IV.

Shanghai.

Am 12. April rasselte der Anker herab. Anfangs glaubten wir die große

chinesische Hafenstadt Shanghai vor uns zu haben, es war aber nur das

kleine Städtchen Wu-sung, das an der Mündung des Yantsekiang liegt; eine

halbstündige Dampfbootfahrt auf dem Wusungflusse, einem sehr breiten,

tiefen Nebenflusse des Yantsekiang, war erforderlich, wenn wir Shanghai

besehen wollten. Da der Dampfer eine große Ladung einzunehmen hatte

und es uns infolgedessen vergönnt war, den ganzen folgenden Tag hier zu

verweilen, so verzichteten wir auf die Bootfahrt für heute und zogen

es vor, an Bord zu bleiben, um morgen in aller Frühe mit desto

größerem Genuß einen Streifzug auf dem Land unternehmen zu können. Wir

betrachteten vom Schiff aus mit Erstaunen den riesengroßen Strom, dessen

mächtige, sich weit erstreckende Mündung eher den Namen eines Meeres

zu verdienen scheint. Mehr noch als diese gewaltige Breite setzt den

Fremdling etwas anderes in Erstaunen: die schmutzig-gelbe Flut. Die

beiden Ufer, die infolge der großen Entfernung kaum sichtbar sind,

machen die graue Wasserwüste nur noch grauer. Schon der alte chinesische

Ausdruck »Shitoku«, d. h. die vier Unsauberkeiten, womit man die vier

größten Ströme Chinas, den Kasui, Kosui, Waisui und Shisui, bezeichnet,

beweist, daß ihr Anblick selbst den eingebornen Chinesen seit

Jahrhunderten her nicht gerade angenehm war. Mit Kasui wird Hoangho oder

der gelbe Fluß, mit Kosui der Yantsekiang, mit Waisui der Whaiho und mit

Shisui der Shuho bezeichnet. Das chinesische Sprichwort: »Hundert Jahre

warten, bis die gelbe Flut klar wird,« womit man die Unmöglichkeit

einer Sache bezeichnet, läßt uns annehmen, wie außerordentlich trübe

und unrein die Schlammflut sein muß. Daß die Chinesen in den Strömen

das Symbol des Unsauberen und Widerwärtigen, des Schmutzes und Abscheus

sehen, ist sehr charakteristisch.

Wenn es richtig ist, daß der Charakter der Menschen von der ihn

umgebenden Natur beeinflußt wird, so kann man sich nicht wundern, daß

sehr viele Söhne des Reiches der Mitte so schmutzig sind. Sollten die

beiden hervorstechenden Züge im Charakter der Chinesen: Unsauberkeit

und Gewinnsucht, welche beide untereinander wieder in einem engeren

Zusammenhang stehen, nicht in dem grauen, den Schmutz und Staub aller

Jahrhunderte aufwühlenden Wasser ihren Ursprung haben? Wie der Strom --

so das Volk! Und welch ein erhebendes Gefühl nun, wenn wir damit

unsere heimischen Gewässer vergleichen, wo jeder Bach, Fluß oder See

durchsichtig wie ein Krystall ist und so rein und ungetrübt sich hält,

daß man bis auf den Grund sehen kann. Und so sind auch die Menschen. Bei

uns ist die Reinlichkeit und Sauberkeit eine der größten Tugenden, die

den Bürger zieren, und mit dieser Tugend verknüpft sich auch eine Reihe

von schönen Eigenschaften, wie z. B. jene unsrem Volke so eigentümliche

Freigebigkeit, die kein Opfer scheut und die schnöde Gewinnsucht

verachtet.

[Illustration: Pagode bei Shanghai.]

Während wir so im Freundeskreise unsere Meinungen austauschten, wurde

uns ein Besuch gemeldet: Ein Herr N. vom Kajimayoko in Shanghai. Dieser

Herr war eigens an Bord gekommen, um uns zu einer Besichtigung von

Shanghai abzuholen. Da wir aber, wie bereits erwähnt, den Besuch der

Stadt auf morgen verschoben hatten, so blieb er die Nacht bei uns an

Bord zu Gast.

