»Nun, nun, ich verlange keine Indiscretion! Aus den Wirkunge

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Zeichen sind für die verschiedene Schriftformen benutzt worden:

=antiqua gedruckter Text=

~gesperrt gedruckter Text~

Prinzessin Sidonie.

Roman

von

Julius Bacher.

Zweiter Band.

Illustration

Leipzig,

Verlag von Friedrich Fleischer.

1870.

Erstes Kapitel.

Etwa zwei Monate waren über die näher bezeichneten Vorgänge dahin

gegangen. Den lichten, milden Herbsttagen waren die trüben und rauhen

Verkünder des nahenden Winters gefolgt. Nachtfröste und die nie

fehlenden Winde hatten Bäume und Gesträuche allgemach entblättert und

die Menschen in die behaglichen Wohnungen gedrängt, von wo aus sie dem

Walten in dem Naturleben gesicherter zuschauten und sich nun an den

häuslichen Vergnügungen ergötzten.

Dies war namentlich in den Hofkreisen der Fall, woselbst man eifrig

bedacht war, sich Amusements aller Art zu bereiten und in solcher Weise

den unbequemen Winter angenehm zu vertändeln.

Es war die eilfte Vormittagsstunde und wir sehen den Fürsten in einem

nichts weniger als prunkvollen, sondern vielmehr ziemlich einfach

ausgestatteten Gemach mit der Durchsicht einiger vor ihm liegenden

Papiere beschäftigt.

In dem Kamin brannte ein helles Feuer, obwol die Luft nur frisch,

jedoch nicht frostkalt war. Ebenso war der Fürst sehr warm gekleidet,

namentlich waren die Füße durch wärmende Hüllen und Decken geschützt.

Die rauhe Jahreszeit hatte sein altes Leiden, die Gicht, mit vermehrter

Heftigkeit herbei geführt und quälte ihn nun schon seit mehren

Wochen, indem es ihn zugleich am Arbeiten und dem Genuß der frischen

Luft hinderte und ihm überdies alle Lust an seinen gewöhnlichen

Zerstreuungen raubte. Die Stimmung des Fürsten war daher auch keine

gute, trotz der Bemühungen seiner vertrauten Freunde.

Während seiner Beschäftigung wurde ihm der Kammerherr, Chevalier

Boisière gemeldet, und der Fürst befahl, denselben sogleich eintreten

zu lassen. Der Chevalier besaß das besondere Vertrauen des Fürsten und

wurde von diesem zu mancherlei delicaten Diensten verwendet, wozu der

Franzose ganz ausgezeichnete Talente besaß.

Am Hofe in Paris alt geworden, in alle Intriguen desselben eingeweiht

und mit den reichen Erfahrungen eines genußvollen Lebens ausgestattet,

eignete er sich vortrefflich zu dem vertrauten Diener eines Fürsten, an

dessen Hof es nicht besser zuging, als an dem französischen.

Durch Genüsse erschöpft, war der einst sehr schöne Chevalier nur noch

ein Schatten von seiner ehemaligen Herrlichkeit. Er war sechzig und

einige Jahre alt, sein Antlitz mit feinen Runzeln durchfurcht, der

Mund wegen der Zahnlosigkeit eingefallen. Obgleich dürr und hinfällig,

glänzte doch sein dunkles Auge lebensvoll und verrieth die Frische des

Geistes, die ihm trotz seiner körperlichen Schwäche geblieben war. Er

besaß eine feine Bildung, Geist und Witz, die er in einer angenehmen

Weise geltend zu machen wußte, und war überdies in Haltung und Benehmen

ein vollendeter Hofmann. Kleidung und Toilette waren stets sauber

und geschmackvoll, ja der Chevalier verschmähte sogar Schminke und

Schönpflästerchen nicht, um seinen graubraunen Teint zu verbessern und

demselben einen jugendlichen Anstrich zu verleihen. Diese Sorgfalt war

denn auch der Grund, daß er um zehn Jahre jünger erschien, als er es

in der That war. Seiner geistigen Vorzüge, namentlich jedoch seiner

Geschicklichkeit in Ausführung der angegebenen Dienste wegen schätzte

ihn der Fürst ganz besonders und hatte ihn auch heute in seinem

persönlichen Interesse zu sich rufen lassen.

»Nun, Chevalier, bringen Sie Neuigkeiten?« fragte der Fürst, den

Eintretenden mit einem vertraulichen Kopfnicken begrüßend.

»Nichts von Bedeutung, mein gnädigster Fürst. Der Winter eignet

sich eben so wenig zum Krieg wie zum Hervorbringen von anderen

interessanten Vorgängen. Die Elemente wirken tiefer auf den Menschen,

als er eingestehen will, und die Kälte und todte Natur schläfern die

Leidenschaften ein; Winter und Alter verlangen nach Ruhe oder werden

vielmehr durch die ersteren dazu genöthigt.«

»Wie ich hier, =par exemple=, nicht wahr? Und Sie wollten mich

wahrscheinlich durch den Hinweis auf das allgemeine Naturgesetz mit

meinem Leiden aussöhnen? Ich danke Ihnen, Chevalier, wenngleich ich

Ihnen bekenne, sehr wenig Trost darin zu finden, da trotz alledem meine

Schmerzen kein Ende nehmen wollen. Doch Sie haben noch etwas anzuführen

vergessen, nämlich, daß die unfreundliche Jahreszeit uns auch unsere

Sorgen ernster erscheinen läßt, als dies sonst zu sein pflegt.«

»Sollte das bei meinem gnädigsten Fürsten etwa der Fall sein?«

»Ja, Chevalier, und ich darf Ihnen meine Sorgen wol nicht näher

bezeichnen, Sie kennen dieselben.«

»Diese beziehen sich also auf den Prinzen?«

»Natürlich; denn trotz aller meiner Bemühungen und alles Abwartens

währt die unselige Trennung zwischen ihm und der Prinzessin fort. Ich

sehe das Ende dieses Haders nicht und so mehrt sich die Sorge um die

Thronfolge. Ich bin alt und krank genug, um an das Sterben zu denken.

Der Tod kann mich überraschen, ehe die Erbfolge gesichert ist; da gebe

es dann bei des Prinzen Charakter dereinst viel Unruhe und Gefahr, und

diese möchte ich dem Staat gern ersparen.«

»In der That, ein übler Umstand,« bemerkte der Chevalier gedankenvoll.

»Ich bin überzeugt, die Prinzessin trägt keinen kleinen Theil der

Schuld, daß keine Aussöhnung zu Stande kommt. Zwar war des Prinzen

Treiben bisher allerdings nicht zu loben; er hat jedoch meinen

Vorstellungen Gehör gegeben, wie ich zu meiner Freude bemerkt habe.

