Die Heimkehr.
Zur Zeit fühlte sich Findling glücklich und hielt es für unmöglich, das
je noch mehr sein zu können. Er ging völlig in der Gegenwart auf, ohne
an die Zukunft zu denken. Die Zukunft ist ja schließlich auch weiter
nichts als eine Gegenwart, die sich von einem Tage zum andern erneut.
Manchmal tauchten wohl die Bilder der Vergangenheit in ihm auf. Da
gedachte er des kleinen Mädchens, die mit ihm bei der garstigen Frau
gewohnt hatte. Sissy mußte jetzt etwa elf Jahre zählen. Doch was aus ihr
geworden oder ob sie gar gestorben war, das wußte er nicht. Jedenfalls
hoffte er, sie einst noch wiederzusehen. Er war ihr ja so viel Dank für
ihre Liebe schuldig, und bei seinem Bedürfnisse, sich an die, die
ihn geliebt hatten, anzuschließen, sah er im Geiste in ihr nur eine
Schwester.
Doch auch den guten Grip umfaßte er mit derselben Dankbarkeit. Seit
dem Brande der =Ragged-School= von Galway waren jetzt sechs Monate
verflossen, während der Findling so vielfach der Spielball des Zufalls
gewesen war. Grip würde doch nicht etwa gestorben sein? O nein, so brave
Herzen hören nicht auf zu schlagen. Leute wie Thornpipe und die Hard,
diese könnten ohne Bedauern zu erregen von der Erde scheiden, leider
aber verdirbt Unkraut so leicht nicht.
Natürlich hatte der Findling auf der Farm zuweilen von seinen ehemaligen
Freunden gesprochen und hier in allen ein gewisses Interesse für jene
geweckt.
Martin Mac Carthy veranlaßte Nachforschungen über jene, die leider
keinen weiteren Aufschluß über Sissy lieferten, als daß auch diese aus
dem Dorfe Rindok verschwunden war.
Bezüglich Grips hatte man von Galway eine Antwort erhalten. Der arme
Bursche hatte, nachdem seine Wunden kaum geheilt waren, aus Mangel an
Beschäftigung die Stadt verlassen und irrte jetzt wahrscheinlich Arbeit
suchend im Lande umher. Findling empfand es recht schmerzlich, so
glücklich zu sein, während es Grip jedenfalls nicht war. Martin selbst
nahm regen Antheil an Grip und hätte diesen so gern im Pachthofe als
nützlichen Helfer mit aufgenommen, wenn er nur wußte, wo jener zu finden
wäre. Sein Schicksal blieb zunächst aber unenthüllt, und vorläufig
mußten sich die beiden früheren Insassen der Lumpenschule mit der
Hoffnung auf ein zufälliges, späteres Wiedersehen trösten.
In Kerwan führte die Familie Mac Carthy's ein regelmäßiges arbeitsvolles
Leben. Die nächsten Pachtgüter lagen zwei bis drei Meilen von hier
entfernt. Unter den Pächtern inmitten dieser bevölkerten Gebiete des
unteren Irlands kann von einer Nachbarschaft kaum die Rede sein. Tralee,
der Hauptort der Grafschaft, lag auch ein Dutzend Meilen weit entfernt,
und Martin und Murdock begaben sich nur dahin, wenn ihre Geschäfte an
Jahrmarktstagen sie dazu nöthigten.
Die Farm gehört zur Kirche von dem fünf Meilen entfernten Silton, einem
Dorfe mit etwa vierzig Häusern und kaum hundert rund um die Kirche
angesiedelten Bewohnern. Des Sonntags begaben sich die Frauen zu Wagen,
die Männer von der Farm zu Fuß nach der Frühmesse. Ihres Alters wegen
vom dortigen Geistlichen vom Kirchenbesuch dispensiert, blieb die
Großmutter, außer an den hohen Festen, zu Weihnachten, zu Ostern und zu
Mariä Himmelfahrt, meist im Hause zurück.
