Ein schlechtes Jahr.
Die Verletzung Findlings erwies sich nicht als gefährlich, ohwohl er
dadurch viel Blut verloren hatte. Wären die drei andern aber nur eine
Minute später gekommen, so hätten sie nur eine Leiche gefunden und würde
Kitty ihr Kind nie wiedergesehen haben.
Natürlich wurde Findling in den wenigen Tagen bis zu seiner
Wiederherstellung aufs sorgfältigste gepflegt. Mehr als je empfand es da
der arme Knabe, daß er, eine Waise von unbekannter Herkunft, jetzt eine
Familie hatte. Wie dankbar nahm er alle Liebe und Güte hin, zumal wenn
er an die vielen glücklichen Tage dachte, die er in der Farm schon
verlebt hatte. Um deren Zahl zu wissen, brauchte er ja nur die
Kieselsteine zu zählen, wovon ihm Martin jeden Abend einen gegeben
hatte, doch mit ganz besondrer Freude sah er den Stein in seiner
Kruke verschwinden, den er am Abend nach dem Vorkommnisse mit dem Wolf
empfing.
Mit dem Neujahr setzte der Winter nochmals in alter Strenge ein und es
machten sich jetzt gewisse Vorsichtsmaßregeln nöthig. Aus der Umgebung
der Farm wurde das Erscheinen starker Banden von Wölfen gemeldet, deren
Zähnen die morschen Wände des Hauses kaum widerstanden hätten. Martin
und seine Söhne mußten wiederholt auf die hungernden Bestien Feuer
geben. So war es in der ganzen Grafschaft, wo das Land in den langen
Nächten von erschreckendem Geheul widerhallte.
Dieses Jahr brachte einen jener schlimmen Winter, die über das nördliche
Europa die eisigschneidenden Winde des Polarbeckens zu entfesseln
scheinen. Immer blieb eine nördliche Luftströmung vorherrschend und
diese führt ja bekanntlich die schlimmste Kälte mit sich. Leider drohten
diese Verhältnisse sich lange auszudehnen, wie die algide Periode bei
von Fieber verzehrten Kranken. Und wenn die Kranke die Erde ist, die
sich verzieht, wie die Lippen eines Sterbenden, die unter dem Einfluß
der Kälte zu Stein verhärtet, dann möchte man glauben, daß ihre
Fruchtbarkeit für immer erlöschen müsse, wie es für jene todten
Weltkörper gilt, die schon so zahlreich durch den Himmelsraum irren.
Die Befürchtungen des Farmers und seiner Familie waren bei der
ungewöhnlichen Härte des Winters also gewiß gerechtfertigt. Durch den
Verkauf eines Theils seiner Schafe hatte Martin indeß das Geld für
Abgaben und Pachtzins herbeischaffen können, und als sich der Middleman
zu Weihnachten einstellte, erhielt er unverkürzt, was ihm zukam. Das
verwunderte den Mann ein wenig, denn in den meisten Farmen blieb er
unbefriedigt und hatte den gerichtlichen Weg zur Austreibung der Pächter
einschlagen müssen. Martin Mac Carthy wußte freilich auch nicht, wie er
im nächsten Jahre seinen Verpflichtungen werde nachkommen können, wenn
es ihm an dem nöthigen Saatgetreide fehlte.
Hierzu kam auch noch weiteres Unglück. Infolge der bis auf dreißig Grad
unter Null herabsinkenden Kälte gingen in den Ställen vier Pferde und
fünf Kühe ein, da es unmöglich gewesen war, die in verfallenem Zustande
befindlichen Gebäude, welche dem Anpralle des Sturmes nicht mehr
gewachsen waren, genügend dicht geschlossen zu halten. Auch der
Hühnerhof erlitt trotz aller Bemühungen, die man auf ihn verwandte,
empfindliche Verluste. Jeden Tag wuchs die Deficitseite in Findlings
Notizbuche. Am bedrohlichsten aber erschien es, daß auch das Wohnhaus
der Zerstörung durch die Witterung anheimfallen könnte. Martin, Murdock
und Sim blieben deshalb auch unausgesetzt thätig, dasselbe auszubessern
und widerstandsfähiger zu machen.
