Unter der Faust der Hemmungen mag sehr wohl das rhythmische

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VON DER SEELE

Essays

CARL LUDWIG SCHLEICH

1922

INHALT

Der Rhythmus

Humor

Schlaf und Traum

Unterbewußtsein

Seelische Hemmungen und Schmerzen

Der Sitz der Seele

Instinkt und Spiel

Temperament

Tierseele und Menschenseele

Glaube und Wissenschaft

Rausch

Die Musik als Erzieherin

Mutter Erde

Über Grübchen und Falten

Das Wunder der Wundheilung

Das Mysterium der Ernährung

Die Haut als ein Organ der Seele

DER RHYTHMUS

Wenn ich es wage, nach einer Zeit langen Reifens die Frucht stiller

Gedanken den Lesern dieser Abhandlungen darzubieten, so geschieht es

gleich bei meinem ersten Thema mit einem besonderen Zagen. Es ist nicht

die Furcht vor dem gewohnheitsmäßigen Überschäumen, eines

wissenschaftlich vielleicht tadelnswerten Subjektivismus, die mich

zweifelhaft macht, ob es mir gelingen wird, ein Interesse für das

Gebotene zu wecken, als vielmehr eine gewisse, nicht zu überwindende

Ehrfurcht vor dem Thema selbst, die immer wieder die einsamen Versuche,

mich seinem letzten Sinn zu nähern, zurückgeworfen hat. Ist doch das

Feld des Rhythmischen für jeden Denkenden ein heiliges Land, ein stiller

Hort der letzten Geheimnisse. Ahnen wir doch alle, daß seinen dunklen

Hainen die Quellen entrauschen müssen, die allen Erscheinens, allen

Bewegens, allen Lebens unermessene Ströme speisen! Statt trocken

aufzuzählen, was alles für unser letztes Streben und für unsere letzten

aus dem Geschehen abstrahierten Gesetzmäßigkeiten dem Rhythmus

unterliegt, dem Rhythmus, diesem wogenden Wellen von Sein und Nichtsein,

von Stirb und Werde der Bewegung, von Aufbäumen und Verlöschen

tiefinnerlichster Triebe, statt diese endlose Kette der rhythmischen

Beziehungen trocken aufzuzählen, kann man kühn fragen: was ist denn

eigentlich nicht rhythmisch?--und es gibt auf diese Frage nur eine

Antwort: Es ist nichts ohne Rhythmus! Wo etwas Arhythmisches sich zeigt,

da ist es schon in Gefahr, vom Räderwerk des Weltallgetriebes

zentrifugal aus den Bahnen geschleudert zu werden, falls es nicht

schleunigst wieder sich einfügt in den Rhythmus der Gesamtheit. Je

weiter unser Wissen oder sagen wir besser unser Glaube an unser Wissen

sich vorwagt in die Labyrinthe geheimsten, nicht mehr am lichten Tage

offenbarten Geschehens des kosmischen und irdischen Getriebes, um so

mehr erkennen wir, daß wir vor dem Rhythmus wie vor einer letzten

Schwelle anlangen, welche menschliches Verstehen von göttlichen Gesetzen

trennt. In der Tat, das Rhythmische ist wohl der tiefste und

grundumfassendste Gedanke, den wir der schöpferischen Natur nachzudenken

vermögen; hier beim Rhythmischen, das wir in den Bewegungen der

gigantischen Weltkörper nicht weniger am Werke sehen, als in den

wirbelnden Atomen der sich zu Kristallen formenden Schneeflöckchen,

dürfen wir uns allerdings einem letzten Geheimnis, einem unsern

Menschenhirnen beinahe greifbaren Ahnen von einem verständlichen Sein

des Weltganzen erschreckend nahe fühlen. Wir atmen gerade hier im

Rhythmischen gleichsam mit den Atemzügen des Weltganzen; das Rhythmische

ist die zuckende Scheinwerferbeleuchtung, in dessen Licht wir alles

Erkennbare sich abspielen sehen, ja es ist vielleicht die einzige

gemeinsame Kette, die uns, die Betrachter mit dem Betrachtbaren, an ein

letztes unbekanntes Ewiges bindet. Können wir uns doch das Chaos nur

vorstellen als einen Gegensatz zum Rhythmus, also nur negativ, nämlich

durch das Fehlen alles Rhythmischen in dem Kosmos, und insofern ist Hans

v. Bülows Paraphrase auf Faust «im Anfang war der Rhythmus» ein

verblüffend moderner, tiefgreifender Gedanke. Hier ist eine Möglichkeit,

wenigstens auf dem Umwege der Wahrscheinlichkeit sich der Gewißheit zu

nähern. Würde doch sicherlich der endliche Fortfall alles Rhythmischen

aus dem All die Welt ins Chaotische zusammenstürzen lassen. Der Rhythmus

ist der Pulsschlag des Kosmos, der lebendige Atemzug des Alls, der alles

mit Bewegung weckendem Odem durchströmt. Und, wie unser persönliches

Leben in Staub sinkt, wenn Puls und Atmung aufhören, so müßte auch die

Welt sterben, wenn ihr Rhythmus stillstände! Wie sollte nicht eine

ehrfurchtsvolle Scheu jeden befallen, der es wagen will, auch nur einen

Zipfel zu heben von dem tiefverschleierten Geheimnis? Und doch ist das

Problem ein so recht modernes, immer wieder uns in jeder neuen Epoche

unserer technischen Klassizität greifbar vor Augen gerücktes, daß es an

der Zeit erscheint, einmal auch die Stellung der menschlichen Seele zu

dem Rhythmus des Weltganzen, ihr Eingespanntsein in die zuckenden,

rollenden Rahmen, in die sich her- und hinschiebenden, unendlich großen

oder unendlich kleinen Weberspulen des Weltalls zu untersuchen und die

Rolle des geschwungenen Mikrokosmus in konzentrischer Anpassung an den

schwingenden Makrokosmus einer zusammenfassenden Betrachtung zu

unterziehen. Mein Thema, die Psychophysik des Rhythmus, soll also nicht

so sehr sich mit dem Wesen des Rhythmus befassen, obwohl ich einer

solchen Definition nicht auszuweichen gedenke, sondern es soll im

wesentlichen feststellen, inwieweit auch unser seelisches Geschehen,

unser Fühlen und Denken, unsere Ethik und Ästhetik, unser Handeln und

Schaffen, unsere Liebe und unser Haß, Sympathie und Reaktion vom

Grundgesetz des Rhythmischen beeinflußt und beherrscht werden, um daran

die psychophysischen Möglichkeiten zu erwägen, welcher Mechanismen wohl

die Natur sich bedient, um unsere menschliche Seele den kreisenden

Ringen des Ganzen einzufügen. Daß bei der unendlichen Reihe der

Beziehungen der Psyche zum Gesamtrhythmus diese Betrachtung nicht

erschöpfend, sondern ein Versuch, eine Skizze, vielleicht nur eine

Anregung sein kann, bedarf wohl nicht einer besonderen Begründung.

