Diese Voraussetzung lag nahe; denn warum sollte Mühlfels durch des

Grafen früheren Besuch nicht zu einer solchen Erkenntniß gelangt und

durch Theilnahme für ihre unglückliche Lage veranlaßt worden sein,

ihr in geschickter Weise dies zu erkennen zu geben und seine Dienste

anzubieten. --

Das wäre keine besondere Erscheinung zu nennen gewesen; bot man

sich doch, wie sie genügend erfahren hatte, am Hofe in dergleichen

Angelegenheiten gern die Hand. Und mußte sie des Barons Ansichten nicht

überdies beistimmen? Verlangte ihr eigenes Herz nicht nach dem Glück

des Lebens? Erfüllte sie in diesem Augenblick nicht die Sehnsucht nach

dem Geliebten? Auch erwog sie, daß ein Mann von Mühlfels’ Stellung

ihr unter den obwaltenden Verhältnissen von besonderem Vortheil sein

könnte? --

Dies Alles leitete sie auf den Gedanken, die Gesinnungen des Barons

näher zu prüfen und sich zugleich zu überzeugen, in wie weit er

etwa mit ihrer Liebe vertraut wäre. Daher glaubte sie das Gespräch

fortsetzen zu müssen und ihn dadurch zu weiteren Aeußerungen zu

veranlassen, und sie entgegnete mit Interesse:

»Es mag wol in dem Charakter des zum Handeln geborenen Mannes liegen,

dem Widerstande der Verhältnisse mit Thatkraft zu begegnen, so weit

dies eben möglich ist, und ich kann nicht läugnen, daß ich dies auch

überhaupt bei dem Manne voraussetze; ein Anderes ist es jedoch bei den

Frauen, denen diese Energie mangelt.«

»Darin eben beruht des Mannes Glück, der sich dadurch berufen fühlt,

für sie zu handeln, ihnen den erfüllten Wunsch zu Füßen zu legen und in

ihrem Dank den Lohn der Mühen zu kosten,« fiel Mühlfels mit Wärme ein.

»Sie mögen Recht haben; doch fürchte ich, Sie huldigen zu sehr der

Theorie und übersehen, daß das wirkliche Leben mit seinen tausendfachen

Verschlingungen, Forderungen und Gesetzen auch dem kräftigsten Willen

unbesiegbare Hindernisse entgegen stellt.« --

»Welches Gesetz, welchen Widerstand, scheinbar unüberwindlich, hätte

die Kraft der Leidenschaft nicht schon zu beseitigen gewußt!« bemerkte

Mühlfels mit gesteigerter Wärme. »Wo ~sie~ herrscht und die Energie

anspornt, ist der Sieg stets der ihre. Doch,« fuhr er, sich besinnend

fort, »wir sind auf das unfruchtbare Feld der Speculation gerathen, und

doch war es meine Absicht, Hoheit das heiße Verlangen auszudrücken, so

glücklich zu sein, Ihnen durch meine Ergebenheit ein Lächeln der Freude

zu verschaffen, zu welchem Sie ja vor Allen hier am Hofe berechtigt

sind, da Ihr edles Herz tausendfach schmerzlich berührt worden ist und

-- o, daß ich es sagen muß! -- noch betroffen wird. O, meine gnädige

Prinzessin wird mir verzeihen, wenn ich gestehe, wie ich von Anbeginn

ihren stillen Kummer mitgefühlt, ihre Kränkungen mich nicht geringer

empört haben, wie sie selbst, und ich immer und immer nur den einen

Wunsch hegte, sie über diese Leiden fortzuheben!«

Der Baron hatte, von seiner Leidenschaft für die Prinzessin, deren

mildes Wesen sie ihn doppelt reizend erscheinen ließ, fortgerissen, in

einem wirklich aufrichtigen Ton gesprochen, der um so mehr geeignet

war, eine gute Wirkung auf Sidonie auszuüben, da sie darin nichts

Anderes als eine freundschaftliche Theilnahme mit ihrer Lage erkannte.

Auch lag ihr die Ahnung von des Barons Gefühlen und Absichten so

sehr fern, daß sie durch seine Worte nicht daran erinnert wurde.

Ueberdies war ihr die allgemeine Theilnahme bekannt, welche man ihr

schenkte, warum sollte sich Mühlfels, der mit ihren Verhältnissen am

genauesten vertraut war, warum sollte er daher eine Ausnahme machen.

