Noch einmal die =Ragged-School=.
Nach Hause gekommen, glaubte Grip den Herrn O'Bodkins auf das Betragen
Carkers und der übrigen aufmerksam machen zu sollen. Nicht, daß er sich
über ihm selbst gespielte Streiche -- worüber er ja gutmüthig hinwegsah
-- Klage führen wolle, nein, nur die üble Behandlung, die dem kleinen
Knaben zu Theil geworden war, lag ihm am Herzen. Und diesmal war das
sogar so weit gegangen, daß das Kind ohne die Hilfe Grip's jetzt todt
gewesen wäre.
Als einzige Antwort zuckte O'Bodkins nur mit den Achseln. Grip mußte
das verstehen: es handelte sich um Dinge, für die der Director nicht
verantwortlich war und die ihm also nichts angingen. Das Hauptbuch
konnte doch unmöglich noch eine Rubrik für Ohrfeigen und eine andre
für Fußtritte erhalten. So etwas ließ sich ja ebensowenig nach
arithmetischen Regeln zusammenstellen wie drei Kieselsteine und fünf
Disteln. Ohne Zweifel war O'Bodkins als Leiter der Anstalt verpflichtet,
das Betragen der Zöglinge zu überwachen, die Verantwortung dafür liebte
er aber auf den Aufseher der Schule -- als solcher galt eben Grip --
abzuwälzen.
Von diesem Tage ab ließ nun Grip seinen Schützling niemals aus dem Auge,
vorzüglich nicht allein in dem großen Saale, und wenn er ausging, schloß
er den Kleinen sorgsam in seine Dachkammer ein, wo dieser sich dann
wenigstens in Sicherheit befand.
So verflossen die letzten Sommertage; der September kam heran. Für die
nördlichen Bezirke des Landes bedeutet das schon den Beginn des Winters,
und der Winter besteht für das obere Irland in fast ununterbrochenem
Schneegestöber, scharfen Winden und Nebeln, die von den übereisten
Ebenen des nördlichen Amerika stammen und von den Meereswinden nach
Europa getrieben werden.
Es herrscht unfreundliches, rauhes Wetter an den Ufern der Bai von
Galway, die zwischen den umgebenden Bergen wie zwischen den Wänden eines
Gletschers liegt. Da giebt es kurze Tage und lange Nächte, peinlich
genug für alle, in deren Kamin kein wärmendes Feuer flackert. In der
Lumpenschule herrschte natürlich auch eine recht niedrige Temperatur,
außer vielleicht im Zimmer des Directors O'Bodkins. Doch wenn der
verantwortliche Leiter der Anstalt nicht warm gesessen hätte, wäre ihm
ja die Tinte im Schreibzeug eingefroren, und das ging doch nicht wohl
an.
Jetzt galt es vor allem, auf Straßen und Landwegen zusammenzuraffen, was
irgend brennbar war und einige Wärme liefern könnte. Freilich ergab das
nicht viel, wenn man wie hier auf herabgefallene dürre Zweige, auf durch
den Rost gefallene Kohlenstückchen, die in den Haufen vor den Häusern
lagen, angewiesen war, und etwa auf die längs der Quais verstreut
liegend verlornen Kohlenstücke, um die sich die armen Leute fast
schlugen.
Die Zöglinge der Lumpenschule mußten sich also dieser Arbeit unterziehen
und auch der Findling nahm daran ohne Widerspruch theil, das war doch
wenigstens kein Betteln. Dann brannte denn auch ein Feuer im Ofen, so
gut es eben zu unterhalten war.
Die ganze, in der zerrissenen Kleidung frierende Schule drängte sich
um den Ofen, wobei die Größten natürlich die besten Plätze eroberten,
während das Abendbrod im Kessel bereitet wurde. Und welches Abendbrod!
Weggeworfene Kartoffeln, Brodrestchen, Knochen, an denen zuweilen noch
ein Bissen zähes Fleisch hing.... Das ganze eine jämmerliche Suppe,
worauf einige Fettklümpchen die Augen guter Bouillon vertraten.