Schon mehrfach habe ich versucht, eine Art philosophischen

Glaubensbekenntnisses abzulegen, das in dem Satze wurzelt: _Die

treibende Kraft des Weltganzen ist für den Menschengeist ewig

unerkennbar, undefinierbar, unverständlich, kann niemals der Gegenstand

wissenschaftlicher Analyse sein. Was wir von ihr zu verstehen glauben,

ist nur ihr Verhältnis zu den wechselnden, erforschbaren, variierbaren

Hemmungen, die ihr eingeschaltet sind, bzw. die wir ihr selbst künstlich

einschalten, um dann ihre von den Widerständen erzwungenen Äußerungen zu

studieren_. Die Kraft, an sich einheitlich und unzertrennbar, überall

und unvergänglich, allgegenwärtig und allmächtig, wird zu einem sich nur

scheinbar selbstwandelnden, metamorphisierenden, irisierenden Proteus,

nicht aus eigener spielerischer Variationslust, sondern die Hand der

Hemmung zwingt sie, ihr Gewand von Fall zu Fall zu wechseln. _Die Art

der Widerstände bestimmt die Art der Äußerung der an sich

unveränderlichen Urkraft_.

Die gesamte Physik ist nichts als eine Lehre von den Widerständen. Die

Chemie ist ebenso nichts als eine Lehre von der Variabilität der

Körpereigenschaften unter der Variabilität der Bedingungen, unter denen

sie aufeinander wirken. Wir wissen z.B. nichts vom Wesen der

Schwerkraft, wir studieren aber ihre Gesetze am Widerstand, welche den

fallenden Kräften die verschiedenartig abgeänderte Luft entgegensetzt.

Wir wüßten nichts von der Elektrizität, wenn wir nicht gelernt hätten,

der Gesamtkraft spezifische Widerstände einzuschalten, welche sie

zwingen in einer Form sich zu äußern, welche wir elektrisch nennen. Die

Art, in welcher die Kraft die Hemmung durchbricht, ihr ausweicht, um sie

herumzukommen sucht, ist entscheidend für die neuen Eigenschaften,

welche die unendlich variable Urkraft anzunehmen befähigt ist. Die Faust

der Hemmung und des Widerstandes ist es, welche dem Weltganzen Form und

Richtung gibt und welche auch in dem Organischen als Gesetz der

variablen Bedingungen, als Anpassung an die Widerstände des Milieus ihre

universelle Macht täglich mehr erkennbar entfaltet. Wir werden uns ewig

umsonst bemühen, das Wesen irgendeiner Kraft zu analysieren, es gibt

keine Erforschung von dem eigentlichen Agens der Welt--sein fühlbares

Dasein verdichtet unser Denken zum Gedicht, zur Andacht, zum Glauben,

die Kraft und ihr religiöser Name "Gott" ist darum kein Gegenstand

wissenschaftlicher Analysen. Was aber um so erfolgreicher der

menschlichen Erkenntnis unterworfen ist, was in gewissem Sinne sogar

unserer experimentellen, künstlichen Abänderung der Weltbedingungen

unterliegt, das ist die Hemmung, die Lehre von den Widerständen: das ist

eigentlich das Problem aller Wissenschaft. Die Lehre von der Macht der

Hemmungen ist eins der Grundgesetze der Weltmechanik. Hier hat auch die

Definition von dem Sinne des Rhythmus im Weltganzen einzusetzen, wenn

sie bis zu den erkennbaren Grundanschauungen, gleichsam bis zu den

Müttern des Wissens vordringen will.

_Der Rhythmus ist nämlich eine Art Kompromiß zwischen Kraft und

Widerstand_, ein wechselseitiges Gegeneinanderprallen, Sichausweichen,

Sichfliehen und -finden, ein harmonisches Spiel von Energieentfaltung

und Hemmungsbetätigung, das Sichumkreisen und Sichumsprudeln zweier nie

ganz vereinbarer Gegensätze; der Rhythmus ist gleichsam eine Ehe

zwischen Kraft und Hemmung, die in Harmonie nur durch ein ständiges

wechselndes Nachgeben des einen und des andern zu erhalten ist. Der

Rhythmus bekundet die immer hin- und herschwankende Bilanz zwischen dem

Ja und Nein des Lebens und der Bewegung, er ist ein immer hin- und

herpendelnder, wechselnder Wert zwischen Plus und Minus, eine an- und

abschwellende Diagonale im Parallelogramm von Kraft und Widerstand. Und

seine eigentliche Ursache? _Die Aktivität der Kraft auf der einen Seite

und die Elastizität der Materie auf der andern_. Die Kraft, nach allen

Seiten gleichmäßig aktiv, geht gegen den Stoff gleichsam an, um ihn aus

dem Wege zu schleudern, er weicht aus, verdichtet sich, diese

Verdichtung komprimiert sein innerstes Gefüge, wodurch wiederum der

Widerstand erhöht wird, den er der Kraft bietet, so daß diese nicht wie

eine Welle den Schlamm langsam durchrinnt, sondern wie eine Woge vom

starren Felsen schäumend zurückgeworfen wird. Aus diesem Anprall, dieser

Verdichtung der Materie und dem Wachsen ihres rückstoßgebenden

Widerstandes setzt sich der Rhythmus, dieser Tanz zwischen Aktion und

Hemmung, zusammen. Das Herz der Welt, die Kraft, treibt seinen Strom in

alle Adern, die ihm die Widerstände lassen, und alle Ströme rinnen,

abprallend und abgeschleudert vom Widerstande des Alls, zurück in ihre

anfängliche, urewige Quelle. Das ist der Kreislauf der Kraft, das ist

der Puls der Welt, der Rhythmus!

