arbeiteten wir mit äußerster Anspannung, und bereits am neunten Tage
nach meinem Absturz stand frühmorgens bei Sonnenaufgang mein Täubchen
an der Startstelle klar zum Probeflug.
Es ist wohl begreiflich, wenn mir vor diesem Fluge meine Aussichten
nicht im rosigsten Lichte erschienen.
Meine Tragflächen hatte ich aus einem vermoderten Haufen wieder
zurechtgebaut. Verspannen mußten wir sie, da wir nirgends eine ebene
Fläche hatten, so gut es ging; der Propeller war, wie oben beschrieben,
entstanden und machte über hundert Umdrehungen zu wenig. Dabei waren
die Flugplatzverhältnisse so überaus ungünstig und schwierig, daß
bei jedem Start nur ein sofortiges Gelingen oder ein unweigerliches
Abstürzen in Frage kam.
An all das durfte ich nicht denken. Es war Krieg, ich war der einzige
Flieger, und meine Aufgabe mußte ich erfüllen. Und ich hatte Glück!
Alles irgendwie Entbehrliche hatte ich zur Erleichterung aus dem
Flugzeug herausgerissen, und anfangs etwas unwillig meiner Faust
gehorchend erhob sich mein großer Vogel doch in die Luft, und bald
hatte ich ihn wieder vollkommen in meiner Gewalt. Da zog ich denn
wieder froh meine Kreise, und stolz warf ich vor dem Hause unseres
Gouverneurs die Meldung ab: „Flugzeug ist wieder klar!”
Und dann begannen meine großen Aufklärungsflüge. Das ganze Schutzgebiet
durchkreuzte ich, und weit, weit draußen, Hunderte von Kilometern vom
Schutzgebiet entfernt, überflog ich das weite Land und bewachte die
Anmarschstraßen und flog längs der wild zerklüfteten Küste und schaute
aus, ob nicht irgendwo der Feind sich näherte oder landete.
Es waren mit die schönsten Flüge meines Lebens.
Die Luft war so klar und durchsichtig, der Himmel so wunderbar blau
und schön, und die Sonne strahlte mit so inniger Liebe auf das
herrliche Land, auf die wild zerklüfteten hohen Gebirge und auf das
alles einrahmende tief-, tiefblaue Meer herab. Das waren Stunden
hinreißendster, erhabenster Schönheit, die ich überquellenden Herzens
und mit nach Schönheit lechzender Seele genoß.
Aber die Sorgen blieben nicht aus. Bereits nach dem zweiten
Aufklärungsfluge stellte sich heraus, daß die Leimfugen des Propellers
auseinander gespalten waren, und daß der Propeller nur wie durch ein
Wunder nicht auseinandergerissen war. Nun mußte er abmontiert und
wieder frisch geleimt werden. Dieses Schauspiel hat sich von nun
ab nach jedem Fluge wiederholt. Sobald ich zurück war, wurde „der”
Propeller abgenommen, ich fuhr mit meinem Auto zur Werft, dort wurde er
schnell geleimt, in eine Presse geschraubt, und spät abends holte ich
ihn wieder ab, setzte ihn auf, und dann ging's damit am nächsten Tage
wieder los.
Und als der Propeller immer wieder aufplatzte, da beklebte ich seine
ganze Eintrittskante mit Bespannungsstoff und Heftpflaster, und da
hielt wenigstens diese Kante einigermaßen!
In Tsingtau hatte ich auch noch einen zweiten Dienstzweig zu versehen,
und zwar war ich Führer der Fesselballonanlage, meiner „aufgeblasenen”
Konkurrenz.
Vor meiner Ausreise hatte ich in Berlin einen Luftschifferkursus
durchgemacht, bestehend aus einer Freiballonfahrt und etwas Exerzieren
am Fesselballon nebst Ballonflicken.
Die gesamte vollständig neue Fesselballonanlage in Tsingtau bestand aus
zwei je tausend Kubikmeter großen Ballons, einem Ballonsack und allem
nötigen Zubehör zum Gaserzeugen und zur Bedienung des Ballons.