Nahe dem Feuer gab es für den kleinen Jungen selbstverständlich
niemals einen Platz und selten einen Löffel von der Suppe, die die alte
Hausverwalterin für die Größeren aufhob. Diese stürzten gleich hungrigen
Hunden darüber her und wiesen den andern die Zähne, um ihre magere
Mahlzeit zu vertheidigen.
Den Kleinen pflegte Grip in sein Loch mitzunehmen, wo er ihm das Beste
von dem zuschob, was er von den täglichen Rationen empfing. Da gab es
freilich kein wärmendes Feuer. Doch wenn sich beide unter das Stroh
versteckten und sich aneinander drängten, dann gelang es ihnen
wohl, sich einigermaßen vor der Kälte zu schützen und einzuschlafen.
Vielleicht wärmte sie wenigstens der wohlthätige Schlaf!
Eines Tages begünstigte Grip das Glück in ganz besondrer Weise. Er war
unterwegs und ging eben auf der Hauptstraße von Galway hin, als ein in
das Royal-Hôtel zurückkehrender Reisender ihn beauftragte, noch einen
Brief nach der Post zu besorgen. Grip beeilte sich, diesem Wunsche
nachzukommen und erhielt einen ganzen Schilling zur Belohnung. Das
war nun freilich immer noch kein großes Capital, um dessen Anlegung in
Staatspapieren er sich etwa den Kopf zu zerbrechen brauchte, dagegen war
er sofort entschlossen, für das Geld etwas Eßbares einzukaufen, was zum
größeren Theil dem Findling, zum kleineren ihm selbst zu Gute kommen
sollte. So erhandelte er denn einige Fleisch- und Wurstwaaren, die
für drei Tage ausreichten und die von Carker und den andern unbemerkt
verzehrt wurden, denn Grip hatte begreiflicher Weise keine Ursache, mit
den andern Zöglingen zu theilen, die auch niemals mit ihm theilten.
Besonders wichtig wurde das Zusammentreffen Grip's mit dem Fremden noch
dadurch, daß dieser angesichts der erbärmlichen Kleidung des Burschen
ihm noch eine recht gut erhaltene wollene Weste schenkte.
Grip dachte natürlich gar nicht daran, diese selbst in Gebrauch zu
nehmen; nur sein kleiner Schützling lag ihm am Herzen, und dieser sollte
sich in der warmen Hülle unter seinen Lumpen gewiß recht wohl fühlen.
»Da steckt er darin wie ein Lamm in der Wolle!« sagte der brave junge
Mann für sich.
Das Lamm wollte aber nicht zugeben, daß sich Grip seines Vließes
beraubte. Es wurde hin und her verhandelt, und endlich kam man zu einer
befriedigenden Entscheidung.
Der Herr, von dem die Weste herrührte, war ziemlich stark und Grip hätte
in jene zweimal hinein gesteckt werden können. Er war auch groß, so daß
die Weste den kleinen Knaben vom Kopf bis zu den Füßen verhüllt hätte.
So erschien es also nicht unmöglich, das Kleidungsstück für beide
Freunde zurecht zu machen. Die alte trunksüchtige Frau Kriß zum
Zertrennen und wieder Zusammennähen desselben aufzufordern, wäre
freilich ebenso viel gewesen, wie sie zum Verzicht auf ihre Pfeife zu
bestimmen. So machte sich denn Grip in seiner Bodenkammer selbst an die
Arbeit. Er nahm dem Kinde Maß und erwies sich so geschickt, daß er eine
ganz brauchbare wollene Jacke zu Stande brachte. Er selbst erhielt dann
noch eine Weste, freilich ohne Aermel, aber doch eine Weste, und das war
auch etwas.
Natürlich bestimmte er den Findling, die Jacke unter seinen Lumpen
zu tragen, damit die andern sie nicht sehen sollten. Statt sie ihm
zu lassen, hätten diese sie ganz gewiß einfach zerrissen. Der Kleine
befolgte den klugen Rath und befand sich denn auch bei strenger
Winterkälte ganz erträglich in der weichen warmen Hülle.