Manchmal kamen ganze Tage, an denen kein Mensch einen Fuß ins Freie
setzen konnte. Die Wege, auf denen mannshoher Schnee lag, waren völlig
ungangbar. Die am Geburtstage Jennys mitten im Hofe gepflanzte Tanne
streckte nur noch den vom Rauchfrost weißen Kopf hervor. Um zu den
Ställen zu gelangen, mußte ein Gang ausgeschaufelt und dieser täglich
zweimal gereinigt werden. Ebenso gelang die Beförderung des Futters von
einem Hofgebäude zum andern nur mit größter Mühe.
Ganz unfaßbar schien es, daß die Kälte trotz des fort und fort
herabfallenden Schnees nicht nachließ. Freilich rieselte der Schnee
nicht in leichten sternförmigen Flocken nieder, sondern stürmte wie
ein Platzregen aus kleinen Eiskrystallen einher, die sich in den tollen
Luftwirbeln jagten. Hierdurch werden alle Bäume und Sträucher mit
perennierenden Blättern der letzteren vollständig beraubt.
Zwischen den Ufern des Cashen bildete sich allmählich ein Eisschutz von
enormem Umfang. Fast glich dieser einem wirklichen Eisberge und legte
die Befürchtung weiterer Unfälle bei eintretendem schnellen Thauwetter
nahe. Wälzte dann der Fluß seine Wassermassen bis an die Farm heran,
so hätten Martin und seine Söhne gewiß nicht mehr gewußt, wie sie die
Baulichkeiten derselben schützen sollten.
Für jetzt lagen ihnen jedoch andre Sorgen, die für die Pflege und
Ernährung des Viehbestandes, näher. Von der Geißel des Orkans wurden
die Strohdächer der Stallungen zerrissen, und diese mußten zunächst
ausgebessert werden. Was von den Schafen, den Kühen und Pferden noch
übrig war, blieb mehrere Tage der außerordentlichen Kälte ausgesetzt,
und mehrere von den Thieren kamen noch vor Frost um. So mußten denn
die Dächer trotz des schneidenden Sturmwindes wohl oder übel
wiederhergestellt werden, und es machte sich dazu nöthig, den vordern
Theil der nach der Straße zu gelegenen Stallungen ganz abzudecken, um
mit dem gewonnenen Langstroh andre Lücken zu verschließen.
Das Wohnhaus der Familie Mac Carthy blieb auch nicht verschont. Eines
Nachts stürzte die Mansarde ein, und Sim, der sie bewohnte, mußte nach
dem großen Zimmer im Erdgeschoß übersiedeln. Da nun aber auch von diesem
die Decke bedroht war, weil sich der Schnee immer mehr darüber anhäufte,
mußte diese mit rohen Pfählen gestützt werden.
Auch weiterhin verlor der Winter nichts an seiner Strenge. Der Februar
blieb noch ebenso kalt, wie der Januar und die Mitteltemperatur hielt
sich auf zwanzig Grad unter Null. Die Insassen der Farm glichen mehr
Schiffbrüchigen im Polarmeere, die das Ende des Winters nicht abzusehen
vermögen. Leider drohte hier das endliche Thauwetter mit neuen
Katastrophen, wenn der Cashen weit aus seinen Ufern trat.
Zum Glück war auf der Farm kein Nahrungsmangel zu fürchten; an Fleisch
und Zuspeisen fehlte es nicht; dazu lieferten die nur durch den
Frost umgekommenen und jetzt leicht zu conservierenden Thiere einen
reichlichen weiteren Vorrath. Wurde der Hühnerstall decimiert, so
ertrugen die Schweine die niedrige Temperatur ganz gut, und schon durch
sie allein wäre die Ernährung der Pächterfamilie auf sehr lange Zeit
gesichert gewesen. Was das Heizmaterial anging, brauchten sie nur die
vom Sturme abgebrochenen Zweige aus dem Schnee aufzulesen, um an Torf zu
sparen, der allmählich zur Neige ging.
