XIV.

Im Alter von kaum neun Jahren.

Als der große Festtag vorüber war, ging man auf der Farm wieder an die

gewohnte Feldarbeit. Pat merkte gewiß nichts davon, daß er einen Urlaub

zur Erholung angetreten hatte. Die Seeleute sind ja immer tüchtige

Arbeiter, auch wenn sie nicht draußen schwimmen. Pat war gerade zur

Erntezeit eingetroffen, und nach dem Getreide war jetzt noch das Gemüse

einzufahren. Findling wich fast niemals von der Seite Pats, der jenem

eine aufrichtige Freundschaft entgegenbrachte... die Freundschaft des

Matrosen für den Schiffsjungen. Nach beendetem Tagewerke und wenn sich

alle zum Abendbrode versammelt hatten, war es für Findling die größte

Freude, den jungen Seemann erzählen zu hören, wenn dieser über seine

Reisen, über allerlei Ereignisse, über die Stürme, die der »Guardian«

bestanden, und über so manche schnelle und herrliche Fahrt berichtete.

Am meisten interessierte er sich aber für die reiche, der Firma Marcuart

zugeführte Fracht, für die Schätze, die der Dreimaster nach Europa

heimgebracht hatte. Die Handelsangelegenheiten ließen in seinem

praktischen Geiste eine darauf abgestimmte Saite erklingen. Seiner

Ansicht nach stand der Rheder weit höher als der Capitän.

»Also das nennt man wohl Handelsgeschäfte treiben, Pat? fragte er.

-- Ja; man holt die Erzeugnisse aus den Ländern, wo Natur oder

Menschenhand sie hervorbringt, und verkauft sie da, wo das nicht der

Fall ist.

-- Und theurer, als man sie eingekauft hatte?...

-- Natürlich... man muß doch etwas erübrigen. Dann führt man wieder die

Erzeugnisse der andern Länder aus, um sie in der weiten Welt abzusetzen.

-- Auch wieder theurer, Pat?

-- Allemal etwas theurer, wenn das zu ermöglichen ist.«

Derartige Fragen des Knaben mußte Pat nun immer beantworten. Leider

und zur großen Betrübniß aller nahte jetzt die Zeit heran, wo er in

Liverpool wieder eintreffen mußte.

Am 30. September nahm er Abschied und als er sich von allen, die er

liebte, trennte, wußte ja keiner, wie lange man ihn nicht wiedersehen

würde. Er versprach jedoch, oft zu schreiben. Alle drückten ihn

herzlich in die Arme. Der Großmutter standen die Augen voll Thränen, sie

fürchtete ja bei ihrem hohen Alter, daß sie ihn vielleicht nicht mehr

vor dem Spinnrade am Kamin und in der Mitte ihrer Kinder wiederfinden

werde, wenn sie auch jetzt, ebenso wie die ganze Familie, gesund und

wohlauf war. Für den Winter, dessen Vorboten sich bereits einstellten,

war nach diesem sehr fruchtbaren Jahre auch nichts zu fürchten. Zu

seinem älteren Bruder wendete sich Pat mit den Worten:

»Sei doch nicht immer so sorgenvoll und nachsinnend, Murdock! Mit Muth

und gutem Willen ist alles zu überwinden....

-- Gewiß, Pat, wenn man nur etwas Glück hat. Dem Glücke aber kann keiner

befehlen. Sieh, Bruder, immerfort einen Boden zu bearbeiten, der nicht

Dir eigen ist und es nie sein wird, und überdies sich gar so sehr vom

Ausfall der Ernte abhängig zu wissen... daran werden Muth und guter

Wille zuschanden!«

Pat hätte nicht gewußt, was er dagegen anführen sollte, doch als er dem

älteren Bruder zum letzten Male die Hand reichte, flüsterte er ihm noch

zu:

»Verliere nur das Vertrauen nicht!«

Der junge Seemann wurde bis nach Tralee zu Wagen befördert, wobei sein

Vater, seine Brüder und Findling ihm das Geleit gaben und letzterer sich

recht traurig von jenem verabschiedete. Dann entführte ihn der Bahnzug

nach Dublin, von wo aus er sich mit einem Dampfer nach Liverpool begeben

wollte.

In den folgenden Wochen gab es auf der Farm noch tüchtig zu thun.

