KEAN: Helène.
DAISY _sich entschleiernd_: Ich.
KEAN: Was wollen Sie?
DAISY: Sie in eine Heilanstalt bringen, wenn Sie krank sind.
KEAN: Ich bin nicht krank.
DAISY: Dann will ich es bedauern, daß Sie es waren.
KEAN: Sie sind ärmer als ich.
DAISY: Irrtum. Seit gestern besitze ich mein Vermögen. Mein Vormund war
ein Betrüger. Er ist entlarvt.
KEAN: Man darf Ihnen gute Verwendung wünschen.
DAISY: Ich habe alle Vorbereitungen getroffen.
KEAN: Sie reisen?
DAISY: Gezwungenermaßen.
KEAN: Glückwünsche zu dem Zustand, der mir verweigert ist.
DAISY: Ich verstehe Sie nicht.
KEAN: Ich bin verhaftet.
DAISY: Irrtum. Sie sind frei.
KEAN: Sie haben den Konstable draußen gesehen.
DAISY: Ist widerrufen. Der neue Entscheid.
KEAN: In Ihren Händen? Ausgefertigt?
DAISY _zögernd_: Von dem Staatsanwalt. Durch den Prinzen von Wales.
KEAN: Ich hasse ihn nicht mehr.
DAISY: Als Mittelmann gegen Mevil.
KEAN: Sie erröten.
DAISY: Der wollte nicht nachgeben. Der Appell des Prinzen war
einflußlos.
KEAN: Was taten Sie?
DAISY: Ich komme, mich von Ihnen verabschieden.
KEAN: Was taten Sie?
DAISY: Ich trat ihm die Mitgift ab.
KEAN: Sie haben ihn geheiratet.
DAISY: Unnötig. Das Geld genügte.
KEAN: Die Hälfte Ihres Vermögens.
DAISY: Eine kleine Schuld der großen gegenüber, die mein Leben Ihnen
schuldet.
KEAN: Und Sie reisen ...
DAISY: Um den Skandal zu verwischen. Lord Mevil zwang mich dazu. Ein
Pakt mit Mevil.
KEAN: Ich erkenne für mich Ihre Handlungen nicht an.
DAISY: Damit werden Sie mich kompromittieren. Ich bin bereit.
KEAN: Sonderbar. Ich sagte Ihnen beim ersten Mal: Beweisen Sie mir, daß
Sie etwas im Leben meistern, ich rede Ihnen dann zu, in meinen Beruf zu
springen. Heute kann ich es, aber ich stehe beschämt vor Ihnen.
DAISY: Da ich England verlasse ...
KEAN: Sie haben ein anderes Aussehen bekommen. Ich habe Sie nicht so
gekannt.
DAISY: Sie schulden mir nichts. Ich habe meine Ansicht in diesem Punkt
des Berufs geändert. Ich gab meinen Plan auf.
KEAN: Sind Sie mutlos geworden?
DAISY: Ich war nie entschlossener.
KEAN: Opfer zu bringen, die nicht anzunehmen ich entschlossen bin.
Weinen Sie nicht.
DAISY: Die Sie nicht von mir empfangen, sondern von der Vorsehung, die
Ihre Absichten damit klärt und die darum keine Opfer sind.
KEAN: Gestern hätte ich das nicht verstanden. Heute ist es schon zu
weit. Es schmerzt mich, das zu sehen, was Sie tun und äußern. Denn ich
habe es versäumt.
DAISY: Ich habe nie daran gedacht, daß eine Handlung anders als zu der
ihr bestimmten und richtigen Zeit kommen könne.
KEAN: Sie täuschen sich. Ich sah zum erstenmal, wie ungeheuer viel ein
Herz vermag, indem es sich schrankenlos preisgibt. Aber ich sehe es zu
spät.
DAISY: Ich verstehe Sie nicht.
KEAN: Weil Sie nicht wissen, welche Spanne mein Leben von gestern zu
heute durchmessen hat. Weil ich aus Enttäuschungen und Eitelkeiten so
tief abgestürzt heute hinaufblicke, kann ich nicht wagen, erkennen zu
wollen, von wie hoch her Ihre Güte zu mir herunterkommt.
DAISY: Warum beschämen Sie in mir so sehr das, was ohne Absicht geschah?
KEAN: Hätte ich früher erkannt, als ich zwar falsch, aber immerhin auf
der Höhe meines Lebens schweifte, welch unvergleichlicher Besitz mir nah
war, wäre das eine große und erhabene Entdeckung gewesen. Ich wäre
glücklich gewesen. Daß ich es jetzt erst sehe, wo ich verlassen,
schutzbedürftig und niedrig bin, nimmt mir vor mir jedes Recht, es zu
ergreifen. Ich weiß, was ich verliere, denn ich verliere alles. Aber ich
kann mich dem nicht entziehen.
DAISY: Wenn ich nicht glaubte, trotzdem glücklich zu sein, müßte ich
denken, daß ich verflucht bin.
KEAN: Gehen Sie. Reisen Sie. Und denken Sie, daß Sie einem Mann das
größte Glück geschenkt haben, indem Sie ihn zum ersten Male die ganze
Größe eines reinen Gefühls sehen ließen. Und vergessen Sie nicht, daß
er, obwohl er zufriedener und klarer ist wie früher, aufs tiefste leidet
und nur die eine Bemühung kennt, sich Ihrer würdig zu erweisen.
DAISY: Leben Sie wohl.