Limerick.
Wer die mitleidige Dame war, die hier so entschlossen für die Rettung
der beiden Bedrohten eintrat, wußte zunächst niemand und niemand wäre
auch erstaunt gewesen, wenn sie selbst durch die Flammen gedrungen wäre,
um diesen das schwächliche Opfer zu entreißen. Und wäre das Kind ihr
eignes gewesen, sie hätte es kaum liebevoller in die Arme nehmen können,
als sie es nach ihrem an der nächsten Straßenecke wartenden Wagen trug,
während sich die Kammerfrau der Fremden vergeblich bemühte, die Dame von
ihrem Entschluß abzubringen.
»Nein, Elisa! wiederholte sie, lass' ihn, er gehört mir. Der Himmel hat
es mir vergönnt, ihn dem brennenden Hause zu entreißen. O, ich danke
Dir, ich danke Dir, mein Gott!... Ach, wie ich ihn schon lieb habe.«
Der »geliebte« war schon halb erstickt, sein Athem unterbrochen, der
Mund stand wie gelähmt etwas offen und seine Augen waren geschlossen.
Er hätte der frischen Luft bedurft und jetzt, wo er von dem Rauch der
Feuersbrunst fast erstickt war, lief er Gefahr, von den Liebkosungen
erstickt zu werden, die seine Retterin an ihn verschwendete.
»Nach dem Bahnhofe, rief diese dem Kutscher zu, als sie den Wagen
erreichte, nach dem Bahnhofe!... Eine Guinee, wenn wir den Zug um neun
Uhr fünfundvierzig nicht versäumen!«
Gegen ein solches Versprechen konnte der Kutscher nicht unempfindlich
sein, vor allem, da die Trinkgeldunsitte in England noch nicht so
heimisch ist. So trieb er das Pferd vor seinem »Growler« an, wie diese
alterthümlichen und unbequemen Fuhrwerke heißen.
Doch wer war nun diese von der Vorsehung geschickte Dame? War der
Findling durch besondres Glück in Hände gefallen, die sich für immer
über ihn breiten sollten?
Miß Anna Walston war es, die erste Heldin des Drury-Lane-Theaters, eine
Art Sarah Bernhardt, auf der Tournée, welche augenblicklich am Theater
zu Limerick, in der gleichnamigen Grafschaft der Provinz Munster,
Vorstellungen gab. Eben hatte sie eine mehrtägige Erholungsreise durch
die Grafschaft Galway gemacht, wobei ihre Kammerfrau sie begleitete.
Die wortkarge Elisa Corbett war übrigens eine ebenso mürrische, wie
treuergebene Freundin ihrer Herrin.
Die Schauspielerin war eine vortreffliche, beim Publicum ungemein
beliebte Dame, die sich für alles lebhaft interessierte und Herz und
Hand stets offen hatte, während sie sich ihrer Kunst mit heiligem Ernste
widmete und eifrigst bemüht war, ihren Ruhm nicht durch einen Schnitzer
aufs Spiel gesetzt zu sehen.
Miß Anna Walston, die jedermann in allen Grafschaften des Vereinigten
Königreichs kannte, wartete nur auf die passende Gelegenheit, sich
in Amerika, in Indien und Australien, d. h. überall, wo die englische
Sprache vorherrschte, neue Lorbeern zu pflücken, denn sie war es müde,
da zu glänzen, wo ihr jede Anerkennung mühelos zu Theil wurde.
Vor drei Tagen war sie, müde der fortwährenden Anstrengungen bei den
Trauerspielen, in denen sie im letzten Acte regelmäßig sterben mußte,
hierher gekommen, um die reine und stärkende Luft von Galway zu
genießen. An jenem Abende wollte sie sich eben nach dem Bahnhofe
begeben, um nach Limerick zurückzufahren, wo sie am nächsten Tage
aufzutreten hatte, als ihre Aufmerksamkeit durch laute Hilferufe und den
Widerschein von Feuer erweckt wurde. Die =Ragged-School= stand in hellen
Flammen.
Eine Feuersbrunst! Wie hätte sie dem Verlangen widerstehen können,
einer solchen, die sich von den zahmen Bränden auf der Bühne so gewaltig
unterschied, mit beizuwohnen! Auf ihr Geheiß und trotz des Widerspruchs
Elisas hatte der Wagen an der nächsten Ecke gehalten, und Miß Anna
Walston beobachtete die verschiedenen Stadien dieses Schauspiels, das
denen, die die Feuerwehrleute hinter den Coulissen mit wachsamem Auge
beobachteten, so wesentlich überlegen war. Hier sanken die Versetzstücke
thatsächlich zusammen und unter ihnen stand alles in leibhaftigem Feuer.