-- Im Gegentheil war er vor allen Anderen dazu veranlaßt. In dieser

Voraussetzung blieb sie daher unbefangen und entgegnete, durch die

verrathene Theilnahme angenehm berührt, in herzlichem Ton:

»Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Theilnahme, lieber Baron, doch was

vermögen Sie zu thun, meine Lage zu ändern?« --

»O, Hoheit, vielleicht mehr, als Sie glauben!« betheuerte Mühlfels

erfreut.

Sidonie schüttelte das Haupt.

»Sie trauen sich zu viel zu, lieber Baron. Sie kennen die Verhältnisse

und wissen, daß ich mich denselben entsagend fügen muß« -- erwiderte

Sidonie und schaute, von ihren trüben Gefühlen beherrscht, zu Boden.

»Und warum müssen Sie sich fügen, gnädigste Frau? Hat Sie des Prinzen

Verhalten nicht längst zur vollsten Freiheit berechtigt? Ihm schulden

Sie keine Rücksicht mehr, da er sie nicht verdient, und er verdient

dieselbe in diesem Augenblick um so weniger, da er sich in den Fesseln

einer andern Person glücklich fühlt und darüber die Eurer Hoheit

schuldende Ehrfurcht vergessen kann!«

»Schweigen Sie, schweigen Sie!« rief Sidonie mit einer abwehrenden

Handbewegung gegen ihn, indem sie zugleich das Haupt sinken ließ.

»Nein, Hoheit, ich ~darf~, ich ~will~ nicht schweigen! Meine

Ergebenheit für Sie, meine Pflicht gebieten mir, Ihnen die Wahrheit zu

verrathen und vor Ihren Augen das Geheimniß zu enthüllen, in welchem

der Prinz seine Leidenschaft verbirgt. Es ist von keiner flüchtigen

Liaison mehr die Rede, sondern von einem Sie entehrenden ernsteren

Verhältniß. Darum mußte ich reden! Vergebung, Hoheit, wenn ich dem

Unmuth, der mich erfüllt, und in dem Eifer, Ihnen zu dienen, mich so

offen ausdrücke. Ich besitze jedoch ein Recht dazu und bin glücklich in

seinem Besitz!« -- entgegnete Mühlfels.

»Was sprechen Sie da, Baron!« rief Sidonie, durch Mühlfels’ Benehmen

und Aeußerungen in hohem Grade überrascht.

»Ich spreche nur, was ich zu verantworten vermag, und theile Ihnen mit,

daß mir dieses Recht durch die Zustimmung des Fürsten gegeben worden

ist,« fuhr Mühlfels fort.

»Unmöglich, unmöglich!« rief Sidonie.

»Nicht unmöglich, theure Prinzessin, sondern so wahr, wie das Licht des

Tages!«

»Wie können Sie des Fürsten Meinung erfahren haben?« fragte Sidonie

erregt.

»Durch seinen Vertrauten, Chevalier Boisière, der mir zugleich des

Fürsten Wunsch mittheilte, daß Sie dieselbe durch mich erfahren

sollten.«

»Durch Sie, und warum nicht aus seinem eigenen Munde?!«

»Der Fürst mag seine Gründe dazu haben« -- fiel Mühlfels mit

bedeutungsvollem Blick ein und bemerkte alsdann: »Der Fürst erkennt die

Pflicht, Ihnen für des Prinzen beleidigendes Benehmen gegen Sie einen

Ersatz in dem Zugeständniß vollster Freiheit bieten zu müssen, da er

Ihr Verhältniß zu demselben nicht zu bessern vermag.«

»Sie sagen: die vollste Freiheit; wie soll ich das verstehen? Ich

genieße dieselbe bereits in so weit, als mir meine Stellung sie

gestattet; meint der Fürst also eine Trennung der Ehe?« fragte Sidonie

voll Spannung.