Ein Unteroffizier der Marine, der kurze Zeit bei den Luftschiffern
ebenfalls zur Ausbildung gewesen war, und ich waren die einzigen,
die vom Ballon eine Ahnung hatten. Nachdem wir die ganze neue Anlage
ausgepackt und aufgestellt hatten, gingen wir äußerst gewissenhaft und
vorsichtig ans Füllen des Ballons. Und wie stolz waren wir, als die
erste gelbe Wurst dick und prall, wohlgefesselt dicht über der Erde
lag. Dann knüpfte ich mit meinem Unteroffizier persönlich jede einzelne
Leine an, und bald darauf hing das gelbe Ungetüm leise hin und her
pendelnd am Himmelszelt. Dann wurde es wieder heruntergeholt, und ich
kletterte zum ersten Aufstieg allein in den Korb. Beinahe hätte ich
schon bei diesem Aufstieg meine verzwickte Reise nach Deutschland
antreten können, denn als „Los” kommandiert wurde, hatte das Haltetau
versehentlich reichlich lose gehabt, und mit einem mächtigen Satz
sprang der Ballon senkrecht zirka fünfzig Meter in die Luft und ruckte
dann mit Macht in das Haltekabel ein. Mich durchzuckte dabei der
Gedanke: Jetzt geht er ab! Es gab einen ganz gewaltigen Stoß, und viel
hätte nicht gefehlt, so wäre ich aus meiner Gondel herausgeschleudert
worden. Da das Drahtseil aber ebenfalls ganz neu war, hielt es gottlob,
und ich war um eine Lehre reicher. Dann begann das systematische
Ausbilden und Einexerzieren meiner Mannschaft, und bald funktionierte
der Laden, als wenn wir von Kind auf Luftschiffer gewesen wären.
Auf den Fesselballon waren vom Gouvernement sehr große Hoffnungen
gesetzt worden. Allgemein versprach man sich durch ihn große Hilfe
beim Beobachten des heranrückenden Feindes und zur Beobachtung der
feindlichen Artillerie. Leider haben sich diese Hoffnungen in keiner
Weise erfüllt, und meine Befürchtungen, die ich in bezug auf den Nutzen
der Ballonanlage gehabt hatte, bewahrheiteten sich in jeder Beziehung.
Trotzdem ich den Ballon sogar bis auf eintausendzweihundert Meter
gebracht hatte, gelang es uns nicht, von ihm aus hinter die unseren
befestigten Stellungen vorgelagerten Höhenzüge zu sehen und damit
die Bewegung des Feindes und vor allen Dingen die Stellungen seiner
schweren Belagerungsartillerie zu beobachten.
Das aber war wiederum für die Verteidigung Tsingtaus von
fundamentalster Bedeutung.
Um dieses und überhaupt die ganze überaus schwierige Lage, in der wir
uns in Tsingtau befanden, einigermaßen verständlich zu machen, muß ich
folgendes vorausschicken:
Das ganze Schutzgebiet Kiautschou liegt auf einer langgestreckten
Landzunge, auf deren äußerstem, südwestlichem Zipfelchen wiederum
die Stadt Tsingtau liegt. Von drei Seiten vom Meere umschlossen,
wird die Stadt im Nordosten durch die halbkreisförmige Hügelkette
der Moltke-, Bismarck- und Iltisberge, die sich von Meer zu Meer
hinziehen, eingerahmt. In diesen Bergen lagen unsere Hauptbefestigungen
eingenistet, und am nordöstlichen Fußrande dieser Kette lagen die
fünf Infanteriewerke mit dem Hauptdrahthindernis. Dann kam ein
breites Tal, welches zum Teil vom Haipo-Fluß durchzogen wurde, und
daran schlossen sich wiederum halbkreisförmig die ebenfalls von Meer
zu Meer sich hinziehenden, für uns kritischen und uns Verderben
bringenden Hügelketten des Kuschan, des Taschan, der Waldersee-Höhen
und der Prinz-Heinrich-Berge, von denen die Prinz-Heinrich-Berge
eine so wildromantische Form hatten, als wenn sie dem Monde direkt
entnommen wäre. Hinter diesen Höhen schloß sich wiederum ein breites
Tal an, und daran türmten sich die wild zerklüfteten Steinmassen des
Lau-Hou-Schan, des Tung-Liu-Schui und des Lauschan zum Himmel empor.