Der Verlauf des Unglücks entbehrte auch sonst nicht des spannenden
Interesses. Zwei menschliche Wesen waren in einer Dachkammer
eingeschlossen, deren Treppenzugang schon in Flammen stand und die
keinen andern Ausweg bot. Zwei Knaben, ein großer und ein kleiner...
vielleicht wäre ein gefährdetes kleines Mädchen noch interessanter
gewesen. Wie herzzerreißend schrie Miß Anna Walston da auf. Sie wäre
den beiden wohl selbst zu Hilfe geeilt, wenn ihr weiter Staubmantel sich
nicht gar so leicht selbst entzündet hätte. Da öffnete sich übrigens
schon das Dach neben der Bodenkammer. Die beiden Unglücklichen
erschienen inmitten der Rauchwolken, wobei der Große den Kleinen trug.
Ah! Der Große! Welcher Held und in welcher künstlerischen Pose zeigte er
sich! Das war der Ausdruck unnachahmlicher Wahrheit!... Der arme Große!
Er hatte wohl keine Ahnung davon, welchen Effect er hervorbrachte. Und
der andre... der =nice Boy!= Der hübsche Junge! rief Miß Anna Walston
wiederholt, das ist ein Engel, der aus den Flammen der Hölle kam!...
Wahrlich, Findling, das war wohl das erste Mal, daß Du mit einem
Cherub oder einem andern Muster der himmlischen Heerschaaren verglichen
wurdest!
Ja, diese Inscenierung hatte Miß Anna Walston bis in jede Einzelheit
verfolgt. Wie auf der Bühne rief sie: »Mein Geld, mein Schmuck,
alles was ich besitze dem, der sie rettet!« Doch niemand hatte an den
glühenden Wänden und auf das prasselnde Dach hinaufklimmen können.
Endlich war der Cherub von ein paar offenen Armen aufgefangen worden und
von da in die Arme der Miß Anna Walston übergegangen.... Jetzt besaß
der kleine Knabe plötzlich eine Mutter, von der die Leute meinten,
es müsse eine große Dame sein, die ihr eignes Kind im Brande der
=Ragged-School= entdeckt hätte.
Nachdem sie die Umstehenden mit einer Verneigung begrüßt und von diesen
bejubelt worden, war Miß Anna Walston mit ihrem Schatze verschwunden,
was auch die Kammerfrau dagegen einwenden mochte. Von einer
fünfundzwanzigjährigen Schauspielerin mit warmen Gefühlen und etwas
freien Anschauungen durfte man da nicht verlangen, daß sie ihrer
Eingebung Zügel anlegte und sich immer auf goldener Mittelstraße hielt,
wie die siebenunddreißigjährige, blonde, kalte und nörgelige Elisa
Corbett, die schon mehrere Jahre im Dienste ihrer etwas phantastischen
Herrin stand. Die Schauspielerin dagegen glaubte sich immer auf den
Brettern zu befinden und wurde sozusagen stets von ihrem Repertoire
beherrscht. Ihr gestalteten sich die gewöhnlichsten Vorkommnisse des
Lebens zu »Situationen«, und wenn eine solche einmal gegeben war....
Natürlich traf der Wagen rechtzeitig am Bahnhofe ein und der Kutscher
erhielt seine versprochne Guinee. Und jetzt konnte sich Miß Anna
Walston, die mit Elisa ein Coupé allein einnahm, allen den Pflichten
widmen, die das Herz einer wirklichen Mutter nur zu dictieren vermocht
hätte.
»Es ist mein Kind!... Mein Blut... mein Leben! erklärte sie, niemand
soll mir ihn wieder rauben!«
Es hätte ja auch kein Mensch daran gedacht, ihr diesen kleinen
Verlassnen wieder abzunehmen.
Elisa freilich bemerkte dazu:
»Wir werden ja sehen, wie lange es dauert!«
Der Zug rollte mit mäßiger Geschwindigkeit nach dem Kreuzungspunkte von
Artheury, durch die Grafschaft Galway dahin, die er mit der Hauptstadt
Irlands verbindet. Während dieses ersten kurzen Theiles der Fahrt war
der kleine Knabe nicht wieder zur Besinnung gekommen, obwohl sich die
Schauspielerin darum in jeder Weise bemühte.
