VI.

Limerick.

Wer die mitleidige Dame war, die hier so entschlossen für die Rettung

der beiden Bedrohten eintrat, wußte zunächst niemand und niemand wäre

auch erstaunt gewesen, wenn sie selbst durch die Flammen gedrungen wäre,

um diesen das schwächliche Opfer zu entreißen. Und wäre das Kind ihr

eignes gewesen, sie hätte es kaum liebevoller in die Arme nehmen können,

als sie es nach ihrem an der nächsten Straßenecke wartenden Wagen trug,

während sich die Kammerfrau der Fremden vergeblich bemühte, die Dame von

ihrem Entschluß abzubringen.

»Nein, Elisa! wiederholte sie, lass' ihn, er gehört mir. Der Himmel hat

es mir vergönnt, ihn dem brennenden Hause zu entreißen. O, ich danke

Dir, ich danke Dir, mein Gott!... Ach, wie ich ihn schon lieb habe.«

Der »geliebte« war schon halb erstickt, sein Athem unterbrochen, der

Mund stand wie gelähmt etwas offen und seine Augen waren geschlossen.

Er hätte der frischen Luft bedurft und jetzt, wo er von dem Rauch der

Feuersbrunst fast erstickt war, lief er Gefahr, von den Liebkosungen

erstickt zu werden, die seine Retterin an ihn verschwendete.

»Nach dem Bahnhofe, rief diese dem Kutscher zu, als sie den Wagen

erreichte, nach dem Bahnhofe!... Eine Guinee, wenn wir den Zug um neun

Uhr fünfundvierzig nicht versäumen!«

Gegen ein solches Versprechen konnte der Kutscher nicht unempfindlich

sein, vor allem, da die Trinkgeldunsitte in England noch nicht so

heimisch ist. So trieb er das Pferd vor seinem »Growler« an, wie diese

alterthümlichen und unbequemen Fuhrwerke heißen.

Doch wer war nun diese von der Vorsehung geschickte Dame? War der

Findling durch besondres Glück in Hände gefallen, die sich für immer

über ihn breiten sollten?

Miß Anna Walston war es, die erste Heldin des Drury-Lane-Theaters, eine

Art Sarah Bernhardt, auf der Tournée, welche augenblicklich am Theater

zu Limerick, in der gleichnamigen Grafschaft der Provinz Munster,

Vorstellungen gab. Eben hatte sie eine mehrtägige Erholungsreise durch

die Grafschaft Galway gemacht, wobei ihre Kammerfrau sie begleitete.

Die wortkarge Elisa Corbett war übrigens eine ebenso mürrische, wie

treuergebene Freundin ihrer Herrin.

Die Schauspielerin war eine vortreffliche, beim Publicum ungemein

beliebte Dame, die sich für alles lebhaft interessierte und Herz und

Hand stets offen hatte, während sie sich ihrer Kunst mit heiligem Ernste

widmete und eifrigst bemüht war, ihren Ruhm nicht durch einen Schnitzer

aufs Spiel gesetzt zu sehen.

Miß Anna Walston, die jedermann in allen Grafschaften des Vereinigten

Königreichs kannte, wartete nur auf die passende Gelegenheit, sich

in Amerika, in Indien und Australien, d. h. überall, wo die englische

Sprache vorherrschte, neue Lorbeern zu pflücken, denn sie war es müde,

da zu glänzen, wo ihr jede Anerkennung mühelos zu Theil wurde.

Vor drei Tagen war sie, müde der fortwährenden Anstrengungen bei den

Trauerspielen, in denen sie im letzten Acte regelmäßig sterben mußte,

hierher gekommen, um die reine und stärkende Luft von Galway zu

genießen. An jenem Abende wollte sie sich eben nach dem Bahnhofe

begeben, um nach Limerick zurückzufahren, wo sie am nächsten Tage

aufzutreten hatte, als ihre Aufmerksamkeit durch laute Hilferufe und den

Widerschein von Feuer erweckt wurde. Die =Ragged-School= stand in hellen

Flammen.

Eine Feuersbrunst! Wie hätte sie dem Verlangen widerstehen können,

einer solchen, die sich von den zahmen Bränden auf der Bühne so gewaltig

unterschied, mit beizuwohnen! Auf ihr Geheiß und trotz des Widerspruchs

Elisas hatte der Wagen an der nächsten Ecke gehalten, und Miß Anna

Walston beobachtete die verschiedenen Stadien dieses Schauspiels, das

denen, die die Feuerwehrleute hinter den Coulissen mit wachsamem Auge

beobachteten, so wesentlich überlegen war. Hier sanken die Versetzstücke

thatsächlich zusammen und unter ihnen stand alles in leibhaftigem Feuer.