Seit mehren Monaten verkehrt er fast gar nicht mehr mit der Residenz;

die Debauchen haben aufgehört, und er lebt seit dieser Zeit ziemlich

eingezogen und befleißigt sich der Staatsgeschäfte, ohne, so viel

ich weiß, eine Liaison zu haben. Er hat sich also sehr zum Vortheil

geändert, und dieser Umstand ließ mich mit Bestimmtheit die Herstellung

eines guten Einvernehmens mit der Prinzessin hoffen; statt dessen höre

ich, daß sie sich noch eben so fern als früher, ja man meint sogar,

noch ferner stehen.«

»Nach den Mittheilungen der Baronin Mühlfels -- die, wie mein gnädiger

Fürst weiß, meine vertraute Freundin ist -- muß ich diesen Umstand

durchaus bestätigen.«

»Nun, da sehen Sie, Chevalier, wie die Sache steht, und werden

erkennen, daß ich genöthigt bin, auf Mittel zu denken, diesem Uebel

auf irgend eine Weise sicher zu begegnen!« rief der Fürst, durch das

Vernommene sichtlich verstimmt.

Der Chevalier schaute bedenklich vor sich hin und der Fürst fuhr fort:

»An eine Trennung der Ehe mag ich nicht denken; ich scheue einen

solchen Eclat, wobei der Prinz und ich selbst, da ich diese Ehe

gestiftet habe, nicht eben gut fortkommen würden. Freilich ist an

diesem Zerwürfniß mehr der Prinz als die Prinzessin schuld; denn es

hätte Alles gut sein können, würde er die Prinzessin besser behandelt

oder ihr die schuldigen Rücksichten geschenkt haben. Denn sie war

anfangs ein stilles, geduldiges Wesen, bis es der Prinz zu toll machte,

und nun ist sie uns über den Kopf gewachsen. Sie hat in der letzten

Zeit eine Festigkeit und Selbstständigkeit bewiesen, die ich bei

dieser zarten Frau nie erwartet hätte. So ist an eine Erfüllung meines

Wunsches nicht zu denken, und das macht mich sehr besorgt und läßt

mich auf Mittel denken, diesem Uebelstande in einer geeigneten Weise

abzuhelfen. Was meinen Sie dazu?«

»Ich unterwerfe mich der Weisheit meines Fürsten,« entgegnete der

Chevalier, das feine Spitzentuch an die Lippen führend.

»Ja,« fuhr der Fürst, von dem Interesse des besprochenen Gegenstandes

erfüllt, eifrig fort, »ja, ließe sich der Prinzessin irgend eine

bedenkliche Schwäche mit Bestimmtheit nachweisen, so würde man einen

Anhaltpunkt für die Trennung gewinnen; ~so~ jedoch ist darauf nicht zu

hoffen. Sie ist zu tugendhaft, oder besser gesagt, sie besitzt keine

Leidenschaft.«

Der Chevalier hüstelte und ein feines, schlaues Lächeln umspielte

seinen Mund.

»Ihre Mienen deuten mir an, daß Sie meine Ansicht über der Prinzessin

Charakter nicht theilen,« bemerkte der Fürst, den Chevalier fest

anschauend.

»O, Pardon, mein Fürst! Wie sollte ich nicht?!« fiel der Letztere ein,

sich anmuthig verneigend, und fügte mit einem eigenthümlichen Ton

und Blick hinzu: »Mein hoher Gebieter weiß, daß der Hof Ludwig des

Fünfzehnten mich erzog und ich an demselben meine Erfahrungen über

weibliche Tugend gesammelt habe; ein Bedenken über Ihre Besorgniß, mein

Fürst, dürfte mir daher wohl gestattet sein. Ich meine, wir Menschen

besitzen im Allgemeinen keinen Ueberfluß an moralischen Vorzügen, und

aus dem einfachen Grunde, weil diese Vorzüge nicht beliebt, nicht

amüsant und -- auch nicht in der Mode sind. Dieses letztere ist sehr

wichtig in Bezug auf die Frauen, namentlich auf diejenigen, welche das

Glück genießen, die Luft des Hofes einzuathmen und aus ihren Elementen

sich die Grundsätze zu ihrem Leben zu bilden. Damit wäre ich denn

auch bei dem Tugend-Ueberfluß der Prinzessin angelangt,« schloß der

Chevalier lächelnd.

»So nehmen Sie das letztere an, Mangel an Leidenschaft, gewöhnlich die

Quelle unverdienter Tugenden!« fiel der Fürst ein, der durchaus Recht

behalten wollte.

Wiederum schaute der Kammerherr schweigend vor sich hin, während das

frühere bezeichnende Lächeln sich auf’s Neue geltend machte.

»Auch die zweite Voraussetzung scheinen Sie nicht zu billigen,«

bemerkte der Fürst nach kurzer Pause.

»Ich gestehe, mein Fürst, es ist so. Der Schein trügt am meisten bei

den Frauen, namentlich wenn sie noch so jung wie die Prinzessin sind.

Jede Frau besitzt nach meinen Erfahrungen hinreichende Leidenschaften,

um sich durch sie zu Thorheiten verleiten zu lassen; es kommt nur

darauf an, dieselben in der geeigneten Weise hervor zu rufen. Vorhanden

sind sie alle Zeit, welche Erkenntniß uns nur zu häufig überrascht.

So, meine ich, ist es auch mit der Prinzessin.«

»Wenn ich Ihnen auch Recht geben muß, so bin ich dadurch doch in

meinen Entschlüssen um keinen Schritt weiter gekommen. Was helfen

alle Betrachtungen, da die Situation ein bestimmtes Handeln fordert,«

fiel der Fürst ein. »Sie wissen, daß des Prinzen Tochter nach

den Staatsgesetzen zur Thronfolge nicht berechtigt ist; bei der

gegenseitigen Abneigung ist an keinen Thronerben zu denken; eine

Versöhnung des Paars ist eben so wenig zu erwarten, als eine Trennung

der Ehe zulässig: was läßt sich da thun?« --

Der Chevalier blickte den Fürsten mit einem Ausdruck in seinen Zügen

an, der unschwer den Zweifel an der Rathlosigkeit seines Gebieters

erkennen ließ; alsdann bemerkte er in vertraulichem Ton:

»=Corriger la nature!=« --

Der Fürst schaute nachdenkend vor sich hin und bemerkte nach kurzer

Pause:

»Das ginge; doch ich zweifle, daß sich die Prinzessin dazu verstehen

dürfte. Ich glaube, sie besitzt nicht den Muth dazu und hegt zu viele

Gewissensscrupel.«

»Der Muth wird sich finden, sobald sie weiß, daß der fürstliche

Oheim ihre Neigung nicht nur billigt, sondern dieselbe sogar als ein

nothwendiges Mittel zu Staatszwecken betrachtet.«

»Sie können Recht haben.« --

»Die Legitimität mancher Fürsten ist angezweifelt worden. -- Mein

Fürst kennt die Geschichte Ludwig des Vierzehnten.«

Der Fürst neigte beistimmend das Haupt, indem er lachend bemerkte:

»Lassen wir das! Wollten wir uns um die Erforschungen der Legitimität

der Menschen bemühen, wir würden da überraschende Dinge erfahren. Also

bleiben wir dabei: =Corriger la nature!=«

»Es wäre daher nur noch ein Bedenken zu beseitigen,« bemerkte der

Chevalier.