In der Kirche von Silton erschien der Findling jetzt in höchst
anständiger Tracht. Das war nicht mehr das Kind in Lumpen, das durch
die Thür der Hauptkirche von Galway schlüpfend sich hinter den Pfeilern
versteckte. Jetzt fürchtete der Knabe nicht mehr hinausgejagt zu werden,
er zitterte nicht mehr vor dem strengen langen Schwarzrock, den weißen
Lätzchen und dem langen Stabe -- deren Vereinigung den Kirchendiener der
Parochie bildete. Jetzt hatte er seinen Platz auf der Bank neben Martine
und Kitty, er lauschte dem frommen Gesange und wohnte voll Andacht dem
ganzen Gottesdienste bei. Das war ein Knabe, den man mit einigem Stolz
sehen lassen konnte, wenn er so in seinem saubern, sorgsam gehaltenen
Tweed aus gutem Stoffe einherging.
Nach Schluß der Messe fuhren die Kirchenbesucher sogleich nach Kerwan
zurück. In diesem Winter herrschte vielfach starkes Schneetreiben
bei schneidendem Winde. Alle hatten davon geröthete Augenlider und
aufgesprungene Gesichter. Am Barte Martins und seiner Söhne hingen lange
Eiskrystalle, was ihnen fast das Aussehen von Gipsfiguren verlieh.
Im großen Kamin prasselte inzwischen ein von der Großmutter
unterhaltenes tüchtiges Wurzelholz- und Torffeuer. Hier wärmte sich die
kleine Gesellschaft wieder auf und setzte sich dann an den Tisch, worauf
ein duftendes Stück Pökelfleisch mit Kohl dampfte, daneben eine Schüssel
mit Kartoffeln in der Schale, und endlich eine Omelette -- zu der die
Eier natürlich nach der richtigen Nummernfolge gewählt waren.
Verbot die Witterung einen Spaziergang, so vertrieb man sich den Tag mit
Lesen und Plaudern, und Findling bereicherte seine Kenntnisse aus allem,
was er hörte.
Die Monate verstrichen. Der Februar war sehr kalt und der März sehr
regnerisch. Schon nahte die Zeit zur Wiederaufnahme der Feldarbeiten.
Der im ganzen nicht allzustrenge Winter schien nicht lange mehr
anhalten zu sollen, so daß die Einsaat voraussichtlich unter günstigen
Verhältnissen erfolgen konnte. Dann waren die Pächter wohl auch in der
Lage, für Weihnachten den dann abzuführenden Pachtschilling bereit zu
halten und nicht von den in vielen Gegenden so häufigen Austreibungen
bedroht zu sein, wenn die Ernte fehlschlägt, Austreibungen, durch die
zuweilen ganze Kirchspiele entvölkert werden.[5]
Immerhin hing eine schwarze Wolke, wie man zu sagen pflegt, am Horizonte
der Farm.
Vor zwei Jahren war der zweite Sohn, Pat, mit einem dem Hause Marcuart
in Liverpool gehörigen Handelsschiffe, dem »Guardian«, ausgesegelt. Zwei
Briefe waren von ihm, nach Durchkreuzung der Südsee, eingetroffen,
der letzte vor neun oder zehn Monaten, seitdem fehlte es aber ganz an
Nachricht von ihm. Selbstverständlich hatte Martin darum nach Liverpool
geschrieben. Die erhaltene Antwort lautete aber nicht besonders
beruhigend. Man hatte weder durch Zeitungen, noch durch die auswärtigen
Correspondenten etwas über das Schicksal des Schiffes gehört, und die
Herren Marcuart machten über ihre Befürchtungen wegen des »Guardian«
kein Hehl.
Von Pat war in Folge dessen auf der Farm vielfach die Rede, und Findling
sah deutlich genug, welchen Kummer dieses Ausbleiben jeder Nachricht der
ganzen Familie bereitete.