Kräftig und gesund, von langer Zeit her abgehärtet, erwiesen sich jedoch
der Vater und dessen Söhne dem rauhen Klima völlig gewachsen und auch
der Findling zeigte eine erstaunliche Widerstandsfähigkeit. Bisher
hatten sich auch die Frauen, Martine und Kitty, ohne sich der
allgemeinen Arbeit zu entziehen, recht wohl befunden. Die kleine Jenny,
immer im dicht verschlossenen Zimmer gehalten, wuchs wie eine Pflanze im
Warmhause auf. Dagegen schien die Großmutter, trotz aller ihr gewidmeten
Pflege, ernstlicher angegriffen zu sein. Ihre körperlichen Leiden wurden
von der heimlichen Angst, die Zukunft der Ihrigen bedroht zu sehen,
natürlich noch verschlimmert. Das war mehr als sie aushalten konnte und
bereitete der ganzen Familie recht schmerzliche Unruhe.
Im April wurde die Temperatur wieder normaler und stieg endlich über den
Gefrierpunkt. Der Erdboden brauchte aber noch die ganze Wärme des Mai,
um seiner Eiskruste ledig zu werden, und zur Einsaat war es also schon
spät, sehr spät. Die Futterkräuter konnten vielleicht noch gedeihen, die
Getreidearten aber schwerlich reif werden. So dachte man schon daran,
das Saatkorn nicht unnütz zu verwenden und sich lieber des Anbaues von
Gemüse und Knollenfrüchten zu befleißigen, deren Ernte im October
zu erwarten war, -- vorzüglich der Kartoffeln, durch die das Land
wenigstens vor den Schrecken einer Hungersnoth bewahrt blieb.
Nach der Schneeschmelze zeigte sich der Erdboden leider fünf bis sechs
Fuß tief fest gefroren. Das war keine zerreibliche Erde mehr, sondern
ein Humus von Granit, in dem keine Pflugschar eine Furche aufreißen
konnte.
Der Anfang der Feldarbeiten mußte bis zu den letzten Tagen des Mai
hinausgeschoben werden. Die Erde schien alle Wärme verloren zu haben, so
langsam thaute die Schneedecke hinweg, und in den mehr bergigen Theilen
der Grafschaft dauerte das gar bis in den Juni hinein.
Der Beschluß, sich auf den Anbau von Kartoffeln zu beschränken und auf
Getreide ganz zu verzichten, wurde ganz allgemein gefaßt. Was auf der
Farm von Kerwan geschah, wiederholte sich in allen andern Farmen des
Gebietes von Rockingham. Dieselbe Maßnahme beschränkte sich nicht
allein auf die Grafschaft Kerry, sondern erstreckte sich auch über die
Westirlands in Munster, wie in Connaught und Ulster. Nur die Provinz
Leinster war eher frei von Schnee und hier konnte die Feldbestellung
noch mit einiger Aussicht auf Erfolg vorgenommen werden.
Die Folge war also, daß die schwergeprüften Pächter sich tüchtig
anstrengen mußten, um die Felder für den Anbau von andern Früchten
und Gemüsen in Stand zu setzen. In der Farm von Kerwan unterzogen sich
Martin und seine Söhne dieser Arbeit, die für sie um so beschwerlicher
war, weil es ihnen an Zugthieren fehlte. Nur ein einziges Gespann, von
einem Pferde und dem Esel gebildet, stand ihnen zur Verfügung.
Mit unausgesetztem Fleiße gelang es ihnen jedoch bei je zwölfstündiger
Arbeit nach und nach einige dreißig Acres zu bepflanzen, freilich mit
der Befürchtung, daß ein vorzeitiger Winter sie auch um die Frucht
dieser Mühen bringen könnte.
Da ereignete sich noch ein allen Gegenden Irlands gemeinsames Unglück.
Gegen Ende des Juni brannte die Sonne so heiß, daß der noch auf den
Bergen lagernde Schnee sehr schnell niederschmolz. Am schlimmsten hatte,
ihrer vielverzweigten Wasserläufe wegen, hiervon die Provinz Munster zu
leiden. In der Grafschaft Kerry steigerte sich das bis zur wirklichen
Katastrophe. Die vielen Flüsse schwollen mächtig an und verursachten
ausgedehnte Ueberschwemmungen. Viele Häuser fielen der Fluth zum Opfer.
Ueberrascht von der plötzlich eintretenden Wassersnoth warteten die
Bewohner derselben vergeblich auf Hilfe. Fast alles Vieh kam um,
und gleichzeitig wurde die so mühsam vorbereitete Ernte vollständig
vernichtet.