War das Gesetz des Rhythmischen, der "ewigen Wiederkehr" aller Dinge vom

Sternenhimmel her, von Tag und Nacht, von Schlaf und Wachen, von Ebbe

und Flut, von Jahreszeiten, von Krankheiten und Störungen des

Wohlbefindens, von Geburt und Tod, von Saat und Ernte, von Wind und

Wetter, von Haß und Liebe--kurz von jeder Form der Polarität her

bekannt, die einzig auf unsere Sinne zu wirken imstande ist, und hat man

zu allen Zeiten in dem Bewegten leicht und schon in den Kinderschuhen

der Wissenschaft dies Gesetz des metrischen Bewegungswiederholens,

dieses Pendelns der Erscheinungen sinnfällig beobachtet, so ist doch

erst den neuesten Forschungen über Elektrizität, nämlich der Lehre von

den Ionen und Elektronen, die Anschauung zu danken, daß auch die

festesten Körper der Erde nur scheinbar fest sind, daß wir annehmen

müssen, im inneren Gefüge des starren Steins eines Felsens kreisen

Milliarden kleinster Teilchen mit einer so unendlichen Schnelligkeit und

einer so vollkommen harmonischen Gleichmäßigkeit, daß unseren Sinnen so

ein innerlich von rasender Bewegung durchströmter Körper eben fest nur

_erscheint_, ähnlich wie ja auch das scheinbar festeste Ding der Welt,

die Erde, in Wirklichkeit in sausendem Rhythmus der Selbstdrehung und

der Drehung um die Sonne dahinrast. Es gibt schlechterdings vom heutigen

Standpunkte aus nichts Festes mehr, sondern alles ist rhythmisch bis in

die mikroskopischen Skelettgefüge hinein, mehr oder weniger in

schwingender Bewegung, so daß der Unterschied der Aggregatzustände der

Körper, fest, flüssig, luftförmig, sich als ein ganz ärmlicher

Schulmeisterkniff herausgestellt hat, um den braven Faustlehrlingen

statt des Brotes der Wahrheit den Stein gröbster Sinnentäuschung

hinzureichen. Es müßte für einen phantasiebegabten Mathematiker eine

seltsam lockende Aufgabe, wie ein letzter Triumph des mathematischen

Gedankens sein, für jeden sogenannten festen Körper die Idealformel

finden zu wollen, gewissermaßen die unendlich schnell rotierende lineare

Kurve darzustellen, die, um ihre Achse sich drehend, dem Auge nicht

minder wie der tastenden Hand den Eindruck des Körperlichen hervorruft.

Nach _Graßmann_ hat jede auch noch so komplizierte Form, jeder Kristall,

aber auch jede amorphe Gestalt eines Körpers gewissermaßen ihr ideelles

Rotationsskelett, ebenso wie etwa eine Kugel entstanden gedacht werden

kann durch einen Komplex unzähliger konzentrischer Kreise, welche alle

in den verschiedensten Achsen sich um- und durcheinander drehen. Hätte

Graßmann doch die Zeit der elektrischen Analyse der Atombewegung erlebt,

die uns zwingend gelehrt hat, daß tatsächlich alle Eigenschaften der

Stoffe, auch ihre Form, Folgen unendlich variabler, rhythmischer

Atomschwingungen, kleinster symmetrisch bewegter Stoffteilchen, der

aktiven Elektronen, sind! Wir wissen jetzt mit aller Bestimmtheit, daß

durch diese gleichmäßige, bis in das feinste Körpernetz ausgedehnte,

symmetrische Atombewegung Farbe, Gefüge, Aussehen und das ganze Heer der

physischen und chemischen Eigenschaften der Körper bedingt ist. Wir

Modernen wissen also auch, daß der Rhythmus somit auch im Unsichtbaren

oder auch nur Erschließbaren, selbst in der Idee der Dinge seine Macht

entfaltet. Die Wellen, die das Meer aufwirft und am Widerstand der Düne

verrinnen läßt, nur um im mikroskopischen Gefüge des Sandes, der Luft,

der Pflanzen, der Tiere ihren Rhythmus weiter zu spinnen, sie

durchrauschen auch das Meer der Luft, als Licht und Ton, als

Elektrizität und Wärme in unendlich variabler Gestalt, und alles dies

Bewegte, Wogende, Wellende ist nichts als die Urkraft "Äther", von dem

Urwiderstand, in unausdenkbaren Variationen zu kleinsten Körperchen

zusammengeballt oder zerrissen, die wiederum in unbeschreibbar

zahlreichen Bewegungskurven sich untereinander umkreisen und tatsächlich

nicht den Gegenstand stofflich ausmachen, sondern ihn immer kreisend,

rollend, kurven- und wellenbildend jeden Augenblick von neuem bilden. Es

sind Weberschiffchen, goldene Eimer, Tautröpfchen des Alls, die nach

ewigen Gesetzen ihres Daseins Kreise mit Bewegung vollenden, und

zugleich ist hier das Webende das Gewebte, der schöpfende Eimer ist der

Trank, der Tropfen die neue Quelle! Die ganze moderne Elektrizitätslehre

ist nichts als ein Hymnus auf den schwingenden Äther, aus dessen

unendlich variabler Bewegungsschnelle um den Widerstand des Körperlichen

alle Form und alle Bewegung geboren wird. Es könnte dem Denker

schwindeln bei der Vorstellung, daß das Sandkorn mit seinen Milliarden

schwingender Ätherklümpchen nichts mehr und nichts weniger ist als ein

Weltall für sich, ein Weltall mit einem geschlossenen System sich

umrasender Sterne, wenn nicht dieser Gedanke zugleich etwas unendlich

Befreiendes hätte. Es gibt eben kein Groß und Klein in der Welt, die

Sorgfalt des Gesetzmäßigen war nicht um ein Titelchen weniger intensiv

beim Aufbau des Eiskristalles als bei der Komposition des

Planetendiadems um den Edelstein Sonne. Weder im Größten noch im

Kleinsten kennt die Natur eine Begrenzung, und jedes neue

Untersuchungsmittel erweitert nur den Kreis der Probleme nach oben ins

Gigantische, nach unten ins Winzigste! Also sind auch wir, die Menschen,

denen die Sonne Augen schuf, um sie zu bewundern und in ihren Strahlen

Leid und Glück dieser Erde zu beweinen oder zu bejauchzen, also sind

auch wir genau soviel wert und wichtig wie die Sonne selbst, aber auch

das Sandkorn ist ihr und uns gleich wert. Lehrt diese Lehre nicht eine

grandiose Pietät nicht nur gegen das Mitlebende, sondern auch gegen das

Mitunbelebte?

Da es nun also feststeht, daß aus allem Sichtbaren und Unsichtbaren

(alles als physikalisch bewegte Materie gedacht) ein unendlich

komplizierter Bewegungsrhythmus sich gleichsam herauskristallisieren

läßt, da es nun auf der Welt nichts Unbewegtes und nichts Arhythmisches

geben kann, so muß auch das Organische dem Gesetze des Rhythmus in

gleicher Weise unterstellt sein. Und in der Tat ist ja die Lehre von der

Determination nur eine Variation von der rhythmischen Abhängigkeit auch

alles organischen Geschehens vom Rhythmus des Weltganzen. Was wir

Geschick oder Zufall nennen, ist immer nur der Schnittpunkt, wo der

Rhythmus des inneren Lebens mit dem Rhythmus des äußeren zusammentrifft.

Wenn man sagt mit Darwin, das Organische hat sich den wechselnden

Bedingungen angepaßt, so kann man das bis in die gleichsam

mikroskopische Denkweise auch so ausdrücken, daß der Rhythmus der

organischen Substanz in Bewegung sich, um lebensfähig zu sein, stets dem

Rhythmus der Gesamtheit einfügen mußte. Leben konnte also nur bestehen

in gleichsam konzentrischer Einfügung des Einzelrhythmus in den

kosmisch-tellurischen Gesamtrhythmus. Wenn dieser Allrhythmus variierte,

so mußte also auch der Sonderrhythmus folgen, und so löst sich für uns

die Entwicklungslehre auf in eine Lehre von der variablen Hemmung als

eigentlicher Gestalterin der Variationen der Lebenserscheinungen, welche

stets dem Hemmungsfortfall der Weltbewegungen als Ganzes gedacht

unweigerlich folgen mußten und noch müssen. Solche Hemmungsfortfälle und

rhythmischen Variationen sind nun im All und auf Erden durch Versinken

und Erlöschen zahlloser Welten direkt erweislich, und ich bekenne mich

in diesem Sinne ohne Zögern zu einer Art moderner Astrologie, wonach das

Organische sehr wohl seine Bildungsvariationen dem kosmischen Geschehen

verdanken kann und wonach die Form der Lebewesen, die Entwicklung neuer

Arten vielmehr buchstäblich im Himmel beschlossen wird als auf unserem

winzigen Planeten. Der mechanische Weg dieser Abweichungen wird uns

einzig und allein verständlich mit dem Bilde der rhythmischen

Einbeziehung alles Mitbewegten in den Strudel des Weltganzen, der in den

Nebeln des Orion nicht weniger am Werke ist als bei der Bildung einer

Emulsion aus Fett und Wasser oder dem Zusammenrühren einer Mayonaise.