Da uns vor allen Dingen daran lag, zu wissen, was geht im Vorgelände
vor, und, als wir vom siebenundzwanzigsten September ab hinter unserem
Drahthindernis vollkommen eingeschlossen waren, zu sehen, _wo_ baut
der Feind seine Belagerungsartillerie auf, da wir ferner in unseren
Hoffnungen, die wir in dieser Beziehung auf den Fesselballon gesetzt
hatten, vollkommen getäuscht wurden, blieben uns zur Erreichung unseres
Zieles nur noch: gelegentliche schneidige Erkundungen und -- -- mein
Flugzeug!
Unter unermüdlicher Arbeit gingen die Tage des August dahin. Tsingtau
und vor allem das Vorgelände waren kaum wiederzuerkennen. Artillerie
und Verteidigungsstellungen wurden ausgehoben, und was das traurigste
war, die entzückenden Wäldchen, die mit so viel Mühe und Liebe
angepflanzt waren, der Stolz Tsingtaus, mußten zum Freimachen der
Schußfelder unter Beilhieben fallen. Wieviel Kulturarbeit, wieviel
unendliche Mühe und Liebe ist da mit einem Schlage vernichtet worden!
Der dreiundzwanzigste August, der Tag des Ablaufs des Ultimatums an
Japan, kam heran, und es war wohl selbstverständlich, daß der gelbe Jap
überhaupt keiner Antwort gewürdigt wurde. Die Parole an diesem Tage
lautete:
„Immer feste druff!”
Das war uns allen aus dem Herzen gesprochen.
Ich weiß noch, wie ich am folgenden Morgen von meinem Balkon aus über
das unendliche blaue Meer schaute und in der Entfernung von einigen
Seemeilen mehrere schwarze Schatten bemerkte, die sich langsam hin
und her bewegten. Durch das Doppelglas konnte ich dann Torpedoboote
erkennen. Auch Patzig, der herbeieilte, überzeugte sich davon. Richtig,
heute war ja der Vierundzwanzigste. Nun hatte die Bande die Blockade
gegen uns eröffnet.
So war es also wirklich wahr, die Japaner wagten es, das Deutsche Reich
anzugreifen!
Der Kampf eines gelben Kaiserreiches, unterstützt von einem Häuflein
Engländer, gegen ein kriegsstarkes deutsches Regiment hatte begonnen.
Gleich nach Ablauf des Ultimatums rückte ein Trupp von tausend Mann
ins Vorgelände ab, um dieses und die Anmarschstraßen auf Tsingtau
zu so lange als möglich zu verteidigen. Dieses kleine Häuflein
hat seine Aufgabe hervorragend gelöst. Eine Strecke von dreißig
Kilometern Breite, dann von zehn Kilometern mit gänzlich ungenügender
Artillerieausrüstung war zu verteidigen. Da, wohin zwei Armeekorps
gehört hätten, standen nur tausend Mann. In zähem, unerschrockenem
Kampf, oft nur Patrouillen ganzen feindlichen Bataillonen
gegenüberstehend, wichen sie langsam der zwanzigfachen Übermacht.
Erst am achtundzwanzigsten September wurde die tapfere Schar hinter
das Haupthindernis zurückgedrängt, welches sich nun für uns bis nach
Austoben des Kampfes für immer schloß.
In den ersten Tagen der Belagerung hielten die leitenden Kreise in
Tsingtau von dem Nutzen meines Flugzeuges, wie von der ganzen Fliegerei
überhaupt, nicht viel.
Nach allem, was sie bis jetzt von uns hier draußen gesehen hatten, war
dies ja auch nicht weiter zu verwundern.
Das wurde bald anders!