In der Grafschaft Kerry verschwand ein Theil der Domäne Rockingham unter
den Fluthen des Cashen.
Vierzehn Tage lang blieb die Umgebung der Farm auf einen Umkreis von
zwei bis drei Meilen in einen See verwandelt -- in einen See mit wilden
Strömungen, die entwurzelte Bäume, Trümmer von Hütten, abgehobene Dächer
und auch die Cadaver der Thiere, deren die Bauern sehr viele verloren,
in brodelndem Strudel mit sich fortrissen.
Die Ueberschwemmung erstreckte sich bis zu den Scheuern und Stallungen
der Farm, die davon fast gänzlich zerstört wurden. Trotz unmenschlicher
Anstrengung gelang es, außer bezüglich einiger Schweine, nicht, die
noch vorhandenen Thiere zu retten. Wurde das Wohnhaus auch von der
Fluth nicht weggetragen, so reichte diese doch bis zum Niveau des
Erdgeschosses heran, und auch dieses war in der schlimmsten Nacht recht
schwer bedroht.
Den Todesstoß aber erhielt das Land weithin durch die Vernichtung
der erhofften Kartoffelernte, denn die Fluthen hatten auch die
Setzkartoffeln herausgespült.
Noch niemals hatte die Familie Mac Carthy auf ihrem Pachtgute eine
solche Kette von Mißgeschick erlitten, niemals hatte sich dem irischen
Farmer der Ausblick in die Zukunft so schwer verdüstert. Jetzt war seine
Lage thatsächlich unhaltbar und die Existenz der unglücklichen Leute
ernstlichst bedroht. Martin wußte wahrlich nicht, was er antworten
sollte, wenn ihm die Staatsabgaben und die Pachtzinsen abgefordert
würden.
Die Lasten eines solchen Pächters sind in der That gar so schwer. Wenn
der Steuereinnehmer und der Pachtcassierer sich einstellen, wandert
stets der allergrößte Theil seines Baarvermögens in deren Tasche.
Haben die Latifundienbesitzer auch dreihunderttausend Pfund Sterling an
Grundrente und sechshunderttausend Pfund Armenabgabe zu leisten, so sind
die Bauern doch noch mehr bedrückt durch persönliche Lasten, d. h. durch
die Abgaben für Straßen und Brücken, für Polizei und Justiz, für die
Gefängnisse und öffentlichen Arbeiten... was zusammen die ungeheure
Summe von einer Million Pfund Sterling (20 Millionen Mark) ausmacht, und
zwar allein für das arme Irland.
Ist die Ernte gut ausgefallen, hat das Jahr einige Ersparnisse
ermöglicht, kurz, sind die Verhältnisse günstig gewesen, so wird es
dem Pächter schon schwer genug, den Anforderungen des Staates und der
Gemeinde zu entsprechen, während er ja überdies noch den Pachtschilling
aufzubringen hat. Was beginnt er aber, wenn sein Land nur dürftigen
Ertrag lieferte, wenn Winterfrost und Ueberschwemmungen die Felder
verwüsteten und dann die Gespenster des Hungers und der drohenden
Vertreibung aus seinem Gütchen am Horizonte aufsteigen? Alles das
hindert ja den Einnehmer nicht, zur gewöhnlichen Zeit vorzusprechen, und
nach seinem Besuche... sind die letzten Sparpfennige verschwunden. So
stand es jetzt Martin Mac Carthy bevor.
Frohe festliche Stunden, wie sie Findling in der ersten Zeit seines
Aufenthaltes hier kennen gelernt hatte, gab es jetzt nicht mehr. Aus
Mangel an Arbeit rasteten alle, und so saß die ganze Familie in den
langen Sommertagen verzweifelt bei der Großmutter, die zusehends
schwächer und schwächer wurde.