Da war wohl die Spannung kein Wunder, mit der man jeden Tag das
Eintreffen der Briefpost erwartete. Der kleine Knabe lauerte sie auf
der Straße ab, die diesen Theil der Grafschaft mit deren Hauptorte
in Verbindung setzt. Sobald er den an seiner blutrothen Farbe leicht
erkennbaren Wagen von weitem erblickte, lief er, was er laufen konnte,
nicht wie die Straßenbuben, die ein paar Kupfermünzen nachstürzen,
sondern nur um zu hören, ob nicht ein Brief an Martin Mac Carthy
angekommen wäre.
Der Postdienst ist auch in den entlegensten Grafschaften Irlands ganz
vorzüglich eingerichtet. Der Wagen hält auf dem Lande an allen Thüren
an, um Briefe zu vertheilen oder anzunehmen. An Mauern und Grenzsteinen
befinden sich Kästen mit einer Rothgußplatte, selbst einfache Säcke,
die an Baumzweigen hängen und die der Postconducteur im Vorüberkommen
ausleert.
Leider traf kein Brief von der Hand Pats, auch keiner von der Firma
Marcuart in der Farm ein. Seitdem der »Guardian« zuletzt in den
Australischen Meeren gesehen wurde, war und blieb er vorläufig
verschollen.
Die Großmutter war tiefbetrübt, denn gerade Pat hatte sie besonders ins
Herz geschlossen. Auch jetzt sprach sie unausgesetzt von ihm, den sie
bei ihrem hohen Alter nun kaum wiederzusehen fürchtete. Findling suchte
sie immer zu beruhigen.
»Er wird schon wiederkommen, sagte er. Noch kenne ich ihn nicht, muß ihn
aber doch kennen lernen, da er ja zur Familie gehört.
-- Und er würde Dich ebenso lieb gewinnen, wie wir, antwortete sie.
-- Es muß doch herrlich sein, Großmutter, Seemann zu sein! Wie schade
nur, daß man da einander, und immer so lange, verlassen muß. Könnte denn
nicht gleich eine ganze Familie zur See gehen?
-- Nein, mein Kind, als Pat fortging, hat das mich tief geschmerzt!
Wie glücklich sind die, die sich niemals zu trennen brauchen!... Unser
Junge hätte auch auf der Farm bleiben können. An Arbeit würde es ihm
nicht gefehlt haben, und wir verzehrten uns jetzt nicht vor Unruhe. Er
hat es nicht gewollt... möge Gott ihn uns zurückführen!... Vergiß ja
nicht, für ihn mitzubeten!
-- Nein, Großmutter, das vergess' ich nicht, für ihn und für Sie alle!«
In den ersten Apriltagen begann die Arbeit außer dem Hause. Es war eine
schwere Aufgabe, die noch frostharte Erde aufzupflügen, sie mit der
Walze einzuebnen und oberflächlich mit der Egge wieder zu lockern.
Hierzu mußten einige fremde Arbeiter gemiethet werden, da Martin und
seine Söhne allein damit nicht hätten fertig werden können. Die Minuten
sind kostbar, wenn es sich darum handelt, mit dem einsetzenden Frühling
zum Säen bereit zu sein. Außerdem galt es noch Gemüse zu pflanzen
und Kartoffeln zu stecken, wobei die Knollen mit den besten »Augen«
ausgewählt wurden.
Nun mußten ferner die Thiere aus den Ställen. Die Schweine ließ man
einfach im Hofe oder auf der Straße herumlaufen. Die Kühe, die mit
Ketten an Pflöcken auf der Weide festgelegt wurden, bedurften keiner
großen Ueberwachung, außer daß sie des Morgens aus- und des Abends
eingetrieben wurden. Das Melken derselben war Sache der Frauen. Dagegen
mußten die Schafe gehütet und, da sie sich den Winter über nur von
Häcksel, Kraut und Rüben ernährt hatten, auf die Weide einmal hier-,
einmal dorthin geführt werden. Der Findling erschien wie zum Schäfer
dieser Heerde geschaffen.
