Und dort? --

-- Die vorliegenden Blaetter sollen dem Leser ein Bild geben von dem Leben

und Treiben solcher Leute. Hier aus unserer Mitte heraus, aus den

verschiedenartigsten Verhaeltnissen und Sphaeren, aus allen Schichten der

menschlichen Gesellschaft sehen wir sie ziehen -- Gute und Boese, den

Leichtsinnigen und den Spekulanten, den Bauer und Handwerker, den

Gelehrten und den Arbeiter, den rechtschaffenen Buerger und den heimlichen

Verbrecher, Alle dem _einen_ Ziel entgegenstrebend. Und _Alle_ vereinigt

sie das Schiff; der eine kleine Bau, der hunderte von Menschen auf seinem

schwanken Kiel hinuebertraegt, dem fernen Welttheil zu; oh was fuer

Hoffnungen, was fuer Plaene und Traeume birgt er in seinem Schooss. Aber die

Auswanderer liegen die langen Wochen, ja Monate, verpuppten Raupen gleich,

im engen Haus, still und gedraengt beisammen; Jeder mit dem alten Leben

abgeschlossen hinter sich, mit dem neuen noch nicht begonnen, in einem

wunderlichen unnatuerlichen Zustand, ungeduldiger Ruhe, bis der Anker in

die Tiefe rollt, und die ausgeschobene schmale Planke der bunten Schaar

von Tag- und Nachtfaltern den Weg in's Freie oeffnet.

Hinaus flattern sie da nach allen Seiten, wie eine Hand voll Spreu, vom

Winde fort gefuehrt; die Einen selbstbewusst und keck dem fremden,

unbekannten Leben in die Arme springend, die Anderen scheu und zaghaft bei

jedem Schritte fast moralische Selbstschuesse und Fussangeln fuerchtend; Alle

aber entschlossen, die meisten sogar gezwungen, dem neuen Vaterlande die,

im alten aufgegebene Existenz abzuringen, Jeder in seiner Art, auf seine

Weise.

Dort nun sehen wir sie schaffen und wirken in Gutem und Boesen, die Einen

mit ihren kuehnsten Hoffnungen erfuellt, Andere, zerknirscht und zertreten,

die Stunde verwuenschend, die den Gedanken an Auswanderung gebar -- sehn wie

sich die Wildniss lichtet, wie Farmen und Staedte entstehn, und sich das

deutsche Element ausbreitet nach allen Seiten, und folgen den einzelnen

Bekannten und Freunden, die wir zu Hause schon, oder auf der Fahrt erst

lieb gewonnen, oder fuer die wir uns interessiren, auf ihren verschiedenen,

oft wunderlichen Bahnen.

Manchen alten Reisegefaehrten fuehr ich dabei dem Leser vor, und hoffe ihn

nicht zu langweilen, den weiten Weg; schlafen wir dann auch manchmal

draussen im Freien, oder in niederer Blockhuette auf duennem "Quilt", muessen

wir auch eine Zeit lang mit Maisbrod und Wildpret, oder gar mit Speck und

Syrup verlieb nehmen, wie es der Farmer am Ohio liebt, wir lernen doch das

Land kennen, mit seinen guten und schlechten Eigenschaften, seinen

Vortheilen und Maengeln, seinen Buergern und Einwanderern, seinen inneren

Verhaeltnissen, seinem Leben und seiner Lebenskraft, und bin ich im Stande

ihn auch nur einen Blick in jene ferne, von Tausenden so heiss ersehnte

Welt, wie ich sie selbst gefunden, thun zu lassen, so hab ich meinen Zweck

mit diesem Buch erreicht.

_Rosenau_ bei Coburg im September 1854.

Friedrich Gerstaecker.

Nach Amerika! Ein Volksbuch. Erster Band · 第 2 / 12 题