Ein vorteilhaftes Geschäft.
Die Hard erschrak fast. In ihre Höhle kam ja sonst kein Mensch. Und
warum gar an die Thür klopfen? Man brauchte diese ja nur aufzuklinken.
Die Kinder waren in einen Winkel geflüchtet, wo sie schmunzelnd und mit
aufgetriebenen Wangen ihre Kartoffel vollends aufaßen.
Da klopfte es von neuem und etwas stärker. Vielleicht stand ein
Straßenbettler draußen, der hier, in der Hütte der Armuth, noch um ein
Almosen ansprechen wollte.
Die Hard richtete sich auf, suchte einen festen Stand zu gewinnen
und machte den Kindern ein drohendes Zeichen. Es konnte ja auch ein
Inspector aus Donegal sein, und vor dem durften doch Findling und seine
Genossin nicht vor Hunger jammern.
Die Thür ging auf und mit wildem Grunzen drängte sich das Borstenvieh
hinaus.
Ein auf der Schwelle stehender Mann wäre beinahe umgerannt worden. Er
richtete sich wieder zurecht, doch statt ungehalten zu sein, schien er
sich vielmehr wegen der durch ihn verursachten Störung entschuldigen zu
wollen. Sein Gruß galt fast ebenso viel dem unreinlichen Vierfüßler, wie
der nicht minder unreinlichen Insassin der Hütte. Es konnte ihn ja nicht
verwundern, aus dem Schmutz des Innern ein Schwein hervorbrechen zu
sehen.
»Was wollen Sie?... Wer sind Sie? fragte die Hard barsch, während sie
dem Fremdling den Weg versperrte.
-- Ich bin ein Agent, liebe Frau,« antwortete der Mann.
Ein Agent?... dieses Wort machte sie zurücktaumeln; der Mann konnte ja
zu der Waisenkinderpflege gehören, obgleich sich ein Inspector im Dorfe
Rindok noch so gut wie nie hatte sehen lassen. Vielleicht kam dieser
Mann wirklich, um über die aufs Land geschickten Kinder Bericht zu
erstatten, und um nach dieser Seite ganz sicher zu gehen, bemühte sich
die Hard sofort, ihn durch ihre Redseligkeit zu verblüffen.
»O, verzeihen Sie, mein Herr!... Sie kommen grade, wo ich im Begriff
stehe, rein zu machen... diese lieben Kleinen; sehen Sie, wie die sichs
wohl sein lassen? Sie haben eben eine tüchtige Schüssel Hafergrützsuppe
verzehrt.... Das Mädchen da und der Knabe, versteht sich, denn die
andre liegt leider krank... ja... an einem Fieber, dem keiner
Einhalt zu thun vermag. Ich wollte schon nach Donegal, einen Doctor zu
holen.... Die armen süßen Herzchen, ich hänge so sehr an den Kleinen!«
Mit ihren rohen Gesichtszügen und dem wilden Blicke ähnelte die Hard
jetzt einer Tigerin, die das zahme Kätzchen spielen möchte.
»Herr Inspector, fuhr sie fort, wenn das Armenhaus mir einen Beitrag zu
den Kosten der Arzneien bewilligen wollte. Man hat ja kaum so viel, daß
es zum Essen und Trinken ausreicht.
-- Ich bin kein Inspector, gute Frau, unterbrach sie der Mann mit
süßlicher Stimme.
-- Was sind Sie denn?... fragte die Hard schon aufbrausend.