Der Weltallsrhythmus weist auch dem Organischen Pole und Äquator zu und

gibt ihm, seinem eigenen gewaltigen Takte eingefügt, das

stabil-harmonische Gleichgewicht. Zu diesem Gleichgewicht gehört, was

meines Wissens noch nie betont ist, auch die Form, die, wie wir nun

gezeigt haben, ja sich mit Hilfe der Elektronenlehre sehr wohl auffassen

läßt als in direkter Abhängigkeit von der Rhythmik der Atome.

Die gesamte Morphologie wird sich einst auflösen lassen in eine ideelle

Rhythmologie! Wie aber sollen wir uns überhaupt die Rhythmik des

Organischen vorstellen? Wie konnte sich vom anorganischen Kreisen der

Materie, gleichsam gegen den Gesamttakt, die Synkope des Lebens

loslösen?

Nun, die Wissenschaft der Kristallisationen und der Kolloidalsubstanz,

die Chemie der Eiweißvorstufen der Peptone und Albumosen erkennt einen

prinzipiellen Gegensatz zwischen belebter und unbelebter Substanz schon

lange nicht mehr an. Mit Fug und Recht kann man jetzt schon von einem

Kristalleben sprechen, wie von Haß und Lieben der Elemente. Die

Wahlverwandtschaft im _Goethe_schen Sinne ist längst ein chemischer

Begriff, und schon lange hat man das Lächeln verlernt über den alten

_Fechner_, welcher kühn den Sternen und auch der Erde alle Kriterien

lebendiger Wesen zusprach. Aber trotz allem bleibt dem organischen Leben

deutlich ein Sonderrhythmus übrig, der mit der vielleicht nur

scheinbaren Freiheit der Bewegungen der belebten Materie eine

Ausnahmsstellung vom starren und konstanten Rhythmus des Anorganischen

sichert. Möglich, daß keine anderen Gesetze im Organischen walten als im

Unorganischen, eine durchgreifende, prinzipielle Variation des

Kräftekreises muß doch stattgefunden haben, damit die Materie zum

Stoffwechsel, zur Eigenbewegung, zur Fortpflanzung, schließlich zum

Denken gelangte.

Ich will hier der Versuchung widerstehen, ein neues Märchen der

Schöpfungslehre auszuspinnen und es den wundervollen Dichtungen der

Bibel und dem Traum _Goethes_ und _Darwins_, dieser beiden Patriarchen

des Entwicklungsgedankens, anmaßlich anzureihen--um ein Märchen mit dem

Beginn "es war einmal!" kommen wir ja bei den Schöpfungsphantasien nie

herum, denn kein Mensch wird je wie Mephisto ausrufen können: "wir waren

selbst dabei"--: ich will nur auf die Möglichkeit hinweisen, daß ein

Fortfall kosmischer Hemmungen bestimmend gewesen sein kann für eine bis

dahin neue, aber doch im Wesen der allmächtigen Kräfte liegende Variante

kompliziertester Rhythmen, die wir eben Leben nennen.

Unter der Faust der Hemmungen mag sehr wohl das rhythmische Gefüge des

Anorganischen unendlich konzentriert und zu besonders dichter, latenter

Energie in den Stickstoffverbindungen zusammengepreßt, gleichsam zu

einer unendlich komplizierten Kraftspirale aufgezogen und verankert

worden sein, bis dann wieder durch himmlisches Geschehen die letzte

Hemmung der aufgespeicherten latenten Kräfte fortfiel: gleichsam wie

lebendiges Gewürm hervorquillt unter einem erhobenen Stein, wo es zuvor

dem Auge unerreichbar in Fesseln lag, oder wie ein Schlüssel, ein Funke,

ein Schlag, ein Sprung eines Kessels Dinge sind, die aufgespeicherten

Energien Gelegenheit zum Hervorbrausen gewaltiger Spannungen

Veranlassung gibt. Schließt nicht die befruchtende Samenzelle, das

Spermatozoon, am Ei mit goldnem Schlüssel die Hemmungen auf, so daß sich

die verborgenen Wunderwerke des Leibes auftun und emporblühen zu

königlichen Thronen des Lebens und der Gedanken? Schläft nicht alles

Leben im Mutterschoß wie Dornröschen in den Hecken, bis ein einziger

Ritterkuß den hemmenden, bannenden Zauberschlaf hinwegscheucht? In sich

geschlossen, in immer gleichem Rhythmus um sich selber kreisend, liegen

die anorganischen Bausteine wie in einer undurchdringlichen

Zauberkapsel, bis der Keim der Befruchtung eindringt, die Hemmung

aufschließt und sich das Werk vollendet. Was ist denn Zeugung und

Ernährung anderes, als ein ewiger Austausch verschiedenartigster

rhythmischer Spannkräfte auf kleinstem Raum der Zellsubstanzen

zusammengepreßt, ein dauerndes Kartenmischen tierischer und pflanzlicher

Rhythmenträger durcheinander? Was ist Arzenei- und Giftwirkung anders,

als das Eingreifen aufgesammelter, von der Sonne akkumulierter

Spannkräfte in die Rhythmen des organischen Geschehens? Wie kann eine

Außenkraft dem inneren Gefüge anders nützen, als indem sie Schwungkraft

den ermattenden Rhythmen hinzufügt? Das Leben wird nur vom Leben

gepeitscht, getrieben, emporgehoben wie der brodelnde Schaum der

Flüssigkeiten, in die ein Tröpfchen Säure fällt. Auch in chemischen

Verbindungen werden Hemmungsketten fortgerissen, damit latente Kräfte zu

neuen Formenkreisen sich stabilisieren. Ich will das berauschende Bild,

wo Rhythmus sich zum Rhythmus gesellt, um neue Formen hervorzubringen,

nicht weiter ausspinnen, es genügt mir, die Möglichkeit betont zu haben,

daß das Leben nichts ist als eine neue, durch Hemmungsfortfall

ermöglichte rhythmische Wellenform der sogenannten unbelebten Kräfte. In

diesem Sinne kann in der Tat das Leben rhythmisch als eine Synkope des

Weltallrhythmus, als eine Sondertaktbewegung, nur scheinbar losgetrennt

von der Symphonie des Ganzen, definiert werden. Es mag einen langen

Schlaf gehabt haben im ewigen Barbarossagrab: der Felsen brach, die

Hemmung fiel, und die junge Majestät des Organischen stieg auf den Thron

der Erde.