»Nein, Hoheit, eine Trennung scheut er; aber er übersieht doch die

Berechtigung nicht, welche Ihre Jugend und Schönheit an dem Vollgenuß

des Lebens besitzen, und wünscht daher, Sie möchten dieselben nach

Belieben geltend machen.« --

»Ah so, jetzt verstehe ich Sie,« fiel Sidonie ein, ohne eine Ahnung von

dem eigentlichen Sinn der vernommenen Worte zu gewinnen, und fügte,

sich der früheren Vorwürfe des Fürsten wegen ihres eingezogenen Lebens

erinnernd, fort: »Ich weiß, der Fürst wünscht, ich soll mein stilles

Leben aufgeben, und glaubt, daß das dem Prinzen gefallen würde. Er

scheint noch immer nicht einzusehen, wie schwer es uns wird, unser

eigentliches Wesen zu ändern.« --

»Vielleicht ist dies nicht des Fürsten Meinung, sondern dieselbe

schließt noch eine tiefere Deutung ein,« bemerkte Mühlfels, die

Prinzessin bedeutsam anblickend.

»Es ist mir sehr lieb, daß der Fürst noch so viel Interesse für mich

hegt; denn ich fürchtete bereits, er hätte mich längst aufgegeben;

sein kaltes Benehmen gegen mich ließ mich dies wenigstens vermuthen.

Doch ist es so, wie Sie sagen, so bin ich dem Fürsten dafür dankbar,«

entgegnete Sidonie unbefangen und ohne Mühlfels’ Blick und Worte zu

verstehen.

»Hoheit können sich auf mein Wort verlassen,« betheuerte Mühlfels und

blickte die Prinzessin wiederum bedeutsam an.

»Nun denn,« entgegnete Sidonie in einer fast heitern Stimmung, »ich

will versuchen, den Wunsch des Fürsten zu erfüllen; in wie weit mir

dies jedoch gelingen wird, weiß ich jetzt freilich noch nicht.«

»Ich versichere Eure Hoheit, daß Sie den Fürsten dadurch in hohem Grade

erfreuen werden!« fiel Mühlfels betheuernd ein und fügte alsdann hinzu:

»O, dürfte ich so glücklich sein, zum Diener Ihrer Wünsche erhoben

zu werden! Hoheit kennen meine Ergebenheit und mögen aus dieser auf

die Empfindungen schließen, die mich für Sie beseelen. Gebieten Sie

über mich! Ach, es ist ja das Schicksal der Niederen, da zum Schweigen

verdammt zu sein, wo ihr Herz am lautesten spricht!«

»Sie haben mich bisher durch Ihren gefälligen Diensteifer erfreut,

und ich werde Ihre heutige Versicherung nicht vergessen,« entgegnete

Sidonie wohlwollend, indem sie ihm die Hand reichte, die Mühlfels mit

größter Innigkeit küßte und sich alsdann auf das Zeichen der Entlassung

mit einem zärtlichen Blick auf sie entfernte.

Sidonie schaute ihm verwirrt nach. Die ihr gemachten Mittheilungen

hatten sie ebenso sehr bewegt als überrascht. Des Prinzen neue

Liaison, die der Baron als eine ernste Leidenschaft bezeichnete, deren

Gegenstand eine Person aus niederen Stande sein sollte; des Fürsten

Rücksicht für sie, noch mehr, daß der Letztere ihr diese und, wie es

ihr schien, mit Absicht durch Mühlfels bekannt machen ließ, hatten

Vermuthungen aller Art in ihr erweckt, ohne ihr ein festes Urtheil

über das Vernommene zu gestatten. In dem Bemühen, sich ein solches zu

bilden, wurde sie durch Aureliens Eintreten angenehm überrascht.

»Du kommst mir sehr erwünscht, Aurelie; denn ich war eben im Begriff,

Dich zu mir bitten zu lassen, um mit Dir allerlei sonderbare Dinge zu

besprechen,« rief sie ihr entgegen und führte sie nach einem Sessel.

»Was ist geschehen? Du scheinst so bewegt,« bemerkte Aurelie und

schaute die Prinzessin fragend an.

»Soeben war Mühlfels bei mir, um mir wegen eines Künstlers Nachricht

zu bringen, und theilte mir dabei allerlei überraschende Neuigkeiten

mit, die mich in der That verwirrt haben,« entgegnete Sidonie und

setzte ihr darauf das Erfahrene auseinander.