Am nächsten Morgen früh fuhren wir mit einem Dampfer stromaufwärts; bald

tauchten die beiden flachen Ufer des Wusungflusses als schmale Streifen

am Horizont auf. Allmählich kamen wir näher und nun konnten wir die

Umgebung genauer ins Auge fassen. Auch hier ein ödes trostloses Grau,

das mit dem Flusse zu wetteifern scheint. Das einzig Grüne, das sich

grell von dem Grau abhebt und unsere Augen einigermaßen erfreut, ist die

Flußweide, die hier zwar nicht kräftig, doch hinlänglich gedeiht. Weiter

oben lassen sich hier und da regellose Gebäudemassen erkennen, aus denen

einige hohe Häuser mit ihren freundlichen Fenstern uns entgegenleuchten.

Nach dreiviertelstündiger Fahrt kamen wir endlich in Shanghai an. Der

Wusungfluß ist hier 400 bis 500 Meter breit und so tief, daß er imstande

ist, Schiffe von bedeutendem Tonnengehalt zu tragen, so sahen wir hier

zu unsrer großen Freude das japanische Kriegsschiff »Maya« und weiter

hinten einen Dampfer »Hakuaimaru«, der in Diensten des japanischen

Roten Kreuzes steht und zur Zeit des japanisch-chinesischen Krieges als

Hospitalschiff gute Dienste geleistet haben soll, vor Anker liegen.

Noch einige Kriegsschiffe und mehrere Postdampfer, welche zum Teil

den Engländern gehörten, waren sichtbar und gewährten einen imposanten

Anblick. Hoch auf dem Mast des »Maya« flatterte die Toppflagge mit der

lieblichen Sonne uns entgegen. Das Gefühl, fern der Heimat in einer

fremden Welt unsere Flagge zu erblicken, ist in der Tat etwas, was das

Herz erhebt; der edle Stolz, der uns innewohnt, ein Angehöriger des

schönen Landes zu sein, der nationale Gedanke, von welchem jeder

Patriot so sehr beseelt ist, begeisterten uns, wir schwangen die Hüte,

schwenkten die Tücher und begrüßten so unsere Flagge, und unser lautes

Hurra wurde von den auf den Rahen stehenden Matrosen freudig erwidert.

Unsere Marine, die sich in den letzten fünf Jahren außerordentlich

schnell entwickelt hat, weiß sich in ihrer jetzigen Gestalt fern und nah

Achtung und Geltung zu verschaffen, was aber diejenigen, die zu Hause

kauern und der Ruhe pflegen, leider nicht gewahr werden. Auch ich

gehörte einst zu jenen, auch ich war der Meinung, daß es töricht sei,

gerade für das unproduktivste Glied eines staatlichen Körpers -- für

Militär und Marine -- die meisten Mittel zu bewilligen; bei diesem

Anblick fühlte ich mich aber nicht wenig betroffen und aus der Kehle

drang mir unwillkürlich der Ruf: »Unsere Marine lebe hoch! hoch! hoch!«

in den meine Gefährten fröhlich einstimmten.

[Illustration: Der »Bund« in Shanghai.]

Oberhalb des kaiserlich japanischen Konsulatgebäudes landeten wir und

bestiegen drei elegante Equipagen. Der erste Besuch galt dem Kajimayoko.

Bald wurden wir mit den bei dieser Firma angestellten Landsleuten

bekannt, schrieben Briefe, Ansichtskarten u. s. w. und fuhren dann

mit unserem Begleiter in die Stadt. Diese bedeutendste Handels- und

Hafenstadt Chinas, welche durch viele Flüsse und Kanäle mit den Seen im

Innern, dem Kaiserkanal und dem Yantsekiang in Zusammenhang steht und

ca. 500 000 Einwohner zählt, wurde vor etwa sechzig Jahren von den

Engländern erobert und dem Fremdenverkehr übergeben. Bald darauf wurde

der Hafen auch für den auswärtigen Handel eröffnet, und seitdem ist

die Stadt in raschem Aufschwunge begriffen. Sie zerfällt in zwei

verschiedene Teile, nämlich in die Altstadt Shanghai, die eigentliche

Chinesenstadt, wo das Gouvernement liegt, und in die Neustadt oder die

Fremdenstadt.

[Illustration: Das »Iltis«-Denkmal in Shanghai.]