Wenn wir diese Anschauungen in uns lebendig werden fühlen, so muß

natürlich zwingend das Motiv des Rhythmischen in allen Phasen des

menschlichen Betriebes, körperlich und geistig, nachweisbar sein. Es ist

längst bekannt, welche Rolle die Periodizität im Körperlichen und

Geistigen spielt, wie die ganze Summe physischen und psychischen

Geschehens in unserem Leibe und unserer Seele in dauernder Abhängigkeit

vom Rhythmus ist, von dem wiederum gar nicht anders zu denken ist, als

daß er in Harmonie mit dem Welttakte sein muß, um nicht einfach

hinweggefegt zu werden vom Schwungrad des Kosmos, wie ein

Sonnenstäubchen vom wehenden Atem. Ich will niemand behelligen mit der

Aufzählung aller physiologischen und pathologischen Periodizitäten, den

Bedingungen des Pulsschlags und der Atmungszahl, den periodischen

Sekretionen, Schlaf und Wachsein, Pubertät und Adynamie, Ein- und

Ausgabe der Nahrungsmittel, nicht mit der Rhythmik der Schmerzanfälle,

der Krämpfe, der Zuckungen, Wallungen und Blutungen, ich will nur

verweilen bei dem psycho-physischen Grundgesetz des Rhythmischen auch im

menschlichen Leben und will den Mechanismus zu ergründen suchen, auf dem

sich auch dieses psycho-physische Geschehen auf einem Widerspiel

zwischen Aktion und Hemmung, als dem eigentlichen Grunde der Rhythmik,

aufbauen läßt. Ich muß hier bemerken, daß ich alles seelische Geschehen

in Abhängigkeit setze von einer Aktion der Nervenströme und einem

Hemmungsmechanismus, einer Art periodischer Isolation durch die

Neuroglia, bzw. von dem sie durchströmenden Blutsafte, welcher ja nach

_Ritters_ Untersuchungen aus _Biers_ Schule in der Tat stromhemmende,

Nervenerregungen einbettende Kraft hat. Danach ist es leicht, sich

vorzustellen, daß das mit dem Herzpulse einströmende Blut periodisch die

Ganglien außer Kontakt setzt und daß die Pause der Herzbewegung

diejenige Zeit ist, innerhalb welcher die Ganglien Anschlußfreiheit

besitzen. Die Ärzte wissen, welche Rolle Blutmischungsanomalien für die

Art der Anschlüsse im Gehirn spielen, wie ein verdünntes, hemmungsarmes

Blut naturgemäß zu Erregungen und Unruhen, Ängsten und Wahnvorstellungen

und Schmerzempfindungen disponiert; wie Hunger und Krankheit, veränderte

innere Sekretion ein ganzes Heer abnormer Nervenstörungen hervorrufen

kann. Sie wissen alle, wie die Herausnahme der Schilddrüse unter

Überladung des Blutes mit Hemmungssäften, wie bekannt, auch den

geistreichsten Menschen zu einem Idioten machen kann. Wir wissen, daß

die Nebennieren einen Stoff produzieren, welcher selbst auf peripheren

Nerven die allerenergischste Stromausschaltung zuwege bringt, und den

Irrenärzten ist bekannt, wie wichtig ein normaler Hemmungsmechanismus

für den Bestand der Seele ist.

Es kann keine Frage sein, daß, wenn der Blutsaft die ihm von mir

vindizierte Kraft der Ein- und Ausschaltung besitzt, das eigentliche

Wesen der Persönlichkeit, das Temperament eine Frage der rhythmischen

größeren oder geringeren Reaktionsfähigkeit der Nervenzentren sein muß,

daß die Zahl der aufgenommenen Eindrücke and ihre Verarbeitung zu

Vorstellungs- und Willensimpulsen in direkter Abhängigkeit von

rhythmischen Individualitäten sein muß, die wiederum in Abhängigkeit von

der rhythmisch ein- und ausschaltenden Saftfüllung des Gehirns steht.

Der alte Volksglaube von dem leichten und schweren Blute findet hier

also seine durchaus plausible wissenschaftliche Begründung; das

Menschenherz ist nicht nur die grobmechanische Druckpumpe für

Blutbewegungen, es spielt in seinen rhythmischen Zuckungen auch für das

Nerven- und Gemütsleben eine wichtige, wenn auch bisher noch wenig

gewürdigte Rolle. Aber noch in einem ganz anderen Sinne ist die

Herzbewegung der eigentliche Manometer der harmonischen Einstellung des

Nervenlebens in den Gesamtrhythmus aller Erscheinungen. Schon _Ernst v.

Baer_ hat die geistreiche Frage gewagt, wie wohl unsere Wahrnehmungen

sich anders gestalten würden, wenn wir nicht, wie jetzt, in einer

Sekunde etwa zehn Einzelwahrnehmungen zu apperzipieren fähig wären, in

einem Zeitraum, der durchschnittlich genau übereinstimmt mit dem Ablauf

eines Herzpulses, und er hat plausibel gemacht, daß schon die Fähigkeit,

innerhalb einer Sekunde etwa 30 Beobachtungen machen zu können, uns

zwingen würde, das ganze Weltbild anders zu sehen. Wir würden die

Flintenkugel als einen Strich, alle Himmelskörper als leuchtende Kreise

wahrnehmen können, und würden von jedem Sinne her der Welt als total

anders erkennende Wesen gegenüberstehen. Wir können jetzt hinzufügen,

daß wir schon mit bloßem Auge die festen Gegenstände nicht mehr als fest

bezeichnen könnten, sondern daß wir etwas von ihrer innerlichen,

rasenden Bewegung wahrzunehmen vermöchten. Wir sind also mit unserm

rhythmischen Spiel von Puls- und Nervenaktion einerseits und

Sinneseindrücken andererseits so in den Rhythmus des Ganzen eingestellt,

daß unser Harmoniegefühl direkt abhängig ist von diesem rhythmischen Maß

unserer Wahrnehmung in Sekunden. Natürlich erklärt sich auf diese Weise

am einfachsten das "Zeitliche" im Begriff alles Rhythmischen. _Zeit ist

eben die mit dem Maß unseres eigenen rhythmischen Wahrnehmens gemessene

und empfundene Bewegung des Alls._ Das führt uns direkt zu einem

Verständnis des _Ästhetischen_.

Wir haben nur von denjenigen Rhythmen der Außenwelt den Eindruck des

Lebenfördernden, Erhebenden, Daseinsteigernden, welche sich dem Rhythmus

unserer inneren Aktionen harmonisch einfügen, richtiger, sofern wir sie

in uns harmonisch zu verschmelzen imstande sind. Daseinsteigernd im

ästhetischen Sinne sind eben nur diejenigen Rhythmen, welche unserm

persönlichen Sinnesrhythmus synchron zu verbinden sind bzw. ihn ohne

Widerstand und Disharmonie zu erhöhen imstande sind.