Nach ungemein regenreichem October brachte der November recht kalten
Wind, der alle Feuchtigkeit der Atmosphäre zu Schnee verwandelte. In den
Straßen von Galway lag die weiße Decke zwei Fuß hoch. Das wirkte recht
hemmend beim Einsammeln von Brennmaterial ein. In der =Ragged-School=
froren alle gehörig, und wie es dem Ofen an Heizmaterial fehlte, so
fehlte es dem Magen, der ja auch ein Ofen ist, daran oft nicht minder.
Dennoch mußten die Zöglinge, trotz der Schneestürme, dem eisigen Winde,
auf Straßen und Wegen sich bemühen, den Bedarf der Schule zu decken.
Auf dem Erdboden war nichts mehr zu finden, so blieb denn nichts anders
übrig, als von Thür zu Thür zu gehen. Das Kirchspiel that ja für seine
Armen, was es konnte; doch ohne von der Lumpenschule zu reden, machten
noch recht viele Wohlthätigkeitsanstalten in harten Zeiten Anspruch auf
die Mildthätigkeit der Einwohner.
Die Kinder sahen sich also gezwungen, von einem Hause zum andern betteln
zu gehen, und wo nicht alles Mitgefühl erstorben war, da wurden sie auch
nicht unfreundlich empfangen. Meist freilich wies man sie barsch genug
ab und bedrohte sie wohl auch noch für den Fall, wenn sie wiederkämen,
so daß sie nicht selten mit leeren Händen zurückkehrten.
Wohl oder übel mußte der Findling dem Beispiele der andern folgen, und
doch, wenn er vor einer Thür stehen blieb und den Klopfer in die Höhe
gehoben hatte, schien es ihm, als fiele dieser mit schwerem Schlage auf
seine eigene Brust nieder. Statt dann die Hand auszustrecken, fragte er
an, ob er nicht irgend etwas besorgen könnte. Das ersparte ihm doch die
Beschämung zu betteln. Wer wollte aber einem fünfjährigen Knaben einen
Auftrag anvertrauen?... So warf man ihm zuweilen lieber ein Stück Brod
zu, das er weinend in Empfang nahm. Ja, Hunger thut weh!
Im December wurde die Kälte noch schlimmer. Immer und immer fiel der
Schnee in großen Flocken. Kaum konnte man in den Straßen den Weg noch
erkennen. Um drei Uhr nachmittags wurde das Gas schon angezündet, doch
das gelbliche Licht der Brenner vermochte den dicken Nebel kaum zu
durchdringen, so als wenn es alle Leuchtkraft verloren hätte. Wagen und
Karren waren jetzt gar nicht mehr unterwegs, nur vereinzelt huschten die
Menschen nach ihren Wohnungen. Und mit frostgerötheten Augen, Hände
und Gesicht blau von dem schneidenden Winde, irrte der Findling umher,
während er sich dicht in seine beschneiten Lumpen hüllte.
Endlich ging der traurige Winter zu Ende. Die ersten Monate des Jahres
1877 waren minder hart. Auch der Sommer trat zeitig ein und im Juni
herrschte schon eine recht starke Wärme.
Am 17. August hatte der jetzt fünfeinhalb Jahre zählende Findling das
Glück, etwas zu finden, was für ihn unerwartete Folgen haben sollte.
Gegen sieben Uhr ging er durch eine auf die Brücke von Claddagh mündende
Straße auf dem Rückwege nach der Anstalt, wo ihm, da er mit leeren
Händen kam, gewiß nicht der beste Empfang zutheil wurde. Hatte Grip
nicht noch ein Stück alte Brodrinde übrig, so war für beide heut Abend
nichts zu essen da. Das war übrigens nicht zum ersten Male der Fall,
denn jeden Tag und zwar zur bestimmten Stunde essen zu wollen, das wäre
eine Anmaßung gewesen. Solche Gewohnheiten mochten reiche Leute haben,
denen ihre Mittel das erlaubten, ein armer Teufel ißt aber, wenn er
etwas dazu hat, und wenn's daran mangelt, dann ißt er einfach nicht, so
sagte wenigstens Grip, der schon gewöhnt war, sich mit philosophischen
Grundsätzen satt zu machen.