Miß Anna Walston beschäftigte sich zuerst damit, ihn umzukleiden, und
nahm ihm die von Rauch geschwärzten Lumpen ab, bis auf die noch ziemlich
gut erhaltene wollene Jacke, während sie ihm sonst von ihren eignen
Kleidungsstücken anpaßte, was sich nur dazu verwenden ließ, und ihn
mit ihrem kostbaren Shawle zudeckte. Das Kind schien aber gar nicht zu
bemerken, daß es jetzt warme Hüllen trug und ein noch wärmeres Herz, das
für ihn sorgte, gewonnen hatte.
An der Kreuzungsstelle wurde ein Theil des Zuges abgekoppelt und nach
Kilkree, an der Grenze der Grafschaft Galway, übergeleitet, wo ein
halbstündiger Aufenthalt stattfand. Doch während dieser Zeit war der
kleine Knabe noch nicht wieder zum Bewußtsein gekommen.
»Elisa... Elisa!... rief Miß Anna Walston, wir werden uns erkundigen
müssen, ob sich nicht vielleicht ein Arzt im Zuge befindet.«
Elisa that das, obgleich sie ihrer Herrin versicherte, daß es sich kaum
der Mühe lohne.
Ein Arzt fand sich nicht.
»O, diese Unmenschen... jammerte Miß Anna Walston, man trifft sie nie
da, wo sie sein sollten!
-- Aber ich bitte Sie, Madame, dem Jungen fehlt ja gar nichts; der wird
schon wieder zu sich kommen, wenn Sie ihn nicht ersticken....
-- Glaubst Du, Elisa?... Das herzige Kind!...
Ich weiß nicht, wie mir ist, ich habe ja noch nie ein Kind gehabt!...
Ach, wenn ich ihn selbst hätte nähren dürfen!«
Das war freilich unmöglich, und übrigens stand der kleine Junge in den
Jahren, wo man nach einer festeren Nahrung verlangt.
Der Zug durchflog die Grafschaft Clare -- jene Halbinsel zwischen der
Bai von Galway im Norden und der langen breiten Ausmündung des Shannon
im Süden, einen Landstrich, den man hätte zur Insel umgestalten können,
wenn ein kaum fünfzig Kilometer langer Canal am Fuße der Sliève-Sughty
ausgehoben worden wäre. Die Nacht war dunkel und es wehte ein ziemlich
scharfer Westwind -- ein Himmel, wie er zur Situation paßte.
»Ach, der Engel erholt sich nicht wieder! rief Miß Anna Walston immer
wieder.
-- Soll ich Ihnen etwas sagen, Madame?
-- Sprich, Elisa, sprich, um Gottes Willen!
-- Nun... ich glaube, er schläft einfach!«
So war es in der That.
Der Zug gelangte nach Dromor, nach Emis, der Hauptstadt der Grafschaft,
wo er gegen Mitternacht eintraf. Weiter nach New-Market, nach Six-Miles
an der Grenze und endlich fuhr er gegen fünf Uhr morgens in Limerick
ein.
Und nicht nur der kleine Knabe allein hatte während der Reise
geschlafen, auch Miß Anna Walston waren die Augen zugefallen, und als
sie wieder erwachte, bemerkte sie, daß ihr Schützling sie mit großen
Augen ansah.
Da drückte sie ihn wieder in die Arme.
»Er lebt!... Er lebt!... Gott, der ihn mir gegeben hat, kann nicht so
grausam sein, ihn mir wieder zu entreißen!«
Elisa meinte zwar, daß Gott auch dann gar nicht grausam gewesen
wäre; jedenfalls sah sich der Knabe eigentlich ohne Uebergang aus der
Lumpenschule in die prächtigen Zimmer versetzt, die Miß Anna
Walston während ihrer Gastvorstellung am Theater zu Limerick im
Royal-George-Hôtel bewohnte.