Der Verlauf des Unglücks entbehrte auch sonst nicht des spannenden

Interesses. Zwei menschliche Wesen waren in einer Dachkammer

eingeschlossen, deren Treppenzugang schon in Flammen stand und die

keinen andern Ausweg bot. Zwei Knaben, ein großer und ein kleiner...

vielleicht wäre ein gefährdetes kleines Mädchen noch interessanter

gewesen. Wie herzzerreißend schrie Miß Anna Walston da auf. Sie wäre

den beiden wohl selbst zu Hilfe geeilt, wenn ihr weiter Staubmantel sich

nicht gar so leicht selbst entzündet hätte. Da öffnete sich übrigens

schon das Dach neben der Bodenkammer. Die beiden Unglücklichen

erschienen inmitten der Rauchwolken, wobei der Große den Kleinen trug.

Ah! Der Große! Welcher Held und in welcher künstlerischen Pose zeigte er

sich! Das war der Ausdruck unnachahmlicher Wahrheit!... Der arme Große!

Er hatte wohl keine Ahnung davon, welchen Effect er hervorbrachte. Und

der andre... der =nice Boy!= Der hübsche Junge! rief Miß Anna Walston

wiederholt, das ist ein Engel, der aus den Flammen der Hölle kam!...

Wahrlich, Findling, das war wohl das erste Mal, daß Du mit einem

Cherub oder einem andern Muster der himmlischen Heerschaaren verglichen

wurdest!

Ja, diese Inscenierung hatte Miß Anna Walston bis in jede Einzelheit

verfolgt. Wie auf der Bühne rief sie: »Mein Geld, mein Schmuck,

alles was ich besitze dem, der sie rettet!« Doch niemand hatte an den

glühenden Wänden und auf das prasselnde Dach hinaufklimmen können.

Endlich war der Cherub von ein paar offenen Armen aufgefangen worden und

von da in die Arme der Miß Anna Walston übergegangen.... Jetzt besaß

der kleine Knabe plötzlich eine Mutter, von der die Leute meinten,

es müsse eine große Dame sein, die ihr eignes Kind im Brande der

=Ragged-School= entdeckt hätte.

Nachdem sie die Umstehenden mit einer Verneigung begrüßt und von diesen

bejubelt worden, war Miß Anna Walston mit ihrem Schatze verschwunden,

was auch die Kammerfrau dagegen einwenden mochte. Von einer

fünfundzwanzigjährigen Schauspielerin mit warmen Gefühlen und etwas

freien Anschauungen durfte man da nicht verlangen, daß sie ihrer

Eingebung Zügel anlegte und sich immer auf goldener Mittelstraße hielt,

wie die siebenunddreißigjährige, blonde, kalte und nörgelige Elisa

Corbett, die schon mehrere Jahre im Dienste ihrer etwas phantastischen

Herrin stand. Die Schauspielerin dagegen glaubte sich immer auf den

Brettern zu befinden und wurde sozusagen stets von ihrem Repertoire

beherrscht. Ihr gestalteten sich die gewöhnlichsten Vorkommnisse des

Lebens zu »Situationen«, und wenn eine solche einmal gegeben war....

Natürlich traf der Wagen rechtzeitig am Bahnhofe ein und der Kutscher

erhielt seine versprochne Guinee. Und jetzt konnte sich Miß Anna

Walston, die mit Elisa ein Coupé allein einnahm, allen den Pflichten

widmen, die das Herz einer wirklichen Mutter nur zu dictieren vermocht

hätte.

»Es ist mein Kind!... Mein Blut... mein Leben! erklärte sie, niemand

soll mir ihn wieder rauben!«

Es hätte ja auch kein Mensch daran gedacht, ihr diesen kleinen

Verlassnen wieder abzunehmen.

Elisa freilich bemerkte dazu:

»Wir werden ja sehen, wie lange es dauert!«

Der Zug rollte mit mäßiger Geschwindigkeit nach dem Kreuzungspunkte von

Artheury, durch die Grafschaft Galway dahin, die er mit der Hauptstadt

Irlands verbindet. Während dieses ersten kurzen Theiles der Fahrt war

der kleine Knabe nicht wieder zur Besinnung gekommen, obwohl sich die

Schauspielerin darum in jeder Weise bemühte.