Zunächst mußte die eingeheimste Ernte ausgedroschen werden und dann

hatte Martin die Märkte der Nachbarschaft zu besuchen, um seine

Vorräthe, unter Zurückbehaltung des Samengetreides, zu verkaufen.

Diese Verkäufe interessierten den Knaben ungemein und deshalb nahm

ihn der Farmer auch dazu mit. Gierig nach Gewinn war Findling aber

keineswegs, nur sein Instinct wies ihn immer und immer wieder auf den

Handel hin. Im übrigen begnügte er sich mit dem Kieselstein, den ihm

Martin nach Verabredung jeden Abend einhändigte, und er freute sich,

seine Schätze wachsen zu sehen. Der irischen Rasse ist übrigens die

Sucht nach Gewinn im allgemeinen angeboren. Die Bewohner des Grünen Erin

verdienen einmal gerne Geld, wenn das in ehrlicher Weise möglich ist.

Und wenn der Farmer etwa auf dem Markte in Tralee ein gutes Geschäft

gemacht hatte, freute sich Findling ebenso herzlich darüber, als wenn

das ihm selbst angegangen wäre.

October, November und December verliefen recht gut. Die Arbeiten waren

längst beendigt, als sich der Einholer des Pachtzinses am Abende vor

Weihnachten in der Farm von Kerwan einstellte. Das Geld für ihn

lag bereit; doch als dieses erst gegen eine regelrechte Quittung

ausgetauscht war, blieb auf der Farm fast keines mehr übrig. Um es nicht

mit anzusehen, wie dieses mit saurem Schweiße gewonnene Geld aus dem

Hause ging, hatte sich Murdock sofort zurückgezogen, als der Einholer

nur sichtbar wurde. Immer hatte er die Unsicherheit der Zukunft vor den

Augen. Zum Glück war für den Winter gesorgt und die Vorräthe

gestatteten auch, die Arbeiten im Frühlinge ohne weitere Auslagen wieder

aufzunehmen.

Mit dem neuen Jahr trat sehr strenge Kälte ein, die jeden ans Haus

fesselte, wo es an Arbeit übrigens nicht fehlte. Mindestens war doch

für die Pflege und die Ernährung der Thiere zu sorgen. Findling war vor

allem der Hühnerhof anvertraut und auf ihn konnte man sich ja verlassen.

Hühner und Küchlein wurden ebenso sorgsam gepflegt, wie über sie Buch

geführt. Inzwischen vergaß der Knabe auch nicht, daß er ein Pathenkind

hatte, und wie freute er sich allemal, Jenny in die Arme zu nehmen, sie

lächeln zu machen, indem er die Kleine anlachte, und sie in der Wiege

einzuschläfern, wenn ihre Mutter beschäftigt war. Ein Pathe ist fast so

viel wie ein Vater, und er betrachtete das zarte Kind als seine Tochter.

Für sie entwarf er hochfliegende Pläne. Sie sollte keinen andern Lehrer

haben als ihn. Er wollte ihr erst reden, dann schreiben und endlich

haushalten lehren.

Findling hatte von dem gelegentlichen Unterrichte Martins und seiner

Söhne, vor allem Murdocks, viel profitiert. Jetzt war er weiter

vorgeschritten als bis zu dem Punkte, wohin Grip ihn gebracht hatte...

der arme Grip, der seine Gedanken unausgesetzt beschäftigte....

Der Frühling setzte nach recht hartem Winter nicht allzuspät ein. In

Begleitung seines Freundes Birk gab sich der junge Schäfer wieder der

gewohnten Beschäftigung hin. Unter seiner Leitung zogen Schafe und

Ziegen wieder auf die Weideplätze in einmeiligem Umkreis von der Farm.

Immer schmerzte es ihn, sich an den andern Feldarbeiten, die freilich

mehr Kräfte erforderten als er besaß, noch nicht betheiligen zu können.

Zuweilen klagte er darüber gegen die Großmutter, und diese antwortete

dann tröstend:

»Geduld... das wird auch noch kommen....

-- Doch könnt' ich inzwischen nicht wenigstens ein Feld besäen?

-- Würdest Du das so gern versuchen?

-- O gewiß, Großmutter! Wenn ich Murdock oder Sim den Arm wiegend und

regelmäßig fortschreitend die Samenkörner auf die Erde streuen sah, da

trieb mich's immer, es ihnen nachzuthun. Es ist eine so schöne Arbeit

und so interessant zu denken, daß aus diesen Körnern Halme, lange, lange

Halme hervorgehen. Wie kann das nur zustandekommen?...

