KEAN: Wenn Sie das Zimmer verlassen, eh ich meine Aufgabe hier erfüllt
habe, schieß ich Sie zusammen.
MEVIL: Du ... schießt ... Bursche ...
KEAN: Hat der fliehende Mädchenräuber andres zu erwarten?
MEVIL: Rückwärtsschuß von dem, welchem kein Hund Satisfaktion gibt.
KEAN: Zu edel noch dem Feigling, der meinen Namen mißbraucht, hinter der
Maske sich verbirgt, für seine zerfressenen Rippen.
MEVIL: Unmöglich, mich zu beleidigen. Genug. Was willst du, Komödiant?
Geld? Pferde? Wagen? Enfin? Seiltänzer! Herbei, Wirt, Matrosen.
KEAN: Der Seiltänzer hat eine Absicht mit Ihnen. Er will ihm nichts
nehmen, er will ihm etwas geben.
MEVIL: Stockprügel zurück für dein Geschenk.
KEAN: Schluß. Tun Sie den Mund, ungebeten, noch einmal auf, laß ich Sie
über den Tisch legen und auf hier usuelle Art behandeln. _Winkt._ Neben
ihn! _Zwei der Artisten mit aufgekrempelten Ärmeln, Fäuste in den
Hüften, neben Mevil._
WELL: Ein adliges Kotelett.
KEAN _ruhig_: Ich bin kein Richter. Mich geht es nichts an, daß Sie
Wechsel fälschten, Männer kränken, Frauen mit Geldsäcken rauben, selbst
meinen Namen pfuschen und schänden. Mich geht es irgendwie nichts an,
aber ich bedaure Sie in Ihrer Maske. Sie sind nie ohne Maske
ausgegangen. Das ist ein schweres Versäumnis.
MEVIL: Was habe ich versäumt?
KEAN: Sahen Sie Gehenkte zwischen den Schornsteinen die Zunge blecken?
Heizer an Öfen, Kondukteure beim Schwung über verfaulte Brücken,
Zerquetschte zwischen Eisenbahnpuffern? Wer, verdammt, die Keucherei
eines Dockarbeiters gesehen, weiß, wie elend sein Existieren ist, wer
die Absynthsäufer in der Gosse röcheln hörte, weiß, wie abscheulich
dieses verfluchte Dasein ist, wer die entsetzliche Stumpfheit der
Auslader kennt, weiß, wie melancholisch das Leben ist. Man verachtet
dann nicht mehr. Man bestaunt. Das haben Sie nicht gesehen.
MEVIL: Dahin soll ich gehn?
KEAN: Kenne ich nicht vom Bordell bis zu Monseigneur die Welt! Hätte ich
die Anmaßung, Ihnen sonst Ratschläge zu geben, der Sie länger und besser
aus dem Vollen lebten wie ich. Bin ich ein idealistischer? Ein Stümper
bin ich, ein Komödiant, ein bißchen Mensch. Habe ich mich je gesträubt
gegen etwas, was mir die Welt entgegenwarf, etwas verschmäht: einen
Frauenbauch voll Wildheit, irgendeinen Luxus, eine Segelfahrt, ein
Gelage, ein Diner mit Krammetsvögeln und Tanzweibern? Nie. Alles nahm
ich. Aber ich habe nicht das Gefühl: hier fängt Welt an. Hier hört Welt
auf. Wie wäre ich aufgeschmissen und was für ein kleiner Snob. Ich
vergesse nicht, wo ich herstamme. Sie aber müßten es vergessen. Ich
marschiere von unten nach oben. Sie sind nicht von oben nach unten
marschiert. Das ist Ihr Fehler. Ich messe das verdammte Dasein nicht
zwischen Laster und Parfum mit den Zentimetern, sondern mit der
Riesenspanne aus dem Hafen bis nach Buckingham.
MEVIL: Das soll ich tun?
KEAN: Eine Anleitung zum Leben für Sie. Grotesk. Welche Situation.
Lieben Sie die W. C. und die Kokotten, Ihre Damen und die Säue, dann
kommen Sie aus der Schaukel und spüren Boden. Anleitung zur Kühnheit.
Das Leben breitet sich aus, wird wilder. Man kennt die Gefahren und
bewundert die Abgründe, schließt sich nicht ein, sondern macht eine
Offensive hinein. Man versteht dann mehr. Anleitung zur Bewunderung.
MEVIL: Sie wünschen es?
KEAN: Ich könnte Sie zerschlagen. Habe ich nicht Grund dazu? Lasse Sie
in Ketten abführen, Sie sind mit Haar und Seele in meiner Gewalt. Sie
haben mich geduzt, um mich zu kränken. Gehen Sie, Sie sind frei.
Vergessen Sie nicht, was ich sagte.