Miß Anna Walston beschäftigte sich zuerst damit, ihn umzukleiden, und

nahm ihm die von Rauch geschwärzten Lumpen ab, bis auf die noch ziemlich

gut erhaltene wollene Jacke, während sie ihm sonst von ihren eignen

Kleidungsstücken anpaßte, was sich nur dazu verwenden ließ, und ihn

mit ihrem kostbaren Shawle zudeckte. Das Kind schien aber gar nicht zu

bemerken, daß es jetzt warme Hüllen trug und ein noch wärmeres Herz, das

für ihn sorgte, gewonnen hatte.

An der Kreuzungsstelle wurde ein Theil des Zuges abgekoppelt und nach

Kilkree, an der Grenze der Grafschaft Galway, übergeleitet, wo ein

halbstündiger Aufenthalt stattfand. Doch während dieser Zeit war der

kleine Knabe noch nicht wieder zum Bewußtsein gekommen.

»Elisa... Elisa!... rief Miß Anna Walston, wir werden uns erkundigen

müssen, ob sich nicht vielleicht ein Arzt im Zuge befindet.«

Elisa that das, obgleich sie ihrer Herrin versicherte, daß es sich kaum

der Mühe lohne.

Ein Arzt fand sich nicht.

»O, diese Unmenschen... jammerte Miß Anna Walston, man trifft sie nie

da, wo sie sein sollten!

-- Aber ich bitte Sie, Madame, dem Jungen fehlt ja gar nichts; der wird

schon wieder zu sich kommen, wenn Sie ihn nicht ersticken....

-- Glaubst Du, Elisa?... Das herzige Kind!...

Ich weiß nicht, wie mir ist, ich habe ja noch nie ein Kind gehabt!...

Ach, wenn ich ihn selbst hätte nähren dürfen!«

Das war freilich unmöglich, und übrigens stand der kleine Junge in den

Jahren, wo man nach einer festeren Nahrung verlangt.

Der Zug durchflog die Grafschaft Clare -- jene Halbinsel zwischen der

Bai von Galway im Norden und der langen breiten Ausmündung des Shannon

im Süden, einen Landstrich, den man hätte zur Insel umgestalten können,

wenn ein kaum fünfzig Kilometer langer Canal am Fuße der Sliève-Sughty

ausgehoben worden wäre. Die Nacht war dunkel und es wehte ein ziemlich

scharfer Westwind -- ein Himmel, wie er zur Situation paßte.

»Ach, der Engel erholt sich nicht wieder! rief Miß Anna Walston immer

wieder.

-- Soll ich Ihnen etwas sagen, Madame?

-- Sprich, Elisa, sprich, um Gottes Willen!

-- Nun... ich glaube, er schläft einfach!«

So war es in der That.

Der Zug gelangte nach Dromor, nach Emis, der Hauptstadt der Grafschaft,

wo er gegen Mitternacht eintraf. Weiter nach New-Market, nach Six-Miles

an der Grenze und endlich fuhr er gegen fünf Uhr morgens in Limerick

ein.

Und nicht nur der kleine Knabe allein hatte während der Reise

geschlafen, auch Miß Anna Walston waren die Augen zugefallen, und als

sie wieder erwachte, bemerkte sie, daß ihr Schützling sie mit großen

Augen ansah.

Da drückte sie ihn wieder in die Arme.

»Er lebt!... Er lebt!... Gott, der ihn mir gegeben hat, kann nicht so

grausam sein, ihn mir wieder zu entreißen!«

Elisa meinte zwar, daß Gott auch dann gar nicht grausam gewesen

wäre; jedenfalls sah sich der Knabe eigentlich ohne Uebergang aus der

Lumpenschule in die prächtigen Zimmer versetzt, die Miß Anna

Walston während ihrer Gastvorstellung am Theater zu Limerick im

Royal-George-Hôtel bewohnte.