Die Grafschaft Limerick hat sich in der Geschichte Irlands einen Namen
gemacht, denn hier regte sich zuerst der Widerstand der Katholiken gegen
das protestantische England. Treu der Jacobitischen Dynastie, ist seine
Hauptstadt dem schrecklichen Cromwel entgegengetreten und hat eine
merkwürdige Belagerung ausgehalten, bis sie, von Hunger bezwungen und
in Blut gebadet, schließlich unterlag. Hier wurde der Vertrag, der den
gleichen Namen führt, unterzeichnet, der Vertrag, der den irländischen
Katholiken gleiche bürgerliche Rechte und freie Ausübung ihres Cultus
gewährleistete. Freilich wurden die damaligen Abmachungen von Wilhelm
von Oranien rücksichtslos verletzt. Wieder mußte das Volk nach langen
erniedrigenden Quälereien zu den Waffen greifen; trotz allen Muthes
aber und obwohl ihnen die französische Revolution ihren Hoche zu Hilfe
geschickt hatte, unterlagen die Irländer, die, wie sie sagten, »mit dem
Stricke am Halse« kämpften, doch endlich bei Ballinamach den weitaus
überlegenen Gegnern.
Endlich, im Jahre 1829, fanden die Rechte der Katholiken, Dank den
Bemühungen des großen O'Connell, die langentbehrte Anerkennung.
Dieser schwang das Banner der Unabhängigkeit und rang der Regierung
Großbritanniens die ersehnte Emancipationsbill ab.
Da diese Erzählung in Irland spielt, sei es uns gestattet, folgende
flammende Rede anzuführen, die O'Connell jener Zeit den Staatsmännern
Englands ins Gesicht schleuderte. Man darf ihre Bedeutung nicht
unterschätzen. Sie hat sich tief in das Herz der Irländer eingegraben,
und an verschiedenen Stellen dieser Erzählung wird der Leser noch ihren
Einfluß herausfühlen.
»Niemals hat es ein unwürdigeres Ministerium gegeben! rief O'Connell
eines Tages. Stanley ist ein Renegat; Sir James Graham vielleicht etwas
noch schlimmeres; Sir Robert Peel eine scheckige Fahne mit fünfhundert
Farben und nicht einmal echt in der Farbe, denn sie erscheint heute
orangeroth, morgen grün, übermorgen wieder anders; es ist aber darauf zu
achten, daß sie einmal mit Blut gefärbt wird. Was Wellington, den armen
Mann betrifft, erscheint es geradezu sinnlos, ihn in England zu feiern.
Hat der Historiker Alison nicht nachgewiesen, daß er sich bei Waterloo
überraschen ließ? Zum Glück für ihn standen ihm raschentschlossene
Truppen, irische Soldaten zur Seite. Die Irländer sind dem Hause
Braunschweig, als es ihr Feind war, treu ergeben gewesen, treu
Georg III., der sie verrieth, treu Georg IV., der vor Wuth aufschrie,
als er die Emancipation zugestand, treu dem alten Wilhelm, dem
das Ministerium abscheuliche und blutige Maßregeln gegen Irland
unterbreitete. Auch der Königin haben sie ihre Treue bewahrt. Darum
England den Engländern, Schottland den Schotten, aber auch Irland
den Irländern!« -- Das sind herrliche Worte!... Der Leser wird bald
erkennen, wie der Wunsch O'Connell's in Erfüllung gegangen ist und ob
der Boden Irlands seinen Kindern gehört.
Limerick ist noch immer eine der Hauptstädte der Smaragdnen Insel,
obwohl es, seitdem Tralee ihm einen Theil seines Handels raubte, vom
dritten auf den vierten Rang gesunken ist. Es zählt gegen dreißigtausend
Einwohner. Seine Straßen sind regelmäßig, breit und gerade; seine Läden,
Magazine, Hôtels und öffentlichen Gebäude erheben sich an geräumigen
Plätzen. Ueberschreitet man aber, nach Begrüßung des Steines, auf dem
der Emancipationsvertrag unterzeichnet wurde, die Brücke des Thomond, so
findet man, daß dieser Theil der Stadt hartnäckig irländisch geblieben
ist. Hier sieht man noch das Elend und die Ruinen von der Belagerung
her, die zerstörten Bollwerke, den Standort jener »Schwarzen Batterie«,
die unerschrockne Frauen, gleich ebensovielen Johanna Hachette's,
gegen die Orangisten bis zum Tode vertheidigten. Ein trauriger,
beklagenswerther Contrast!