»Welches?« --

»Hinsichts des Prinzen. Man weiß, daß manche Väter durch den Segen des

Himmels oft sehr unangenehm überrascht werden.« --

»Ah, pah! Der Prinz ist über dergleichen fort! Es wird meine Sache

sein, seine Zustimmung zu unserm Plan zu erhalten; denn ich bin

überzeugt, er wird sehr zufrieden sein, sich in solcher Weise mit der

Ehe abfinden zu können.«

»Fast möchte ich es glauben; denn man spricht bereits von einer neuen

Liaison des Prinzen,« bemerkte der Chevalier.

»Wirklich? Nun um so besser! Wer ist die Dame?«

»Man kennt sie nicht; sie soll nicht in der Stadt wohnen, und der Prinz

beobachtet große Vorsicht, sie nicht zu verrathen. Man sagt, es sei

eine Fremde, aber jung und schön, und der Prinz sei bis über die Ohren

in das Mädchen verliebt.«

»O, nun erkläre ich mir sein Hiersein und eingezogenes Leben. Wie

konnte ich auch an eine wirkliche Besserung glauben. Der Prinz

ist unverbesserlich und ändert nur seine Neigungen. Aber ich wäre

zufrieden, würde er dadurch von dem wilden Treiben in der Residenz

abgehalten. Forschen Sie weiter, lieber Chevalier; ich möchte diese

Angelegenheit genau kennen, um ein richtiges Urtheil darüber zu

gewinnen. Ihre Nachricht kommt mir sehr gelegen; denn nun darf ich nach

Wunsch handeln. Es fragt sich nur, ob die Prinzessin mit angenehmen

Männern umgeht. Wie ich vernommen, empfängt sie meist nur ältere Männer

der Wissenschaft und Künste; von solchen, die unserm Plan entsprechen

dürften, weiß ich nichts.«

»Doch, mein Fürst, doch!« fiel Boisière ein und fügte mit einem

vertraulichen Lächeln hinzu: »Da ist der Baron Mühlfels, des Prinzen

Adjutant, bei den Frauen sehr beliebt und durch seine persönlichen

Vorzüge zu der ihm bestimmten Rolle sehr geeignet.«

»Sie haben Recht, Chevalier. Der Baron ist ein hübscher und gewandter

Mann, wir können das Beste von ihm erwarten,« bemerkte der Fürst.

»Der überdies bereits Ihren Wünschen entgegen kommt, mein Fürst.« --

»Wie das?«

»Seitdem der Prinz nicht mehr so viel in der Residenz lebt, hat man ihn

häufig bei der Prinzessin gesehen, ja man will bemerkt haben, daß er

sich um deren Gunst bewirbt und ihm Durchlaucht mit nicht gewöhnlichem

Wohlwollen entgegenkommt.«

»Das ist ja herrlich!« rief der Fürst erfreut. »So würde denn ohne

unser Zuthun vielleicht unser Wunsch erfüllt werden.«

»Das wäre allerdings noch eine Frage, wenn ich Sie recht verstehe, mein

Fürst --«

»Ah so!« fiel dieser ein. »Sie haben Recht. Nun, Sie könnten den Baron

mit meinen Wünschen bekannt machen und ihm dann wol alles Uebrige

überlassen.«

»Wenn Sie es befehlen, mein Fürst, soll es geschehen, und ich bin

gewiß, den Baron dadurch auf das Höchste zu beglücken.«

»Ich denke, der Prinz wird sich um so leichter über etwaige Bedenken

fortsetzen, wenn er erfährt, daß sein ihm so ergebener Freund von uns

ausersehen ist,« entgegnete der Fürst und fuhr alsdann fort: »Ihre

Mittheilungen haben mir in der That eine große Sorge genommen, mein

lieber Chevalier, und ich danke Ihnen bestens dafür. So wäre denn diese

Angelegenheit in der besten Weise geordnet und ich gestatte Ihnen

hinsichts derselben freies Handeln. Auch trifft es sich gut, daß des

Barons Mutter die Oberhofmeisterin der Prinzessin ist; diese Dame steht

in dem Ruf großer Geschicklichkeit, dergleichen Angelegenheiten zu

ordnen, und ihr Einfluß auf die Prinzessin müßte nicht ohne Werth sein,

falls wir desselben bedürfen sollten und sich die Sache nicht auch ohne

diesen nach Wunsch gestaltet.«

»Es dürfte nicht schaden, der Baronin einige passende Andeutungen zu

machen, um sie zu einem entsprechenden Handeln zu veranlassen.« --

»Das könnte geschehen, und Ihre Klugheit wird das Richtige zu wählen

wissen. Beobachten Sie den Fortgang dieser Angelegenheit recht sorgsam,

Chevalier, und bringen Sie mir, sobald irgend etwas von Bedeutung

geschehen sollte, sogleich Nachricht. Sie wissen, wie viel mir an der

Sache liegt. Mit dem Prinzen gedenke ich erst dann zu sprechen, wenn es

die Umstände erfordern.«

Mit diesen Worten entließ der Fürst den Chevalier, der, durch

die Unterredung sehr befriedigt, bereits die ihm durch die zarte

Angelegenheit in Aussicht gestellten namhaften Vortheile erwog, welche

ihm seiner Ueberzeugung nach und bei den von ihm gehegten Ansichten von

dem moralischen Gehalt der Menschen nicht entgehen konnten.

Wie er Sidoniens Charakter beurtheilte, haben wir erfahren; seine

Klugheit sollte das Uebrige thun, dessen war er gewiß.

Gewöhnt, die Ausführung seiner Absichten nie zu verzögern, begab er

sich sogleich zu Mühlfels, den er zu Hause fand und der weit entfernt

war, die Veranlassung des Besuchs zu ahnen.

Der Chevalier ließ sich bequem in einen Fauteuil nieder, und nachdem

er mit dem Baron allerlei Hofneuigkeiten besprochen, bemerkte er, die

Spitzenmanschette fältelnd, wie beiläufig:

»=A propos=, lieber Baron, man sagt, Sie machten Prinzessin Sidonie den

Hof --«

»Entschuldigung, Chevalier, wer sagt dies?« fragte Mühlfels lächelnd.

»Eine sonderbare Frage in der That! Was könnte ich Ihnen nicht Alles

darauf antworten! Ich könnte Diesen und Jenen, oder besser, ~Diese~

und ~Jene~ nennen; aber um discret zu bleiben, nenne ich Ihnen nur die

Luft, die Ihre Leidenschaft verrathen hat,« scherzte Boisière.

»Die Luft, die Luft!« rief Mühlfels lachend. »Sie haben Recht, lieber

Chevalier, die Luft hier ist zum Verrath von Geheimnissen hinreichend,

und so sehe ich nicht ein, warum ich mit dem Bekenntniß zurückhalten

soll, daß mir die Prinzessin gefällt.« --

»Gefällt, und weiter nichts?« fragte der Chevalier mit einem

zweifelnden Blick.