Die Grafschaft Limerick hat sich in der Geschichte Irlands einen Namen

gemacht, denn hier regte sich zuerst der Widerstand der Katholiken gegen

das protestantische England. Treu der Jacobitischen Dynastie, ist seine

Hauptstadt dem schrecklichen Cromwel entgegengetreten und hat eine

merkwürdige Belagerung ausgehalten, bis sie, von Hunger bezwungen und

in Blut gebadet, schließlich unterlag. Hier wurde der Vertrag, der den

gleichen Namen führt, unterzeichnet, der Vertrag, der den irländischen

Katholiken gleiche bürgerliche Rechte und freie Ausübung ihres Cultus

gewährleistete. Freilich wurden die damaligen Abmachungen von Wilhelm

von Oranien rücksichtslos verletzt. Wieder mußte das Volk nach langen

erniedrigenden Quälereien zu den Waffen greifen; trotz allen Muthes

aber und obwohl ihnen die französische Revolution ihren Hoche zu Hilfe

geschickt hatte, unterlagen die Irländer, die, wie sie sagten, »mit dem

Stricke am Halse« kämpften, doch endlich bei Ballinamach den weitaus

überlegenen Gegnern.

Endlich, im Jahre 1829, fanden die Rechte der Katholiken, Dank den

Bemühungen des großen O'Connell, die langentbehrte Anerkennung.

Dieser schwang das Banner der Unabhängigkeit und rang der Regierung

Großbritanniens die ersehnte Emancipationsbill ab.

Da diese Erzählung in Irland spielt, sei es uns gestattet, folgende

flammende Rede anzuführen, die O'Connell jener Zeit den Staatsmännern

Englands ins Gesicht schleuderte. Man darf ihre Bedeutung nicht

unterschätzen. Sie hat sich tief in das Herz der Irländer eingegraben,

und an verschiedenen Stellen dieser Erzählung wird der Leser noch ihren

Einfluß herausfühlen.

»Niemals hat es ein unwürdigeres Ministerium gegeben! rief O'Connell

eines Tages. Stanley ist ein Renegat; Sir James Graham vielleicht etwas

noch schlimmeres; Sir Robert Peel eine scheckige Fahne mit fünfhundert

Farben und nicht einmal echt in der Farbe, denn sie erscheint heute

orangeroth, morgen grün, übermorgen wieder anders; es ist aber darauf zu

achten, daß sie einmal mit Blut gefärbt wird. Was Wellington, den armen

Mann betrifft, erscheint es geradezu sinnlos, ihn in England zu feiern.

Hat der Historiker Alison nicht nachgewiesen, daß er sich bei Waterloo

überraschen ließ? Zum Glück für ihn standen ihm raschentschlossene

Truppen, irische Soldaten zur Seite. Die Irländer sind dem Hause

Braunschweig, als es ihr Feind war, treu ergeben gewesen, treu

Georg III., der sie verrieth, treu Georg IV., der vor Wuth aufschrie,

als er die Emancipation zugestand, treu dem alten Wilhelm, dem

das Ministerium abscheuliche und blutige Maßregeln gegen Irland

unterbreitete. Auch der Königin haben sie ihre Treue bewahrt. Darum

England den Engländern, Schottland den Schotten, aber auch Irland

den Irländern!« -- Das sind herrliche Worte!... Der Leser wird bald

erkennen, wie der Wunsch O'Connell's in Erfüllung gegangen ist und ob

der Boden Irlands seinen Kindern gehört.

Limerick ist noch immer eine der Hauptstädte der Smaragdnen Insel,

obwohl es, seitdem Tralee ihm einen Theil seines Handels raubte, vom

dritten auf den vierten Rang gesunken ist. Es zählt gegen dreißigtausend

Einwohner. Seine Straßen sind regelmäßig, breit und gerade; seine Läden,

Magazine, Hôtels und öffentlichen Gebäude erheben sich an geräumigen

Plätzen. Ueberschreitet man aber, nach Begrüßung des Steines, auf dem

der Emancipationsvertrag unterzeichnet wurde, die Brücke des Thomond, so

findet man, daß dieser Theil der Stadt hartnäckig irländisch geblieben

ist. Hier sieht man noch das Elend und die Ruinen von der Belagerung

her, die zerstörten Bollwerke, den Standort jener »Schwarzen Batterie«,

die unerschrockne Frauen, gleich ebensovielen Johanna Hachette's,

gegen die Orangisten bis zum Tode vertheidigten. Ein trauriger,

beklagenswerther Contrast!