Mac Carthy besaß, wie wir wissen, gegen hundert Schafe, und zwar von der
schönen schottischen Rasse, mit langer, mehr grauer als weißer Wolle und
schwarzen Mäulern und Füßen. Als Findling sie zum ersten Male nach
der fast eine halbe Meile entfernten Weidestelle trieb, fühlte er sich
ordentlich stolz über das neue Amt. Er empfand seine Verantwortlichkeit
für die blökende Heerde, die unter seiner Leitung dahintrabte, während
Birk, der Hund, etwaige Nachzügler oder Ausbrechende zusammentrieb, für
die Widder, die die Spitze bildeten, und für die Lämmer, die sich um
ihre Mütter drängten. Wenn sich nun ein Thier verirrt hätte!... Wenn
gar Wölfe in der Nähe hausten! Doch nein, mit Birk und seinem Messer an
der Seite fürchtete der junge Schäfer auch Wölfe nicht.
Früh am Morgen brach er auf, ein tüchtiges Stück Brod, ein hartes Ei und
eine Schnitte Speck in seinem Sacke, um davon zu Mittag zu essen. Die
Schafe zählte er beim Verlassen des Stalles ebenso wie bei der Rückkehr
dahin. Dasselbe that er mit den Ziegen, auf die er ein Auge hatte und
die die Hunde frei umherspringen lassen.
An den ersten Tagen war die Sonne kaum aufgegangen, als Findling schon
hinter seiner Heerde herzog. Im Westen flimmerten noch einzelne
Sterne. Er sah sie nach und nach verlöschen, als ob der Morgenwind sie
ausgeblasen hätte. Dann schossen die Sonnenstrahlen durch die Landschaft
und glitzerten in jedem Thautröpfchen auf den Steinen. Meist lenkten
Martin und Murdock auf einem benachbarten Felde den Pflug, der eine
gerade und schwärzliche Furche hinter sich zurückließ. Auf einem andern
verstreute Sim mit gemessener Armbewegung den Samen, den die Egge dann
mit dünner Erdschicht zudeckte.
Trotz seiner Jugend pflegte Findling immer mehr die praktische als die
etwa wunderbare Seite aller Dinge zu beobachten. Er fragte sich nicht,
wie ein einfaches Körnchen zu einem Halm mit Aehre auswachsen könnte,
wohl aber, wie viel Körner die Korn-, Gersten- oder Haferähre bei der
Ernte liefern würde. Das wollte er zählen, wie er die Eier im Hühnerhof
zählte, und das Ergebniß niederschreiben. Das lag in seiner Natur. Er
hätte auch die Sterne eher gezählt als bewundert.
So freute er sich beim Aufgang der Sonne weniger über deren Licht
als über die Wärme, die sie der Welt spenden würde. Man sagt, daß die
Elephanten Indiens das Tagesgestirn begrüßen, wenn es am Horizonte
aufsteigt, und Findling ahmte ihnen nach, höchstens erstaunt, daß nicht
auch die Schafe aus Dankbarkeit zu blöken begännen. Schmilzt denn jenes
nicht den Schnee, der die Erde bedeckt? Nein, die Schafe zeigten sich
entschieden undankbar!
Meistens befand sich Findling während des größten Theiles des Tages
auf seiner Weide allein. Zuweilen machten Murdock und Sim jedoch ein
Weilchen Halt, nicht um ihn als Schäfer zu beobachten, denn auf den
Knaben konnte man sich verlassen, sondern um einige freundliche Worte
mit ihm zu wechseln.
»Nun, riefen sie da, wie macht sich's denn mit der Heerde? Ist das Gras
hübsch dicht?
-- Sehr dicht und fett, Herr Murdock.
-- Und sind auch die Schafe artig? fragt einer wohl lächelnd.