»Was soll ich Ihnen noch sagen?« lachte Mühlfels.

»Nun, was Sie mir verschweigen, daß auch Sie der Prinzessin gefallen.«

»Möglich!« warf Mühlfels selbstgefällig hin.

»Man sagt, Sie wären oft bei ihr, sie zeichnete Sie durch Aufträge aus,

die sie Ihnen giebt, kurz, man meint, Sie erfreuten sich ihrer Gunst --«

»Halt, halt, mein lieber Chevalier, Sie sprechen da vielerlei Dinge

in einem Athem, ohne zu erwägen, daß man dergleichen Subtilitäten ein

wenig discreter auffaßt!« rief Mühlfels lachend.

»Daß ich diese nicht anders berühre, muß Ihnen ein Zeichen sein, nicht

durch leidige Neugier, sondern durch eine wichtigere Veranlassung dazu

bestimmt worden zu sein,« bemerkte der Chevalier mit Nachdruck.

»Wie das?« -- fragte Mühlfels aufhorchend.

»Sie fragen und scheinen nicht zu bedenken, daß eine intimere Liaison

mit der Prinzessin unter den obwaltenden Umständen eine hohe Bedeutung

gewinnen kann. -- Ich denke, Sie verstehen mich, Baron.« --

»Bei Gott, Chevalier, Sie belieben sich in sehr ausschweifenden

Vermuthungen zu ergehen!« fuhr Mühlfels auf.

»Pah, pah, mein Freund! Eine Liaison mit einer schönen jungen Dame

gestattet dergleichen. Doch ich denke, wir kennen uns genügend, um

einander Vertrauen zu schenken.« --

»Gewiß, doch vergesse ich die Ehre nicht, in Ihnen den Vertrauten des

Fürsten zu sehen!« entgegnete Mühlfels lachend.

»Und ich versichere Sie, daß Sie dies nicht zu beklagen haben. Nehmen

Sie an, der Fürst interessirte sich für diese Liaison --«

»Ah!« stieß der Baron voll Ueberraschung hervor und blickte den

Chevalier forschend an.

Dieser hatte den Handschuh der rechten Hand abgezogen und seine feinen,

weißen und mit Ringen verzierten Finger nestelten wie vorher an der

Manschette, ohne daß er den Baron anschaute.

»Das überrascht Sie?« fragte er. »Ich finde es natürlich, da Sie ja

kaum ahnen konnten, daß Ihre Bemühungen um die Prinzessin von dem

Fürsten bemerkt werden würden.«

»In der That, in der That, so ist es, Chevalier!« fiel Mühlfels erregt

ein.

»Regen Sie sich nicht auf, lieber Baron; denn ich wiederhole Ihnen, der

Fürst interessirt sich für Sie.«

»Billigt er etwa meine Verehrung der Prinzessin?«

»Bevor ich Ihnen diese Frage beantworte, muß ich erst wissen, wie Sie

mit dieser stehen.«

»Viel gefordert, ohne dafür genügend gegeben zu haben,« entgegnete

Mühlfels lachend.

»Nun denn, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Ihr Vertrauen in keiner

Weise gemißbraucht werden, noch Ihnen zum Schaden gereichen soll,«

betheuerte der Chevalier ernst und voll Nachdruck.

»Ah so! die Sache ist ernst. Nun denn, so vernehmen Sie, daß mein

Verhältniß kein anderes ist, als Sie es vorher bezeichneten --«

»Sie haben jedoch Hoffnung, Ihre Bewerbungen angenommen zu sehen?« --

»Sie wissen, Chevalier, wenn man liebt, hofft man auch.«

»Sie weichen mir aus. Das paßt in unserm Fall nicht. Sie haben in der

Liebe Erfahrungen gesammelt, sind bei den Frauen beliebt, besitzen also

in dergleichen Dingen ein Urtheil; also nochmals, was erwarten Sie von

der Prinzessin?« --

»Sidonie ist keine gewöhnliche Dame; sie ist tugendhaft und« --

bemerkte der Baron mit einem Anstrich von Bedenklichkeit, die jedoch

irgend welchen Eindruck auf den Chevalier nicht hervorzurufen schien,

indem dieser ziemlich gleichmüthig einfiel:

»Sie fürchten, nicht ohne besondere Mühe ihre Gunst zu erlangen?«

»Ich muß es vermuthen.« --

»Haben Sie ihr Ihre Zuneigung zu erkennen gegeben?«

»So weit es mir ihre Zurückhaltung gestattete.«

»Jedenfalls ist also die Prinzessin damit bekannt und mißbilligt

dieselbe nicht?«

»Ich glaube, dies bejahen zu dürfen --«

»Warum führten Sie bisher nicht eine Entscheidung herbei? Die

Gelegenheit dazu, meine ich, hat Ihnen nicht gemangelt.«

»Allerdings, doch hielt mich ein besonderer Umstand davon zurück. Die

Prinzessin, scheint es, nimmt trotz des ehelichen Zerwürfnisses noch zu

viel Rücksicht auf ihren Gemahl.« --

»So, so« -- warf der Chevalier hin und bemerkte alsdann nach kurzer

Pause: »Sie glauben das; wie aber wenn Sie sich täuschen und es nur

eines geschickten Versuchs von Ihrer Seite bedürfte, um das Gegentheil

davon zu erfahren? -- Möchten Sie einen solchen wagen, wenn ich Sie

versichere, daß dieser so wie alles Weitere von dem Fürsten nicht nur

gebilligt, sondern sogar gern gesehen würde?« --

»Sie setzen mich in Erstaunen!« rief Mühlfels und schaute Boisière

fragend an.

»Ich glaube es; aber ich glaube dieses Erstaunen noch wesentlich zu

steigern, indem ich Ihrer Erwägung anheimgebe, in wie weit Sie diesen

Vortheil benutzen wollen, um auch etwaige Bedenken der Prinzessin zu

beseitigen.« --

»Sie haben da ein bedeutsames Wort ausgesprochen, Chevalier; das ist

mehr, als ich zu hoffen wagte. Dieser Vortheil wiegt schwer, und ich

zweifle an seiner guten Wirkung nicht.«

»Das denke ich auch; die Frauen haben es gern, ihren Schwächen ein

moralisches Mäntelchen umhängen zu können.«

»Aber der Prinz?!« fragte Mühlfels und schaute den Chevalier bedenklich

an.

»Den übernimmt der Fürst; Sie haben nichts von dem zu besorgen« --

bemerkte Boisière einfach und ruhig.

»Wie? So wäre diese Angelegenheit also schon in dem Cabinet erwogen?«

Der Chevalier nickte vertraulich, während er den Handschuh anzog und

alsdann glättete.