-- Der Vertreter einer Versicherungsgesellschaft.«
Der Fremde gehörte zu den Agenten, von denen es in Irland ebensoviele
giebt, wie Disteln auf Unland. Sie durchstreifen alle Dörfer, um das
Leben der Kinder zu versichern, was unter den obwaltenden Umständen so
viel bedeutet, wie ihnen den Tod zu sichern. Gegen monatliche Zahlung
weniger Pence haben -- so entsetzlich das klingt -- Eltern oder
Pflegeeltern, lauter solch verabscheuungswürdige Geschöpfe wie die Hard,
die »frohe Hoffnung«, beim Ableben der Kleinen eine »Tröstung« von drei
bis vier Pfund Sterling (sechzig bis achtzig Mark) einzureichen. Das ist
geradezu eine Verleitung zum Verbrechen und eine so mächtige Triebfeder,
daß die ungeheure Kindersterblichkeit zu einer wirklichen nationalen
Gefahr geworden ist. Mit Recht hat deshalb Day, der Vorsitzende des
Schwurgerichts in Wiltshire die Anstalten, die daran schuld sind, als
Landplagen, als Schulen für Mord und Brandstiftung gekennzeichnet.
Seit jener Zeit hat das schon erwähnte Gesetz von 1889 allerdings eine
wesentliche Besserung dieser Zustände erzwungen, und so ist es
auch nicht zu verwundern, daß die »Gesellschaft zur Ausrottung der
Grausamkeit gegen Kinder« heute schon recht gute Erfolge erzielt.
Wer erröthet aber nicht vor zorniger Ueberraschung, daß gegen Ende des
19. Jahrhunderts ein solches Gesetz bei einer civilisierten Nation
nothwendig war, ein Gesetz, das die Eltern verpflichtet, »die Wesen, die
ihrer Obhut unterstehen, auch zu ernähren und, selbst wenn sie diese
nur in Pflege genommen hatten, sie zwingt, für die Bedürfnisse der
Unmündigen unter ihrem Dache zu sorgen« -- und das unter Androhung
schwerer Strafe, die bis zu zwei Jahren Zwangsarbeit gehen kann.
O, der Schande, das es eines Gesetzes bedurfte, wo das natürliche Gefühl
hätte ausreichen müssen!
Zur Zeit des Anfangs dieser Erzählung gab es freilich noch keinen Schutz
für die, den Armenanstalten anheimgefallenen Kinder.
Der Agent, der sich der Hard hier vorstellte, war ein Mann in den
hohen Vierzigern, mit lauernder Miene und einschmeichelnder Rede und
Haltung -- der richtige Typus jener Unterhändler, denen es nur um
ihre Provision zu thun ist und die kein Mittel scheuen, sich diese zu
verdienen. Er hoffte auch hier »sein Geschäft zu machen«, indem er der
Megäre schmeichelte, sich stellte, als ob er von dem traurigen Zustande
ihrer Opfer nichts sehe, und indem er sie im Gegentheil beglückwünschte
wegen der herzlichen Zuneigung, die sie für die Kleinen hegte.
»Liebe Frau, fuhr er fort, dürfte ich Sie wohl ersuchen, mit mir einen
Augenblick hinauszutreten?
-- Sie haben etwas mit mir zu sprechen? fragte die Hard, noch immer
beunruhigt.
-- Ja, beste Frau, über die kleinen Kinder hier... und ich würde mir
Vorwürfe machen, die Angelegenheit in deren Beisein zu behandeln, da es
ihnen vielleicht schmerzlich sein könnte...«
Beide traten hinaus, schlossen die Thür, und gingen einige Schritte
fort.
»Nun, gute Frau, begann der Versicherungsagent, Sie haben also drei
Kinder?
-- Ja wohl.
-- Ihre eignen?...
-- Nein.
-- Sind Sie mit denselben verwandt?
-- Nein.
-- Ah so, sie haben jene also wohl aus dem Donegaler Armenhause
übernommen?
-- Ganz recht.
-- Dann, beste Frau, konnten sie ja gar nicht in bessere Hände kommen.
Und doch kommt es trotz sorgsamster Pflege vor, daß solche kleine Wesen
erkranken. Das Leben eines Kindes hängt oft nur an einem Faden, und ich
glaube gesehen zu haben, daß die eine Ihrer zarten Pfleglinge...