Es war dies das erste fremde Land, das ich betrat. Entgegen den

Vorstellungen, die wir von Haus mitgebracht hatten, machte die

Neustadt einen außerordentlich einladenden, modernen Eindruck. Sie ist

verhältnismäßig weitläufig gebaut; die Häuser stehen nach dem Strome zu

in dichten Reihen nebeneinander, nach der Innenseite zu aber werden sie

lichter. Sie sind zum Teil aus Steinen hoch aufgebaut, die Straßen

sind größtenteils gepflastert, ziemlich breit und teils mit Trottoirs

versehen. Besonders schön ist der sogen. »Bund«, von den Chinesen

Wan-poutang genannt, eine Straße, welche am Wusungflusse entlang führt

und größtenteils von Engländern bewohnt wird. Hier erhebt sich eine

Reihe stattlicher Gebäude: der englische Gerichtshof, der englische

Klub, mehrere Konsulate, Banken u. s. w. Auch mehrere japanische Firmen,

wie die Filiale der Yokohama Speciebank, die der Nippon-Yusenkaisha und

noch einige andere, sind hier zu finden. Der Speciebank gegenüber sehen

wir auf einem frischgrünen Rasenplatz des Parkes das deutsche

»Iltis«-Denkmal. Dieses sehr schöne Monument, das zum Andenken an den

heldenhaften Untergang der »Iltis«-Mannschaft errichtet wurde, besteht

in der Hauptsache aus einem metallenen abgebrochenen Mast, dem der Rest

des »Iltis«-Wracks als Modell gedient hat.

[Illustration: Personenkarren in Shanghai.]

Die sogenannte French Town, dann die britische, amerikanische und

Hang-kou Settlements liegen der Reihe nach nebeneinander. Hohe massive

Häuser, teils in englisch-indischem Baustil aufgeführt, und prächtig

ausgestattete Verkaufsläden mit Schaufenstern reihen sich aneinander;

auch Kirchen mit hohen Türmen ragen empor und laden mit ihrem ernsten

feierlichen Glockenklang die Andächtigen ein. Die Straße ist äußerst

belebt: vornehme Damen in modisch feiner Tracht, elegante Herren im

hohen Cylinder gehen und kommen; zahllose Equipagen und Droschken rollen

hin und her; dazwischen drängen sich seltsame, von keuchenden Chinesen

geschobene Personenkarren und leichte Fahrräder; unter Trommelschlag

und Musik marschieren die Soldaten, japanische, englische, französische,

alle in den Uniformen ihrer Nation, schwarz, blau, grau etc. angezogen

-- ein buntes Bild, von dem sich die Augen schwer trennen können (wegen

der Wirren in Nordchina waren Truppen verschiedener Nationen in Shanghai

einquartiert). Wie wir so dahinfuhren, wähnten wir fast, wir seien

schon in der uns vorderhand noch fremden Welt einer europäischen Stadt;

indessen mahnten uns die Chinesen daran, daß wir uns noch nicht weit von

unserer Heimat entfernt hatten.

[Illustration: Englische Kavallerie in Shanghai.]

[Illustration: Straße in Shanghai.]

Wir fuhren durch einige Straßen der Neustadt, wo zu beiden Seiten

viele chinesische Verkaufsläden stehen, und hatten Gelegenheit, das

Straßenleben der Chinesen in Augenschein zu nehmen. Die Straßen

sind ziemlich schmutzig, voller Lärm und Gedränge. Die Häuser sind

größtenteils aus Holz gebaut und mit grellen Farben angestrichen; rot,

die Lieblingsfarbe der Chinesen, wiegt vor, es findet auch grün und gelb

große Verwendung. Aus den Fenstern sieht man hier und da Wäsche,

alte Kleider u. dergl. herunterhängen, die, über den Häuptern der

Vorbeigehenden gemächlich flatternd, zu dem Schmuck der Stadt in

seltsamer Weise beitragen. Die Verkaufsläden sind meist offen und

am Eingang hängen Schilder von verschiedener Farbe und Form, worauf

allerlei Worte, meistens langatmige Erklärungen oder großsprecherische

Lobpreisungen des zu verkaufenden Gegenstandes, zu lesen sind. Als

Einfuhrartikel werden Opium, Wolltuche, Metalle, Lampen, Uhren,

Zündhölzer, Petroleum u. s. w., als Ausfuhrartikel Seide, Tee,

Baumwolle, Felle, Schweinsborsten, Strohgeflechte, Talg u. s. w.

gehandelt.

[Illustration: Chinesischer Schuhmacher.]