»Impossible!« rief der Baron überrascht und fragte dann: »Wie aber

erfuhr der Fürst meine Zuneigung?«

»Durch mich, lieber Baron,« entgegnete der Chevalier vertraulich und

unbefangen. »Ich hoffe Ihnen damit einen guten Dienst geleistet

zu haben; denn unter so hohem Schutz genießt sich die Liebe einer

fürstlichen Dame viel angenehmer,« fügte er mit einem cynischen Lächeln

hinzu.

»In der That, lieber Chevalier, ich bin Ihnen von Herzen für Ihre

Freundschaft dankbar; denn das Vernommene kommt meinen Wünschen

überraschend entgegen.«

»Von Ihnen wird es also abhängen, den Fürsten zufrieden zu stellen.

Alle Möglichkeiten sind erwogen, um, wenn es erforderlich wird, der

Welt eine passende Comödie vorzuspielen, wozu sich der Prinz leicht

verstehen dürfte, da, wie ich vernommen, er den Reizen einer schönen

Dame in ungewöhnlicher Weise huldigen soll, über welche er seine alten

Freunde und ihr wildes Treiben vergessen hat.« --

Er blickte Mühlfels fragend an; dieser legte jedoch mit einem

verneinenden Achselzucken die Hand auf den Mund und Boisière fuhr fort:

»Nun, nun, ich verlange keine Indiscretion! Aus den Wirkungen pflegt

man gemeinhin auf die Ursachen zu schließen, und wenn ich diesen

Satz auf den Prinzen anwende, so komme ich zu der Voraussetzung, daß

des Prinzen Geliebte ein ganz besonderes Mädchen sein muß, da sie es

verstanden hat, den flatterhaften Mann so sehr zu verwandeln. Der Fürst

ist damit zufrieden, da diese Liaison so vortheilhaft auf den Prinzen

gewirkt hat. Nun, wir werden hoffentlich bald Näheres darüber erfahren,

denn unsere Damen hier sind viel zu neidisch auf die der Unbekannten

geschenkte Gunst, um sich dabei leidend zu verhalten. Bald, denke ich,

werden sie das sonderbare Geheimniß ausgekundschaftet und damit die

erwünschte Gelegenheit gefunden haben, ihre scharfe Zunge daran zu

letzen: Es ist ein trauriges Schicksal der Fürsten und Großen, keine

Geheimnisse haben zu dürfen. Sein Sie bedacht, mein theurer Baron, daß

die verehrte Prinzessin diesem Schicksal nicht gleichfalls unterliegt.

Doch Sie sind ein kluger und vorsichtiger Mann, und ein solches

Geheimniß verbirgt sich leichter im offenen, freien Umgange als in dem

Versteck der Einsamkeit und der Nacht.«

Der Chevalier erhob sich, ergriff des Barons Hand und bemerkte in

vertraulichem Ton:

»Ich muß noch eine Bitte aussprechen. Sie kennen das Interesse des

Fürsten für Ihre Angelegenheit, und es kann Sie daher der Wunsch

desselben nicht überraschen, mit dem Fortgang derselben bekannt gemacht

zu werden. Wollen Sie mir also zu seiner Zeit Mittheilungen darüber

machen?«

»Des Fürsten Wunsch befreit mich von jeder Antwort.«

»Gut, gut, mein lieber Baron. Ich verlasse mich ganz auf Sie. Also viel

Glück! O, wer wie Sie noch jung und schön wäre! Aber, =tempi passati=!

O, Sie Beneidenswerther! Sidonie ist mehr interessant als schön; doch

das läßt noch keinen Schluß zu, was sie in der Liebe ist. Da erscheinen

die Frauen oft mit ganz neuen, nicht geahnten Reizen. O die süßen

kleinen Frauen! =Au revoir, mon cher ami, au revoir!=«

Er umarmte den Baron zärtlich und entfernte sich alsdann, um der

Oberhofmeisterin einen Besuch zu machen und bei dieser Gelegenheit die

von dem Fürsten gewünschten Notizen über des Prinzen neue Liaison zu

sammeln.

Er kannte nämlich den Verkehr des Prinzen in dem Hause der Baronin und

wußte überdies, welche Dienste diese dem Ersteren geleistet; es war

also keine Frage für ihn, daß sie auch bei dieser Liaison die Hand

im Spiel hatte, und es daher seiner Geschicklichkeit gelingen müßte,

sie zu den gewünschten Aeußerungen zu veranlassen. Er gedachte ihr

überdies Andeutungen hinsichts der soeben mit ihrem Sohn besprochenen

Angelegenheit zu machen und es ihr anheim zu geben, in wie weit sie

dabei auf die Prinzessin einzuwirken für gut fand. Eine so erfreuliche

Mittheilung, sagte er sich, war aber auch zu vertraulichen Aeußerungen

sehr geeignet, und so hoffte er seinen Zweck bestimmt zu erreichen.

Mühlfels blieb nach des Chevaliers Entfernung in der glücklichsten

Stimmung zurück.

Was ihm der Chevalier mitgetheilt, kam ihm eben so unerwartet, als

es seine kühnsten Wünsche überflügelte. Der Fürst billigte nicht nur

seine Zuneigung zu der Prinzessin, sondern wünschte dieselbe sogar,

indem er zugleich bedacht war, ihr wie ihm jedes Hinderniß und jede

Bedenklichkeit zu nehmen. Den Grund zu alledem erkannte Mühlfels

nur zu wohl, und dieses Bewußtsein gewährte ihm eine bezaubernde

Aussicht, die ihm die glänzendste Zukunft verhieß. Vor allen Gefahren

gesichert, durch den Wunsch des Fürsten ermuthigt, dessen Erfüllung

seine Eigenliebe zugleich herausforderte; von der Täuschung erfüllt,

Sidoniens Gunst bereits gewonnen zu haben, und mit den Mitteln

ausgestattet, ihr jedes Bedenken zu nehmen, gedachte er nun die erste

Gelegenheit zu benutzen, ihr seine Liebe zu gestehen und sich derselben

voraussichtlich bald zu erfreuen.

Während dieser Ueberlegung hatte der Chevalier das Haus der Baronin

erreicht und wurde von dieser in der freundlichsten Weise empfangen.

Zeigte Boisière bei Mühlfels den Cavalier, so bei der Baronin den

galantesten Hofmann. Als er sie begrüßte, ergriff er ihre Hand, führte

sie an Lippen und Brust, indem er, die Baronin zärtlich anschauend, im

Lispelton bemerkte:

»Wie beglückt es mich, meine theure Freundin in so blühendem Wohlsein

zu finden!« Und nochmals drückte er ihre Hand an das Herz.

»Ich freue mich, Ihnen dieses Compliment zurück geben zu können,«

entgegnete die Baronin.

»O, Sie schmeicheln, meine Gnädigste! Ein alter, gebrechlicher Mann und

eine schöne, liebreizende Dame! O, wie paßt das zusammen!« entgegnete

der Chevalier seufzend und hüstelnd.