Da, kaum zweihundert Schritte von der Schule entfernt, stolperte der
kleine Junge und fiel der Länge nach hin. Da er nicht groß war, ging das
ohne Schaden für ihn ab. Gleichzeitig rollte aber etwas, woran er mit
den Füßen gestoßen hatte, vor ihm her. Es war eine große Weinflasche,
die zum Glück nicht entzwei gegangen war, denn der Knabe hätte sich
sonst schwer verletzen können.
Der Findling erhob sich und umhersuchend, fand er die Flasche, die zwei
bis drei Gallonen fassen mochte. Ein Pfropfen verschloß deren Hals und
diesen brauchte er nur herauszuziehen, um zu sehen, was sie enthielt.
Der Knabe erkannte, daß sie voller Gin war.
Damit hätten sich alle Insassen der Lumpenschule befriedigen können, und
der Findling durfte gewiß sein, mit dieser Bürde bestens empfangen zu
werden.
In der menschenleeren Straße hatte ihn niemand gesehen und die Anstalt
lag ganz nahe.
Da kam ihm aber ein Gedanke, der Carker und dessen Genossen gewiß nie
eingefallen wäre. Diese Flasche gehörte ihm doch nicht. Sie war kein
Geschenk, war nicht auf den Kehricht geworfen, sondern offenbar ein
verlorner Werthgegenstand. Den Eigenthümer zu finden, mochte freilich
etwas schwierig sein. Immerhin sagte ihm sein Gewissen, daß er über
den Fundgegenstand nicht nach Gutdünken verfügen dürfe. Es war der
natürliche Instinct, der ihm das sagte, denn weder Thornpipe noch
O'Bodkins hatte ihm je gelehrt, ehrlich zu sein. Zum Glück giebt es auch
Kinderherzen, in die dieses Gebot schon allein eingeschrieben ist.
Sehr in Verlegenheit wegen seines Fundes, beschloß der Findling Grip
darum zu fragen; dieser würde die Wiedereinhändigung desselben an den
rechtmäßigen Eigenthümer schon veranlassen. Jetzt kam es vorzüglich
darauf an, die Flasche vor den Taugenichtsen unbemerkt nach der
Dachkammer zu schaffen, denn jene hätten sich gewiß nicht darum
gekümmert, wem sie gehörte. Zwei bis drei Gallonen Gin! Welcher
Ueberfluß!... Mit Anbruch der Nacht wäre aber doch kein Tropfen davon
mehr dagewesen. Bei Grip dagegen stand der Branntwein sicher; dieser
rührte die Flasche gewiß nicht an, sondern hätte sie unter das Stroh
versteckt, bis er am folgenden Morgen in der Nachbarschaft Umfrage
hielt. Wenn nöthig, wollten beide dazu von Haus zu Haus gehen... sie
bettelten ja nicht.
Der Findling schritt also mit seiner Last der Schule zu, und bemühte
sich, die Flasche unter seiner Kleidung zu verbergen.
Eben als er vor die Thür kam, stürmte aber zum Unglück Carker daraus
hervor, so daß er einen Zusammenstoß mit diesem nicht vermeiden konnte.
Da Carker ihn erkannte und allein vor sich sah, hielt er es für die
beste Gelegenheit, dem Knaben zurückzuzahlen, was er ihm von dem
Zusammentreffen an dem Strande von Salthill her schon zugedacht hatte.
Er warf sich also über den Findling und entriß diesem die Flasche, die
er bald unter dessen Lumpen gefühlt hatte.
»Eh, was ist denn das? rief er.
-- Das?... Das gehört nicht Dir!
-- Also wohl Dir?
-- Nein, mir auch nicht!«
Der Knirps wollte Carker zurückdrängen, dieser versetzte ihm aber einen
Stoß, daß er selbst drei Schritte weit zurücktaumelte.
Sofort ergriff Carker die Flasche und eilte damit nach dem Saal zurück,
während der kleine Knabe ihm weinend folgte.
Er versuchte noch Einspruch zu erheben, da aber Grip nicht da war der
ihn unterstützt hätte, so erhielt er nur tüchtige Prügel, bis die alte
Kriß sich einmengte sobald sie die Flasche bemerkt hatte.