Unter den Verkaufsläden trifft man auch nicht wenige, in denen Fett-

und Eßwaren feilgeboten werden; auch getrocknete Fische, Gemüse, Früchte

u. s. w. liegen lockend ausgebreitet zum Verkauf. Hier drängen sich

viele Käufer, Städter wie Landleute, grell geschminkte Frauen in

bunten Gewändern, geputzte Männer mit langen Zöpfen, jeder nach

seinem Geschmack gekleidet. Ferner findet man auch manch' schöne,

nach europäischem Muster eingerichtete Häuser mit Schaufenstern, die

einheimische wie importierte Fabrikate bergen und wo man wirklich

gute Waren beziehen kann; aber im allgemeinen haben die chinesischen

Kaufläden und das Straßenleben, wie lebhaft sie auch den neugierigen

Augen eines Fremden erscheinen mögen, ein düsteres, träges und

unsauberes Aussehen.

Wir fuhren nun geradenwegs durch die Straße Damaro, auch Nankinro

genannt, zu deren Seiten sich die meisten eleganten Verkaufsläden,

europäische und chinesische, vorfinden, und gelangten in den Lustgarten

Gu-En[1]. Dieser Garten, den der Besitzer vielleicht aus Bescheidenheit

so genannt, sollte wahrhaft wundervoll angelegt sein, aber leider war er

nicht imstande, japanische Augen zu erfreuen; da er weder etwas

Schönes noch Neues bot, so verlohnt es sich nicht, ihn ausführlich

zu beschreiben. Ein paar Baumgruppen, deren fahles Grün nicht gerade

anziehend wirkt, ein altes Gebäude chinesischen Stils, das so aussah,

als wäre es nie mit einem Besen in Berührung gekommen, ein kleiner Teich

mit trübem Wasser, worin etliche Goldfische ein elendes Dasein

führten, einige komisch geformte Felsblöcke, die als Zeugen einer rohen

plastischen Arbeit dastehen, und am Ausgang eine Art von Theater, in

welchem dann und wann chinesische Operetten aufgeführt werden... das ist

wohl alles, was man hier zu sehen bekommt. -- Zwei Dinge fielen mir

hier besonders auf: ein paar Opiumstuben -- sehr einfache, meist nur mit

einem Sofa ausgestattete Zimmer. Dort legt sich dann der Chinese aufs

Ruhebett, raucht Opium und verträumt im Zustand der Betäubung den lieben

langen Tag. Und weiter: ein paar irdene Becken, die im Garten unter

freiem Himmel standen und eine dunkle trübe Masse enthielten. Ich

glaubte, die Flüssigkeit sei zum Begießen der Pflanzen da, aber zu

meinem Erstaunen erfuhr ich, daß sie zum -- Trinken aufbewahrt werde.

Echt chinesisch!

[Illustration: Im chinesischen Teelokal in Shanghai.]

Nicht weit von Gu-En liegt Cho-En, ein in europäischem Stile

aufgeführtes Gebäude, woselbst den Gästen Tee serviert wird -- ein

Teehaus im strengsten Sinne des Wortes; es hat einen geräumigen, mit den

Farben aller Nationen geschmückten Salon und sieht ganz nett aus; vor

dem Hause breitet sich ein frischer grüner Rasenstreifen aus und ladet

den Vorübergehenden zum Besuche ein. In nächster Nachbarschaft sahen wir

auch eine mit allem Zubehör ausgestattete Kegelbahn.