-- Sehr artig, Sim. Fragen Sie nur Birk, der hat mit ihnen nicht viel zu
thun.«
Der nicht grade schön zu nennende, aber sehr intelligente und
muthige Birk war schon ein treuer Gefährte Findlings geworden. Beide
unterhielten sich wirklich miteinander. Wenn der Knabe, den Blick auf
ihn geheftet, mit dem Thiere sprach, so schien Birk, dessen braune
Nasenspitze dabei zitterte, die Worte förmlich aufzusaugen und wedelte
verständnißinnig mit dem Schwanze, den man fast hätte einen »tragbaren
Zeigertelegraphen« nennen können. Es waren eben zwei ziemlich
gleichaltrige gute Freunde, die einander vollkommen verstanden.
Mit dem Mai fing es nun stärker an zu grünen. Die Futterkräuter, wie
Esparsette, Rothklee und Luzerne bildeten bereits einen dichten Teppich.
Die Getreidefelder zeigten dagegen nur noch recht kurze Halme, so daß
sich Findling fast verführt fand, daran zu ziehen, um sie größer zu
machen. Als Martin ihn eines Tags aufgesucht hatte, theilte er diesem
seine berühmte Idee mit.
»Glaubst Du denn, mein Junge, antwortete der Farmer lächelnd, Deine
Haare wüchsen schneller, wenn man daran zupfte?... Nein; das würde Dir
nur weh thun, weiter nichts.
-- So darf man das also nicht?
-- Nein; niemals soll man jemand, und wäre das auch nur eine Pflanze,
wehe thun. Laß nur den Sommer kommen, die Natur ihr Werk verrichten,
dann werden die grünen Sprossen zu schönen Halmen geworden sein, die wir
abmähen, um das Stroh und die Körner zu gewinnen.
-- Glauben Sie, Herr Martin, daß die Ernte dieses Jahr gut sein wird?
-- Allen Anzeichen nach, ja. Der Winter ist nicht gar so streng gewesen,
und seit dem Frühjahre haben wir mehr sonnige als regnerische Tage
gehabt. Gott gebe, daß das noch drei Monate so fortgeht, dann liefert
die Ernte reichlich die Abgaben und den Pachtzins.«
Immerhin gab es Feinde, die nicht zu vernachlässigen waren: die
gefräßigen Vögel, die auf den Feldern Irlands umherschwärmen. Von den
Schwalben, die während ihrer kurzen Anwesenheit hier blos Insecten
verzehren, war ja nicht zu reden. Dagegen verursachten die frechen,
nimmersatten Sperlinge und auch die Krähen dem Landmann hier sehr
fühlbaren Schaden.
Die abscheulichen Vögel versetzten Findling förmlich in Wuth, und dabei
schien es noch, als ob sie sich über ihn lustig machten. Wenn er seine
Schafe nach der Weide trieb, flatterten sie in schwarzen Schaaren empor
und flogen mit scharfem Geschrei, die Füße herabhängend, davon. Es
waren Vögel von enormer Spannweite, deren große Flügel sie sehr schnell
hinwegtrugen. Findling verfolgte sie hitzig und hetzte auch Birk auf
sie, der dann bellte, bis ihm der Athem verging. Was war aber gegen
die Räuber, denen man sich nicht nähern konnte, zu beginnen? Sie narren
einen noch auf zehn Schritte Entfernung; dann tönt's »Krroa... krroa!«
und die Wolke zerstäubt.
Am meisten ärgerte es Findling, daß die inmitten des Getreides
aufgestellten Vogelscheuchen offenbar gar nichts nützten. Sim hatte ganz
entsetzlich aussehende Männer mit ausgestreckten Armen fabriciert, deren
zerrissene Bekleidung sich bei jedem Windhauch bewegte. Kinder
hätten sich vielleicht davor gefürchtet... die Krähen?... Nicht im
geringsten! Vielleicht konnte man eine noch mehr erschreckende und nicht
so stumme Vorrichtung ersinnen; dieser Gedanke kam unserm kleinen Helden
nach langer Ueberlegung. Wohl bewegt die Vogelscheuche bei genügendem
Winde scheinbar die Arme, doch sie spricht, sie schreit nicht; hierin
mußte sie vervollkommnet werden.
