Der dritte Brief

Warum soll ich Ihnen nicht schreiben, warum wieder die Feder

liegen lassen, nach der ich bisher so offt reichte. Wie immer

immer hab ich an Sie gedacht. Und iezzo! -- Auf dem Land bey sehr

lieben Menschen -- in Erwartung -- liebe Aug[u]ste -- Gott weis

ich bin ein armer Junge -- d. 28 Febr haben wir getanzt die

Fassnacht beschlossen -- ich war mit von den ersten im Saale,

ging auf und ab, dachte an Sie -- und dann -- viel Freud und Lieb

umgab mich -- Morgends da ich nach Hause kam, wollt ich Ihnen

schreiben, liess es aber und redete viel mit Ihnen -- Was soll

ich Ihnen sagen, da ich Ihnen meinen gegenwärtigen Zustand nicht

ganz sagen kann, da Sie mich nicht kennen. Liebe! Liebe! Bleiben

Sie mir hold -- Ich wollt ich könnt auf ihrer Hand ruhen, in

Ihrem Aug rasten. Groser Gott was ist das Herz des Menschen! --

Gute Nacht. Ich dachte mir sollts unterm Schreiben besser werden

-- Umsonst mein Kopf ist überspannt. Ade. Heut ist der 6. März

denck ich. Schreiben Sie doch auch immer die Daten in solcher

Entfernung ist das viel Freud.

Guten Morgen liebe. Die Zimmerleute, die dadrüben einen Bau

aufschlagen, haben mich aufgewegt, und ich habe keine Rast im

Bette. Ich will an meine Schwester schreiben, und dann mit Ihnen

noch ein Wort.

Es ist Nacht, ich wollte noch in Garten, musste aber unter

der Thüre stehen bleiben, es regnet sehr. Viel hab ich an Sie

gedacht! Gedacht dass ich für Ihre Silhouette noch nicht gedanckt

habe! Wie offt hab ich schon dafür gedanckt, wie ist mein und

meines Bruder Lavaters Phisiognomischer Glaube wieder bestätigt.

Diese rein sinnende Stirn diese süsse Festigkeit der Nase, diese

liebe Lippe dieses gewisse Kinn, der Adel des ganzen dancke meine

Liebe dancke. -- Heut war der Tag wunderbaar. Habe gezeichnet --

eine Scene geschrieben. O wenn ich iezt nicht Dramas schriebe

ich ging zu Grund. Bald schick ich Ihnen eins geschrieben --

Könnt ich gegen Ihnen über sizzen, und es selbst in Ihr Herz

würcken, -- Liebe nur dass es Ihnen nicht aus Händen kommt. Ich

mag das nicht drucken lassen denn ich will, wenn Gott will

künftig meine Freu[den] und Kinder, in ein Eckelgen begraben oder

etabliren, ohne es dem Publiko auf die Nase zu hängen. Ich bin

das ausgraben, und seziren meines armen Werthers so satt. Wo ich

in eine Stube trete find ich das Berliner ppp Hundezeug, der eine

schilt drauf, der andre lobts, der dritte sagt es geht doch an,

und so hezt mich einer wie der andre -- Nun denn Sie nehmen mir

auch das nicht übel -- Nimmt mirs doch nichts an meinem innern

Ganzen, rührt und rückts mich doch nicht in meinen Arbeiten,

die immer nur die aufbewahrten Freuden und Leiden meines Lebens

sind -- denn ob ich gleich finde dass es viel #raisonnabler# sey

Hünerblut zu vergiessen als sein eignes -- die Kinder tollen über

mir, es ist mir besser ich geh hinauf als zu tief in Text zu

gerathen.

Ich hab das ältste Mädgen lassen anderthalb Seiten im

Paradiesgärtlein herab buchstabieren, mir ist ganz wohl, und so

gesegnete Mahlzeit. Ade! -- Warum sag ich dir nicht alles --

Beste -- Geduld Geduld hab mit mir!

den 10ten, wieder in der Stadt auf meiner Bergere, aufm Knie

schreib ich Ihnen. Liebe der Brief soll heute fort, und nur sag

ich Ihnen noch dass mein Kopf ziemlich heiter mein Herz leidlich

frey ist -- Was sag ich --! o beste wie wollen wir Ausdrücke

finden für das was wir fühlen! Beste wie können wir einander was

von unserm Zustande melden, da der von Stund zu Stund wechselt.

Ich hoffe auf einen Brief von Ihnen, und die Hoffnung lässt nicht

zu schanden werden.

[Illustration]

Geseegnet der gute Trieb der mir eingab statt allen weitern

Schreibens, Ihnen meine Stube, wie sie da vor mir steht, zu

zeichnen. Adieu. Halten Sie einen armen iungen am Herzen. Geb

Ihnen der gute Vater im Himmel viel muthige frohe Stunden wie ich

deren offt hab, und dann lass die Dämmrung kommen, tränenvoll und

seelig -- Amen

Ade liebe Ade!

Goethe.

Goethes Briefe an Auguste zu Stolberg · 第 5 / 30 题