Limerick hat eine Lage, die es zu einem Mittelpunkte der Industrie und

des Handels machen könnte. Der Shannon, der »Azurne Fluß«, bietet ihm

einen jener Wege, die selbst gehen, wie der Clyde, die Themse oder der

Mersey. Wenn London, Glasgow und Liverpool aber ihre Flüsse ausnützen,

so macht das Limerick mit dem seinen leider nicht ebenso. Kaum beleben

einige Barken seine trägen Fluthen, die nur die schönen Theile der Stadt

benetzen und die fetten Weiden ihres Thales ernähren. Die auswandernden

Irländer sollten ihren Shannon nur mit nach der Neuen Welt versetzen:

die Amerikaner würden schon etwas daraus zu machen wissen.

Beschränkt sich auch die ganze Thätigkeit Limericks auf die Erzeugung

von Schinken, so bleibt es doch eine angenehme Stadt mit wirklich

hübschen weiblichen Bewohnern, was jedermann leicht auffallen mußte.

Hervorragende Schauspielerinnen sind nicht die Persönlichkeiten, die für

ihr Privatleben nach undurchsichtigen Mauern verlangen; sie würden im

Gegentheil lieber in Glashäusern wohnen, wenn es solche gäbe. Miß Anna

Walston hatte keine Ursache zu verheimlichen, was in Galway vorgegangen

war. Schon am Tage nach ihrer Rückkehr sprach man in ganz Limerick von

der dortigen Lumpenschule, und es ging das Gerücht, die Heldin so

vieler Dramen habe sich in die Flammen gestürzt, um ein kleines Wesen zu

retten. Sie widersprach dem nicht ausdrücklich, ja zuletzt glaubte sie

es vielleicht selbst. Ohne Zweifel hatte sie in das Royal-George-Hôtel

ein Kind mitgebracht, das sie adoptieren, einen Waisenknaben, dem sie

ihren Namen geben wollte, da er keinen hatte... nicht einmal einen

Taufnamen.

»Findling,« lautete seine Antwort, als sie ihn fragte, wie er hieße.

So mochte es auch dabei bleiben; sie hätte doch keinen besseren

gefunden; jener war ja ebenso gut wie Eduard, Arthur oder Mortimer.

Uebrigens nannte sie ihn am liebsten »Baby«, »Bebery«, »Babilsky«, oder

wie die mütterlichen Kosenamen in England sonst lauten.

Natürlich verstand unser Held hiervon nicht das geringste. Er ließ alles

über sich ergehen, Liebkosungen und Küsse, die er nicht gewöhnt war,

ließ sich schöne Kleider gefallen -- und er wurde nach neuester Mode

aufgeputzt -- und glänzende Stiefelchen. Er murrte nicht darüber, daß

man ihm Locken machte, natürlich auch nicht über das vortreffliche Essen

oder über die Süßigkeiten, die er in Ueberfluß erhielt.

Wie zu erwarten, stellten sich die Freunde und Freundinnen der

Schauspielerin baldigst im Royal-George-Hôtel ein, um Miß Anna ihre

Complimente zu machen, die diese dankend annahm. Dann wurde von

der Geschichte der =Ragged-School= gesprochen. Schon nach kurzer

Unterhaltung hatte da das Feuer meist die ganze Stadt Galway vernichtet.

Man verglich den traurigen Vorfall nur noch mit dem großen Brande

Londons, an dem die »Feuersäule«, die einige Schritte von der

London-Bridge aufragt, noch erinnert.

Natürlich wurde bei diesen Besuchen auch des Kindes nicht vergessen, was

der Miß Anna Walston herzliche Freude bereitete. Und doch kam ihr der

Gedanke, daß der Kleine, wenn auch nicht so gehegt und gepflegt, doch

schon geliebt worden sein möge. Eines Tages fragte dieser nämlich:

»Wo ist denn Grip?

-- Wer ist denn Grip, mein Babish?« antwortete Miß Anna Walston.

Jetzt erfuhr sie erst etwas über Grip. Ohne ihn wäre der kleine Knabe in

den Flammen umgekommen. Das war schön, war lobenswerth von diesem Grip.

Sein Heroismus aber -- man liebte dieses Wort für seine That -- konnte

doch das Verdienst nicht schmälern, das der gefeierten Künstlerin bei

diesem Rettungswerke zukam. Wenn sich die vortreffliche Frau nun nicht

an der Brandstelle befunden hätte, was wäre da aus dem kleinen Burschen

geworden? In welche Höhle hätte man ihn mit den andern Taugenichtsen der

Lumpenschule eingepfercht?

