KEAN: Ich will sie jetzt nicht mehr sehen.
DAISY: Ich stehe, auch hierin, nicht im Wege. Lassen Sie sie eintreten.
Ich bitte darum.
KEAN _zögernd, dann_: Warten Sie hier. _Öffnet Daisy das eine
Seitenkabinet._
HELENE _eintretend, mit großer Bewegung sich entschleiernd, sie ist
verkleidet_: Sie haben verloren. Die Einsätze zurück.
KEAN: Ich habe eine Torheit begangen, die ich aber in einem gewissen
Sinne loben muß, so sehr es Sie kränken mußte.
HELENE: Nur Besessenes, was man verliert, kränkt. Der mißlungene Versuch
platzt in die Luft.
KEAN: Was kann ich tun, Ihre Verzeihung zu erlangen?
HELENE: Unnötig von mir. Ich bin ohne Zorn. Ich ordne die Dinge exakt.
Das Medaillon.
KEAN: Hier.
HELENE: Die Dose.
KEAN: Hier.
HELENE: Der Ring.
KEAN: Hier.
HELENE: Ohne Widerspruch. Gut. Die Partie ist ausgeglichen. Die Pfänder
eingesammelt. Leben Sie wohl.
KEAN: Sie ziehen die Summen. Ich aber möchte Ihre Verzeihung erlangen
... dafür ...
HELENE: Die Trüks sind ausgespielt.
KEAN: Verzeihung ... dafür, ... daß ich Sie nie geliebt habe.
HELENE: Deshalb verloren Sie. Aus keinem anderen Grund. Glauben Sie zu
anderem Zweck als der Erforschung dieser Sache willen hatte ich den Pakt
abgeschlossen?
KEAN: Ich will Sie nicht kränken ...
HELENE: O, es war Größe schon um Sie, als ich Sie sah.
KEAN: Es war Eitelkeit.
HELENE: Gemischt. Mich reizte, zu was Ihr Wesen sich entschlösse. Sie
kamen und plaidierten für die armselige Verfolgte und warfen mir in der
gleichen Sekunde Ihre Leidenschaft ins Gesicht. Beides war echt. Ich
setzte mich ein, es zu lösen. Meine Liebe. Ich habe alles an diese Frage
gesetzt. Nicht ich verlor. Sie verloren. Ich riskierte nur alles.
KEAN: Ich habe gewonnen ...
HELENE: Vielleicht. Sicher nicht hier.
KEAN: Hier ward nur gesetzt. Nur gespielt. Pointiert. Nicht geopfert.
HELENE: Verstanden Sie das damals so gut? Habe ich das nicht? Habe ich
nicht vielleicht Sie geopfert? Wissen Sie denn, ob ich Sie nicht dennoch
mehr liebte, als Sie ahnen, und daß ich dieses Gefühl hingab dem,
größere Klarheit zu erreichen. Mein Herz ist kein Mädchen und durch
Enttäuschungen zu großer Art gegangen, einem Gatten an die Seite
gegeben, der es weder an Höhe versteht noch an Tiefe und es durch
Teilnahmlosigkeit täglich kränkt und beleidigt. Ich habe nach dieser
Seite keinen Sinn für das Wort Pflicht, wo sie mir täglich gebrochen
wird, aber ich habe nach der anderen Seite noch weniger Gefühl für das
Uferlose. Was ist Leidenschaft am Ende? Ein Nichts. Muß man nicht kühl
sein, je wilder man erlebt, distanzierter, je zerhackter man ist aus
Leidenschaft? Sie haben das nie gewußt. Ich suchte Weisheit über dem
Blut. Sie gaben, was ich verachte, Skandal. Ich suchte Opferung, bereit
dann selbst zu jedem Opfer. Ich fand ein zerrissenes, unbeherrschtes
Dasein. Ich habe keine Lust an bürgerlichen Sensationen. Ich ziehe es
vor, meine Wege zu beherrschen. Ich kalkuliere mir das Schicksal.
KEAN: Ich habe verloren.
HELENE: Daß Sie es einsehen, beweist eine Erschütterung. Zeigt eine
Erkenntnis. Also haben Sie dennoch gewonnen. Hier aber zu spät.
KEAN: Ich habe vor Ihnen vorhin etwas Kurioses erblickt, das
Grenzenloseste, Gräfin: ein schlichtes, einfaches Herz.
HELENE: Erkenntnis marschiert auf vielen Wegen. Ich stellte das
Wagespiel ein zwischen Ihrer überlegenen Güte, die ich ahnte, und Ihrer
Zerrissenheit, die ich sah. Es schlug nicht zu mir aus. Aber es schlug
aus. Traf es nach anderen hin, bedeutet es Bindung Ihrer Kräfte. Ich
wünsche Glück. Ich bin neidlos. Zersplittern ist Unfug. Konzentration
alles. Liebe nur ein Augenblick. Ein gebändigtes Herz hat keine Pause.
KEAN: Welche Schuld habe ich gegen Sie!
HELENE: Keine. Sie lieben Ihre Eitelkeit nicht mehr, die sich allein
vielleicht verging.
KEAN: Habe ich so blind gelebt, nichts geschaut, alles versäumt?
HELENE: Kein sentimentales Schauspiel. Sie werden nun wohl, wenn Sie
besser zu sehen verstehen, der Größe, die Sie auf der Rampe spielten,
die des Menschen hinzufügen. Mein Spiel ist aus. Sie spielen mit andern.
KEAN: Und Sie?
HELENE: Meine Vorbereitungen sind gelegt.
KEAN: Sie entschieden sich ...
HELENE: Die Dinge entscheiden sich. Ich entscheide mich mit ihnen.
Irrtum, daß irgendeine Entscheidung bei uns liegt. Man geht mit den
Möglichkeiten und beherrscht sie, indem man in ihre Kurven nicht
eingreift. Was heute ich liebe, ist in einem halben Jahr vielleicht
taub. Verlangen Sie Garantien der Seele vom Leben? Ich nicht. Liebten
Sie mich mit Holzbein, ich Sie ohne Magen? Unausdenkbar. Die Partie
hatte zwei Seiten.
KEAN: Ich schied aus. Wales blieb.
HELENE: Der Fächer ist gedeckt. Die Endposten sind erreicht. Ich war nur
Zuschauer. Was blieb, hatte recht. Das eine versagte. Das andere
lächelte, als ich es ansah. Ich habe mich für die Macht entschieden.
KEAN: Welche Kühnheit. Soviel kann Erfolg bedeuten!
HELENE: So kommt von selbst zu mir, was ich brauche. Ohne Bemühung. Sie
werden es schmerzlos sehen.
SALOMON _draußen_: Unmöglich. Ich verbiete. Ich hindere Sie.
KEAN _rasch die Tür des zweiten Kabinets öffnend_: Einen Augenblick.
Hier. Eilen Sie.
HELENE _überlegen, betont_: Keine Angst um mich. Ich bin in guten
Händen.
SALOMON _draußen_: Zurück. Achtung. Das haut. Schreit. _Tür auf. Graf
Koefeld tritt ruhig ein._