Die traurigen Unglücksfälle hatten die meisten Bezirke der Grafschaft
gleichmäßig betroffen. Von Eintritt des Winters 1881 an hörte man schon
überall von einem allgemeinen Boycott sprechen, einer Einstellung
aller nothwendigen Feldarbeiten, um eine Weiterverpachtung und jeden
sofortigen Anbau des Ackerlandes zu hintertreiben -- eine Maßregel,
die den Pächter ebenso wie den Grundeigenthümer ruiniert. Durch
solche unüberlegte Mittel wird sich Irland niemals den Fesseln der
Feudalherrschaft entziehen, nie eine allmähliche Ueberlassung des Bodens
in das wirkliche Eigenthum der Kleinpächter erwirken und wird es nie die
verderblichen Gepflogenheiten des Landlordismus beseitigen können.
Die Erregung verdoppelte sich indeß in den von so vielem Unglück
betroffenen Kirchspielen. Vor allen zeichnete sich Kerry aus durch den
Widerhall aus seinen Meetings und durch die Kühnheit der Verfechter der
Autonomie, die es unter Entfaltung der Fahne der Landliga durchzogen. Im
Vorjahre schon war Parnell in drei Wahlbezirken gewählt worden.
Zum Schrecken seiner Gattin und seiner Mutter stürzte sich Murdock
ohne alle Rücksicht in den Strudel dieser Bewegung. Frost und
Hunger trotzend, eilte er von Ort zu Ort, um Einigkeit in der
Pachtzinsverweigerung zu erzielen und eine Weiterverpachtung der Felder
nach etwaiger Vertreibung der jetzigen Pächter unmöglich zu machen.
Martin und Sim hätten vergeblich versucht, ihn zurückzuhalten. Im Grunde
stimmten sie ihm ja völlig bei, da sie sahen, daß alle ihre Mühe und
Arbeit nun doch zu... nichts anderem geführt hatte, als daß man sie in
der nächsten Zeit aus der so lange von ihrer Familie bewirthschafteten
Farm von Kerwan verjagen würde.
Die Regierung aber hatte, in Voraussicht von Unruhen nach einem so
verderblichen Jahre, bereits ihre Maßregeln getroffen. Schon schwärmten
Abtheilungen der »=mounted constabulary=« (berittene Polizei) durch das
Land, mit der Anweisung, die Gerichtsdiener und Häscher mit
bewaffneter Hand zu unterstützen. Ebenso hatten sie, wenn nöthig,
die Volksversammlungen mit Gewalt zu sprengen und die übrigens schon
bekannten fanatischen Agitatoren zu verhaften. Wenn Murdock zu diesen
augenblicklich vielleicht noch nicht gehörte, so mußte das gewiß sehr
bald der Fall sein. Uebrigens vermögen die Irländer ja gegen ein System,
das sich auf dreißigtausend alle Zeit fertige Gewehre stützt, doch
nichts auszurichten.
Nun vergegenwärtige man sich die quälende Angst der Familie Mac Carthy!
Sobald von der Straße Schritte ertönten, wurden Martine und Kitty
todtenbleich. Die Großmutter richtete langsam den Kopf auf und ließ ihn
kraftlos wieder niedersinken. Immer fürchteten die Frauen, es könnten
Polizisten eindringen, um Murdock und vielleicht auch dessen Vater und
Bruder in Haft zu nehmen.
Wiederholt hatte Martine ihren ältesten Sohn angefleht, sich den, den
hervortretenden Mitgliedern der Landliga drohenden, Maßregeln nicht
auszusetzen. Erst waren in den Städten Verhaftungen vorgenommen worden,
und auf dem Lande mußten solche bald folgen. Murdock hätte sich dann
kaum verbergen können. An die Aufsuchung einer Zufluchtsstätte in den
Felsenhöhlen der Küste oder im Dickicht des Waldes war im Winter gar
nicht zu denken. Murdock wollte sich von Frau und Kind auch nicht
trennen, und wenn er auch in den weniger überwachten Grafschaften des
Nordens hätte etwas mehr Sicherheit finden können, so fehlte es ihm doch
an Mitteln, Kitty dahin mitzunehmen und für deren Unterhalt zu sorgen.
Die Casse der Nationalisten war, trotz ihres Bestandes von zwei
Millionen Pfund, nicht in der Lage, die Erhebung gegen den Landlordismus
siegreich durchzuführen.
Murdock blieb also in der Farm, doch stets bereit zur Flucht, wenn die
Constabler hier etwa zu einer Haussuchung einträfen. Findling und Birk
blieben in der Umgebung auf der Wacht. Niemand hätte sich bis auf eine
halbe Meile nähern können, ohne bemerkt und gemeldet zu werden.