Das schließt nicht aus, daß auch der Konflikt der Rhythmen außer uns mit

denen in uns als Kontrastempfindung nach vollzogenem Ausgleich

lusterhöhend, doch nur indirekt wirken kann, aber im allgemeinen ist zu

einer ästhetischen Freude die Einfügung der lusterweckenden Rhythmen in

den Rhythmus unserer Nervenströme unerläßlich. Insofern hat alles

deutlich erkennbar Rhythmische einen erheiternden, erhebenden,

freudewirkenden Einfluß, überall besteht ein geheimes Verhältnis seiner

Schwingungszahl zur Schwingungszahl unserer Nervensubstanz, mag das nun

an einer schöngeschwungenen Linie, an einem Akkord, an einer

Farbengebung, an einem Wohlgeruch oder an einem Hautgefühl sich

betätigen. Die Rhythmen der schönen Dinge müssen einfügbar sein in die

Rhythmen unserer Sinnesschwingungen, um ästhetisch zu wirken, das ist

das Grundgesetz der Kunst, so variabel für den einzelnen, weil eben

diese innenwirkende Schwingungszahl eine durchaus persönliche Gleichung

ist. Ist in diesem Verhältnis doch auch der eminente Einfluß alles

Rhythmischen, seine suggestive Übertragbarkeit begründet. Der Redner,

der Dichter, der Schauspieler reißt mich darum in seinen Bann, weil dem

Schwungrad seiner Begeisterung alle meine Seelenräder sich im geheimen

Gleichtakt einstellen, und ich bin im Bann eines jeden Menschen, dessen

seelische Schwingungen mich gleichsinnig zu bewegen imstande sind. Die

ganze Macht der Imitation, ja der Ähnlichkeiten, beruht auf diesem

Einstellungsverhältnis zwischen Außenwirkung und Innenbewegung. Und

fragen wir, auf welchem Wege diese Rhythmusakkomodation sich abspielt,

so gibt es nur einen erkennbaren Weg des Ausgleiches zwischen

Wahrnehmung und innerer Anpassung, der ist die Marconiplatte des Nervus

Sympathicus, dessen enormen und oft blitzartigen Einfluß auf

Herzbewegungen und Gefäßspannungen die Ärzte lange kennen. Hat aber die

Herzbewegung Einfluß auf unsere Ein- und Ausschaltungen im zentralen

Nervengebiet, so ist der Kontaktkreis geschlossen: der sympathische

Außenweltrhythmus erhält seine rhythmische Konsonanz im Innern. Die

Vorgänge sind also viel mechanischer, als man gemeinhin anzunehmen

geneigt ist. Ein zündendes Wort, eine schlagende Formel, eine leuchtende

Wahrheit hat oft die Kraft, unser ganzes Innere blitzartig zu erhellen,

weil sie Spannkraft genug hat, die schlummernden Wellen unserer Seele

mit rhythmischem Lichte zu durchbrausen. Dem metrischen, schön gefügten

Wortreiz liegt oft eine verborgene Harmonie zu unserem Atmungsrhythmus

zugrunde, und es wäre eine dankbare Untersuchung, festzustellen, wie aus

den möglichen Atmungsvarianten sich die Versmaße herleiten lassen. Ist

doch nicht, wie _Bücher_ meint, die Arbeit der Vater des Rhythmus und

der Musik, sondern ist doch vielmehr der Rhythmus der Arbeit mit dem

typischen Niederschlag des Hammers in der Exspirationspause, also beim

Ausatmen, und das Ausholen beim Einatmen eben die direkte Folge des

Atmungsrhythmus, so daß dieser selbst für Melodie und Rhythmus des

Gesanges den Ursprung bedeutet. Rhythmus und Arbeit sind beides nur

Funktionäre unserer Atmungsmechanik, die Cäsuren einer Melodie sind

ursprünglich die naturgemäßen Pausen zum Atemholen.

Wir wissen, daß es Schwingungen der Luftwellen gibt, welche von einer

solchen rhythmischen Schnelligkeit sind, daß wir sie mit dem Ohre allein

nicht wahrnehmen können. Wir hören nicht mehr das Geigenspiel gewisser

Zikadenarten, trotzdem es mit Kunsthilfe wahrnehmbar und berechenbar

ist, ähnliches mag bei vielen anderen Sinneswahrnehmungen der Fall sein,

so daß schon aus diesen Tatsachen der Satz sich herleiten läßt, der

Rhythmus unserer Nervenschwingungen übermittelt uns nur einen Teil der

Weltallsrhythmen, und dieses Verhältnis läßt uns die Möglichkeit nicht

von der Hand weisen, daß es Menschen mit einer Feinheit der

Sinnesrhythmen geben mag, welche mehr Dinge wahrnehmen, als der

Durchschnitt.--Haben wir bisher im wesentlichen die rhythmischen Wogen

betrachtet, welche von den brausenden, chaotischen Kraftwellen stammen,

die die Außenwelt gegen die seelischen Gestade wirft in nimmer ruhendem,

vom Weltallsodem gepeitschtem Wogenspiel, so bleibt uns noch übrig, dem

rhythmischen Hin- und Hergleiten der inneren, scheinbar aus eigenem Herd

geborenen, summenden und kreisenden Nervenspindeln zu lauschen. War

schon der Mensch als organisches Wesen in seiner Gesamtheit aufzufassen

als ein System rhythmischer Durchflutungen für sich, abgetrennt vom

Kraftspiel der anorganischen Masse, so ist noch viel mehr seine Seele

eine für sich und vielleicht einzig dastehende, still verschlossene

Kammer wunderbaren rhythmischen Spiels, die ihn in eigener Weise

befähigt, mit den Eindrücken der Außenwelt innen frei zu schalten und zu

walten. Haben nicht auch diese seine der Phantasie zugeborenen

Tätigkeiten ihre offenbare, zwingende Beziehung zur Rhythmik? Ist nicht

eigentlich die Phantasie die Gabe, sich mit allen seinen Gedanken in den

Rhythmus des Andern außer uns, sei es Mensch, Tier, Pflanze oder ein

Unbelebtes, selbst ein Gedachtes, hineinzuversetzen? Wo wäre der

Künstler, der einen Gegenstand voll und überzeugend darzustellen

vermöchte, wenn er nicht zuvor völlig eins geworden wäre mit dem

Rhythmus und der Wesensart des Darzustellenden, der nicht aufjauchzte,

wenn er sein eigenes inneres Empfinden, die Schwingungen des

persönlichen Ichs verschmelzen fühlt mit dem erschauten Objekt? Das ist

aber nur möglich, wenn er gleichschwingend den Einklang fühlt, in dem

der Rhythmus des Gegenstandes mit der eigenen inneren Rhythmik

verschmilzt. Sich "hineinversetzen" heißt doch nichts anderes, als sich

das Gefühl des Anderen und sei es eines Gegenstandes einzuverleiben mit

Hilfe der Phantasie und so selbst Lebloses mit dem Strom des eigenen

Lebens betrachtend zu erfüllen. Wehe dem Künstler, der nicht rhythmisch

verschmilzt mit dem Objekt, das er darstellen will: er muß ein Stein

sein können, wenn er ihn malt, eine Blume, wenn er ihres Kelches

Schönheit herbeizaubern will, ein Kind, wenn er sprechen will, wie

Kinder sprechen, und eine Wolke, wenn er mit ihr seine Lieder wandern

lassen will. Der echte Künstler steckt in Woge und Wald, die er malt,

ist König und Bettler, wenn er sie darstellt, hat ihren Stolz und ihren

Hunger, trägt ihren Szepter und ihren Bettelstab.