-- Ich thue, was ich kann, mein Herr, unterbrach ihn die Hard, die ihren
Wolfsaugen mit Mühe eine Thräne entpreßte. Ich wache Tag und Nacht über
diese Kinder... oft darbe ich selbst, damit es ihnen nicht am Nöthigen
fehlt. Das Armenhaus zahlt für die Erziehung der Kleinen gar zu wenig,
kaum drei Pfund, bester Herr, drei Pfund Sterling für das Jahr...
-- Das reicht allerdings nicht aus, liebe Frau, und es bedarf einer
großen Opferwilligkeit Ihrerseits, um die Bedürfnisse der hübschen
Kinder zu decken... Sie haben zur Zeit also zwei kleine Mädchen und
einen Knaben?...
-- Ja.
-- Ohne Zweifel Waisen?
-- Jedenfalls.
-- Meine vielfachen Berührungen mit Kindern erlauben mir, das Alter der
Mädchen auf vier und sechs Jahre, das des kleinen Knaben auf zwei Jahre
abzuschätzen...
-- Wozu alle diese Fragen?
-- Wozu? Das werden Sie gleich hören, gute Frau!«
Die Hard warf ihm einen forschenden Blick zu.
»Gewiß ist die Luft, fuhr er fort, in der Grafschaft Donegal sehr
rein... die hygienischen Verhältnisse sind vortrefflich... Und doch,
solche Babys sind so zarter Natur, daß es trotz Ihrer liebevollsten
Pflege vorkommen kann -- verzeihen Sie, wenn ich Ihnen das Herz
zerreiße! -- daß es vorkommen kann, eines oder das andre der Kleinen zu
verlieren.... Sie sollten sie versichern....
-- Sie versichern?...
-- Jawohl, beste Frau; versichern... zu Ihrem Vortheil....
-- Zu meinem Vortheil! rief die Hard, deren Blick sich durch die
erwachende Habsucht belebte.
-- Das werden Sie sofort verstehen. Durch monatliche Zahlung von wenigen
Pencen an meine Gesellschaft sichern Sie sich eine Summe von zwei bis
drei Pfund Sterling, wenn eines der Kinder sterben sollte....
-- Zwei bis drei Pfund!« wiederholte die Hard.
Der Agent konnte schon auf die Annahme seines Vorschlags rechnen.
»Das geschieht ganz allgemein, liebe Frau, fuhr er mit honigsüßer Stimme
fort. Wir haben in den Pachthöfen von Donegal schon mehrere hundert
Kinder versichert, und wenn auch nichts über den Tod eines zarten
Wesens, das man herzinnig geliebt hat, eigentlich zu trösten vermag, so
ist es doch mindestens... eine... eine Art Ersatz, ich gesteh' es zu,
ein sehr minderwertiger, einige Guineen in gutem englischen Golde zu
erheben, die meine Gesellschaft dann darzubieten so glücklich ist....«
Die Hard faßte die Hand des Agenten.
»Und die erhält man... ohne Schwierigkeiten? fragte sie mit heiserer
Stimme und sich scheu rings umsehend.
-- Ganz ohne Schwierigkeiten, gute Frau. Sobald ein Arzt das Ableben
eines Kindes beglaubigt hat, braucht man nur zu dem Vertreter der
Gesellschaft in Donegal zu gehen.«
Dabei zog er ein Papier aus der Tasche.
»Hier habe ich bereits ausgefüllte Policen, sagte er, und wenn Sie sich
entschließen, diese zu unterschreiben, so werden Sie der Zukunft weniger
besorgt entgegensehen. Ich bemerke Ihnen noch, daß Sie, wenn eines
der Kinder sterben sollte, was ja ach! gar zu häufig vorkommt, die
Versicherungssumme ja zum besten der andern verwenden können. Das
Armenhaus zahlt wirklich allzuwenig....
-- Und das würde mir kosten?... erkundigte sich die Hard.
-- Den Monat drei Pence für jedes Kind, also neun Pence....
-- Sie würden auch das kleinere Mädchen versichern?...