»Nun, nun, mein Freund, so arg ist es denn doch noch nicht! Schönheit

und Geist sind unzerstörbar wie Diamant.«

»Ja, bei Gott, Sie selbst überzeugen mich auf das Angenehmste von

dieser Wahrheit,« rief der Chevalier, die Baronin zärtlich anschauend.

»Immer der feine, galante Hofmann!« sprach die Letztere selbstgefällig

und geschmeichelt, während sie dem Gast einen Fauteuil zuschob und sich

selbst in die Kissen des Divans sinken ließ.

»Ich komme soeben von Ihrem Sohn, meine Gnädigste, und war so

glücklich, ihm eine sehr angenehme Botschaft zu überbringen,« bemerkte

Boisière mit einem vielsagenden, vertraulichen Blick.

»Sie überraschen mich, mein Freund! Was ist es?« fragte die Baronin

voll Neugier.

»Eine delicate Angelegenheit.« --

»Sie steigern meine Neugier.« --

»Es betrifft die Prinzessin.« --

»Die Prinzessin? Wie soll ich Sie verstehen?«

Der Chevalier hüstelte ein wenig, ergriff alsdann ihre Hand, neigte

sich zu ihr und entgegnete in leisem Ton:

»Der Baron verehrt die Prinzessin; Serenissimus hat davon Kenntniß

erhalten und sich in Folge dessen veranlaßt gesehen, Ihrem Sohn durch

mich einen gnädigen Wink darüber geben zu lassen. Sie werden mich

verstehen.«

»Sie setzen mich durch eine so überraschende Mittheilung in das

glücklichste Erstaunen!« rief die Baronin und blickte den Chevalier

gespannt an.

Dieser kam ihren Wünschen, mehr zu vernehmen, sogleich entgegen,

theilte ihr das uns bereits Bekannte ziemlich ausführlich mit und

steigerte dadurch die Freude und das Erstaunen der Baronin in hohem

Grade.

»Ich finde keine Worte, meine Empfindungen über das Vernommene

auszudrücken! Also der Fürst wünscht --«

»Sie kennen die Verhältnisse zu genau, meine Freundin, um die

Intentionen unseres Fürsten nicht natürlich zu finden.« --

»Gewiß, gewiß, mein lieber Chevalier. Die Staatspolitik hat andere

Grundsätze, nach denen sie verfährt und verfahren muß, als sie in den

untergeordneten Lebensverhältnissen obwalten, und man darf bei ihr

nicht den gewöhnlichen Maßstab der Beurtheilung ihrer Arrangements

anwenden,« bemerkte die Baronin altklug und wichtig.

»Um so mehr beglückt es mich, Ihren Sohn durch das Vertrauen

Serenissimi beehrt zu sehen. Ich darf Sie nicht an die Vortheile

erinnern, welche sich damit nicht nur allein für ihn verbinden,« --

bemerkte Boisière vertraulich und bedeutungsvoll.

»Eine glückliche Intention des Fürsten!« rief die Baronin erfreut.

»Zu welcher ich ein wenig in Ihrem Interesse und dem Ihres Sohnes

beigetragen habe,« -- bemerkte Boisière leichthin und selbstgefällig.

»Eine Güte, die Ihres edeln Herzens würdig ist und uns zu dem tiefsten

Dank verpflichtet,« entgegnete die Baronin und reichte ihm die Hand.

»Sie wissen, süße Frau, daß es dessen nicht bedarf und ich den

schönsten Lohn in dem Glück meiner Freunde finde,« sprach der Chevalier

ablehnend und die Lippen auf die dargebotene Hand drückend, und fuhr

alsdann vertraulich fort: »Uebrigens, meine Freundin, liegen die

Verhältnisse auch so, daß der Fürst zu irgend einem wirksamen Schritt

genöthigt ist. Bedenken Sie die Erbfolge! -- An eine Aussöhnung

zwischen dem Ehepaar ist jetzt um so weniger zu denken, da, wie Ihnen

wahrscheinlich nicht unbekannt sein wird, der Prinz in den Fesseln

einer bezaubernden Armida schmachten soll, aus denen keine Rückkehr zu

der einfachen Prinzessin zu erwarten ist.« --

Der Chevalier schwieg und blickte die Baronin an; sie schlug ein wenig

verlegen die Augen nieder, faßte sich jedoch rasch und entgegnete:

»Sie glauben das?« --

»Ich spreche nur das Gehörte nach; doch hoffe ich Bestimmteres aus dem

Munde meiner theuren Freundin zu vernehmen.« --

Die Baronin hüstelte; die von dem Chevalier ausgesprochene Erwartung

war ihr nichts weniger als angenehm, da dieselbe sie zu Mittheilungen

herausforderte. Aus den angeführten Gründen durfte sie jedoch nichts

verrathen und befand sich daher in nicht geringer Verlegenheit wegen

einer passenden Antwort. Doch war sie viel zu schlau in dergleichen

Angelegenheiten, um nicht das Geeignete zu finden, und so entgegnete

sie scheinbar unbefangen und leichthin:

»Mein verehrter Freund muthet mir mehr zu, als ich zu leisten vermag.«

--

»In der That, meine gnädigste Baronin?« fragte Boisière überrascht.

»Erwägen Sie selbst, cher ami. Wenn mir der Prinz auch früher bisweilen

die Ehre seines Besuchs schenkte, so darf ich mich dennoch nicht seines

Vertrauens rühmen, um so weniger in einer Angelegenheit, die er selbst

sehr discret behandelt und wahrscheinlich auch also von Jedermann

behandelt wissen will.« --

»Sie haben Recht, ganz Recht, meine Beste!« fiel der Chevalier eifrig

und eingehend ein und fügte hinzu »Ich habe mir das bereits selbst

gesagt und würde Sie daher auch nicht mit einer Frage belästigt

haben, betrachtete der Fürst diese Liaison nicht mit günstigen Augen

und stände dieselbe nicht in einem so genauen Zusammenhange mit der

Angelegenheit Ihres Sohnes.« --

»In der That, das hatte ich nicht bedacht!« fiel die Baronin etwas

unruhig ein.

»Sie werden überdies des Fürsten Wunsch natürlich finden, genügenden

Aufschluß über dieses Verhältniß zu erhalten, und da wäre es mir in

Ihrem Interesse, meine theure Freundin, angenehm gewesen, hätten Sie

sich Ansprüche auf des Fürsten Dank durch irgend welche Mittheilungen

sichern können.« --

»Sie meinen also, dem Fürsten läge etwas an der Kenntniß dieser

Liaison?« fragte die Baronin gespannt.

»Sie können denken! Er verehrt die Dame in hohem Grade, der es

gelungen ist, seinen flatterhaften Neffen zu einem ernsten Menschen

umzuwandeln, und so kann es Sie nicht überraschen, wenn er auch die

näheren Verhältnisse derselben kennen zu lernen wünscht.«

»Sie haben Recht und ich theile Ihre Ansicht; indessen, wenn ich auch

etwas wüßte, so darf ich dennoch nichts verrathen.«

»Ich verstehe, meine Gnädige, und lobe Ihre Discretion. Man muß stets

wissen, wie viel und was man in dergleichen Angelegenheiten sagen darf,

und so will ich nicht weiter in Sie dringen, obgleich ich bedaure,

daß Ihnen unter solchen Umständen der Dank des Fürsten entgehen muß,«

bemerkte der Chevalier mit einem forschenden Blick auf die Baronin.