Ein vortrefflicher Gedanke, wie jeder zugeben wird, und um ihn
auszuführen, hatte Sim am Kopfe der Gestalt nur eine Schnarre
anzubringen, die vom Winde mit Geräusch gedreht wurde.
Wenn die Krähen darüber an den beiden ersten Tagen zwar nicht zu
erschrecken, doch aber erstaunt zu sein schienen, so achteten sie am
dritten Tage schon gar nicht mehr darauf, und Findling sah sie sich
ruhig auf den Zappelmann setzen, dessen Schnarre mit ihrem Gekrächz
nicht wetteifern konnte.
»Entschieden ist nicht alles vollkommen hienieden!« dachte der Knabe.
Im übrigen ging auf der Farm alles den gewohnten Gang. Findling war so
glücklich wie möglich. An den langen Winterabenden hatte er im Schreiben
und Rechnen gute Fortschritte gemacht. Wenn er jetzt gegen Abend
heimkehrte, brachte er zuerst seine Buchführung in Ordnung. Diese
umfaßte neben den Eiern der Hühner auch die Küchlein im Stalle, die am
Tage, wo sie ausgekrochen waren, aufgeschrieben und numeriert wurden.
Dasselbe galt von den geworfenen Ferkeln und Kaninchen, die in Irland
wie anderswo gliederreiche Familien bilden. Dem jungen Buchhalter machte
das manche Arbeit. Man wußte ihm aber auch Dank dafür. Er bewies so viel
Ordnungssinn, daß man ihn darin eher noch bestärkte, und jeden Abend
übergab ihm Martin seinen Kieselstein, der in der Kruke aufbewahrt
wurde. Diese Kiesel hatten für den Knaben ebenso viel Werth wie
Schillinge. Geld ist ja überhaupt nur eine Sache des Uebereinkommens.
Der Steintopf enthielt außerdem auch die goldne Guinee, die er für sein
erstes Auftreten in Limerick erhalten und deren er, ohne selbst einen
Grund zu wissen, auf der Farm noch gar nicht Erwähnung gethan hatte.
Da er dafür hier, wo es ihm an nichts fehlte, keine Verwendung sah,
schätzte er sie fast geringer als die kleinen Steine, die seinen Eifer
und seine gute Aufführung bezeugten.
Da die Witterung immer günstig geblieben war, begann man schon in der
letzten Juliwoche mit der Heuernte, die sehr reichlich ausfiel. Alle
Insassen des Pachthofes hatten dabei zu thun. Murdock, Sim und den
beiden Lohnarbeitern fiel es zu, gegen fünfzig Acres Gras abzumähen. Die
Frauen halfen dann das Gras auszubreiten, um es zu trocknen, ehe es
in »Moffles« (etwa »Feimen«) aufgestapelt wurde, von denen aus man es
endlich nach den Scheuern schafft. In einem so regenreichen Lande ist
natürlich jeder Tag kostbar und man beeilt sich, von jedem guten
Wetter Nutzen zu ziehen. Um Martine und Kitty unterstützen zu können,
vernachlässigte Findling eine Woche lang sogar seine Heerde ein wenig.
So verfloß das Jahr, eines der glücklichsten, das Martin auf der Farm
erlebt hatte. Höchstens beklemmte es ihn, von Pat keine Nachricht
erhalten zu haben. Es sah fast aus, als bringe die Anwesenheit
Findlings dem Hause Glück und Segen. Als der Abgabeneinsammler und der
Pachtzinserheber sich einstellten, wurden sie bei Heller und Pfennig
bezahlt. Auf den nächsten milden und feuchten Winter folgte ein zeitiger
Frühling, der bei den Landleuten die gehegten Erwartungen erfüllte.