-- Natürlich, beste Frau, obgleich sie mir sehr krank erschien. Wenn
Ihr Bemühen sie nicht rettet, so sind das zwei Pfund -- verstehen Sie
recht! -- zwei Pfund Sterling für Sie. Bedenken Sie auch, daß das was
unsre Gesellschaft thut, nur zum besten der lieben Babys geschieht...
wir haben ein Interesse daran, daß sie leben bleiben, denn ihre Existenz
geht uns ja an. Wir sind trostlos, wenn eines oder das andre mit Tode
abgeht!«
Trostlos waren die braven Versicherer freilich nicht, so lange die
Sterblichkeit eine berechnete Mittelgrenze nicht überschritt. Und wenn
der Agent sich auch zur Aufnahme der kleinen Sterbenden bereit erklärte,
wußte er, daß das ein vortheilhaftes Geschäft sei, wie aus der Erklärung
eines erfahrenen Directors der Gesellschaft hervorging, der da sagte:
»Am Tage nach der Beerdigung eines versicherten Kindes schließen wir
stets mehr Versicherungen ab als sonst!«
Das war in der That der Fall, ganz ebenso freilich, daß einzelne --
sagen wir vereinzelte -- Elende auch vor einem Verbrechen nicht
zurückschreckten, um die Versicherungssumme zu erlangen.
Es beweist das, wie nothwendig diese Gesellschaften und ihre Kundschaft
streng im Auge zu behalten sind. In einem Dorfe wie hier gab es freilich
keine Controle. So brauchte auch der Agent gar nicht zu fürchten, mit
der widerwärtigen Hard in Verbindung zu treten, obgleich er sich sagen
mußte, wessen sie fähig wäre.
»Nun, gute Frau, nahm er eindringlicher werdend das Wort, verstehen Sie
denn Ihr eignes Interesse nicht?«
Noch immer zögerte sie, die neun Pence auszugeben, selbst mit der
Aussicht, die Versicherungssumme für die kleine Kranke sehr bald zu
erheben.
»Wie viel kostet also die Geschichte? fragte sie, als hoffte sie auf
eine Preisermäßigung.
-- Drei Pence monatlich für jedes Kind, also neun zusammen.
-- Neun Pence!«
Sie versuchte zu handeln.
»Das ist nutzlos, gute Frau, erwiderte der Agent. Bedenken Sie, daß jene
Kleine trotz Ihrer Sorgfalt morgen... schon heute sterben kann, und
daß die Gesellschaft Ihnen dann zwei Pfund Sterling auszuzahlen hat. Nun
also, unterzeichnen Sie, glauben Sie mir; hier setzen Sie Ihren Namen
darunter!«
Feder und Tinte führte er bei sich. Eine Unterzeichnung der Police, und
alles war abgemacht.
Die Hard unterschrieb, und von den zehn Schillingen in ihrer Tasche
händigte sie dem Agenten die verlangten neun Pence aus.
Dann verabschiedete sich dieser mit den heuchlerischen Worten:
»Jetzt, gute Frau, empfehle ich, wenn es auch unnöthig erscheint, diese
Kinder im Namen der Gesellschaft, der Vorsehung der Kleinen, Ihrer
besondern Obhut. Wir sind die Stellvertreter Gottes auf Erden, Gottes,
der das den Unglücklichen gespendete Almosen hundertfältig wieder
zurückgiebt. Leben Sie wohl, gute Frau, leben Sie wohl! Nächsten Monat
komme ich, die kleine Prämie einzuziehen, und hoffe da, alle drei
Pfleglinge frisch und munter zu finden, auch das kleine Mädchen, die bei
Ihrer mütterlichen Sorgfalt schon wieder gesunden wird. Vergessen Sie
nicht, daß das menschliche Leben in unserm alten England einen hohen
Werth hat, und daß jeder Todesfall ein Verlust an socialem Capital ist.