Weit mehr beunruhigte Murdock übrigens das nächste Erscheinen des
Pachtcassierers, der die zu Weihnachten fällige Bodenrente einzuholen
käme.
Bisher war Martin Mac Carthy immer im Stande gewesen, seinen
Verpflichtungen aus dem laufenden Ertrage der Farm und im Nothfall aus
früheren Ueberschüssen nachzukommen. Nur ein- oder zweimal hatte er,
wenn auch mit Mühe, eine kurze Gestundung erbeten und erlangt, um die
volle Summe herbeizuschaffen. Heute wußte er leider nicht, woher das
Geld kommen oder was er verkaufen sollte, da ja nichts mehr vorhanden
war, weder von den Hausthieren, die er zum Theil verloren hatte, noch
von seinen Ersparnissen, die schon von den Staatsabgaben aufgezehrt
waren.
Der Eigenthümer der Domäne von Rockingham war -- wie schon erwähnt --
ein englischer Lord und noch niemals nach Irland gekommen. Beseelten ihn
auch die besten Absichten bezüglich seiner Pächter, so kannte er diese
doch nicht und konnte ebenso wenig für sie im Einzelfalle eintreten,
wie diese sich an ihn selbst wenden. Der Middleman, der die Ausbeute der
großen Besitzung auf eigne Rechnung übernommen hatte, wohnte in Dublin.
Auch er kam mit den Pächtern nur selten in Berührung und überließ es
einem Unterbeamten, die Grundrenten zur gewohnten Zeit einzuziehen.
Dieser Mann, der sich jährlich beim Pächter Mac Carthy einfand, hieß
Harbert. Rauh und hart, zu sehr gewöhnt an den Anblick des Elends, um
davon noch ergriffen zu werden, war er mehr eine Art Gerichtsbote, ein
Häscher, den kein Bitten und Flehen zu erweichen vermochte. Bei seinen
Besuchen in den Farmen der Grafschaft hatte er schon genügend bewiesen,
wessen er fähig war -- hatte ohne Gnade so manche unglückliche Familie
in die Winterkälte hinausgetrieben, selbst ohne Gewährung einer Frist
zur Beschaffung eines andern Unterkommens. Mit bestimmten Vorschriften
hinausgeschickt, schien es, als ob der Mann sich ein Vergnügen daraus
machte, diese in aller Härte auszuführen. Die Grüne Insel ist ja das
Land, aus dem der traurige Ausspruch herstammt: »Man verletzt das Gesetz
nicht, wenn man einen Irländer tödtet!«
In Kerwan herrschte jetzt die schlimmste Unruhe. Der Besuch Harbert's
konnte nicht mehr lange ausbleiben. Die letzte Decemberwoche benützte er
gewöhnlich, die Domäne von Rockingham zu bereisen.
Am Morgen des 29. December kam Findling, der jenen zuerst bemerkt hatte,
athemlos nach dem Hause gelaufen, um die Familie in der großen Stube von
dem Eintreffen des gefürchteten Mannes zu benachrichtigen.
Alle -- der Vater, die Mutter, die Söhne, die Urgroßmutter und ihre
Urenkelin, die Kitty auf den Knien hielt -- waren hier beisammen.
Der Beamte stieß das Gitterthor auf, schritt sicher und fest -- mit
dem Tritte des Herrn -- durch den Hof, öffnete die Thür des Zimmers und
setzte sich, sogar ohne den Hut abzunehmen, ohne einen Guten Tag, wie
einer, der sich hier weit mehr zu Hause fühlte als die Insassen der
Wohnung, auf einen Stuhl vor dem Tische, zog einige Papiere aus einem
Lederportefeuille und sagte ohne Vorrede.
»Für das verflossne Jahr hab ich hundert Pfund zu bekommen, Mac Carthy.
Das stimmt doch wohl?...
-- Gewiß, Herr Harbert, antwortete der Farmer mit leise zitternder
Stimme. Es macht hundert Pfund. Ich werde Sie aber um einen kleinen
Aufschub bitten müssen... den Sie mir ja schon früher einige Mal
bewilligt hatten....