An einem der ersten Tage der Belagerung überflog ich wiederum die
Südküste der Schantung-Halbinsel, um nach feindlichen Schiffen und
besonders nach feindlichen Truppenlandungen Ausschau zu halten. Die
Küste war wie ausgestorben, auch nicht das geringste war zu sehen
gewesen. Ganz beruhigt, daß wir von dieser Seite aus sicher waren, flog
ich nach Hause zurück. Nur so nebenbei ging ich an diesem Abend noch
auf das Gouvernement, um einem Kameraden Guten Tag zu sagen. Zufällig
traf ich hier mit dem Chef des Stabes zusammen, der große Eile hatte,
da er eine wichtige Sitzung beim Gouverneur für einen Augenblick
verließ, um sich ein Buch zu holen.
Im Vorbeigehen rief er mir noch zu: „Na, Plüschow, sind Sie wieder mal
geflogen?”
„Jawohl”, sagte ich, „ich komme eben zurück. Ich habe mehrere Stunden
lang die Küste nach feindlichen Truppenlandungen abgesucht, habe aber
nichts vom Feinde gesehen.”
Ich sehe noch heute das überraschte Gesicht unseres Chefs.
„Was? Die Küste sind Sie abgeflogen, und das sagen Sie erst jetzt?
Wir sitzen seit zwei Stunden und beraten, wie wir die großen
Truppenlandungen in der Dsin-Dsia-Kou-Bucht, die uns heute durch unsere
Kundschafter gemeldet wurden, abwehren können. Und Sie kommen gerade
daher und können so einwandfreie Meldung bringen? Nun aber hinein zum
Gouverneur und Ihre Beobachtung gemeldet!”
Mit einigen Worten konnte nun die ganze Beratung erledigt werden. Die
Kundschafter-Aussagen waren selbstverständlich erfunden.
Ich aber war froh; die Ehre und das Ansehen der Fliegerei hatte ich
gerettet!
Und nun begann für mich die schwerste, aber auch schönste Fliegerzeit.
Meine Feuertaufe im Flugzeug empfing ich schon bald. Es war in den
ersten Tagen des September, als ich weit, weit draußen das Vorgelände
abgraste und mich in eintausendfünfhundert Metern Höhe so recht des
schönen Sonnenschein-Sonntages erfreute. Unter mir gewahrte ich
plötzlich eine im Anmarsch befindliche größere japanische Truppenmasse,
die mich mit lebhaftem Infanterie- und Maschinengewehrfeuer begrüßte.
Mit zehn Schußlöchern in den Tragflächen kehrte ich stolz nach Hause
zurück. In Zukunft blieb ich aber immer in zweitausend Meter Höhe,
wodurch eventuelle Gewehr- und Maschinengewehrtreffer in meinen Motor
und Propeller wesentlich ungefährlicher wurden.
Die Feuertaufe an Land ließ auch nicht lange auf sich warten.
An einem der nächsten Tage fuhr ich mit meinem Auto nach Schatsy-Kou,
wo wir vorgeschobene Posten besaßen. Ohne an Böses zu denken, hielt
ich vor dem Hause an. Zu meinem Erstaunen lagen alle Offiziere und
Mannschaften längs einer nach See zu geschützten Böschung, winkten
lebhaft mit den Armen, was ich selbstverständlich als Begrüßung
auffaßte und durch ebensolches Winken erwiderte. Ich saß noch in meinem
Auto, als ich dicht über meinem Kopfe ein lautes Pfeifen und Zischen
und einen Augenblick darauf bereits ein ohrenbetäubendes Krachen
vernahm. Nur zehn Schritt von uns entfernt war mitten im Mauerwerk des
Hauses die erste Granate krepiert, und ehe ich mich auch nur besinnen
konnte, langten auch schon die folgenden Geschosse an.
Nun wir aber raus aus dem Auto und die Beine in die Hand genommen und
schnell zu den anderen an die allerdings nur fragliche Deckung gelehnt.
Meine Kameraden bogen sich schier vor Lachen, denn so ernst die
Situation auch war, so ulkig muß der Anblick gewesen sein.
Nun erfuhren wir auch, was los war.