Aufmerksam hatte Aurelie ihren Worten gelauscht, während sich zugleich

eine gesteigerte Ueberraschung in ihren Zügen verrieth. Als Sidonie

schwieg, schaute sie gedankenvoll vor sich hin und bemerkte nach kurzem

Sinnen:

»Deine Mittheilung überrascht mich nicht wenig und hat vor Allem die

Frage in mir erregt, welche Gründe den Fürsten wol veranlassen konnten,

Dich durch Mühlfels mit seinen Wünschen bekannt machen zu lassen. Sage

mir, wie benahm sich der Baron dabei?«

»Er legte eine ungewöhnlich tiefe Ergebenheit für mich an den Tag, die

wol eine Folge seiner Theilnahme für meine unglückliche Lage ist und

dem aufrichtigen Wunsch zu entspringen schien, mich froh zu sehen.«

»Du nennst seine Ergebenheit ungewöhnlich; drang Dir diese nicht etwa

die Vermuthung auf, daß dieselbe vielleicht einem zärtlichen Gefühl für

Dich entsprungen sein könnte?« fragte Aurelie nachdenklich.

»Wie geräthst Du bei Mühlfels auf einen solchen Gedanken?! Denn, so ich

Dich recht verstehe, vermuthest Du, Mühlfels’ Theilnahme für mich sei

Liebe.« --

»Ja, Sidonie, so ist es, und Deine heutige Begegnung mit ihm und sein

Benehmen befestigen mich noch mehr in dieser Voraussetzung.« --

»Du erschreckst mich!« rief Sidonie bestürzt.

»Möglich, daß ich mich täusche; wenn dies jedoch der Fall ist, so steht

die Sache noch übler; denn ich argwöhne hinter Alledem nichts Gutes.« --

»Sprich, sprich, was denkst, was fürchtest Du?« --

»Lass’ uns Alles ruhig erwägen. Mir erscheint die Annahme durchaus

gehaltlos, der Fürst könne lediglich aus gütiger Theilnahme für Dich

Dir derartige Mittheilungen durch die dritte Hand zugehen lassen!

Diese Sache hat für mich in der That etwas Räthselhaftes; doch bin

ich überzeugt, es liegt derselben irgend eine bedeutsame Absicht zu

Grunde.« --

»Vielleicht täuschen wir uns, und der Fürst, mit dem neuen Verhältniß

des Prinzen bekannt, hält sich verpflichtet, mir durch seine Güte seine

Theilnahme zu erkennen zu geben, da er voraussetzt, daß mich dieser

neue Schimpf tief verletzen muß.« --

»Es könnte sein. Es gäbe jedoch noch eine andere Annahme.« --

»Und diese wäre?« --

»Mühlfels hat Dich getäuscht,« entgegnete Aurelie mit Nachdruck.

»Wie könnte er so etwas wagen und was sollte ihn dazu veranlassen?« --

»Seine Liebe zu Dir.« --

»Ist nur Ergebenheit und Theilnahme, nichts weiter.« --

»Und wenn diese Voraussetzung unrichtig ist?« --

»Unmöglich!« --

»Nicht so unmöglich, als Du glaubst. Betrachten wir sein Benehmen

gegen Dich genauer. Du kannst nicht läugnen, daß, seitdem der Prinz

die Besuche der Residenz aufgegeben hat, er sich auffällig bemüht,

in Deine Nähe zu gelangen worin ihm Deine Aufträge sehr entgegen

kamen. Zwar bezeigte er Dir bisher nur die Dir gebührende Achtung und

Ergebenheit; es ist mir jedoch nicht entgangen, daß er Dich im Geheimen

mit Zärtlichkeit betrachtet; rechne ich dazu die Wärme, mit welcher er

zu mir über Dich sprach, so ist die Annahme einer zärtlichen Neigung

für Dich nicht zu verwerfen.« --

»Du könntest Recht haben; denn überdenke ich sein heutiges Benehmen,

so fällt es mir wie Schuppen von den Augen und ich gerathe auf die

Vermuthung, daß seine Worte in Bezug auf den Prinzen, ja vielleicht

auch sogar auf den Fürsten, in irgend einem Zusammenhange mit seiner

Neigung stehen können.«

»Deine Verhältnisse, meine liebe Freundin, sind leider der Art, daß sie

zu dergleichen Bekenntnissen heraus fordern,« -- bemerkte Aurelie.

»Doch geben sie dem Baron kein Recht dazu!« fiel Sidonie unmuthig ein.