Nun ging die Thätigkeit auf dem Felde wieder an. Findling verbrachte
draußen mit Birk und seinen Schafen die gewohnten langen Tage. Er sah
die Feldfrucht grünen, er lauschte dem ganz feinen Geräusch, das bei der
Entwicklung der Halme vom Roggen und vom Hafer ausgeht; ihn belustigte
der Wind, der die langbärtige Gerste zerzauste. Und weiter sprach man
zu Hause auch von einer andern, ungeduldig erwarteten Ernte, worüber die
Großmutter heimlich lächelte. Wirklich vergingen keine drei Monate, als
die Familie Mac Carthy's durch ein ihr von Kitty geschenktes Mitglied
vermehrt wurde.
Während der Heuernte im August und mitten in der dringlichsten Arbeit
bekam einer der Arbeiter das Fieber und konnte seine Arbeit nicht
fortsetzen. An seiner Stelle galt es nun einen andern, noch feiernden
Mäher zu schaffen, wenn sich ein solcher fand. Das mißlichste dabei
war, daß Martin einen halben Tag opfern mußte, um nach Silton zu gehen.
Deshalb nahm er es gern an, als Findling sich hierzu anbot.
Man konnte sich schon auf ihn verlassen, daß er einen erhaltenen Auftrag
gewissenhaft ausführte. Fünf Meilen auf einer ihm von den sonntäglichen
Kirchgängen her bekannten Straße zurückzulegen, war ihm ja ein kleines.
Von der Farm frühzeitig aufbrechend, versprach er, noch vor Mittag
zurück zu sein.
Findling schlug einen schnellen Schritt ein und trug in seiner Tasche
einen Brief des Farmers an den Gasthalter in Silton, in einem kleinen
Rucksack aber einige Mundvorräthe für den Weg.
Das Wetter war schön; von Osten her wehte ein erfrischender Wind, und so
waren die ersten drei Meilen bald überwunden.
Auf dem Wege und im Innern der vereinzelten Häusern befand sich kein
Mensch. Alle waren auf den Feldern beschäftigt. Auf Sehweite hinaus
zeigte sich das Land mit Tausenden von Moffles bedeckt, die bald
eingefahren werden sollten.
An einer Stelle trifft die Landstraße hier an ein dichtes Gehölz, um
das sie etwa eine Meile weit herumführt. Um Zeit zu ersparen, hielt
es Findling für angezeigt, den Wald gleich zu durchkreuzen. Er schritt
hinein, nicht ganz frei von der angebornen Furcht der Kinder vor dem
Walde, in dem sich oft Diebe aufhalten, dem Walde, in dem Wölfe hausen
und in dem alle Schauergeschichten spielen, die man in der Dämmerung
aufzutischen pflegt. Was den Wolf angeht, so betet Paddy gern zu allen
Heiligen, diesen bei guter Gesundheit zu erhalten, und er nennt das
Raubthier gar »seinen Gevatter«.
Findling hatte kaum hundert Schritte auf einem schmalen Pfade
zurückgelegt, als er angesichts eines Mannes stehen blieb, der am Fuße
eines Baumes lag.
War das ein Reisender, den hier die Kräfte verlassen hatten, oder nur
ein Fußgänger, der vor der Fortsetzung seines Weges etwas ausruhte?
Findling betrachtete ihn, und da jener sich nicht bewegte, ging er
vorwärts.
Die Arme gekreuzt und den Hut über die Augen gezogen, lag der Mann in
tiefem Schlafe. Er schien jung zu sein, höchstens fünfundzwanzig Jahre
alt. An seinen beschmutzten Stiefeln und der staubigen Kleidung sah man,
daß er, jedenfalls von Tralee her, eine weite Strecke gewandert sein
mochte.
Am meisten erregte es aber die Aufmerksamkeit Findlings, daß der
Fremde ein Seemann sein mußte, das verrieth seine Tracht und ein großer
getheerter Kleidersack. Auf diesem stand eine Adresse, die der Knabe
beim Näherkommen lesen konnte.