Zugleich erhob er sich und machte Miene, sich zu entfernen.

»Bleiben Sie doch, lieber Chevalier! Sie haben doch nicht so große

Eile?! Wir plaudern noch ein wenig,« beeilte sich die Baronin voll

Erregung zu bemerken, indem sie zugleich seine Hand ergriff und ihn auf

den Sessel zog.

»Wie Sie befehlen, meine Gnädigste. Sie wissen, es ist mir stets ein

hoher Genuß, mich Ihrer Nähe erfreuen zu dürfen,« sprach der Chevalier,

die einladende Hand zärtlich küssend, worauf er den Sitz wieder

einnahm. »Ja, ja,« fuhr er alsdann unbefangen fort, »es muß in der That

ein ganz besonderes Wesen sein, dem es gelungen ist, unsern Prinzen zu

fesseln. Man sagt, sie sei aus Paris oder sonstwo ganz in der Stille

angekommen und lebe hier im Verborgenen. Das Wunderbarste dabei

ist freilich, wie und wo sie der Prinz kennen gelernt hat, und man

zerbricht sich darüber die Köpfe, ohne doch eine Erklärung zu finden.«

»Ich kann es mir denken; denn diese Liaison ist auch wirklich unter

ganz besonderen Umständen angeknüpft worden,« entgegnete die Baronin

lächelnd und selbstgefällig. »Ich erfuhr darüber durch eine Freundin

Mancherlei, was ich vielleicht weiter sprechen dürfte. -- Es soll also

Alles unter uns Drei bleiben?« fragte sie.

»Gewiß, liebste Baronin, und ich sehe nicht ein, was Sie wagen,

sich des Fürsten Dank zu verdienen? -- Früher oder später würde

er diese Geschichte doch immer erfahren, und so ist es jedenfalls

für Sie vortheilhafter, wenn er sie von Ihnen erfährt. Von meiner

Verschwiegenheit sind Sie hoffentlich überzeugt.«

»Ich bin es, mein Freund, und glaube überdies, daß mich die Pflicht

gegen den Fürsten der Rücksicht gegen den Prinzen überhebt.«

»Das darf gewiß nicht bezweifelt werden!« versicherte Boisière, und die

Baronin fuhr fort:

»Ich habe dem Prinzen allerdings das tiefste Schweigen gelobt; doch

vertraue ich des Fürsten und Ihrer Discretion, mein Freund, und so

hören Sie denn.«

Mit wenigen Worten theilte sie ihm alsdann das uns bereits Bekannte mit.

»Der Fürst,« schloß sie, »wird sehr überrascht sein, zu erfahren, daß

nicht eine vornehme Dame, sondern ein einfaches Naturkind den Prinzen

in so hohem Grade zu fesseln wußte.«

Der Chevalier hatte ihrer Mittheilung mit gespannter Aufmerksamkeit

gelauscht; als sie endete, bemerkte er lachend:

»Also eine Liaison =à la Louis quatorze=! Ich habe so etwas von dem

Prinzen erwartet. Die vornehmen Damen hatte er längst satt, ich habe

es bemerkt, da konnte ein solcher Rückschlag nicht ausbleiben. Chacun

à son goût! Das ist die Parole! Ich bin überzeugt, daß das, was den

vornehmen Damen nicht gelang, diesem Mädchen gelingen wird. Sie

werden es erleben, meine theure Baronin, daß sich der Prinz wirklich

in das Mädchen verliebt, wenn es nicht schon geschehen ist, und sie

von ungeheuerm Einfluß auf uns Alle werden kann! =Voilà tout!= Ein

Landmädchen! Diese Nachricht wird dem Fürsten große Freude bereiten,

da alle die Unbequemlichkeiten und Rücksichten, welche eine Liaison

mit Damen aus der bessern Gesellschaft bedingen, in diesem Fall nicht

in Frage kommen. Passen Sie auf, liebste Baronin, diese Art Liebschaft

wird viele Nachahmer finden, und kommt dergleichen erst in Mode, so

werden die Landmädchen im Preise steigen!«

Und er lachte mit Behagen.

»Sie werden mich nicht verrathen, liebster, bester Freund,« bat die

Baronin.

»Mein Wort zum Pfande! Warum sollte ich es auch? Dafür werden schon

Andere sorgen. Also kein Bedenken. Aber ich gratulire Ihnen auch,

meine Freundin; denn der Fürst wird Ihnen sehr dankbar sein. Diese

Liaison wird ihm viel Vergnügen bereiten und seine ganze Billigung

finden, da sie so vortreffliche Wirkungen ausübt. Ueberdies ist sie

auch im Hinblick auf den Wunsch des Fürsten hinsichts Ihres Sohnes

von großer Bedeutung; je fester der Prinz von den Fesseln seines

Landmädchens umsponnen wird, um so gerechtfertigter ist auch des

Fürsten Absicht. Ich wünsche Ihnen nochmals Glück!«

Also redete der Chevalier in der besten Stimmung und indem er der

Baronin Hand wiederholt an die Lippen führte; alsdann schied er, nicht

wenig stolz, Serenissimi so pikante Nachrichten überbringen zu können

und sich dessen Dank zu erwerben.

Seine Erwartungen wurden in der That nicht getäuscht. Der Fürst zeigte

sich nicht nur sehr zufrieden mit dem Vernommenen, sondern es erregte

auch seine besondere Heiterkeit, daß der Prinz sich in eine solche

idyllische Liebe zurück gezogen hatte.

»Es ist gut ~so~,« bemerkte er. »Dergleichen niedere Personen gewinnen

keinen Einfluß bei Hofe, da ihnen Interessen dieser Art ganz unbekannt

sind. Ohne Ehrgeiz und Ansprüche, sind sie durch ihre glänzende Lage

vollkommen zufrieden gestellt, und man kann sie überdies nach Belieben

seiner Zeit bequem beseitigen. So käme uns diese Angelegenheit denn

sehr nach Wünschen, und was Sie mir über den Baron mitgetheilt haben,

läßt mich an einem guten Erfolg nicht zweifeln. -- Der Prinz,« fuhr er

nach einer Pause fort, »darf in seiner Schwärmerei durchaus nicht durch

aufdringliche Neugier gestört werden; je länger diese Liebschaft währt,

um so besser. Von meiner Seite soll nichts geschehen und ich will

thun, als ob ich nicht die geringste Kenntniß davon besäße; doch kann

es nichts schaden, wenn Sie derselben im Geheimen Ihre Aufmerksamkeit

zuwenden, damit ich stets über Alles unterrichtet bin. Im Uebrigen

reinen Mund, Chevalier. Versichern Sie die Baronin meiner Gnade für

den mir geleisteten Dienst und beruhigen Sie sie hinsichts der von ihr

besorgten Indiscretion. -- Ja, ja,« schloß der Fürst lachend, »eine

Liaison =à la Louis quatorze=! Die schöne Gabriele und ihr königlicher

Schäfer! Nun, man darf des Prinzen Geschmack nicht tadeln. Die

Waldblume bleibt, obgleich sie auch nur im Walde aufblühte, doch immer

eine Blume!«

Lachend entließ er den Chevalier, der seinerseits von diesem Augenblick

an bedacht war, die besten Wege aufzufinden, sich die von dem Fürsten

gewünschten Aufklärungen über des Prinzen Liebschaft zu verschaffen.