»Beurtheile ihn nicht härter, als er es verdient. Blicke um Dich und

sieh, welcher Art hier das Leben ist. Eine junge Dame in Deiner Lage

gestattet die Vermuthung, daß sie sich nach angenehmer Zerstreuung und

Tröstung sehnt. Niemand ahnt Deine Liebe. Der Baron verehrt Dich; wie

natürlich also, Dir seine Gefühle in der angenehmen Voraussetzung zu

erkennen zu geben, Dir damit gelegen zu kommen, vielleicht auch von dem

Wahn befangen, Du theiltest seine Neigung.«

»Es könnte sein, doch gestehe ich Dir, ich zählte den Baron trotz

seiner Stellung zu dem Prinzen nicht zu den Schlimmen,« bemerkte

Sidonie.

»Das weiß Mühlfels sehr wohl, und dieser Umstand wird ihm daher

auch den Muth gegeben haben, Dir seine Neigung zu verrathen und das

vielleicht absichtlich in einem Augenblick, in welchem eine neue den

Prinzen entehrende Liaison Dich von allen sittlichen Rücksichten gegen

diesen befreit.«

»Es liegt viel Wahrheit in Deinen Worten.« --

»Er hoffte unter den angegebenen Umständen leichter und sicherer Dein

Herz zu gewinnen, darum enthüllte er Dir seine so lange verborgene

Neigung erst in einem ihm so günstig scheinenden Augenblick.«

»So kann es sein.«

»Die Zeit wird uns ja zeigen, in wie weit wir mit unseren Vermuthungen

Recht haben; doch gebietet es Dir wol die Vorsicht, auf der Huth zu

sein und den Baron zu der Einsicht zu leiten, wie wenig Du geneigt

bist, seine Gefühle zu theilen.«

»Ich wünschte, mir wäre dies erspart worden; denn der Gedanke

beunruhigt und verletzt mich zugleich, ich könnte in Mühlfels

dergleichen Gefühle erweckt und durch mein Verhalten allerlei

Hoffnungen in ihm erregt haben. Ich werde mich fernerhin bemühen, ihn

zur Erkenntniß seiner Täuschung zu führen.«

»Beunruhige Dich nicht zu sehr! Vielleicht beurtheilen wir diese

Angelegenheit ernster, als sie es verdient. Bald, hoffe ich, wird unser

Freund anlangen, und seine Nähe wird die trüben Gedanken aus Deiner

Seele scheuchen.«

»O, wäre er erst hier!« rief Sidonie und fügte seufzend hinzu: »Ach,

oft schleicht sich der schmerzliche Gedanke in mein Herz, ich werde ihn

vielleicht nimmer wieder sehen!«

»Deine Besorgniß, ich versichere es Dir, ist ungerechtfertigt. Römer

kommt, dessen sei gewiß, wenn sich auch seine Ankunft verzögert.

Wahrscheinlich halten ihn wichtige Geschäfte zurück. Er gedenkt, wie Du

weißt, den Winter hier zu bleiben, und da giebt es viel zu ordnen.«

Bei den letzten Worten war Marion eingetreten und händigte Aurelien

einen Brief ein, der soeben angelangt und von deren Dienerin ihr

übergeben worden war.

Ein Blick auf denselben ließ Aurelie des Grafen Handschrift erkennen,

sie beherrschte jedoch die dadurch in ihr erzeugte Freude und empfing

das Schreiben scheinbar gleichgiltig, um Marion dessen Bedeutsamkeit

nicht zu verrathen.

Gleich ihr war auch Sidonie in der Voraussetzung, der Brief käme von

dem Grafen, freudig erregt worden; doch hatte auch sie sich längst

gewöhnt, ihre Empfindungen zu beherrschen, und verrieth sich daher auch

jetzt nicht.

»Von Römer!« rief Aurelie leise, als sich Marion entfernt hatte, indem

sie den Brief hoch hielt.

»Endlich, endlich!« fiel Sidonie ein, fügte jedoch sogleich betrübt

hinzu: »Aber leider nur sein Brief und nicht er selbst!«

»Hören wir vor Allem, was er schreibt; zur Klage bleibt uns immer noch

Zeit,« bemerkte Aurelie und öffnete den Brief, den sie alsdann mit der

Prinzessin gemeinschaftlich las.

Und je mehr sie sich mit dem Inhalt des Schreibens bekannt machten, um

so freudiger wurden ihre Züge, und als sie die letzten Worte gelesen

hatten, stieß Sidonie einen Ruf angenehmster Ueberraschung aus.