-- Einen Aufschub... immer Aufschub? unterbrach ihn Harbert. Was soll
das heißen? Diesen Refrain hör' ich nun schon in allen Farmen. Kann denn
Herr Eldon seine Verpflichtungen gegen den Lord Rockingham mit lauter
Aufschüben ausgleichen?
-- Das Jahr ist für alle sehr schlecht gewesen, Herr Harbert, und Sie
dürfen glauben, daß auch unsre Farm davon betroffen wurde....
-- Das geht mich nichts an, Mac Carthy. Ich kann Ihnen keinen Aufschub
bewilligen!«
In eine finstre Ecke gedrückt, mit gekreuzten Armen und weit geöffneten
Augen war Findling Zeuge dieses Auftritts.
»Ich bitte Sie, Herr Harbert, haben Sie Mitleid mit den Armen!... Es
handelt sich ja nur darum, uns etwas Zeit zu gönnen. Der halbe Winter
ist schon vorbei, und er ist auch nicht zu streng gewesen. Im nächsten
Erntejahre werden wir uns erholen...
-- Wollen Sie jetzt bezahlen oder nicht, Mac Carthy?
-- Wir möchten's ja gern, Herr Harbert... so hören Sie doch... ich
versichere Ihnen auf mein Ehrenwort, daß es uns unmöglich ist...
-- Unmöglich! rief der herzlose Beamte. So verschaffen Sie sich Geld
durch den Verkauf....
-- Das haben wir gethan, doch was uns davon verblieb, wurde durch die
Ueberschwemmung im Frühjahr vernichtet. Für das Mobiliar im Hause
bekämen wir ja keine hundert Schillinge!
-- So? Und jetzt, wo sie nicht einmal imstande sind, die Feldarbeiten
wieder aufzunehmen, rief der Beamte, jetzt denken Sie durch die nächste
Ernte alles wieder einzubringen? Halten Sie mich denn für einen Narren,
Mac Carthy?
-- Nein gewiß nicht, Herr Harbert, da sei Gott vor! Doch aus Mitleid,
rauben Sie uns nicht die allerletzte Hoffnung!«
Bewegungslos und stumm unterdrückten Murdock und sein Bruder nur mühsam
die innere Empörung, als sie ihren Vater sich vor diesem Menschen so
bücken und beugen sahen.
Eben hatte sich die Großmutter in ihrem Lehnstuhle halb aufgerichtet und
begann mit ernster Stimme:
»Herr Harbert, ich bin siebenundsiebzig Jahre alt und lebe seit
siebenundsiebzig Jahren auf diesem Pachthofe, den mein Vater vor meinem
eignen Manne und vor meinem Sohne bewirthschaftete. Bis zum heutigen
Tage haben wir unsern Pachtzins noch stets auf Heller und Pfennig
gezahlt, und jetzt, wo wir Sie zum ersten Male um einen Aufschub bis
zur nächsten Ernte ersuchen, kann ich nimmermehr glauben, daß der Lord
Rockingham uns von hier zu vertreiben beabsichtige....
-- Um den Lord Rockingham handelt es sich hier auch gar nicht!
fiel Harbert barsch ein. Der Lord Rockingham kennt Sie ja nicht im
geringsten. Der Herr John Eldon aber kennt Sie... er hat mir bestimmte
Befehle ertheilt, und wenn sie mich nicht bezahlen, verlassen Sie
einfach die Farm von Kerwan....
-- Kerwan verlassen! schrie Martine, bleich wie eine Todte, auf.
-- Binnen acht Tagen!
-- Und wo werden wir ein Obdach finden?
-- Wo es Ihnen paßt!«
Findling hatte schon manche traurige Dinge mit angesehen, hatte selbst
schon viel des Schweren erduldet, und doch schien es ihm, als überträfe
das, was hier vorging, alle seine schlimmsten Erfahrungen. Ohne von
Thränen und Klagen begleitet zu sein, war der Auftritt doch um so
ergreifender.
Inzwischen hatte sich Harbert erhoben und fragte, ehe er die Papiere
wieder einsteckte:
»Zum letzten Male also: wollen Sie bezahlen?
-- Und womit denn?«
Murdock war es, der diese Gegenfrage mit lauter Stimme aufwarf.