-- Ich weiß es nicht, mein Kind; doch Gott weiß es ja, das muß uns

genügen.«

Infolge dieses Gespräches sah man Findling wenige Tage darauf ein

wohlvorgerichtetes Feld recht geschickt mit Hafer besäen, was ihm

manchen Lobspruch Martin Mac Carthy's einbrachte.

Als dann die zarten Keime hervorsproßten, war er vom frühesten Morgen

an zur Stelle, seine zukünftige Ernte gegen die diebischen Krähen zu

vertheidigen, indem er diese mit Steinwürfen verjagte. Es sei auch nicht

unerwähnt gelassen, daß er am Tage der Geburt Jennys mitten im Gutshofe

eine kleine Tanne gepflanzt hatte, in der Hoffnung, beide, Bäumchen und

Säugling, fröhlich aufwachsen zu sehen. Auch diese noch zarte Pflanze

mußte er sorgsam gegen die Vögel schützen. Jedenfalls sollten Findling

und die schädlichen Thiere nie gute Freunde werden.

Im Sommer 1880 gab es auf den Fluren Westirlands überall recht harte

Arbeit. Die Witterungsverhältnisse erwiesen sich für den Ertrag des

Bodens höchst ungünstig. In den meisten Grafschaften blieb die

Ernte hinter der des Vorjahrs weit zurück. Eine Hungersnoth war

aber vollkommen ausgeschlossen, denn wenigstens versprachen die

Kartoffelfelder einen reichen, wenn auch etwas verspäteten Ertrag, und

damit mußten sich die Leute wohl zufrieden geben, denn Korn, Weizen,

Gerste und Hafer erntete man kaum zur Deckung des Bedarfs im eignen

Lande. Das schnellte zwar die Getreidepreise in die Höhe, die Pächter

zogen davon aber keinen Vortheil, da sie nichts zu verkaufen hatten und

kaum den Samen für das nächste Jahr übrig behielten. Selbst die, die

früher einen Sparpfennig zurücklegen konnten, sahen diesen für die

Staatsabgaben allein hinschwinden, und dann blieb wieder nichts übrig,

um den schwerlastenden Pachtzins zu decken.

Die nationale Bewegung erhielt hierdurch fast überall einen neuen

Anstoß, wie das stets der Fall war und ist, wenn sich eine Wolke des

Unglücks über das irische Land senkte. An vielen Orten erhob man schwere

Klage und lebten die Hetzereien der agrarischen Liga wieder auf. Gegen

die Besitzer des Bodens wurden maßlose Drohungen laut, ob diese

nun Fremde waren oder nicht, denn bekanntlich werden in Irland die

englischen und schottischen Landlords als Fremdlinge betrachtet.

Im Juni dieses Jahres riefen die schon Hungernden in Westpoint: »Laßt

Euch nicht von Euern Farmen vertreiben!« und die durch das Land gehende

Parole lautete: »Den Grund und Boden für die Bauern!«

In den Gebieten von Donegal, Sligo und Galway kam es zu wirklichen

Unruhen. Auch Kerry blieb davon nicht frei. Voller Angst sahen die

Großmutter, Martine und Kitty Murdock mit Einbruch der Nacht gar zu oft

die Farm verlassen, wo er dann erst, abgespannt von den Strapazen des

Wegs, am frühen Morgen wieder erschien. Düstrer und verbitterter als

vorher kam er von den in den Hauptorten veranstalteten Meetings zurück,

wo man den hellen Aufruhr predigte, eine Erhebung gegen die Landlords

und den allgemeinen Boycott empfahl, der die Besitzer zwingen würde, ihr

Land brach liegen zu lassen.

Am meisten steigerte die Furcht der Familie wegen Murdocks der Umstand,

daß der zu den strengsten Maßregeln entschlossene Lordlieutenant

der Insel die Nationalisten durch seine Polizeiorgane aufs schärfste

überwachen ließ.

Stimmten Martin und Sim auch mit den Anschauungen Murdocks überein,

so äußerten sie doch kein Wort, wenn dieser nach längerem Ausbleiben

heimkehrte. Die Frauen dagegen flehten ihn an, vorsichtig zu sein und

sich in Thaten und Worten in Acht zu nehmen. Sie versuchten ihm das

Versprechen abzunöthigen, daß er sich einem Aufstand für =Home rule=,

der doch nur Unheil bringen könne, nie anschließen werde.