»Nun, Sidonie, hatte ich nicht mit meiner Behauptung Recht?« fragte

Aurelie, den Brief faltend.

»Gewiß! Denn während ich noch an seinem Besuch zweifelte, befand sich

der Graf bereits hier. O, wie froh wie glücklich macht mich diese

Gewißheit! Welcher schönen Zukunft darf ich entgegen sehen. In der

Gewißheit seiner Nähe schwinden Sorgen und Trauer!«

Also rief die glückliche Sidonie mit leuchtenden Augen, indem sie die

Freundin umarmte.

»Wie Du vernommen, ist er bedacht gewesen, sich Aufträge von Deinem

Bruder für Dich zu besorgen, um den erwünschten Anlaß zu einem Besuch

zu besitzen,« bemerkte Aurelie.

»O, mein Herz dankt ihm dafür! So darf ich ihn schon morgen erwarten!«

rief Sidonie und bemerkte dann: »Schreibe ihm ein paar Worte und deute

ihm meinen Wunsch an. Der Prinz pflegt nach dem Diner das Palais

gewöhnlich zu verlassen und bleibt auch den Abend fort; wir haben

von seiner Seite also keine Störung zu besorgen. Bezeichne ihm daher

die Stunde, in welcher ich seinem Besuch entgegen sehe. Um seinen

verlängerten Aufenthalt bei mir zu rechtfertigen, will ich meinen

Bruder zu mir bitten lassen. Kommt der Graf um die angegebene Zeit, so

bleiben mir vielleicht zwei Stunden des Alleinseins mit ihm, da, wie Du

weißt, Leonhard selten vor acht Uhr zu kommen pflegt.«

»Es wird geschehen, meine liebe Sidonie, und um die Späher zu

täuschen, kannst Du Römer in dem Blumenzimmer und später in Deinem

Gesellschaftsgemach, wie gewöhnlich, empfangen,« entgegnete die stets

fürsorgliche Aurelie, die sich in dem Glück der Freundin selbst

beglückt fühlte, ohne doch dabei die stets nothwendige Vorsicht zu

vergessen.

Sidonie erklärte sich mit dem Vorschlage gern einverstanden, und auf

ihren Wunsch setzte sich Aurelie sogleich an den Schreibtisch, um

den Brief an den Grafen zu fertigen. Es gewährte Sidonien ein hohes

Vergnügen, daran Theil nehmen zu können und, da sie ihm nicht selbst

schreiben durfte, sich wenigstens in solcher Weise mit dem Geliebten zu

beschäftigen.

Man lächle darüber nicht. Wer so innig liebt, wie Sidonie, wem die

Freuden des Lebens so karg zugemessen sind, wie ihr, und wer sich in

seiner Liebe so ganz mit dem Geliebten vereint hat, wie sie, dem ist

schon das Unbedeutendste in seiner Liebe werthvoll und erwünscht. Und

was wäre der wahren Liebe unbedeutend, sobald es sich auf den Geliebten

bezieht! --

Lange noch nachdem der Brief gefertigt und abgeschickt worden war,

beschäftigte dessen Empfänger die Freundinnen. Alles, was sie,

namentlich Sidonie, zu dessen Erheiterung ersonnen, wurde nochmals

in der ausführlichsten Weise besprochen und viele neue Dinge

vorgeschlagen, und über diesen so liebevollen Bemühungen ging der trübe

Tag, der dunkle Abend rasch dahin, vergaßen sie die Mittheilung des

Barons, obgleich ihnen dieselbe nicht bedeutungslos erschienen war.

Doch würden wir Aurelien Unrecht thun, wollten wir nicht erwähnen,

daß, während Sidonie, von dem Glück der nächsten Stunde erfüllt, jener

Angelegenheit auch nach der Trennung von der Freundin nicht mehr

gedachte, diese durch dieselbe noch lange wach erhalten wurde; denn ihr

erschienen des Barons Benehmen und Worte viel bedenklicher, als sie es

Sidonien zu erkennen gegeben hatte. Sie war der Freundin behütender

Engel, der, durch keine Leidenschaft bewegt, unablässig bedacht war,

jede Gefahr von dem theuern Haupte abzuwenden, und so nahm sie sich

vor, den Baron genauer zu beobachten und ihn vielleicht in einer

geeigneten Stunde zum Verrath seiner geheimen Absichten zu veranlassen.