Limerick hat eine Lage, die es zu einem Mittelpunkte der Industrie und
des Handels machen könnte. Der Shannon, der »Azurne Fluß«, bietet ihm
einen jener Wege, die selbst gehen, wie der Clyde, die Themse oder der
Mersey. Wenn London, Glasgow und Liverpool aber ihre Flüsse ausnützen,
so macht das Limerick mit dem seinen leider nicht ebenso. Kaum beleben
einige Barken seine trägen Fluthen, die nur die schönen Theile der Stadt
benetzen und die fetten Weiden ihres Thales ernähren. Die auswandernden
Irländer sollten ihren Shannon nur mit nach der Neuen Welt versetzen:
die Amerikaner würden schon etwas daraus zu machen wissen.
Beschränkt sich auch die ganze Thätigkeit Limericks auf die Erzeugung
von Schinken, so bleibt es doch eine angenehme Stadt mit wirklich
hübschen weiblichen Bewohnern, was jedermann leicht auffallen mußte.
Hervorragende Schauspielerinnen sind nicht die Persönlichkeiten, die für
ihr Privatleben nach undurchsichtigen Mauern verlangen; sie würden im
Gegentheil lieber in Glashäusern wohnen, wenn es solche gäbe. Miß Anna
Walston hatte keine Ursache zu verheimlichen, was in Galway vorgegangen
war. Schon am Tage nach ihrer Rückkehr sprach man in ganz Limerick von
der dortigen Lumpenschule, und es ging das Gerücht, die Heldin so
vieler Dramen habe sich in die Flammen gestürzt, um ein kleines Wesen zu
retten. Sie widersprach dem nicht ausdrücklich, ja zuletzt glaubte sie
es vielleicht selbst. Ohne Zweifel hatte sie in das Royal-George-Hôtel
ein Kind mitgebracht, das sie adoptieren, einen Waisenknaben, dem sie
ihren Namen geben wollte, da er keinen hatte... nicht einmal einen
Taufnamen.
»Findling,« lautete seine Antwort, als sie ihn fragte, wie er hieße.
So mochte es auch dabei bleiben; sie hätte doch keinen besseren
gefunden; jener war ja ebenso gut wie Eduard, Arthur oder Mortimer.
Uebrigens nannte sie ihn am liebsten »Baby«, »Bebery«, »Babilsky«, oder
wie die mütterlichen Kosenamen in England sonst lauten.
Natürlich verstand unser Held hiervon nicht das geringste. Er ließ alles
über sich ergehen, Liebkosungen und Küsse, die er nicht gewöhnt war,
ließ sich schöne Kleider gefallen -- und er wurde nach neuester Mode
aufgeputzt -- und glänzende Stiefelchen. Er murrte nicht darüber, daß
man ihm Locken machte, natürlich auch nicht über das vortreffliche Essen
oder über die Süßigkeiten, die er in Ueberfluß erhielt.
Wie zu erwarten, stellten sich die Freunde und Freundinnen der
Schauspielerin baldigst im Royal-George-Hôtel ein, um Miß Anna ihre
Complimente zu machen, die diese dankend annahm. Dann wurde von
der Geschichte der =Ragged-School= gesprochen. Schon nach kurzer
Unterhaltung hatte da das Feuer meist die ganze Stadt Galway vernichtet.
Man verglich den traurigen Vorfall nur noch mit dem großen Brande
Londons, an dem die »Feuersäule«, die einige Schritte von der
London-Bridge aufragt, noch erinnert.
Natürlich wurde bei diesen Besuchen auch des Kindes nicht vergessen, was
der Miß Anna Walston herzliche Freude bereitete. Und doch kam ihr der
Gedanke, daß der Kleine, wenn auch nicht so gehegt und gepflegt, doch
schon geliebt worden sein möge. Eines Tages fragte dieser nämlich:
»Wo ist denn Grip?
-- Wer ist denn Grip, mein Babish?« antwortete Miß Anna Walston.
Jetzt erfuhr sie erst etwas über Grip. Ohne ihn wäre der kleine Knabe in
den Flammen umgekommen. Das war schön, war lobenswerth von diesem Grip.
Sein Heroismus aber -- man liebte dieses Wort für seine That -- konnte
doch das Verdienst nicht schmälern, das der gefeierten Künstlerin bei
diesem Rettungswerke zukam. Wenn sich die vortreffliche Frau nun nicht
an der Brandstelle befunden hätte, was wäre da aus dem kleinen Burschen
geworden? In welche Höhle hätte man ihn mit den andern Taugenichtsen der
Lumpenschule eingepfercht?