Die Equipage führte uns nun nach Shumaro oder Fukushuro, die in einer

gewissen Bedeutung »feinste« Straße Shanghais; ein Karasumori oder

Yanagibashi in Japan, wo viele tausende jener berühmten Shanghaier

Sängerinnen wohnen und wo die »feinen« Herrschaften so gerne spazieren

gehen, um zu sehen und gesehen zu werden. Hier liegt auch das Teehaus

Kiokaro, in welchem wir zu Mittag aßen. Es ist dies eines der besten

Wirtshäuser in Shanghai. Die ganze japanische Kolonie »König Alberts«,

zehn an der Zahl, mit unserm Begleiter und einem Chinesen, der bei

der Firma Kajimayoko angestellt ist und inzwischen von uns zur Tafel

eingeladen war, nahmen nun mit knurrendem Magen an dem runden Tische

Platz und harrten in gespannter Erwartung der Dinge, die da kommen

sollten. Einen Speisezettel freilich gab es nicht, und wenn es auch

einen gegeben hätte, würde er uns wenig genützt haben, da uns die Namen

der Gerichte fremd waren. Die Speisen werden in verschiedene Klassen

eingeteilt und danach bestellt; aber was jede von ihnen enthält, das

gehört zu den Geheimnissen des Koches. Nichts blieb uns weiter übrig,

als diesem die Wahl mit der stillen Hoffnung zu überlassen, daß nicht

nur das Gute von oben, wie es in der »Glocke« von Schiller heißt,

sondern auch von unten aus der Küche kommen möge. Zuerst wurde uns eine

Tasse Tee serviert, nach wenigen Minuten kam die Suppe zum Vorschein

und nun folgten verschiedene Sorten von Fettspeisen, worunter Speck die

Hauptrolle spielte, ferner gebratene Fische von zwei, drei verschiedenen

Arten, Hummer, Muschel, Geflügel, Lammfleisch, fast alles mit Öl und

Fett zubereitet, Fadennudeln, Gemüse und, was unter anderm auffiel,

Schwalbennester, Haifischflossen, Walfischbart u. a. m. -- alles

Erzeugnisse, die zu den Delikatessen der Chinesen gehören. Zum Schluß

gab es wiederum Suppe und dann gekochten Reis, Gebäck, Früchte u. s. w.

Diese Speisen werden in einer großen Schüssel mitten auf die Tafel

gestellt und jeder nimmt sich selbst daraus auf das eigene Tellerchen,

das bei jedem Gange von dem Servierkellner gewechselt wird.

[Illustration: Chinesischer Koch.]

Mit wahrem Heißhunger machten sich alle daran, aber einigen wollten

schon nach den ersten Gängen die Speisen nicht in den Gaumen hinein,

da sie das allzu Ölige und Fette nicht ertragen konnten, wieder einige

hatten nach acht bis neun Gängen den Magen voll und konnten nicht

weiter. Ich, der in dem Kampfe mit Leckerbissen bisher den Rücken

nicht hatte sehen lassen, focht auch hier in aller Tapferkeit mit

zwei Stäbchen -- denn Gabel und Messer gab es nicht -- gegen die

hintereinander losrückenden Feinde, aber schon bei dem elften

Zusammenstoß hatte ich einen harten Kampf zu bestehen. Bei dem zwölften

Angriff entschwand mir endlich der Mut, und vollgestopft wie ein

Maltersack konnte ich weder gehen noch stehen, ich schnaufte nur und saß

unbeweglich da. Selbst wenn alle Schätze des persischen Königs hier

vor meinen Füßen gelegen hätten, würde ich meine Hand nicht danach

ausgestreckt haben, um sie aufzuheben, denn auch bei der leisesten

Bewegung drohte der überspannte Sack zu zerplatzen! Doch zwei von uns

haben wacker gestritten bis zum 17. und letzten Angriff für die Ehre

unserer Kolonie; daß dies aber ein Kampf auf Leben und Tod war, verriet

schon der Schweiß, der von ihren Stirnen herabrollte. Unser langzöpfiger

Tischgenosse war, als die Haifischflossen aufgetragen wurden,

fortgeschwommen und ließ sich nicht mehr sehen, was uns sehr leid tat.