In der That hatte sich bisher niemand um Grip bekümmert und keiner

verlangte danach, etwas von ihm zu hören. Auch der kleine Knabe würde

ihn schließlich vergessen und nicht mehr von ihm sprechen. Das war

jedoch ein Irrthum; nie verblich in seinem Herzen das Bild dessen, der

ihn ernährt und beschützt hatte.

Dem Adoptivkinde der Schauspielerin fehlte es jetzt auch nicht an

Unterhaltung und Zerstreuung jeder Art. Er begleitete Miß Anna Walston

bei ihren Spazierfahrten und saß neben ihr im Wagen, wenn jene durch die

schönsten Theile von Limerick zu der Stunde fuhr, wo die feinere Welt

sie sehen konnte. Dazu putzte sie den Knaben in jeder Weise heraus, so

daß er einmal in schottischer Nationaltracht, einmal als Page und dann

wieder als phantastischer Schiffsjunge erschien. Er vertrat fast die

Stelle eines Schoßhündchens der Schauspielerin, die ihn, wenn er

klein genug gewesen wäre, in ihren Muff gesteckt hätte, um nur dessen

krauslockigen Kopf herausgucken zu lassen. Gelegentlich durchstreiften

beide auch die Stadt oder lustwandelten bis zu den Badeplätzen von

Kilkree mit ihren großartigen Uferfelsen an der Küste von Clare und nach

Miltow-Malbay mit seinen gefährlichen Klippen, woran einst ein Theil

der unbesiegbaren Armada zerschellte. Dabei stellte die glückliche

Pflegemutter den kleinen Knaben immer nur als den »aus den Flammen

geretteten Engel« vor.

Einige Male führte man ihn auch ins Theater, wo er -- mit Handschuhen

angethan! -- in einer Loge des ersten Ranges unter dem strengen Auge

Elisas thronte, sich kaum zu rühren wagte und bis zum Schluß der

Vorstellung... nur gegen das Einschlafen ankämpfte. Natürlich ohne

Verständniß für die Schauspiele selbst, hielt er doch alles, was er sah,

für die reine Wahrheit. Wenn Miß Anna Walston einmal im Prunke einer

Königin erschien, dann wieder als Frau aus dem Volke oder gar als in

Lumpen gekleidete Bettlerin, so konnte er gar nicht glauben, daß sie

es war, die er im Royal-George-Hôtel wiedertraf. Das verwirrte seine

kindliche Phantasie; er wußte nicht mehr, was er denken sollte. Er

träumte davon in der Nacht, als spänne sich das seltsame Schauspiel

weiter fort, und dann keuchte er unter schwerem Alpdrücken, wobei der

Puppenschausteller, der bösartige Carker und die andern Schlingel aus

der Lumpenschule eine Rolle spielten. Und wenn er dann schweißdurchnäßt

erwachte, wagte er nicht zu rufen....

Die Irländer sind leidenschaftliche Liebhaber allen Sports, vorzüglich

der Pferderennen. Auch jener Zeit strömte nach Limerick einmal aus

gleicher Ursache die ganze »Gentry« der Umgebung zusammen, ihr schlossen

sich die Landleute an, die ihre Höfe verließen, und sogar die Aermsten

jeder Art, denen es nur gelungen war, sich einen Schilling oder halben

Schilling abzusparen, um diesen auf ein Pferd zu verwetten.

Der Findling wurde ebenfalls zu diesem Feste mitgenommen, aber

geschmückt, daß er schon mehr einem Blumenstrauß glich, den Miß Anna

Walston von ihren Freunden bewundern, ja fast aufsaugen ließ.

Die Künstlerin war etwas extravaganter Natur, doch gut und wohlthätig,

wo sie das wenigstens in mehr Aufsehen erregender Weise bethätigen

konnte. Waren die Zärtlichkeiten, womit sie das Kind überhäufte,

sichtlich theatralischer Art und glichen die ihm gegebenen Küsse nur

Bühnenküssen, so konnte der Findling den Unterschied nicht wahrnehmen.

Immerhin fühlte er sich nicht so geliebt, wie er es gewünscht hätte, und

vielleicht sagte er sich unbewußt, was Elisa nicht selten wiederholte:

»Wer weiß, wie lange es dauern wird, wenn es überhaupt andauert!«

Der Findling. Erster Band. · 第 23 / 49 题