Eine japanische Torpedoboots-Flottille lag vor uns und versuchte
durch ihr Geschützfeuer Schatsy-Kou zu zerstören. Zwei volle Stunden
lagen wir, ohne etwas sehen zu können, ohne jede Deckung und ohne
uns rühren zu können, im Granatfeuer. Dann schien die Mittagspause
für den Jap zu kommen, und er stellte das Feuer ein. Als wir die
Schäden des Hauses besichtigten, waren die kleinen Chinesenjungens
schon längst dabei, die Granatsplitter zu sammeln. Und als wir uns
einen Augenblick zu einer Tasse Kaffee hingesetzt hatten, kamen drei
kleine Chinesenstifte freudestrahlend an, in ihren schmutzigen kleinen
Fingern drei Blindgänger haltend, die sie in aller Ruhe vor uns auf den
Tisch warfen. Na, wenn die losgegangen wären, das hätte ein schönes
Schützenfest gegeben!
Nun mußten wir zurück, und als das Auto in das erste Felsental einbog,
krepierten hinter uns schon wieder die Granaten der neu einsetzenden
Beschießung.
Einige Zeit darauf mußte ganz Schatsy-Kou mit dem ganzen übrigen
Schutzgebiet geräumt werden, und am achtundzwanzigsten September wurden
wir hinter das Haupthindernis eingeschlossen, und gleichzeitig setzte
von See aus die erste große Beschießung ein.
Das war eine Ballerei!
Am frühen Morgen dieses Tages saß ich quietschfidel in meiner
Badewanne, um mich zu einem größeren Fluge zu erfrischen, als plötzlich
ein schier ohrenzerreißender Lärm einsetzte. Da unsere Geschütze
bereits tage- und nächtelang gedonnert hatten, achtete ich nicht weiter
auf den verstärkten Lärm, sondern schob ihn auf das Feuern unserer
Achtundzwanzig-Zentimeter-Haubitzen der Bismarck-Batterie, die, um
Munition zu sparen, bis jetzt geschwiegen hatte, und an deren Fuß meine
Villa lag.
Ich schickte meinen Burschen noch zu meinem Flugzeug, um nachzusehen,
ob alles klargemacht würde. Aber schon nach einigen Minuten kam
er atemlos und etwas blaß zurück und meldete: „Herr Oberleutnant,
wir müssen schnell die Villa verlassen, wir werden von vier großen
Schiffen beschossen. Eine der schweren Granaten ist eben ganz dicht
beim Flugzeugschuppen krepiert, aber Gott sei Dank ist das Flugzeug
heil geblieben, und niemand ist verletzt. Nur ich habe mir die Finger
verbrannt. Da lag so ein schönes großes Sprengstück, und das wollte ich
doch als Andenken mitnehmen; na, und das war so heiß, aber mitgebracht
habe ich es doch!” Und dabei hob er freudestrahlend ein halb
verbranntes Taschentuch hervor, in dem ein zirka armlanges furchtbares
Sprengstück einer Dreißigeinhalb-Zentimeter-Granate lag. Nun war ich
aber raus aus meinem Bad! Kaum zwei Minuten später stand ich bei meinem
schwer gefährdeten Flugzeug, und mit vereinten Kräften schoben wir den
teuren Vogel in eine andere Ecke des Platzes, wo er hinter einem Abhang
etwas geschützter stand. Dann lief ich auf den Küstenkommandeurstand,
um mir das Schauspiel der Beschießung anzusehen.
Dieser Kommandeurstand lag auf einem Hügel, von dem man einen geradezu
idealen Überblick über Tsingtau hatte. Von hier aus konnte man jede
einzelne Granate einschlagen sehen, und wenn ich nicht flog, saß ich
während der ganzen nächsten Wochen hier oben in freier Luft, um dem
Kampf zuzusehen.
Die erste Beschießung von Tsingtau an diesem achtundzwanzigsten
September war besonders eindrucksvoll.