Wie reich macht doch die Phantasie, indem sie den Verwandlungsmantel

über unsere Seele legt, so daß schlechterdings nichts unerreichbar wird!

Aber auch der Wissenschaftler, der Entdecker und der Erfinder wird

niemals zu neuen Offenbarungen gelangen, wenn nicht die Intensität

seines Einfühlens in die Materie ihn befähigt, den Rhythmus des zu

Schauenden bis zu dem geheimen Motor der kreisenden Atome zu erfassen

und das Geschaute auch anderen, weniger Einfühlungsfähigen zu

übermitteln. Wo wäre der Redner, der Erzieher, der Prophet, der wirken

könnte ohne diese rhythmische Durchdringung seiner Lauscher, ohne die

Fähigkeit Strudel der innersten Bewegung zu erzeugen, in welchen

Zweifel, Furcht, Eigenliebe versinken, wie Holzstückchen in den

gurgelnden Schlund! Wie wäre eine Ethik denkbar, die sich nicht den

Rhythmus des höherstehenden, anbetungswürdigen Ideals zu eigen machte,

das uns die Phantasie als lockendes Ziel eines königlichen Gefühls der

inneren Harmonie vorhält?

Wie könnte man Liebe erwecken, wenn nicht ein Gleichstrom siegenden

Wollens die Geliebte mit berauschendem Wort in den Feuerstrom

entfesselter Leidenschaften hineinrisse?

Ich bin am Ende meiner Ausführungen. Wollte ich alle Beziehungen des

Rhythmischen zur Seele auch nur aufzählen, so würde wohl kaum ein Gebiet

seelischer Aktionen unerwähnt bleiben. Ich muß mich mit diesen kurzen

Andeutungen begnügen.

Der Rhythmus ist der Allbeherrscher alles physischen und psychischen

Geschehens. Der Puls des Universums schlägt in allem, was ist und lebt.

Das Gehirn der Menschen ist ein Gestade nur, das er mit ewigem

Wellenliede umrauscht, eine Harfe nur, auf der er seine Sonnenlieder und

Schattenklagen singt, ein Prisma nur, durch das seine hellen und dunklen

Lichtwellen zitternd jagen und das, vielgestaltig und zu buntem

Strahlenbüschel zerstreut, den umgeformten Rhythmus wieder in das All

zurücksendet. War Rhythmus der Pendelschlag von Kraft und Hemmung, so

ist die Seele ein diesem Pendelspiel spezifisch eingeschalteter,

organischer Widerstand. Nicht die Lebenskraft ist das Besondere, der

Kraft kann noch unendlich viel Wunderbareres vorbehalten sein als der

Menschengeist,--sondern die eigentümliche Hemmung, die die Weltkraft

zwingt, sich in uns so rätselhaft zu spalten, ist der Gegenstand

wissenschaftlicher Betrachtung. Wo sich die Weltkraft entzündet an der

atomistischen Reibefläche des Organischen, da blitzt das Leben auf und

erlischt wie der Meteorstein, der aufglüht, wenn sein Sturz ins Chaos

hineingerät in die sausenden Rhythmen der irdischen Atmosphäre.

HUMOR

Die Menschheit hat stets um so mehr Worte über eine Angelegenheit

gemacht, je weniger sie von ihr begriff. Und die Wissenschaft, diese

bedächtige Frau Registratorin, die alles Menschliche, fein säuberlich zu

Millionen Aktenbündeln geordnet, in den Schubfächern der öffentlichen

Bureaus einer königlichen Logik aufbewahren läßt, um nur hier und da die

Aktenstöße anders zu gruppieren und dabei viel Staub aufzuwirbeln,

bezeugt, was jeder Katasterbeamte schon lange weiß: je dunkler ein

Prozeß ist, desto höher türmen sich die ihn behandelnden Dokumente. So

kann ich denn auch nur die Manuskriptensammlung derer, die sich den Kopf

über die drolligste Sache der Welt, über das Lachen, zerbrochen haben,

um ein Exemplar vermehren, natürlich ohne jeden Anspruch, damit den

Zauber von dem neckischen Spiel der Seele zu nehmen oder gar das heilige

Lachen als einen ganz profanen Vorgang zu entlarven. Ich will nur

versuchen, einige Gesichtswinkel zu zeichnen, unter denen man den Humor

und die humoristischen Zustände von einer Seite beleuchten kann, die

vielleicht neu und reizvoll genug ist, um die Aufmerksamkeit derer, die

schon über diese Dinge nachgedacht haben, vorübergehend festzuhalten.

Dabei muß ich verzichten, nach wissenschaftlicher Autoren Art die lange

Reihe der geistigen Väter von vor und nach Christi Geburt, die einmal

über dasselbe Thema gestolpert sind, herzuzählen, um endlich zu einem

eigenen Körnchen Wahrheit zu kommen, das ich in den literarischen

Riesenscheffel hineinzuwerfen entschlossen bin.

Die meisten bisherigen Arbeiten über den Humor, diese "lachende Träne",

über das "umgekehrt Erhabene" (Jean Paul), über die "realästhetische

Gestalt des Metaphysischen" (Bahnsen), über die "Kontrastempfindung"

(Kant) usw. scheinen mir an dem kardinalen Fehler zu leiden, das

Psychische bei dieser Form der Gemütsverfassung vor dem rein physischen

Akt der Humorsäußerung, in Summa dem Lachen in allen Formen,

unberechtigt weit und vorschnell in den Vordergrund geschoben

zu haben. Was uns zunächst nottut, ist eine genügende, rein

physiologisch-funktionelle Definition der Vorgänge im Gehirn und im

Muskelapparat, die eine humoristische Stimmung hervorrufen und

begleiten. Eine rein mechanische Betrachtungsweise der materiellen

Vorgänge im Seelenorgan gibt erst eine einigermaßen sichere Basis, von

der aus auch das rein Seelische im Humor überschaut werden kann. Ich

will daher mit einer Analyse der allgemein üblichen Ausdrucksform

humoristischer Zustände beginnen, dem Gelächter. Erst nach einer

Darstellung vom Wesen des Lachens in allen seinen offenen und

versteckten Arten kann es möglich sein, auf das in der Seele einen

Rückschluß zu machen, was diese besondere Form unserer bebenden

Atmungs- und Zwerchfellstätigkeit veranlaßt.

