Wie man ein Bild, aus einem Werk heraus, vorn auf den Umschlag bringt, den
Beschauer dadurch gewissermassen in den Charakter des Ganzen einzuweihen,
so will auch ich hier den Anfang des einen Capitels, aus der Mitte des
Bandes heraus, zum Vorwort waehlen, den Leser gleich von vorn herein mit
dem bekannt zu machen, was ich ihm biete.
"Nach Amerika!" -- Leser, erinnerst Du Dich noch der Maerchen in "Tausend
und eine Nacht", wo das kleine Woertchen "Sesam" dem, der es weiss, die
Thore zu ungezaehlten Schaetzen oeffnet? hast Du von den Zauberspruechen
gehoert, die vor alten Zeiten weise Maenner gekannt, Geister heraufzurufen
aus ihrem Grab, und die geheimen Wunder des Weltalls sich dienstbar zu
machen? -- Mit dem ersten Klang der einfachen Sylbe schlugen, wie sich die
Sage seit Jahrhunderten im Munde des Volkes erhalten, Blitz und Donner
zusammen, die Erde bebte, und das kecke, tollkuehne Menschenkind das sie
gesprochen, bebte zurueck vor der furchtbaren Gewalt die es
heraufbeschworen.
_Die_ Zeiten sind vorueber; die Geister, die damals dem Menschengeschlecht
gehorcht, gehorchen ihm nicht mehr, oder wir haben auch vielleicht das
rechte Wort vergeben sie zu rufen -- aber ein anderes dafuer gefunden das,
kaum minder stark, mit _einem_ Schlage das Kind aus den Armen der Eltern,
den Gatten von der Gattin, das Herz aus allen seinen Verhaeltnissen und
Banden, ja aus der eigenen Heimath Boden reisst, in dem es bis dahin mit
seinen staerksten, innigsten Fasern treulich festgehalten.
"Nach Amerika," leicht und keck ruft es der Tollkopf trotzig der ersten
schweren, traurigen Stunde entgegen, die seine Kraft pruefen sollte, seinen
Muth staehlen -- "nach Amerika," fluestert der Verzweifelte der hier am Rand
des Verderbens dem Abgrund langsam aber sicher entgegen gerissen wurde --
"nach Amerika," sagt still und entschlossen der Arme, der mit maennlicher
Kraft, und doch immer und immer wieder vergebens gegen die Macht der
Verhaeltnisse angekaempft, der um sein "taegliches Brod" mit blutigem Schweiss
gebeten -- und es nicht erhalten, der keine Huelfe fuer sich und die Seinen
hier im Vaterlande sieht, und doch nicht betteln _will_, nicht stehlen
_kann_ -- "nach Amerika" lacht der Verbrecher nach gluecklich veruebtem Raub,
frohlockend der fernen Kueste entgegen jubelnd, die ihm Sicherheit bringt
vor dem Arm des beleidigten Rechts -- "nach Amerika," jubelt der Idealist,
der wirklichen Welt zuernend, weil sie eben wirklich ist, und ueber dem
Ocean drueben ein Bild erhoffend, das dem in seinem eigenen tollen Hirn
erzeugten, gleicht -- "nach Amerika" und mit dem einen Wort liegt hinter
ihnen, abgeschlossen, ihr ganzes frueheres Leben, Wirken, Schaffen -- liegen
die Bande die Blut oder Freundschaft hier geknuepft, liegen die Hoffnungen
die sie fuer hier gehegt, die Sorgen die sie gedrueckt -- _"nach Amerika!"_
So gaehrt und keimt der Saame um uns her -- hier noch als leiser, kaum
verstandener Wunsch im Herzen ruhend, dort ausgebrochen zu voller Kraft
und Wirklichkeit, mit der reifen Frucht seiner gepackten Kisten und
Kasten. Der Bauer draussen hinter seinem Pflug, den der nahe Grenzrain, der
ihn zu wenden und immer wieder zu wenden zwingt noch nie so schwer
geaergert, und der im Geist schon die langen geraden Furchen zieht, weit
ueber dem Meer drueben, in dem fetten, herrlichen Land; -- der Handwerker in
seiner Werkstatt, dem sich Meister nach Meister in die Nachbarschaft
setzt, mit Neuerungen und grossen, marktschreierischen Firmen, die wenigen
Kunden die ihm bis dahin noch geblieben in _seine_ Thuer zu locken; der
Kuenstler in seinem Atelier, oder seiner Studirstube, der ueber einer
freieren Entwickelung bruetet, und von einem Lande schwaermt wo
Nahrungssorgen ihm nicht Geist und Haende binden; -- der Kaufmann hinter
seinem Pult, der Nachts, allein und heimlich, die Bilanz in seinen Buechern
zieht, und, das sorgenschwere Haupt in die Hand gestuetzt, von einem neuen,
andern Leben, von lustig bewimpelten Schiffen, von reich gefuellten
Waarenhaeusern traeumt; in Tausenden von ihnen draengt's und treibt's und
quaelt's, und wenn sie auch noch vielleicht Jahre lang nach aussen die alte
fruehere Ruhe wahren, in ihren Herzen glueht und glimmt der Funke fort -- ein
stiller aber ein gefaehrlicher Brand. Jeder Bericht ueber das ferne Land
wird gelesen und ueberdacht, neue Arzenei, neues Gift bringend fuer den
Kranken. Vorsichtig und aengstlich, und wie weit herum um ihr Ziel, dass man
die Absicht nicht errathen soll, fragen sie versteckt nach dem und jenem
Ding -- nach Leuten die vordem "hinueber" gezogen und denen es gut gegangen
-- nach Land- und Fruchtpreis, Klima, Boden, Volk -- fuer Andere natuerlich,
nicht fuer sich etwa -- sie lachen bei dem Gedanken. Ein Vetter von ihnen
will hinueber, ein entfernter Verwandter oder naher Freund, sie wuenschen
dass es dem wohl geht, und haeufen mehr und mehr Zunder fuer sich selber auf.
So ringt und draengt und wuehlt das um uns her; keiner ist unter uns, dem
nicht ein lieber Freund, ein naher Verwandter den _salto mortale_ gethan,
und Alles hinter sich gelassen, was ihm einst lieb und theuer war -- aus
dem, aus jenem Grund -- und taeglich, stuendlich noch hoeren wir von anderen,
von denen wir im Leben nie geglaubt dass _sie_ je an Amerika gedacht, wie
sie mit Weib und Kind und Hab und Gut hinueberziehn.