»Jawohl... womit denn?« wiederholte er, langsam an den Beamten
herantretend.
Harbert kannte Murdock schon lange: er wußte auch, daß dieser einer der
eifrigsten Vorkämpfer der Liga gegen den Landlordismus war, und
ohne Zweifel kam ihm hierbei der Gedanke, daß sich jetzt eine gute
Gelegenheit biete, das Land von ihm zu befreien. In der Meinung, es
nicht nöthig zu haben, gegen ihn Schonung walten zu lassen, antwortete
er ironisch und mit verächtlichem Achselzucken:
»Womit bezahlen, fragen Sie?... Nun freilich, nicht damit, daß man nach
allen Meetings läuft, sich den Empörern anschließt, nicht damit, daß man
die Bodeneigenthümer boycottirt... Nur durch Arbeit...
-- Durch Arbeit! fiel Murdock ihm ins Wort, indem er dem Manne seine
schwieligen Hände entgegenstreckte. Hier, diese Hände haben wohl nicht
gearbeitet? Glauben Sie etwa, mein Vater, meine Mutter, meine
Brüder hätten seit so vielen Jahren hier auf dem Hofe nur die Arme
zusammengeschlagen?... Herr Harbert, sprechen Sie nicht solche Worte,
denn ich bin nicht imstande, dergleichen anzuhören....«
Murdock begleitete seine Rede mit einer Bewegung, vor der der Beamte
zurückwich. Jener aber machte jetzt dem ganzen Ingrimm Luft, den sociale
Ungerechtigkeit in seinem Herzen aufgespeichert hatte, und er that dies
mit der Eindringlichkeit des Ausdruckes, die der irischen Sprache
so eigen ist, der Sprache, von der es heißt: »Wenn Du Dein Leben
vertheidigst, so thu' es in irischer Zunge!« -- Und sein Leben galt
es ja, wie das Leben der Seinigen, als er sich zu so schrecklichen
Drohungen hinreißen ließ.
Als er sich das Herz erleichtert hatte, setzte er sich an der Seite
nieder.
Sim fühlte die Wuth in sich aufflammen, wie das Feuer unter dem Roste.
Martin Mac Carthy stand mit gesenktem Kopfe da und wagte nicht, das
peinliche Schweigen zu brechen, das auf Murdocks zornige Worte gefolgt
war.
Harbert dagegen sah alle wie vorher mit verächtlichem Hochmuth an.
Da erhob sich Martine und wandte sich an den Beamten.
»Herr Harbert, begann sie, lassen Sie auch mich die Bitte wagen, uns
einen Aufschub zu verwilligen... das wird es ermöglichen, Sie zu
bezahlen... nur wenige Monate... und bei fleißigster Arbeit...
sollten wir auch selbst dabei zu Grunde gehen!... Ich flehe Sie an...
ich bitte Sie auf den Knien... haben Sie Erbarmen!«
Die unglückliche Frau sank in die Knie vor dem herzlosen Manne, der sie
schon durch seine freche Haltung verletzte.
»Genug, Mutter!... Zuviel... zuviel schon der Erniedrigung! rief
Murdock, der Martine zum Aufstehen zwang. Mit Bitten und Flehen
antwortet man solchem Elenden nicht!
-- Nein, versetzte Harbert, ich sehe auch nicht ein, wozu die vielen
Worte nützen sollen. Geld... das Geld augenblicklich her, oder Ihr seid
vor Ablauf von acht Tagen alle von Haus und Hof verjagt....
-- Vor Ablauf von acht Tagen, mag sein! rief Murdock. Jetzt kommen Sie
aber erst an die Reihe, jetzt werf' ich Sie zur Thür des Hauses hinaus,
in dem wir noch Herr sind....«
Damit drang er auf den Beamten ein, faßte ihn, hob ihn auf und
schleuderte ihn auf den Hof hinaus.
»Was hast Du gethan, mein Sohn, was hast Du angerichtet? sagte Martine,
während alle übrigen die Köpfe hängen ließen.
-- Nur das, was jeder Irländer thun sollte, antwortete Murdock, die
Lords von Irland verjagen, wie ich diesen Agenten aus unsrer Farm
verjagt habe!«