Das reizte Murdock, der seinem Ingrimm nun laut Luft machte. Er sprach

und gesticulierte, als ob er sich in einer Volksversammlung befände.

»Nichts als Elend, nach einem Leben voller Arbeit nichts als Elend!«

wiederholte er.

Und während Martine und Kitty davor zitterten, daß er gehört werden

könnte, wenn draußen gerade ein Polizist umherschlich, senkten die

danebensitzenden Martin und Sim nur schweigend den Kopf auf die Brust.

Findling war tief ergriffen Zeuge dieser peinlichen Auftritte. Erschien

es ihm dabei zuweilen doch, als sei er nach so vielen früheren Prüfungen

auch in der Farm von Kerwan noch nicht ans Ende seiner Leiden gekommen

und als sollte ihm die Zukunft noch schlimmere bringen.

Er zählte jetzt achteinhalb Jahre. Für sein Alter recht kräftig und den

gewöhnlichen Kinderkrankheiten glücklich entgangen, hatten weder Trübsal

und Leiden, noch schlechte Behandlung und mangelnde Pflege seinen

Organismus zu erschüttern vermocht. Findling war »bis zum Maximum

der Widerstandsfähigkeit geprüft worden« und zeigte eine erstaunliche

physische und moralische Festigkeit. Das erkannte man an den gut

entwickelten Schultern, der schon recht breiten Brust und seinen zwar

schlanken, doch nervigen und muskulösen Gliedern. Sein Haar färbte sich

dunkler und er trug es schlicht, statt der Locken, die ihm Miß Anna

Walston hatte brennen lassen. Seine tiefblauen, glänzenden Augen

verriethen eine außerordentliche Lebhaftigkeit, der leichtgeschlossene

Mund und das etwas kräftige Kinn die Energie und Entschiedenheit

seines Charakters. Alles das hatte die Aufmerksamkeit der Farmerfamilie

wachgerufen. Diese ernsten und nachdenklichen Landleute Irlands sind

meist recht gute Beobachter. Auch den Bewohnern der Farm von Kerwan

hatte es nicht entgehen können, wie dieser Knabe sich durch seinen Sinn

für Ordnung und durch regen Fleiß auszeichnete und daß er sich bestimmt

emporarbeiten würde, wenn er nur Gelegenheit fand, seine natürlichen

Anlagen zu bethätigen.

Die Zeit der Heu- und Getreideernte war durch die Witterung weit weniger

begünstigt, als im vorigen Jahre. Der Minderertrag an Körnerfrüchten

erwies sich so bedeutend, wie man gefürchtet hatte, so daß heuer keine

fremden Arbeitskräfte hinzugezogen zu werden brauchten. Dagegen war

die Kartoffelernte gut und damit die Ernährung während der schlechten

Jahreszeit gesichert. Woher freilich das Geld kommen sollte, um Pacht

und Abgaben zu bezahlen, das wußte niemand.

Der Winter trat frühzeitig ein, schon im September gab es den ersten

Frost, dem bald ergiebiger Schneefall folgte. Die Thiere mußten eher als

sonst in den Ställen untergebracht werden, denn die weiße Decke war so

tief und fest, daß weder Schafe noch Ziegen ein Hälmchen darunter hätten

erlangen können. Das ließ einen Futtermangel für den Winter befürchten.

Die Klugen, oder mindestens die, denen es an Mitteln nicht ganz

fehlte -- und zu diesen gehörte Martin Mac Carthy -- ergänzten ihre

Vorräthe durch Zukauf. Bei der Seltenheit der Waare mußten sie freilich

höhere Preise anlegen und es wäre vielleicht besser gewesen, den Bestand

an Vieh zu vermindern, das bei einer langen Ueberwinterung nur schwierig

zu erhalten war.