Obgleich Aurelie sich dergleichen Erwägungen hingab, blieb ihrer

reinen Natur dennoch der Gedanke des eigentlichen Zusammenhanges dieser

Angelegenheit eben so fern, wie Sidonien.

Angenehmer war die Stimmung des Barons. Sidoniens Wohlwollen hatte

ihn in hohem Grade beglückt, fast mehr noch ihre Worte, aus welchen

er die Vermuthung schöpfen zu dürfen glaubte, daß sie seine Huldigung

nicht nur erkannt hatte, sondern auch seine zärtlichen Gefühle für sie

billigte. Ihre Antwort, nachdem er ihr des Fürsten Wunsch mitgetheilt

hatte, erachtete er für weibliche Diplomatie, die geschickt die Wünsche

umging, ohne diese doch ganz zu verhüllen. Er sollte errathen, was sie

verschwieg. Mehr hatte er auch in der That nicht zu erreichen gehofft,

aber er nahm die Ueberzeugung beim Scheiden von Sidonien mit, daß ein

späteres reifliches Erwägen des Mitgetheilten und der Verhältnisse sie

die ganze Bedeutsamkeit des letzteren erkennen lassen und sie ihm den

Weg zu ihrem Herzen öffnen würde. Namentlich hegte er große Hoffnungen

von dem Verrath des Prinzen und dessen Verhältniß zu Marianen, von der

Ueberzeugung erfüllt, daß dieses und des Fürsten Beifall zu Sidoniens

Neigung nur von den besten Wirkungen in seinem Interesse sein müßten.

Von seiner Selbsttäuschung hatte er keine Ahnung und fühlte sich

durch die, wie er meinte, sehr geschickte Weise, in welcher er die

Angelegenheit der Prinzessin auseinander gesetzt hatte, sehr befriedigt.

Alle diese Umstände verleiteten ihn daher, dem Chevalier bei der

nächsten Zusammenkunft die Versicherung des besten Erfolges seines

Handelns zu geben. Er würde dies freilich gethan haben, wenn er sich

dazu auch nicht berechtigt hielt; denn seine Eitelkeit war viel zu

groß, um eine Niederlage einzugestehen. Boisière beeilte sich, dem

Fürsten den erwünschten Bericht abzustatten, seinerseits nicht minder

erfreut, seinem fürstlichen Gebieter durch seine Vorschläge einen so

wesentlichen Dienst geleistet zu haben.

»Ich gestehe Ihnen, lieber Chevalier,« entgegnete der Fürst nach

vernommenem Bericht, »daß ich in Bezug auf die Willfährigkeit der

Prinzessin zum Eingehen auf diese Liaison noch mancherlei Bedenken

hegte. Denn ich bin überzeugt, sie ist wirklich tugendhaft, wenigstens

glaube ich, daß sie es war; freilich, sie wird zur Einsicht gelangt

sein, daß man mit dergleichen Capital heutzutage nicht reussirt.

Die Vorbilder hier am Hofe und vielleicht auch des Prinzen Treiben

sind jedoch sehr geeignet, auch die besten Grundsätze zu lockern und

umzustoßen. Was will auch eine schwache Frau? -- Gegen den allgemeinen

Strom zu schwimmen, ist mißlich und gewährt weder Vortheil noch

Dank. Mit der Moral kommt man in der Politik wie in dem Alltagsleben

nicht weit, und der herrschende Zeitgeist ist viel zu mächtig, um

seine Widersacher nicht mit der Dornenkrone der Märtyrer zu zieren.

Nicht der Einzelne, sondern die Allgemeinheit bestimmt, was erlaubt

ist. Es ist mit der Moral wie mit der Mode. Das wird die Prinzessin

wahrscheinlich eingesehen haben, und ich würde mich freuen, wenn dem

so wäre. Lassen wir nun diese Sache ohne die geringste Beeinflussung

sich ruhig entfalten. Ich selbst werde später Gelegenheit nehmen,

der Prinzessin meine Wünsche, oder vielmehr meine Billigung zu ihrer

Liaison anzudeuten, damit sie sich sicherer fühlt.«

Prinzessin Sidonie (Band 2/3) · 第 2 / 13 段