»Pat, rief er überrascht, das ist Pat!«
Wirklich war es Pat, den man schon an der Aehnlichkeit mit seinen
Brüdern erkennen konnte, Pat, von dem so lange jede Nachricht fehlte und
dessen Heimkehr so sehnsüchtig erwartet wurde.
Schon wollte Findling ihn durch einen Anruf erwecken... er hielt inne.
Er sagte sich, wenn Pat an der Farm erschien, ohne daß jemand darauf
vorbereitet war, so würden seine Mutter und seine Großmutter wenigstens
dadurch so erregt werden, daß es ihnen schaden könnte. Nein, besser war
es, Martin zu benachrichtigen; dieser würde die Frauen dann vorsichtig
auf das Eintreffen ihres Sohnes und Enkels vorbereiten. Der Auftrag an
den Gasthalter von Silton konnte auch morgen ausgerichtet werden.
Und übrigens war Pat, als Kind der Familie, ja auch eine gegebene
Hilfskraft, die gewiß jede andre aufwog. Der Wandrer war wirklich
ermüdet, denn er hatte Tralee, bis wohin die Eisenbahn führte, schon
mitten in der Nacht verlassen. Wenn er sich aber hier erhob, würde er
die Farm ganz gewiß schnell erreichen. Vorzüglich kam es Findling also
darauf an, vor jenem dort einzutreffen.
Das Bündel wollte er ihn aber doch nicht tragen lassen, das konnte
Findling wohl den eignen Schultern aufbürden, und mit um so mehr
Vergnügen, als es ja der Reisesack eines Matrosen war, ein Sack, der vom
weiten Meere herkam.
So faßte er diesen am Knoten des Strickes, der ihn oben verschloß, warf
ihn sich auf den Rücken und trabte in der Richtung nach der Farm ab.
Erst aus dem Walde, hatte er nur der Landstraße zu folgen, die sich von
da eine halbe Meile in schnurgrader Linie hinzog.
Findling hatte aber kaum fünfhundert Schritte in dieser Richtung
zurückgelegt, als er hinter sich lautes Rufen vernahm. Er wollte jedoch
weder stehen bleiben, noch seinen Schritt verlangsamen, im Gegentheil
suchte er einen Vorsprung zu gewinnen.
Der freilich, der hinter ihm rief, der lief auch.
Das war Pat.
Beim Erwachen hatte er seinen Sack nicht mehr gefunden. Erzürnt eilte er
aus dem Walde und sah das Kind gerade noch bei einer Biegung des Weges.
»He! Dieb! Wirst Du still stehen?«...
Begreiflicher Weise hörte Findling hierauf nicht, sondern lief aus allen
Kräften davon. Mit dem Sack auf dem Rücken konnte es freilich nicht
fehlen, daß er von dem schnellfüßigen Seemanne eingeholt würde.
»Heda, Dieb Du!... Du entwischt mir nicht... Dir ist Deine Strafe
gewiß!«
Da Findling bemerkte, daß Pat kaum noch zweihundert Schritt weit hinter
ihm war, ließ er den Sack fallen und stürmte nun erst recht weiter.
Pat nahm seinen Sack auf und setzte die Verfolgung fort.
Kurz, gerade vor der Farm gelang es Pat noch, das Kind am Kragen zu
packen.
Martin und seine Söhne waren auf dem Hofe mit dem Abladen von Futter
beschäftigt. Da entfuhr ihnen ein Freudenschrei, den sie gar nicht zu
unterdrücken suchten.
»Pat... mein Junge!
-- Bruder... Bruder!«
Schon eilten auch Martine mit Kitty und kam selbst die Großmutter herzu,
um Pat in die Arme zu schließen.
Mit freudestrahlenden Augen stand Findling dabei und wartete, ob ihm
auch eine Begrüßung zutheil würde....
»Ah! Der Kleine, der mich bestohlen hatte!« rief dafür Pat.
Mit einigen Worten war alles erklärt, und auf Pat zustürmend, kletterte
Findling diesem an den Hals, als ob er den Mastkorb eines Schiffes hätte
erklimmen sollen.