Der Frost, der den Boden bis auf einige Fuß Tiefe zum gefrieren

bringt, ist ja überall sehr beschwerlich, vorzüglich aber bei leichter,

kieselreicher Decke, wie in Irland, die auch die wenige Düngung, die man

darauf bringt, sehr mangelhaft zurückhält. Dauert ein strenger Winter

dann aber gar noch lange an, so dringt der Frost ungemein tief in die

Erde und die Pflugschar ist nicht im Stande, den steinharten Humus zu

lockern. Kann dann die Saat nicht zeitig genug bestellt werden, so

droht das schlimmste Ungemach! Leider vermag der Mensch die klimatischen

Verhältnisse nicht zu beeinflussen. Er kann nur mit gekreuzten Armen

zusehen, wie seine Vorräthe sich immer weiter erschöpfen.

Gegen Ende des Novembers verschlimmerte sich die Sache noch. Auf

Schneestürme folgte sehr strenge Kälte. Häufig sank die Temperatur auf

neunzehn Centigrade unter Null herab.

Die von erhärtetem Schneepanzer bedeckte Farm glich mehr den im

Polargebiete verstreuten grönländischen Hütten. Die dicke Schneelage

hielt wenigstens die Kaminwärme im Innern etwas zurück; wenn man

sich aber hinausbegab in die zum Glück jetzt stille Atmosphäre,

deren Molecüle zu Eiskörnchen geworden zu sein schienen, da mußte man

einigermaßen vorsichtig sein. Zu dieser Zeit mußten Martin Mac Carthy

und Murdock, um den in wenigen Wochen fälligen Pachtzins zu beschaffen,

nun doch einen Theil ihres Viehbestandes, darunter eine Anzahl Schafe,

veräußern. Sie durften auch gar nicht zögern, um das Geld noch von den

Händlern in Tralee zu erhalten.

Es war jetzt der 15. December. Da der Wagen nur sehr beschwerlich hätte

fortkommen können, beschlossen der Pächter und sein Sohn den Weg nach

der Stadt zu Fuß zurückzulegen. Vierundzwanzig englische Meilen (à 1609

Meter) bei zwanzig Grad Kälte zu überwinden, das war natürlich keine

so leichte Aufgabe. Voraussichtlich würden sie zwei oder drei Tage

abwesend sein.

Nicht ohne Unruhe sah man sie mit dem Frührothe die Farm verlassen.

Obwohl die Luft noch trocken war, drohten doch schwere, im Westen

lagernde Dünste mit einem baldigen Witterungsumschlag.

Martin und Murdock waren am 15. aufgebrochen, vor dem 17. konnte man sie

nicht zurückerwarten.

Bis zum Abend änderte sich das Wetter nicht merkbar, höchstens sank das

Thermometer noch um weitere zwei Grad. Des Nachmittags erhob sich etwas

Wind, und das gab einen neuen Grund zu Befürchtungen, denn im Thale des

Cashen wüthen die Stürme gar heftig, wenn sie sich vom Meere aus darin

fangen.

In der Nacht vom 16. zum 17. brach wirklich ein schwerer Sturm mit

heftigem Schneegestöber aus. Zehn Schritte von der Farm hätte man diese

in ihrem weißen Mantel gar nicht mehr erkannt. Furchtbar krachten die

Eisschollen, die sich auf dem Flusse stießen. Jedenfalls waren Martin

und Murdock zu dieser Stunde aus Tralee schon wieder aufgebrochen,

sicherlich aber waren sie auch am 18. von da noch nicht heimgekehrt.

In der Nacht heulte und tobte es draußen ohne Unterlaß, zur großen

Beunruhigung aller Zurückgebliebenen. Sie konnten ja fürchten, daß die

Wanderer sich im tollen Schneetreiben verirrt hätten. Vielleicht waren

sie gar nur wenige Meilen von der Farm erschöpft zusammengebrochen und

liefen Gefahr, vor Hunger und Kälte umzukommen....

Am nächsten Tage klärte sich der Himmel ein wenig auf und der Sturm

flaute ab. Infolge einer Drehung des Windes nach Norden verhärtete sich

der Schnee fast augenblicklich. Sim erklärte sich bereit, dem Vater und

dem Bruder in Begleitung Birks entgegenzugehen, und die übrigen

stimmten ihm zu unter der Bedingung, daß auch Martine und Kitty sich ihm

anschließen dürften.

Zu seinem Leidwesen mußte also Findling bei der Großmutter und dem Baby

zu Hause bleiben.

Die andern sollten den Erwarteten auch nur bis auf zwei, höchstens drei

Meilen entgegengehen, dann aber nach Hause zurückkehren, selbst wenn es

Sim für angezeigt hielt, noch eine Strecke weiter vorzudringen.