Das Krachen und Krepieren der Granaten und das Gedröhne
wurden durch die rings herumliegenden Berge bedeutend
verstärkt. Schlag auf Schlag folgten die Einschläge der langen
Dreißigeinhalb-Zentimeter-Schiffsgeschosse, und wir hatten den
Eindruck, daß ganz Tsingtau in einen Trümmerhaufen verwandelt werden
würde. Ein unheimliches Gefühl, an das man sich aber schnell gewöhnt.
Man ist ja doch den einschlagenden Granaten gegenüber vollkommen
machtlos und kann nichts weiter tun als warten, bis alles vorbei ist.
Man soll nur Glück haben, nicht gerade da zu stehen, wo solch ein
unheimliches Ding niedersaust.
Wie schmachvoll müssen diese und die folgenden Beschießungen für die
Engländer gewesen sein!
Die feindlichen Schiffe dampften so weit draußen, daß unsere Geschütze
sie nicht erreichen konnten. Also in vollster Sicherheit. Vorneweg
fuhren drei japanische Schlachtschiffe und als letztes Schiff hinterher
unter japanischem Befehl: das englische Linienschiff „Triumph”.
Wie stolz sich diese Engländer wohl bei solcher Henkersarbeit
vorgekommen sind!
Gott sei Dank war der Schaden, den das Bombardement angerichtet
hatte, nicht groß gewesen, und von nun ab sahen wir den kommenden
Beschießungen mit größter Ruhe entgegen.
Am Abend dieses Tages war ich Zeuge einer besonders traurigen
Begebenheit.
Unsere Kanonenboote „Cormoran”, „Iltis” und „Luchs” wurden von uns
versenkt, nachdem sie ihre ganze Bewaffnung abgegeben hatten.
Es war ein ganz trostloser Anblick.
Die drei Schiffe, hintereinander festgemacht, wurden durch einen
Dampfer in tiefes Wasser geschleppt, dort angezündet, dann gesprengt
und verbrannt. Es sah aus, als ob die drei Schiffe wüßten, daß sie zur
Schlachtbank geführt wurden. So unendlich traurig und hilfesuchend
reckten sie ihre kahlen Masten zum Himmel empor; und unter den Flammen
wanden sich die Schiffsleiber, als wenn sie noch Leben in sich gehabt
hätten, bis endlich die Wogen über ihnen zusammenschlugen und sie von
ihren Leiden befreiten. Wie krampfte sich mir das Seemannsherz zusammen
bei diesem Anblick! Diesen drei folgten „Lauting” und „Taku” und kurz
vor der Übergabe der kleine „Jaguar” und der österreichische Kreuzer
„Kaiserin Elisabeth”, nachdem diese beiden letzteren Schiffe uns
unendliche Dienste geleistet hatten. Die Arbeit dieser beiden Schiffe
füllt ein Ruhmesblatt in der Geschichte von Tsingtaus Kampf und Tod.
Allerhand Scherze der Japs
Die Tätigkeit der japanischen Belagerungsarmee war für uns ein großes
Rätsel. Nach der ersten großen Beschießung dachten wir alle, die
Japaner würden versuchen, die Festung sofort zu stürmen, aber nichts
dergleichen geschah. Wir begriffen den Feind einfach nicht, der mußte
doch wissen, wie schwach wir waren, und daß sie nur ein einziges
Drahthindernis zu überwinden brauchten, um in der Festung zu sein.
Dann tauchten bei uns die wildesten Gerüchte auf.
„Die Japaner wagen nicht, uns anzugreifen, die Sache steht in Europa
zu gut für uns!” Dann wieder: „Die Amerikaner schicken uns ihre Flotte
zu Hilfe; die Japaner werden abziehen müssen!” Und dann: „Die Japaner
wollen uns nur aushungern, sie wollen, daß Tsingtau so heil wie möglich
in ihre Hände fällt!”
Aber alles blieb nur Vermutung.
Ruhig und systematisch und ohne daß wir sie daran hindern konnten,
landeten die Japaner ihre Truppen, bauten Wege und Eisenbahnen,
schafften die schwersten Belagerungsgeschütze und Munition heran,
gruben sich unseren Hindernissen gegenüber ein und arbeiteten sich
vorwärts gegen unsere Verteidigungslinie.