»Gin, rief sie, guter Gin! O, das ist ja für alle genug!«
Der Findling hätte gewiß besser gethan, die Flasche in der Straße liegen
zu lassen, wo sie deren Eigenthümer jetzt wahrscheinlich suchte, denn
zwei bis drei Gallonen Gin kosten schon verschiedene Schillinge, ja
sogar mehr als eine halbe Krone. Er hätte sich sagen müssen, daß es
unmöglich sein würde, ungesehen bis zur Dachkammer Grip's zu gelangen.
Jetzt war es freilich zu spät.
Sich an O'Bodkins zu wenden, diesem den Vorfall zu erzählen, würde
auch nichts genutzt haben, und dem wäre ein schlechter Empfang zu Theil
geworden, der die Thür zu des Directors Zimmer öffnete und den Insassen
vielleicht bei seinen verwickeltsten Rechnungen störte. Im besten Falle
hätte O'Bodkins die Flasche nach seinem Zimmer bringen lassen, und was
da hinein kam, kam gewiß nicht wieder heraus.
Der kleine Knabe konnte also nichts thun und beeilte sich nur, Grip
aufzusuchen, um diesem seine Noth zu klagen.
»Grip, eine Flasche, die man findet, gehört einem doch nicht?
-- Nein, ich glaube nicht, antwortete Grip. Hast Du denn eine Flasche
gefunden?
-- Ja, und ich wollte sie Dir geben, und morgen hätten wir in der
Nachbarschaft zu erfahren gesucht...
-- Wem sie gehörte?... fiel Grip ein.
-- Ja, und wenn wir uns erkundigten...
-- Sie haben Dir wohl die Flasche weggenommen? unterbrach ihn Grip.
-- Ja; Carker! Ich versuchte, sie ihm zu entwinden... und da waren die
andern da... Ach, wenn Du hinunter gingst, Grip!
-- Ich werde hinuntergehen, und da werden wir schon sehen, wer die
Flasche behält!«
Als Grip aber die Kammer verlassen wollte, konnte er das nicht; die Thür
war von außen verschlossen.
Trotz seiner Bemühungen gab die Thür nicht nach, zur großen Freude der
rohen Gesellen draußen, die von unten her riefen:
»He, Grip!...
-- He, Findling!...
-- Auf Eure Gesundheit!«
Da Grip die Thür nicht zu sprengen vermochte, fügte er sich wie
gewöhnlich der Notwendigkeit und bemühte sich nur, seinen erzürnten
kleinen Freund zu beruhigen.
»Lassen wir sie tollen, die ungezogenen Burschen! sagte er.
-- Oh, daß man nicht stark ist!
-- Wozu das?... Hier, Kleiner, hier sind noch Kartoffeln, die ich für
Dich aufgehoben habe. Komm her, iß lieber...
-- Ich habe keinen Hunger, Grip!
-- Iß trotzdem, nachher wickeln wir uns ins Stroh, um zu schlafen.«
Wenn Carker die Thür der Dachkammer versperrt hatte, so geschah das, um
heute Abend jedenfalls nicht gestört zu werden. War Grip eingeriegelt,
so konnte man beliebig sich dem Genusse des starken Getränkes hingeben,
denn die alte Kriß, die ja auch ihren Theil davon erhielt, hatte gewiß
nichts dagegen einzuwenden.
Nun kreiste der Branntwein in allerlei Gefäßen. Alle heulten und
schrien, denn es dauerte nicht lange, bis alle berauscht waren, mit
Ausnahme Carker's, der an starke Getränke schon gewöhnt war.
Noch war die Flasche kaum halb leer, obwohl die Kriß tüchtig dazu
mitgeholfen hatte, als die ganze Bande kaum noch ihrer Sinne mächtig
war. Das Geschrei, das Lärmen und Toben vermochte aber doch nicht,
O'Bodkins aus seiner gewohnten Gleichgiltigkeit aufzurütteln. Was ging's
auch ihn an, was da unten vorging, wenn er oben vor seinen Büchern saß!
Davon hätte die Trompete des Jüngsten Gerichtes ihn nicht fortlocken
können.
Und doch sollte er heute sehr schnell aus seinem Zimmer getrieben werden
-- nicht ohne großen Nachtheil für seine Verantwortlichkeit.