Adieu, gute Frau, adieu!«
Im Vereinigten Königreich berechnet man thatsächlich genau, wie viel
Geldwerth ein englisches Leben darstellt, nämlich hundertundfünfzig
Pfund oder dreitausendeinhundert Reichsmark; so hoch wird der
Menschenschlag geschätzt, in dessen Adern sächsisches, normannisches,
kymbrisches und pictisches Blut gemischt ist.
Still stehen bleibend, ließ die Hard den Agenten sich erst von der
Hütte entfernen, die zu verlassen die Kinder nicht gewagt hatten. Bisher
berechnete sie nur die wenigen Guineen, die deren Leben ihr jährlich
einbrachte, und jetzt sollte deren Tod für sie ebenso viel werth sein!
Es hing ja doch von ihr ab, die neun Pence nicht noch ein zweites Mal
bezahlen zu müssen.
Beim Wiedereintritt heftete sie auf die Unglücklichen einen Blick des
Sperbers, der den unter dem Laube verborgnen Vogel belauert. Findling
und Sissy schienen das Weib zu verstehen. Instinctmäßig wichen sie vor
ihr zurück, als ob die Hände des Ungeheuers sich schon anschickten, sie
zu erwürgen.
Einige Klugheit mußte sie aber doch beobachten. Der plötzliche Tod
dreier Kinder hätte wohl Verdacht erregen müssen. Von den acht oder neun
übrig behaltenen Schillingen wollte sie einen kleinen Theil verwenden,
um jene noch einige Zeit zu ernähren... noch vier Wochen... o, nicht
länger. Stellte sich der Agent wieder ein, so bekam er noch einmal seine
neun Pence, da die Versicherungssumme diese Auslage ja zehnfach
deckte. Jetzt fiel es ihr gar nicht mehr ein, die Kinder ins Armenhaus
zurückzuschicken.
Fünf Tage nach dem Besuche des Agenten verschied das kleine Mädchen,
ohne daß vorher ein Arzt hinzugezogen worden wäre.
Es war am Morgen des 6. Octobers. Die Hard, die auswärts etwas trinken
wollte, hatte die Kinder in der verschlossenen Hütte zurückgelassen.
Die Kranke röchelte. Außer etwas Wasser zur Befeuchtung der Lippen,
konnte sie keine Erquickung erhalten. Arzneimittel hätten in Donegal
geholt und bezahlt werden müssen.... Da wußte die Hard ihre Zeit und
ihr Geld besser anzuwenden. Das kleine Opfer hatte nicht mehr die Kraft,
sich zu bewegen. Mitten in der Fieberhitze zitterte sie vor Kälte. Noch
einmal öffneten sich weit ihre Augen, wie um das Licht zum letzten Male
zu sehen, und als ob sie sagen wollte:
»Ach, warum, warum wurd' ich geboren?«
Ueber sie gebeugt, netzte ihr Sissy sanft die Schläfe.
Findling starrte auf die beiden hin, etwa wie auf einen Käfig, der sich
öffnen und einen Vogel herausflattern lassen sollte....
Als das Kind kläglicher seufzte und sich sein Mund dabei verzerrte,
fragte er:
»Wird sie etwa gar sterben? -- ein Verständniß dafür hatte er freilich
nicht.
-- Ja... antwortete Sissy, sie wird in den Himmel kommen.
-- Ohne zu sterben kann man wohl gar nicht in den Himmel kommen?
-- Nein, das kann man nicht.«
Wenige Augenblicke später erschütterte ein krampfhaftes Zucken das
schwache Wesen, dessen Leben nur noch an einem Windhauch hing. Da
verdrehten sich die Augen und die kindliche Seele floh unter einem
letzten Seufzer aus der zarten Hülle.
Erschrocken sank Sissy in die Knie. Findling ahmte ihr nach und kniete
ebenfalls neben der entseelten Gefährtin nieder.
Als die Hard nach einer Stunde heimkehrte, fing sie laut an zu schreien.
Dann lief sie wieder hinaus und heulte:
»Todt!... Todt!... Gestorben!«... sie wollte das ganze Dorf zum
Zeugen ihres Schmerzes haben.