Er schien über unsere Unterhaltung verstimmt zu sein; wir hatten nämlich

u. a. gesagt, daß die Sauberkeit der Chinesen sehr zu bewundern sei,

insbesondere beim Essen; denn sie lecken fortwährend ihre Stäbchen ab

und fahren dann wieder in die gemeinsame Schüssel hinein, so daß die

darin befindliche künstlich zubereitete Sauce sich mit der natürlichen

ihres Mundes vermischt und so einen chemischen Prozeß durchzumachen

scheint. Später hörte ich zu meinem nicht geringen Erstaunen, daß es bei

den Chinesen Sitte sei, beim Essen die Stäbchen schön abzulecken, und

daß derjenige, der seinen Tischgenossen eine besondere Aufmerksamkeit

erweisen will, dies auf chinesische Art nicht besser bezeigen zu können

glaubt, als daß er seine Stäbchen möglichst gut ableckt. Wirklich eine

recht feine Sitte, die vom Gesichtspunkt der Bakteriologie sehr zu

empfehlen ist! Wahrscheinlich verdanken die deutschen Wörter »Lecker«,

»Leckerei«, »Leckerbissen« u. s. w. ihren Ursprung den Chinesen! -- Eins

möchte ich hier noch hinzufügen, daß nämlich alle Speisen ohne Ausnahme

warm aufgetragen werden; kalte und rohe Speisen, wie unser Sasimi,

kennt man dort überhaupt nicht; daß sogar Wasser nur in heißem Zustande

getrunken wird, ist bekannt. Besonders fiel mir noch auf, daß während

des ganzen Mahles die Chinesen in einem fort getrocknete Melonenkerne

aßen, die sich in einer gemeinsamen Schüssel in der Mitte des

Tisches befanden. -- Noch eins: wir wurden bei der Tafel leider der

zweifelhaften Ehre nicht teilhaftig, von jenen reich geschmückten und

doch so leichten elastischen Gestalten bedient zu werden.

Im großen und ganzen muß ich doch sagen, daß die chinesischen Köche ihre

Kunst sehr gut verstehen. Von der geschickten Zusammenstellung des so

viele Gerichte umfassenden Mahles abgesehen, ist auch die Zubereitung

gut; ja, man wäre versucht, es dem japanischen beinahe vorzuziehen,

wenn nicht zu viel Fett und Öl verwendet würde. Mit dem europäischen

und chinesischen Mahl verglichen, ist unser japanisches einfacher. Das

chinesische ähnelt mehr dem europäischen und ist ebenso nahrhaft und

gehaltreich. Übrigens war das Essen, das wir an jenem Tage genommen, ein

kantonsches, was dem europäischen verwandter ist, wie das nankinsche,

das als ein echt chinesisches dem Gaumen der Eingeborenen wohl bekommen

soll, aber nicht dem unsrigen. Unsere Köche verstehen zwar das Kochen an

sich ganz gut, sie sollten aber ihr Augenmerk doch auf die Zubereitung

und Zusammenstellung recht kräftiger und nahrhafter Kost richten. Ein

Gericht z. B. wie das Kuchitori -- jene kuchenartige, buntaussehende

süße Speise -- sollte ganz abgeschafft werden, da es eher den Augen als

dem Magen zur Erquickung dient.

Das einzige, was bei der chinesischen Mahlzeit abstößt, ist eben die

Unreinlichkeit, die auch hier, wie überall beim Chinesen, an den Tag

tritt. Die Überreste von Speisen, wie Gräten, Knochen, Schalen

u. dergl., werden während des Essens im Wirtshause von allen Gästen ohne

weiteres unter die Tafel geworfen; die beiden anderthalb Fuß langen

Stäbchen und überhaupt die Eßgeschirre sollte man selbst mit der

Serviette vorher sorgfältig reinigen, so unheimlich sehen sie aus; die

Servietten bieten manchmal ein derart trauriges Aussehen, daß man sie

lieber unbenutzt läßt. Schlimmer als diese sind aber die heißen Tücher,

womit man während des Essens den Mund von allem Fett und Öl abwischt;

sie werden, ohne irgendwie ausgewaschen zu werden, in kochendes Wasser

getan und in heißem Zustande den Gästen mehrere Male dargereicht; sie

machen also einen Kreislauf bei vielen Gästen, fühlen sich infolgedessen

etwas klebrig an und haben gerade keinen angenehmen Geruch.