Nachdem etwa einundeinhalb Gallonen verzehrt waren, lagen die meisten
Theilnehmer an der Orgie schon auf dem Stroh, und hier wären sie ohne
Zweifel bald eingeschlafen, wenn Carker nicht auf den Gedanken gekommen
wäre, noch einen »Brander« zu brauen.
Ein »Brander« ist nämlich ein Punsch. Statt des Rums gießt man Gin zu
ein wenig Wasser in einem Gefäß, zündet das Gemisch an und trinkt es
noch ganz heiß.
Das hatte denn auch Carker vor, zur großen Genugthuung der alten Kriß
und zwei oder drei andrer, die sich noch auf den Füßen hielten. Wohl
fehlten hier so manche Zusätze zu einem wirklichen Punsch. Die Insassen
der Lumpenschule machten aber nicht so große Ansprüche.
Sobald die Flamme in dem Suppenkessel -- dem einzigen Gefäße, was die
alte Kriß zur Verfügung hatte -- aufloderte, begannen die, die noch
nicht ganz zusammengebrochen waren, einen wilden Tanz um den Kessel.
Wer jetzt auf der Straße vorübergekommen wäre, der hätte glauben
müssen, eine Legion von Teufeln sei in die Schule eingedrungen. Dieses
Stadtviertel war jedoch mit Eintritt der Dunkelheit meist schon sehr
verlassen.
Plötzlich leuchtete in dem Hause ein auffallend heller Schein auf. Das
Gefäß, aus dem der brennende Gin emporflackerte, war durch Ungeschick
umgestoßen worden, und schnell verbreitete sich die lodernde Flüssigkeit
auf dem Stroh bis in alle Ecken des gemeinsamen Saales. Alle, die noch
einigermaßen bei Sinnen waren, und alle, die durch das Knistern der
Flammen aus dem Stroh aufgescheucht wurden, hatten nichts weiter zu
thun, als die Thür aufzustoßen, die alte Kriß mit hinauszuschleppen und
sich nach der Straße zu retten.
In demselben Augenblick suchten auch Grip und der Findling, die
ebenfalls erwacht waren, vergebens aus der von erstickendem Qualm
erfüllten Dachkammer zu entfliehen.
Der Brand war übrigens schon bemerkt worden. Mit Eimern und Leitern
stürmten verschiedene Leute heran. Zum Glück lag die Lumpenschule
isoliert, und der nach der Rückseite wehende Wind bedrohte auch die
Häuser gegenüber nicht weiter.
War auch kaum Hoffnung vorhanden, die alte Baracke zu erhalten, so mußte
man doch an die denken, die darin waren und denen die Flammen vielleicht
den Ausgang versperrten.
Da öffnete sich ein Fenster im obern Stockwerk nach der Straße hinaus.
Es war ein Fenster von dem Zimmer O'Bodkins' dem sich das Feuer mehr
und mehr näherte. Der Director schien ganz von Sinnen zu sein und raufte
sich die Haare.
An seine Zöglinge und ob diese in Sicherheit wären, daran dachte er
freilich nicht, ja nicht einmal an die ihn selbst bedrohende Gefahr...
»Meine Bücher... meine Bücher!« rief er verzweifelnd mit den Händen
fechtend.
Nach vergeblichem Versuche, die Treppe hinabzugelangen, an der schon
überall die Flammen leckten, entschloß er sich, seine Hefte, Bücher,
Bureaugeräthschaften und alles mögliche zum Fenster hinauszuwerfen.
Natürlich fielen die Schlingel gleich darüber her, traten darauf herum
oder zerstreuten die losen Blätter, während O'Bodkins sich endlich
entschloß, mittelst einer an die Mauer gelehnten Leiter sich selbst zu
retten.
Was dem Director aber noch möglich gewesen war, das hatten Grip und das
Kind nicht auch thun können. In die Dachkammer fiel das Tageslicht nur
durch eine kleine Luke, und die hinaufführende Treppe brach schon Stufe
für Stufe unter der Glut zusammen. Jetzt begann auch das Holzwerk der
Mauer zu brennen und ein Feuerregen fiel bald auf das Strohdach des
Bauwerks nieder, der die Lumpenschule schnell in einen großen Brandherd
verwandelte.