Jetzt begann für mich meine Hauptarbeit: das Erkunden der feindlichen
schweren Batterien.
Und Tag für Tag, wenn das Wetter und _der_ Propeller es erlaubten,
stand ich früh im ersten Morgengrauen bei meinem Flugzeug.
Und auf ging es, einem ungewissen Schicksal entgegen. Und wenn die
Sonne aufging, dann schwebte ich hoch am blauen Firmament, umkreiste
stundenlang die feindlichen Stellungen und spähte hinab auf das
geliebte Schutzgebiet, in das sich ein frecher Feind einnistete, um uns
Tod und Verderben hinüberzusenden.
Schwer war meine Arbeit, aber schön, und sie wurde durch den Erfolg
reichlich belohnt.
Und _daß_ ich Erfolg hatte, das merkte ich am besten aus den
Anstrengungen, welche der Feind machte, um mich herunterzuholen und
mich unschädlich zu machen.
Wie ich bereits vorher erwähnt habe, war ich jetzt der einzige Flieger
in Tsingtau, „der Vogelmaster von Tsingtau”, wie mich die Chinesen
nannten, und hatte auch nur diese eine Taube zur Verfügung. Nun galt
es aufpassen und nichts kaputt machen, sonst war es vorbei mit der
Fliegerei.
Ganz außerordentlich wurde das Fliegen erschwert durch den kleinen,
von hohen Bergen wie ein Kessel eng umschlossenen Flugplatz und die
ganz außerordentlich schwierigen Luftverhältnisse. Durch die hohen,
schroffen Gebirge, durch den Wechsel von Land und Wasser und durch die
starke Sonnenbestrahlung war die Turbulenz der Luft ganz ungewöhnlich
stark und die Luftverhältnisse schon morgens um acht Uhr so ungünstig,
wie sie in Deutschland während der heißesten Jahreszeit um die
Mittagsstunden kaum vorkommen. Nur der kann wohl einen Begriff von den
Schwierigkeiten des Fliegens in einem solchen Gelände sich bilden, der
das selbst durchgemacht hat.
Hinzu kam, daß mein Flugzeug, welches für normale Verhältnisse zu Hause
gebaut war, in dieser dünnen Luft zu schwer war, mein Motor hundert
Umdrehungen zu wenig machte und ich mit einem Propeller flog, der auf
die oben angeführte Weise entstanden war.
Kein Wunder also, daß ich nicht daran denken konnte, jemals einen
Beobachter mitzunehmen. Alles irgend Entbehrliche riß ich aus meinem
Flugzeug heraus, um es zu erleichtern. Benzin und Öl wurden so
bemessen, daß ich eben auskam, ja oft ließ ich sogar meine Lederjacke
zu Hause, nur um mit dem Flugzeug aus dem Platz herauszukommen.
Der Start, der war ja das Verhängnisvolle!
Jeder Start mußte glücken; mißlang er, dann war es um mich und mein
Flugzeug geschehen.
Der Abflug war wirklich ein jedesmaliger Kampf auf Leben und Tod, und
wie oft hat es nur an einem Haar gehangen, daß das Flugzeug nicht
zerschellte.
Manchmal, wenn ich nach Süden zu startete, setzten am Ende des Platzes,
ungefähr da, wo das Fort Hu-Tchuen-Huk mit dem Meere zusammenstößt,
enorme Fallböen ein, das Flugzeug fiel direkt unter mir weg, ich
riß es eben noch über die Geschützrohre des Forts frei, dann fiel
das Flugzeug wieder schwer durch, und oft handelte es sich nur um
Handbreiten, daß ich es über dem Meeresspiegel wieder abfing, wo es
sich langsam erholte und zu klettern anfing.
Der Start nach Norden zu (andere als diese beiden Richtungen kamen
nicht in Frage) war furchtbar, und im ganzen habe ich ihn nach dieser
Richtung hin auch nur sechs- bis siebenmal gemacht; aber an diese Male
denke ich dafür mein Leben lang.