Etwas möchte ich hier einfügen über jene Klasse der Chinesen, die

durch ihr elendes Handwerk, vor allem aber durch ihre Schmutzigkeit und

Dreistigkeit auffallen, ich meine die Kulis. Sie stehen fast überall mit

ihrem von Japan importierten Rollstuhl, Jinrikisha, auf der Straße und

fordern jeden Vorübergehenden zum Einsteigen auf; besonders wenn sie

einen Fremden gewahr werden, machen sie für eine kurze Strecke Weges

eine unmäßige Forderung und suchen ihn tückisch und hinterlistig zu

übervorteilen. Ihre Forderung lassen sie auch auf ein Drittel ihrer

ersten Ansprüche herabhandeln, aber sobald sie ihre Tour gemacht haben,

bitten sie dreist und zudringlich um Trinkgeld oder fordern, trotz der

vorhergegangenen Unterhandlung, das Doppelte und Dreifache. Wenn sie

dann abgewiesen werden, kommen sie noch eine Strecke Weges hinterher

gelaufen und betteln immer wieder oder schimpfen und schreien, bis man

am Ende genötigt wird, mit dem Stock ihrer Forderung Genüge zu tun. Daß

Menschen dieser Art von den dort lebenden Europäern wie Tiere angesehen

und demgemäß behandelt werden, ist vom allgemeinen menschlichen

Standpunkte bedauerlich, unter den obwaltenden Verhältnissen aber

verständlich. Zwar haben wir in Japan auch eine Klasse solcher Kulis,

diese sind jedoch weit artiger und zuvorkommender als jene. Schon ihr

Aussehen verrät, daß sie mit ihren Kollegen in China nichts gemein

haben. In leichten, fest anschließenden schwarzen Jacken, bedeckt bis

zu den Füßen, stehen sie bei uns an einer Seite der Straße auf dem ihnen

zugewiesenen Platze und warten bescheiden, bis ein Vorübergehender sie

anruft. Und wie flink sie ihr Handwerk üben! Wie der Blitz fliegen sie

mit ihrem Rollwagen die Straße dahin, als ob sie die darauf sitzende

schwere Last garnicht spürten, während die chinesischen in weiten,

blau auf grau gestickten, losen Lumpen die Straße dahintappen; daß

der Knüttel in den Händen der Polizisten mit diesem Gesindel gute

Bekanntschaft unterhält, ist daher leicht erklärlich.

[Illustration: Indischer Polizist in Shanghai.]

Eine Eigentümlichkeit von Shanghai sind die verschiedenartigen

Polizisten, die aus Engländern, Franzosen, Amerikanern, Chinesen

und Indern bestehen. Die indischen Polizisten gewähren einen schönen

Anblick; sie zeichnen sich durch ihre stattliche Gestalt aus, sind groß,

kräftig, ganz braun, tragen einen schwarzen Vollbart, sind europäisch

gekleidet und gehen mit einem Knüttel in der Hand gravitätisch die

Straße einher. Was den Reiz dieser Erscheinung noch erhöht, ist der

ungeheuer große Turban. Selbst der kleinste von ihnen scheint zwei Meter

groß zu sein -- wahrlich, herkulische Gestalten! Ihr muskulöses Aussehen

verleitet zu der Annahme, daß sie ganz geeignet seien, einen Löwen zu

bändigen, daß sie also spielend mit einem Verbrecher fertig würden. Aber

wie ich höre, soll dies in Wirklichkeit nicht der Fall sein, denn so ein

Herkules soll feige sein und Reißaus nehmen, wenn ihm etwas Ernstes in

den Weg tritt. Was ihre Verstandeskräfte anlangt, so sollen sie auch

leider würdige Sprößlinge ihres Stammes sein, denn wenn ihnen irgendwie

schwierige Aufgaben gestellt werden, so wissen sie sich keinen Rat. Zwar

können sie unterscheiden, was schön und häßlich, was gut und schlecht

ist, wenn sie es mit eigenen Augen angeschaut haben, darüber hinaus

geht jedoch ihre Urteilskraft nicht. Ihr langzöpfiger Kollege, der

chinesische Polizist, scheint in manchen Stücken geschickter zu sein,

obwohl er nicht so gut aussieht. Kurz, der indische Polizist ist mehr

zum Paradieren da. Einen guten Zug hat er aber außerdem doch, und das

ist seine Unparteilichkeit. Die weißen Polizisten sind, wie man sagt,

nur zu leicht geneigt, in strittigen Fällen die Partei ihrer engeren

Landsleute zu ergreifen; das tut aber der indische Polizist nicht,

sondern hält sich in lobender Weise neutral.

Wie im Fluge war die Zeit dahin geschwunden und darüber war es Abend

geworden. Unsere Absicht, noch die Altstadt zu besichtigen, wurde leider

durch einen starken Regen vereitelt, deshalb traten wir die Rückfahrt

nach dem »König Albert« an, den wir erst spät in der Nacht erreichten.

Aber wir alle fühlten uns von dem Verlauf des Tages durchaus befriedigt,

so daß ihn jeder von uns in seinem Tagebuch als einen genußreichen

aufzeichnen konnte.

Tokio - Berlin: Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt · 第 4 / 25 题