In der That hatte sich bisher niemand um Grip bekümmert und keiner
verlangte danach, etwas von ihm zu hören. Auch der kleine Knabe würde
ihn schließlich vergessen und nicht mehr von ihm sprechen. Das war
jedoch ein Irrthum; nie verblich in seinem Herzen das Bild dessen, der
ihn ernährt und beschützt hatte.
Dem Adoptivkinde der Schauspielerin fehlte es jetzt auch nicht an
Unterhaltung und Zerstreuung jeder Art. Er begleitete Miß Anna Walston
bei ihren Spazierfahrten und saß neben ihr im Wagen, wenn jene durch die
schönsten Theile von Limerick zu der Stunde fuhr, wo die feinere Welt
sie sehen konnte. Dazu putzte sie den Knaben in jeder Weise heraus, so
daß er einmal in schottischer Nationaltracht, einmal als Page und dann
wieder als phantastischer Schiffsjunge erschien. Er vertrat fast die
Stelle eines Schoßhündchens der Schauspielerin, die ihn, wenn er
klein genug gewesen wäre, in ihren Muff gesteckt hätte, um nur dessen
krauslockigen Kopf herausgucken zu lassen. Gelegentlich durchstreiften
beide auch die Stadt oder lustwandelten bis zu den Badeplätzen von
Kilkree mit ihren großartigen Uferfelsen an der Küste von Clare und nach
Miltow-Malbay mit seinen gefährlichen Klippen, woran einst ein Theil
der unbesiegbaren Armada zerschellte. Dabei stellte die glückliche
Pflegemutter den kleinen Knaben immer nur als den »aus den Flammen
geretteten Engel« vor.
Einige Male führte man ihn auch ins Theater, wo er -- mit Handschuhen
angethan! -- in einer Loge des ersten Ranges unter dem strengen Auge
Elisas thronte, sich kaum zu rühren wagte und bis zum Schluß der
Vorstellung... nur gegen das Einschlafen ankämpfte. Natürlich ohne
Verständniß für die Schauspiele selbst, hielt er doch alles, was er sah,
für die reine Wahrheit. Wenn Miß Anna Walston einmal im Prunke einer
Königin erschien, dann wieder als Frau aus dem Volke oder gar als in
Lumpen gekleidete Bettlerin, so konnte er gar nicht glauben, daß sie
es war, die er im Royal-George-Hôtel wiedertraf. Das verwirrte seine
kindliche Phantasie; er wußte nicht mehr, was er denken sollte. Er
träumte davon in der Nacht, als spänne sich das seltsame Schauspiel
weiter fort, und dann keuchte er unter schwerem Alpdrücken, wobei der
Puppenschausteller, der bösartige Carker und die andern Schlingel aus
der Lumpenschule eine Rolle spielten. Und wenn er dann schweißdurchnäßt
erwachte, wagte er nicht zu rufen....
Die Irländer sind leidenschaftliche Liebhaber allen Sports, vorzüglich
der Pferderennen. Auch jener Zeit strömte nach Limerick einmal aus
gleicher Ursache die ganze »Gentry« der Umgebung zusammen, ihr schlossen
sich die Landleute an, die ihre Höfe verließen, und sogar die Aermsten
jeder Art, denen es nur gelungen war, sich einen Schilling oder halben
Schilling abzusparen, um diesen auf ein Pferd zu verwetten.
Der Findling wurde ebenfalls zu diesem Feste mitgenommen, aber
geschmückt, daß er schon mehr einem Blumenstrauß glich, den Miß Anna
Walston von ihren Freunden bewundern, ja fast aufsaugen ließ.
Die Künstlerin war etwas extravaganter Natur, doch gut und wohlthätig,
wo sie das wenigstens in mehr Aufsehen erregender Weise bethätigen
konnte. Waren die Zärtlichkeiten, womit sie das Kind überhäufte,
sichtlich theatralischer Art und glichen die ihm gegebenen Küsse nur
Bühnenküssen, so konnte der Findling den Unterschied nicht wahrnehmen.
Immerhin fühlte er sich nicht so geliebt, wie er es gewünscht hätte, und
vielleicht sagte er sich unbewußt, was Elisa nicht selten wiederholte:
»Wer weiß, wie lange es dauern wird, wenn es überhaupt andauert!«