Nagasaki.
[Illustration]
Das berüchtigte Genkainada oder die schwarze See, der gefährlichste
Teil des japanischen Meeres, war diesmal glatt wie ein Spiegel. Das
volkstümlich gewordene Lied, daß selbst Vögel nicht imstande seien, über
dieses schwarze Meer hinwegzufliegen -- Torimo kayowanu Genkainada --
traf diesmal Gott sei Dank nicht zu, denn wir kamen schon am 6. April
früh morgens wohlbehalten in Nagasaki an. Hier sahen wir im Hafen je
einen deutschen, französischen und russischen Kreuzer liegen; ein paar
andere Kriegsschiffe ankerten so weit entfernt, daß wir die Flaggen
nicht erkennen konnten. Fast gleichzeitig mit unserem Dampfer lief
auch eine englische Fregatte ein, deren eherner Gruß von den im Hafen
liegenden Schiffen erwidert wurde. Der Donner der Kanonen und der
aufsteigende Pulverdampf, in dessen Mitte wir uns befanden, galt für uns
als eine erquickende Unterbrechung der eintönigen Wasserfahrt und wir
ließen unsere Augen gern an diesem Schauspiel weiden.
In Nagasaki besah ich mit meinen Landsleuten die Schiffswerft des
Mitzubishikaisha, eine Privatanstalt des Baron Iwasaki. Ein Dampfer
von 6000 Tonnen, der als Schwesterschiff des Sanukimaru für den
Nippon-Yusenkaisha bestimmt ist, war gerade im Bau begriffen. Der Kiel
war schon gelegt und die Hälfte des riesigen Rumpfes stand fertig da. Im
Dock lag ein französisches Kanonenboot zur Ausbesserung. Nachdem wir die
Gießerei, Schlosserei, Drechslerei, Tischlerei, kurz, alle Werkstätten
der Reihe nach angesehen hatten, führte man uns in eine Schule, die
eigens für die Knaben der zu dieser Schiffswerft gehörenden Beamten
und Arbeiter errichtet ist. Das steinerne massive Schulgebäude ist
nach englischem Muster aufgeführt und sah weit schöner aus, als manche
Staatsschulen in Tokio. Die Ausstattung (Tische, Bänke, physikalische
und chemische Apparate, Wandkarten u. s. w.) war gut geordnet und
entsprach im großen und ganzen modernen Anforderungen. Was die
Personalverhältnisse anbelangt, so konnte ich bei der Kürze der Zeit
nichts Genaueres erfahren; die Schule selber scheint so gedacht zu sein,
daß sie außer der Einprägung des allgemeinen Wissens die Heranbildung
künftiger Fachleute für die Schiffswerft ins Auge faßt. Hoffentlich wird
die Schule sich noch weiter entwickeln und gedeihen.
[Illustration: Blick auf Nagasaki.]
Zu Mittag aßen wir in einem Teehause Geiyoro mit gutem Humor und gutem
Appetit die echt japanisch zubereiteten Speisen; diese dürften wohl auf
zwei Jahre die letzten sein. Wir langten also tüchtig zu und würzten
das Mahl mit ein paar Fläschchen Sake. Auch das Auge blieb nicht
unbefriedigt, denn uns zu Füssen dehnte sich die Stadt und weiter hin
das Meer aus. Vor uns lag stolz und majestätisch auf der Rhede unser
»König Albert«, der sich in der Umgebung der anderen Schiffe wie ein
gewaltiger Riese ausnahm. Ob es uns auch so ergehen wird, wenn wir von
Europa aus unser Vaterland betrachten? Ob unser Vaterland mit anderen
europäischen Ländern verglichen uns recht groß erscheinen wird und seine
Schönheiten ihnen gegenüber noch mehr hervortreten werden?
Ehe wir an Bord gingen, stampften wir wie zum letzten Gruße mit festem
Tritt den heimatlichen Boden, denn Nagasaki ist ja der letzte japanische
Hafen. Früh morgens, den 10. April, wurde der Anker gelichtet, und bald
hatten wir das prächtige Panorama hinter uns -- da plötzlich ..... ja,
was war das? Welch' eine süße Weise dringt an mein Ohr? Ich blicke umher
und sehe nicht allzuweit von unserem Schiff einen englischen Kreuzer
vorbeifahren und auf seinem Verdeck spielt die Musik ein Lied:
»Hotaruno Hikari Madono Yuki
Fumiyomu Tsukihi kasanezuzu.«
Ein japanisches Lied -- auf dem englischen Schiffe? Wie kommt denn das
aber? Mein Reisegefährte, Herr Musiklehrer Taki, kam mir zu Hilfe und
sagte mir, daß das wohlbekannte japanische Lied nach der Melodie der
englischen Nationalhymne komponiert sei. Wie in Andacht versunken stand
ich auf dem Verdeck und hörte wonnetrunken den holden Klängen zu. O
tönet fort, ihr süßen Himmelslieder, die ich zu Hause so manchesmal von
der fröhlichen Jugend habe singen hören! »Musik im besten Sinne bedarf
weniger der Neuheit, ja vielmehr je älter sie ist, je gewohnter man sie
ist, desto mehr wirkt sie«, hat Goethe gesagt und er hat recht; denn die
Melodie, an welche mein Ohr so lange gewöhnt ist, übte jetzt auf mich
eine so große Wirkung aus -- mag sie auch nach der englischen komponiert
sein oder nicht, der Erfolg ist und bleibt für mich derselbe. Jetzt,
wo wir von der lieben Heimat Abschied nehmen -- ein japanisches Lied zu
hören! Mit Entzücken lauschte ich der mehrmals wiederholten Melodie
und unwillkürlich kamen mir die Worte in den Sinn, die einst Schiller
gesungen:
»Was ahnungsvoll den tiefen Busen füllet,
Es spricht sich nur in meinen Tönen aus;
Ein holder Zauber spielt um deine Sinnen,
Ergieß ich meinen Strom von Harmonien;
In süßer Wehmut will das Herz zerrinnen,
Und von den Lippen will die Seele fliehen;
Und setz' ich meine Leiter an von Tönen,
Ich trage dich hinauf zum höchsten Schönen.«
(Huldigung der Künste.)
Der Kreuzer war längst meinen Blicken entschwunden, längst war die liebe
Weise verhallt und nun blickte ich zurück, wo im Osten noch die grünen
Gipfel der heimatlichen Berge emporragten, als ob sie mit ihrem Grün
mir die Hoffnung zu einer glücklichen Reise einflößen wollten. In voller
Begeisterung nahm ich den Hut ab, nahm in Gedanken den letzten Abschied
von dem Lande, wo meine Wiege stand und wo ich mein Teuerstes gelassen.
Lange verweilte ich so, bis die Gipfel, von dem Schleier des immer höher
aufsteigenden Meeres umhüllt, am Horizont verschwanden. Immer und immer
wieder wandte ich mich um, um mir dieses entzückende Bild und dieses
Gefühl der Begeisterung unauslöschlich einzuprägen. Vor mir lag wie eine
unendliche Ebene ausgebreitet das ruhige spiegelglatte Meer und über dem
ewigen Meer die unendliche Bläue.