auf's ewige Leben vertrösten! Hier noch müssen wir
glücklich seyn, hier noch muss ich Gustgen sehn, das einzige
Mädgen deren Herz ganz in meinem Busen schlägt. -- Nach Mittage
halb vier. Offen und gut der Morgen, ich that was, Lili eine
kleine Freude zu machen, hatte Fremde. Trieb mich nach Tische
spasend närrisch unter Bekannten und Unbekannten herum. Gehe iezt
nach Offenbach, um Lili heute Abend nicht in der Comödie morgen
nicht im Conzert zu sehen. Ich stecke das Blat ein und schreibe
draus fort.
Offenbach! Abends sieben. In einem Kreise von Menschen die mich
recht lieb haben, offt mit mir leiden! Es ist nun so! ich sizze
wieder an dem Schreibtischgen von dem ich Ihnen schrieb eh ich in
die Schweiz ging. Lieb Gustgen -- da ist ein iunges Paar in der
Stube das erst seit acht Tagen verheurathet ist! eine iunge Frau
liegt auf dem Bette die der angenehmsten Hoffnung eines lieben
Kindes entgegen schmerzet. Ade für heute. Es ist Nacht und der
Mayn blinckt noch aus den duncklen Ufern.
Offenbach. Sonntag d. 17ten Nachts zehen. -- Ist der Tag leidlich
u. stumpf herumgegangen, da ich aufstund war mirs gut, ich
machte eine Scene an meinem Faust. Vergängelte ein paar Stunden.
Verliebelte ein paar mit einem Mädgen davon dir die Brüder
erzählen mögen, das ein seltsames Geschöpf ist. Ass in einer
Gesellschafft ein Duzzend guter Jungens, so grad wie sie Gott
erschaffen hat. Fuhr auf dem Wasser selbst auf und nieder, ich
hab die Grille selbst fahren zu lernen. Spielte ein Paar Stunden
Pharao und verträumte ein Paar mit guten Menschen. Und nun sizz
ich dir gute Nacht zu sagen. Mir wars in all dem wie einer Ratte
die Gift gefressen hat, sie läuft in alle Löcher, schlurpft alle
Feuchtigkeit, verschlingt alles Essbaare das ihr in Weeg kommt
und ihr innerstes glüht von unauslöschlich verderblichem Feuer.
Heut vor acht Tagen war Lili hier. Und in dieser Stunde war ich
in der grausamst feyerlichst süsesten Lage meines ganzen Lebens
|: mögt ich sagen :| O Gustgen warum kann ich nichts davon sagen!
Warum! Wie ich durch die glühendsten Trähnen der Liebe, Mond und
Welt schaute und mich alles seelenvoll umgab. Und in der Ferne
die Waldhorn, und der Hochzeit Gäste laute Freuden. Gustgen auch
seit dem Wetter bin ich -- nicht ruhig aber still -- was bey mir
still heisst und fürchte nur wieder ein Gewitter das sich immer
in den harmlosesten Tagen zusammenzieht, und -- Gute Nacht Engel.
Einzigstes Einzigstes Mädgen -- und ich kenne ihrer Viele -- -- --
Montag d. 18. Mein Schiffgen steht bereit, ich werds gleich
hinunter lencken. Ein herrlicher Morgen, der Nebel ist gefallen
alles frisch und herrlich umher! -- Und ich wieder in die Stadt,
wieder ans Sieb der Danaiden! Ade! -- Ich hab einen offnen
frischen Morgen! O Gustgen! Wird mein Herz endlich einmal in
ergreifendem wahren Genuss und Leiden, die Seeligkeit die
Menschen gegönnt ward, empfinden, und nicht immer auf den Wogen
der Einbildungskrafft und überspannten Sinnlichkeit, Himmel auf
und Höllen ab getrieben werden. Beste ich bitte dich schreib mir
auch so ein Tagbuch. Das ist das einzige was die ewige Ferne
bezwingt. -- -- -- -- --
Montag Nacht halb zwölf. Franckf. an meinem Tisch. komme noch
dir gute Nacht zu sagen. Hab getrieben und geschwärmt biss
iezt. Morgen gehts noch ärger. O Liebste. Was ist das Leben
des Menschen. Und doch wieder die vielen Guten die sich zu mir
sammeln! -- das viele Liebe das mich umgiebt -- -- --
Lili heut nach Tisch gesehn -- in der Comödie gesehn. Hab kein
Wort mit ihr zu reden gehabt -- auch nichts geredt! -- Wär ich
das los. O Gustgen -- und doch zittr' ich vor dem Augenblick da
sie mir gleichgültig, ich hofnungslos werden könnte. -- Aber ich
bleib meinem Herzen treu, und lass es gehn -- Es wird --
Dienstag sieben Morgens. -- Im Schwarm! Gustgen! ich lasse mich
treiben, und halte nur das Steuer, dass ich nicht strande. Doch
bin ich gestrandet ich kann von dem Mädgen nicht ab -- heut früh
regt sich s wieder zu ihrem Vortheil in meinem Herzen. -- Eine
grose schwere Lecktion! -- Ich geh doch auf den Ball einem süsen
Geschöpfe zu lieb, aber nur im leichten Domino, wenn ich noch
einen kriege. Lili geht nicht.
Nach Tische halb vier. Geht das immer so fort, zwischen kleinen
Geschäfften durch immer Müssiggang getrieben, nach Dominos und
Lappen waare. Hab ich doch mancherley noch zu sagen. Adieu. ich
bin ein Armer verirrter verlohrner -- -- Nachts Achte, aus der
Commödie und nun die Toilette zum Ball! O Gustgen wenn ich das
Blat zurücksehe! Welch ein Leben. Soll ich fortfahren? oder mit
diesem auf ewig endigen. Und doch Liebste, wenn ich wieder so
fühle dass mitten in all dem Nichts, sich doch wieder so viel
Häute von meinem Herzen lösen, so die convulsiven Spannungen
meiner kleinen närrischen Composition nachlassen, mein Blick
heitrer über Welt, mein Umgang mit den Menschen sichrer, fester,
weiter wird, und doch mein innerstes immer ewig allein der
heiligen Liebe gewiedmet bleibt, die nach und nach das Fremde
durch den Geist der reinheit der sie selbst ist ausstöst und so
endlich lauter werden wird wie gesponnen Gold. -- Da lass ich's
denn so gehn -- Betrüge mich vielleicht selbst. -- Und dancke
Gott. Gute Nacht. Addio. -- Amen: 1775.