Eine Viertelstunde später waren die Großmutter und Findling schon

allein. Jenny schlief in einem Zimmer neben der großen Stube, dem

Murdocks und Kittys. Ein Korb, der nach irischer Art an zwei an der

Decke befestigten Stricken hing, diente dem Kind als Wiege.

Der Lehnstuhl der Großmutter stand vor dem Kamine, in dem Findling mit

Torf und Holz ein tüchtiges Feuer unterhielt. Von Zeit zu Zeit sah er

nach, ob sein »Töchterchen« nicht erwacht wäre, da ihn jede Bewegung der

Kleinen beunruhigte, immer bereit, ihr etwas Milch zu reichen oder sie

auch wieder in Schlaf zu wiegen.

Voller Unruhe lauschte die Großmutter auf jedes Geräusch von draußen,

auf das Knistern des Schnees, der sich verhärtend auf dem Strohdach

zusammenzog, und auf die seufzerähnlichen Laute aus den Brettern, die da

und dort durch die Kälte sprangen.

»Du hörst nichts, Findling? fragte sie.

-- Nein, Großmutter!«

Und nachdem er die Scheiben stellenweise von den glitzernden Eisblumen

befreit hatte, suchte der Knabe einen Blick nach dem weiß überdeckten

Hofe zu werfen.

Gegen halb ein Uhr stieß das kleine Mädchen einen leichten Schrei aus.

Findling eilte zu ihr hin. Da sie aber die Augen nicht geöffnet hatte,

begnügte er sich damit, sie aufs neue einzuwiegen.

Schon wollte er die bejahrte Frau, die er nicht gern allein ließ, wieder

aufsuchen, als draußen ein merkwürdiges Geräusch entstand. Es klang wie

ein Scharren und Kratzen, das von dem an das Zimmer Murdocks grenzenden

Stalle herzukommen schien. Da die Zwischenwand aber aus Mauerwerk

bestand, schenkte er diesem Geräusch keine weitere Aufmerksamkeit.

Jedenfalls rührte es von einigen Ratten her, die draußen unter den

Strohschütten umherliefen. Da auch das Fenster des Raumes geschlossen

war, schien ja nichts zu fürchten sein.

Findling ließ die Thür zwischen beiden Räumen offen stehen und ging zur

Großmutter zurück.

»Nun, wie steht's mit Jenny? fragte diese.

-- Sie ist wieder eingeschlummert.

-- So bleib' also bei mir, mein Kind.

-- Ja, Großmutter!«

Vor dem wärmenden Kamin sitzend, sprachen nun beide von Martin und

Murdock und von den andern, die diesen entgegengegangen waren.

Wenn diese nur nicht Unglück gehabt hatten, was ja bei so heftigem

Schneegestöber nicht gar so selten vorkommt. Doch... die kräftigen,

entschlossenen Männer würden sich schon zu helfen wissen, und wenn sie

heimkamen, erwartete sie ein prasselndes Feuer und ein dampfender Grok,

die Glieder wieder zu erwärmen.

Schon seit zwei Stunden waren Martine und die andern fortgegangen, doch

bis jetzt deutete nichts auf ihre baldige Zurückkunft.

»Meinen Sie nicht, Großmutter, begann da Findling, daß ich einmal hinaus

und bis zur Landstraße hin gehen sollte, um zu sehen, ob sie kommen?

-- Nein, nein, das Haus darf nicht allein bleiben, und das ist es, wenn

nur ich noch darin bin.«

Beide setzten also ihr Gespräch fort, bald aber nickte -- was zuweilen

vorkam -- die bejahrte Frau vor zunehmender Abspannung ein.

Nach seiner Gewohnheit schob ihr Findling sanft ein Kissen unter den

Kopf und schlich lautlos zum Fenster, um durch eine etwas vom Eis

befreite Scheibe hinauszublicken.

Alles draußen war blendend weiß, alles still wie auf einem Friedhofe.

Da die Großmutter schlummerte und Jenny im Nebenzimmer gut gebettet lag,

glaubte der Knabe jetzt einmal bis zur Landstraße laufen zu können, um

nach den Ausbleibenden zu sehen.

So schlüpfte er denn geräuschlos hinaus und schloß die Thür hinter sich

vorsichtig wieder. Bald bis über die Knie in den Schnee versinkend,

erreichte er das Thor der Farm.