Doch kaum einige Nachbarsleute ließen sich blicken. Was ging's ihnen,
den Armen und Elenden denn an, daß eine Unglückliche weniger war? Gab
es auf Erden nicht übrig genug andre?... Es wurden deren ja täglich
mehr -- dieses Samenkorn ging allemal auf.
Als sie diese Rolle spielte, dachte die Hard nur an ihr Interesse und
bezweckte, sich den Bezug der erwarteten Summe zu sichern.
Jetzt wurde auch nothwendig, von Donegal den Vertrauensarzt der
Gesellschaft zu holen. War er zur Behandlung des Kindes nicht gerufen
worden, so sollte er wenigstens dessen Ableben bestätigen; das war eine
nicht zu umgehende Formalität der Versicherung.
Die Hard machte sich also noch am nämlichen Tage auf und überließ die
Todte der Obhut der beiden Kinder. Sie ging aus Rindok um zwei Uhr
nachmittag fort, und da der Hin- und Rückweg zwölf (englische) Meilen
betrug, konnte sie vor acht oder neun Uhr abends nicht zurück sein.
Sissy und Findling blieben in der verschlossenen Hütte. Der Knabe
hielt sich regungslos neben dem Kamine auf, er wagte gar nicht, sich zu
rühren. Sissy wendete dem kleinen Mädchen mehr Sorgfalt zu, als dieser
vielleicht je im Leben zu Theil geworden war. Sie wusch ihr das Gesicht,
ordnete das Haar und zog ihr das zerrissene Hemd ab, daß sie durch ein
weißes Tüchlein ersetzte, welches zum Trocknen dahing. Die kleine Todte
sollte kein andres Leichenhemd erhalten, und als Grab nur das Loch, in
das man sie eilig versenkte....
Als sie fertig war, streichelte Sissy der kleinen Leiche die Wangen.
Findling wollte dasselbe thun... er konnte es nicht vor Entsetzen.
»Komm... komm! rief er Sissy.
-- Wohin denn?
-- Hinaus!... Komm!... Bitte, komm!«
Sissy weigerte sich. Sie wollte den todten Körper in der Hütte nicht
allein lassen. Uebrigens war ja die Thür verschlossen.
»Komm... komm! wiederholte das Kind.
-- Nein, nein, wir müssen jetzt hier bleiben!
-- Sie ist ja ganz kalt... und ich auch... ich friere, ach, ich
friere!... Komm, Sissy, komm mit! Sie könnte uns am Ende mitnehmen, da
hinunter, wo sie ist!«
Das Kind war vom Schrecken gepackt. Der Knabe hatte das Gefühl, daß er
auch sterben würde, wenn er nicht entwiche. Allmählich wurde es dunkler.
Sissy zündete einen Kerzenstumpf an, den sie in den Spalt eines Stückes
Holz klemmte und stellte dieses neben das Todtenlager.
Findling fühlte sich noch mehr entsetzt, als der Lichtglanz die
Gegenstände um ihn leicht erzittern zu machen schien. Er liebte ja
Sissy, liebte sie, wie eine ältere Schwester. Was er an Liebkosungen
erfahren, war von ihr gekommen. Er konnte aber nicht hier bleiben... er
konnt' es nicht!
Sich die Hände aufscheuernd und die Nägel verletzend, gelang es ihm, die
Erde vor der Thür aufzuwühlen, die Steinschicht wegzuschaffen, die deren
Pfosten trugen, und ein Loch auszuweiten, durch das er sich zwängen
konnte.
»Komm... komm! rief er zum letzten Male.
-- Nein, ich will nicht! erklärte Sissy. Sie würde verlassen sein; ich
will nicht!«
Findling warf sich ihr an den Hals und herzte und küßte sie. Dann kroch
er durch die Oeffnung, verschwand und ließ Sissy allein bei der Todten
zurück.
Einige Tage nachher fiel das umherirrende Kind dem Puppenschausteller in
die Hände, und der Leser weiß, was da aus ihm wurde.