Grips Hilferufe übertönten doch endlich einmal das Geräusch von der
Feuersbrunst.
»Sind denn noch Menschen in dieser Spelunke?« fragte da eine Dame in
Reisetracht, die ebenfalls nach der Unglücksstätte gekommen war.
Der Brand hatte schon so weit um sich gegriffen, daß man seiner nicht
mehr Herr zu werden vermochte. Nachdem der Director sich gerettet hatte,
dachte deshalb kaum jemand noch an Unterdrückung des Feuers selbst, da
sich voraussichtlich niemand im Hause befand.
»Hilfe... Hilfe für die, die noch da oben sind! rief von neuem die
Reisende mit ausdrucksvollen Bewegungen. Leitern herbei, Ihr Leute,
Leitern und ein paar beherzte Männer, die sich hinaufwagen!«
Wie konnte man aber Leitern an diese Mauern legen, die jeden Augenblick
einzustürzen drohten? Wie hätte jemand die von dickem Rauch eingehüllte
Dachkammer erreichen können, über der und um die herum die gierigen
Flammen emporstiegen?
»Wer befindet sich denn in jenem Bodenraum? fragten mehrere O'Bodkins,
der nur damit beschäftigt war, seine Schriftsachen zusammenzuraffen.
-- Wer?... Das weiß ich doch nicht...« antwortete der ganz verstörte
Director, den nur sein eigenes Unglück in Anspruch nahm.
Dann kam ihm aber doch die Erinnerung wieder.
»Ah,... ja,... zwei... Grip und der kleine Junge....
-- Die Unglücklichen! rief die Dame. Mein Gold, meinen Schmuck, alles
was ich besitze, dem, der sie rettet!«
In das Innere des Hauses zu gelangen, war jetzt ganz unmöglich; schon
zischte eine rothe Lohe durch die geborstenen Mauern, der ganze untere
Theil brannte, krachte und brach zusammen. Noch wenige Minuten bei dem
Wind, unter dem die Flammen wie eine Flagge hinflatterten, und die
ganze Lumpenschule war nichts mehr, als eine Feuerhöhle, ein Wirbel von
glühenden Dämpfen.
Plötzlich entstand eine Oeffnung im Dache dicht über der Luke. Grip war
es gelungen, die Bedeckung zu zerreißen und die Sparren zu durchbrechen,
als die Holzwände seiner Kammer schon zu knistern anfingen. Er schwang
sich dann durch das Sparrenwerk und zerrte den kleinen halb erstickten
Knaben nach sich. Als er dann bis zu dem Theile der Mauer gekrochen war,
der die rechte Giebelwand bildete, ließ er sich auf der schrägen Kante
hinabgleiten, wobei er den Findling immer in den Armen hielt.
In diesem Augenblick brach eine furchtbare Flammengarbe durch das Dach
und schleuderte tausende glühender Funken hoch empor.
»Rettet ihn... rief Grip, rettet den Knaben!«
Damit ließ er das Kind nach der Seite der Straße zu fallen, wo es
glücklicher Weise ein Mann auffing, ehe es auf den Erdboden stürzte.
Grip sprang nun ebenfalls herunter und stürzte halb bewußtlos an einem
Trümmerhaufen neben der Mauer zusammen.
Da trat die Reisende auf den Mann zu, der den kleinen Knaben noch immer
trug, und fragte ihn mit vor Erregung zitternder Stimme:
»Wem gehört dieses unschuldige Wesen?
-- Niemand!... Es ist ein Findelkind, erklärte der Mann.
-- Nun gut, so gehört es mir... mir...! rief sie, während sie schon
den Knaben nahm und an ihr Herz drückte.
-- Gnädige Frau... ließ sich da ihre Kammerfrau vernehmen.
-- Schweig, Elisa, schweig! -- Das ist ein Engel, der mir vom Himmel
zugefallen ist.«
Da der »Engel« nun weder Eltern noch sonstige Angehörige hatte, war
es ja das Beste, ihn den Händen der schönen, edelmüthigen Dame zu
überlassen, und ein freudiges Hurrah dankte dieser in dem Augenblick, wo
die letzten Reste der =Ragged-School= zusammenstürzten.