Auf der gleichmäßig weißen Landstraße war niemand mehr zu erblicken und

kein Laut von Westen her zu vernehmen. Wären Martine, Kitty und Sim

in der Nähe gewesen, so hätte sich gelegentlich gewiß ein Gebell Birks

hören lassen.

Findling ging bis zur Mitte der Landstraße hin.

Da erweckte ein erneutes Scharren seine Aufmerksamkeit, das aber

nicht von der Straße, sondern vom Pachthofe her tönte und von einem

halberstickten Geheul begleitet schien.

Findling lauschte, ohne sich zu rühren, doch mit stark klopfendem

Herzen. Entschlossen wendete er sich dann nach den Ställen zu und

schlich aus Vorsicht möglichst geräuschlos um deren Ecke.

Noch immer hörte er das Scharren von innen, hinter dem Winkel, in dem

Murdocks und Kittys Zimmer mit dem einen Stalle zusammenstieß.

In der Vorahnung eines Unglücks drückte sich Findling längs der Mauer

hin.

Kaum gelangte er um die Ecke, als ihm ein Aufschrei entfuhr.

Hier bemerkte er in der Wand, deren Mörtel durch die Länge der Zeit

mürbe geworden sein mochte, ein ziemlich großes Loch, das nach dem

Zimmer führte, worin Jenny schlief.

Wer konnte hier durchgebrochen haben?... Ein Mensch?... Ein Thier?...

Ohne Zögern stürmte Findling auf die Mauerlücke zu und versuchte hier

einzudringen.

In demselben Augenblicke aber entwich ein großes Thier daraus und warf

entfliehend den Knaben zur Erde.

Es war das ein Wolf... einer der starken Wölfe mit spitziger Schnauze,

die in langen Wintern haufenweise in Irland umherschweifen.

Nachdem dieser die Wand durchbrochen hatte und in das Zimmer gelangt

war, hatte er Jennys Wiege gepackt, deren Aufhängestricke dabei rissen,

und entfloh jetzt, indem er diese auf dem Schnee mit fortschleppte.

Das kleine Mädchen weinte jämmerlich.

Sein Messer fassend, stürmte Findling, während er laut um Hilfe rief,

dem gefährlichen Räuber nach. Daran, daß der Wolf sich auf ihn stürzen,

daß er dabei das Leben aufs Spiel setzen konnte, dachte er mit keiner

Silbe. Er sah nur das Kind, wie es von dem mächtigen Thiere entführt

wurde.

Der Wolf entfloh mit großen Sprüngen, da ihn die leichte Wiege mit dem

Kinde das Fortkommen nicht besonders erschwerte. Findling mußte wohl

hundert Schritte weit laufen, ehe er ihn einholte.

Der Wolf hielt an, ließ die Wiege los und wendete sich gegen seinen

Verfolger.

Dieser erwartete ihn festen Fußes und ausgestreckten Armes, und als das

Thier ihm an den Hals springen wollte, bohrte er ihm das Messer tief in

die Seite. Trotzdem biß ihn der Wolf noch so heftig in den Arm, daß er

halb bewußtlos vor Schmerz im Schnee zusammenbrach.

Zum Glück ließ sich, ehe ihm die Sinne völlig schwanden, ein lautes

Bellen vernehmen.

Das kam von Birk, der sich jetzt auf den Wolf stürzte und diesen zur

Flucht nöthigte.

Gleich darauf erschienen Martin Mac Carthy und Murdock, die in

der Entfernung von über zwei Meilen mit Sim, Martine und Kitty

zusammengetroffen waren.

Die kleine Jenny war gerettet und ihre Mutter trug sie in den Armen

zurück nach dem Hause.

Findling, dessen Wunde Murdock vorläufig etwas geschlossen hatte, wurde

nach der Farm zurückgeführt und im Zimmer der Großmutter in sein Bett

gebracht.

Sobald er wieder ganz bei Sinnen war, fragte er ängstlich:

»Was ist mit Jenny geworden?

-- Sie ist hier, antwortete Kitty, hier... und lebend... das danken

wir Dir, Du braves Kind!

-- Ach, ich möchte sie so gern umarmen....«

Und als er die Kleine unter seinem Kusse hatte lächeln sehen, da fielen

ihm vor Mattigkeit die Augen zu.

Der Findling. Erster Band. · 第 43 / 49 题