Nach der trockenen und kategorischen Ausdrucksweise der Physiologie ist

das Lachen eine automatische, direkt nicht dem Willen unterliegende,

rhythmische Muskelaktion im Gebiet der Atmungstätigkeit, begleitet von

gewissen mimischen Funktionen der Gesichtsmuskeln und besonderen

Gemütszuständen. In der Tat: das herzhafte, reine, typische Gelächter

ist durchaus unwillkürlich und nur schwer durch Willenstätigkeit zu

hemmen, wie unsere Erfahrungen noch von der Schulbank her beweisen: "Zu

lachen ist am schönsten, wenn man es nicht darf." Da kommt es zu ganz

explosiven, gewaltsamen Ausbrüchen des Vulkanes über unserm Zwerchfell,

deren Unwillkürlichkeit etwas Verblüffendes, Elementares, Unhemmbares an

sich trägt. Es ist also eine affektive, von dem Willen unabhängige, von

dem jeweiligen Gemütszustande erzwungene, rhythmisch-muskuläre Handlung,

wie sie ähnliche unter weniger erfreulichen Umständen die Ohrfeige, der

Dolchstoß, der Faustschlag, oder aber das Gähnen, das Niesen, das Husten

sind. Das Zentralorgan erleidet etwas, das, wie wir sehen werden, in

einer besonderen Spannung von Vorstellungen besteht, deren Umsatz in

unhemmbare Muskeltätigkeit ebenso vor sich geht, wie die Tabaksprise

in der Nasenschleimhaut zu einer allmählich zentral ausgelösten

Reizhöhe führt, d.h. die Nase kitzelt, bis ein Orkanstoß der

Ausatmung unwillkürlich sich erhebt, mit dem Zweck, die lästigen

Naseneindringlinge an die Luft zu setzen. So gibt uns der Humorist

gleichsam eine geistige Prise, die durch eine Lachsalve ausgeniest

werden muß. Gute Erziehung und große Energie vermögen zwar hier und da

diesen psychischen Nieseffekt zu unterdrücken, aber die Seele ist

verschnupft, wenn sie von ihrem angestammten Naturrecht, sich herzlich

auszulachen, keinen Gebrauch machen kann. Ist so die gewöhnlichste Form

des Lachens eine passive, so werden wir auch gleich Modifikationen

kennen lernen, bei denen das Lachen einen direkt aktiven, aufreizenden,

provozierenden Charakter, wie im höhnischen Angriff, gewinnt. Betrachten

wir zunächst eine Person, die _unwillkürlich_ lachen muß. Was tut sie?

Unter Nackenstellung des Kopfes, bei geöffneten Nüstern, breiter

Mundstellung, zugekniffenen Augen und unter Inanspruchnahme sämtlicher

Atmungsmuskeln, auch der auxillären, der sogenannten Reservemuskeln für

besonders ausgiebige Atmung, vollzieht sich an ihr schnell

hintereinander: erst eine tiefe Einatmung, eine unwillkürliche

sogenannte Inspiration, dann verharrt sie einen kurzen Augenblick auf

der Höhe dieser Funktion, d.h. gleichsam erwartungsvoll hält der

Betreffende mit der Atmung inne; diese setzt für eine Sekunde aus (wobei

weder aus- noch eingeatmet wird), etwa wie der Sänger, der vor dem

Einsatz seine Lungen voll Luft gepumpt hat, wartet, bis er den Strom

durch den Kehlkopf passieren läßt. Hat dieser Zustand der

Vollbereitschaft der Lungen zur Entladung eine kurze Zeit gewährt, so

schließen sich die Stimmbänder krampfhaft zu, und nun folgen unter

rhythmischen Zwerchfellszuckungen periodische Sprengungen der

Stimmritze, wobei die beiden festgeschlossenen Stimmbänder durch

die Blasebalgstöße, die das Zwerchfell auf die gefüllten Lungen

ausübt, Zug um Zug gezwungen werden, nachzugeben. Die Glottis, der

Stimmbandverschluß, wird gesprengt; und, immer von neuem sich krampfhaft

schließend, bringen wiederholte Zwerchfellerschütterungen sie zu immer

neuer Explosion. Dabei steht der Schalltrichter oberhalb des Kehlkopfes,

also der Rachen, die Mundhöhle, der Zungengrund, in sogenannter größter

Resonanzstellung, d. h. in maximaler Weite; um mit den Gesangslehrern zu

sprechen, in A-Stellung. Darum ist die Grundvokalisation des Lachens ==

a vorhanden, und der Hauch der ausgepreßten Luftstöße macht daraus ha,

ha, ha! Diese Lachresonanzist individuell verschieden durch persönliche

Rachen- und Gaumenbildung, ist abhängig von der Resonanz eines

kleinen oder großen Kehlkopfes, von dessen Tief- oder Hochstand. So

nuanciert ein heller Tenortimbre das ha, ha zu hae, hae; und das

Schneider-meck-meck-meck ist durchaus der Ausdruck der fadenscheinigen,

zart gebauten Konstitution dieses Ritters von der Nadel, wie das tiefe

Bariton-Ao der Wucht des Schmiedes und dem Ernst des Priesters eigen

ist. Die helle Kopfstimme der Kinder und der Frauen schafft das

Silberlachen der Soprane, das süß wie Zauberglöckchen klingen kann, und

die tiefe Resonanz der Altistinnen ergibt, ebenfalls aus dem Bau der

individuellen Klangbildner, den weihevollen sonoren Timbre, in dem sich

Stolz mit schluchzender Wehmut paart. Dieses Spiel der Einatmung,

Verharren auf der Atmungshöhe, stoßweise Ausatmen unter Glottissprengung

und Vokalklang bei gleichzeitiger Beteiligung mimischer Aktion:

Mundöffnung, A-Stellung der Lippen, Winkel- und Grübchenbildung der

Wangen, Nüsternspiel, Augenschluß und Tätigkeit aller auch bei der

Atemnot mobilen Hilfsmuskeln, wiederholt sich in schneller Folge

mehrmals hintereinander, bis oft nur der physische Schmerz der

malträtierten Leibespresse Einhalt gebietet: "Hören Sie auf, ich kann

nicht mehr, ich platze." Dabei ist zu bemerken, daß Tränenstrom nicht

allzu selten diesen die höchste Lebenslust betätigenden Akt begleitet.

Wie merkwürdig: höchste Lust und das Symptom des Schmerzes verbunden in

einer Funktion! Wir werden sehen, wie diese Brüderschaft von Freud und

Leid beim Lachen ein Wegweiser zum Verständnis des ganzen Vorganges

werden kann. Es ist nicht Zufall, daß man weint, während man lacht. Hier

steckt einer der Schlüssel zum Verständnis des Humors.

Halten wir zunächst fest: das Lachen ist ein automatischer Vorgang, eine

affektive Handlung rhythmisch-muskulärer Atmungstätigkeit. Welche

Stellung hat dieser Vorgang im Haushalt physischer Arbeit?

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