Diese Angelegenheit hatte einen ganz besondern Reiz für ihn, und mit um

so größerem Vergnügen ging er an seine Thätigkeit.

Zweites Kapitel.

Die ersten Schneeflocken senkten sich aus dichtem Gewölk sanft auf

die Erde nieder, durch keinen Luftzug gestört, hafteten hin und her

an, um bald zu zerfließen oder sich an einem kälteren Gegenstand als

Winterzeichen zu behaupten. Die der Erde fernstehende Sonne vermochte

die Wolken nicht zu durchdringen, noch auch ihr freundliches Licht

geltend zu machen; es war ein recht trüber, melancholischer Tag.

Sidonie saß allein in ihrem Gemach und entlockte der in ihren Armen

ruhenden Harfe die letzten Töne eines Musikstücks, das sie soeben

beendete. Leise vertönten die traurigen Accorde; sie lehnte das Haupt

gegen das Instrument und verlor sich in trüben Gedanken. Fast drei

Wochen waren nun schon über den von dem Grafen zu seiner Rückkehr

bestimmten Zeitpunkt dahin gegangen, ohne daß er sein Versprechen

erfüllt hatte.

Allerlei Zweifel und Bedenken waren in Folge dieses Fernhaltens in

ihr aufgestiegen. Wie nahe lag die Besorgniß, der Graf erachte es

vielleicht wie früher für besser, sein Versprechen nicht zu halten und

Sidonie so allmälig an den Gedanken seiner dauernden Entfernung zu

gewöhnen.

Wie sehr litt sie unter dieser Vorstellung, obgleich sie sich nicht für

berechtigt erachtete, dem Geliebten darum einen Vorwurf zu machen.

Durfte sie denn verlangen, daß er ihr sein Leben opferte und die sich

ihm darbietenden angenehmen Stunden für so Geringes austauschte, was

sie ihm dafür zu bieten vermochte? -- Nein, nein, das konnte und wollte

sie nicht. Dann fiel es ihr wieder ein, der Graf könnte, von seinen

Verwandten gedrängt, vielleicht auch durch eine schöne Dame veranlaßt,

an eine Vermählung denken. -- -- Er war der älteste Sohn der Familie

und hatte Rücksichten auf diese zu nehmen. Sie erbebte, aber nur für

einen Augenblick, alsdann schalt sie sich wegen dieser Besorgnisse, die

den Geliebten beleidigen mußten. Doch was ersinnt sich nicht Alles das

zagende, unglückliche Herz, um sich zu beruhigen und zu quälen.

Ihren Mund umspielte ein süßes Lächeln; sie erwog, daß der Graf, hätte

er sich vermählen wollen, dies dann wol schon in den verflossenen

Jahren gethan haben würde, und der Gedanke schmeichelte sich in ihre

Seele, daß ihre Liebe ihm genüge und genügen würde sein Leben lang.

Hatte sie es nicht schon früher von seinen eigenen Lippen vernommen?

-- Sie war eine Thörin, sich mit dergleichen üblen Vorstellungen und

Zweifeln zu quälen. Warum sollte er auch fern bleiben? -- Gestattete

ihre unabhängige Lage nicht einen ungezwungenen Verkehr mit ihm, der

zu süß und beglückend war, um ihm nicht zu genügen. Auch durfte er

ihretwegen nichts mehr befürchten. Vereinsamt und kaum beachtet lebte

sie; Niemand kümmerte sich um ihr Thun, und so durften sie sich an

einander ohne Sorge erfreuen.

Obwol diese Betrachtungen angenehmer Art waren, vermochten dieselben

dennoch ihre trübe, nachdenkliche Stimmung nicht aufzuheben. Ihr

Gesichtsausdruck verrieth dieselbe, in welchem sich der eingewohnte

Schmerzenszug jetzt mehr denn sonst geltend machte.

Sie wurde ihrem trüben Nachsinnen durch die Meldung entzogen, daß Baron

Mühlfels ihr aufzuwarten wünsche. Sie erinnerte sich, ihm vor einiger

Zeit einen Auftrag wegen eines Künstlers gegeben zu haben, und in der

Voraussetzung, er wolle ihr darüber berichten, ließ sie ihn sogleich zu

sich führen.

»Ich bin so glücklich, Eurer Hoheit mittheilen zu können, daß der von

Ihnen gewünschte Künstler innerhalb eines Monats hier anlangen wird

und sich hochgeehrt fühlt, Eurer Hoheit mit seinen Diensten alsdann

aufwarten zu dürfen,« berichtete Mühlfels, nachdem er die Prinzessin

hochachtungsvoll begrüßt hatte.

»Das ist eine erfreuliche Nachricht, lieber Baron, und ich danke Ihnen

bestens dafür. Meine Soiréen werden dadurch um einen wesentlichen Genuß

vermehrt werden, was mir ungemein lieb ist. Sie haben wol mancherlei

Mühe dieserhalb gehabt?« entgegnete Sidonie in dem ihr natürlichen

herzlichen Ton.

Mühlfels blickte die Prinzessin mit dem Ausdruck tiefster Ergebenheit

an, die jedoch auch zugleich eine Deutung zärtlicher Empfindungen

gestattete. Ihm entging ihr Trübsinn nicht, und theilnahmsvoll

entgegnete er:

»Wie beglückt würde ich mich fühlen, wäre es mir gestattet, mein

ganzes Leben dem Dienst Eurer Hoheit zu weihen! O, wie sehr beklage

ich es, so wenig zur Erheiterung Ihres betrübten Herzens beitragen zu

können!«

Durch diese Versicherung angenehm bewegt, entgegnete Sidonie freundlich:

»Ich danke Ihnen für Ihre Ergebenheit und erinnere Sie, daß es uns

schon genügt, bei unseren Freunden so gute Gesinnungen voraussetzen zu

dürfen. Diese gelten statt der That.«

»Eine wahre Gesinnung verlangt aber auch die Handlung, den Zeugen ihres

Lebens; sie allein vermag denjenigen nicht zu befriedigen, der sein

höchstes Glück in der vollsten Hingabe an seine Gebieterin findet!«

fiel der Baron mit Wärme ein, indem sein Auge dasjenige der Prinzessin

suchte und darin forschte.

Sidonie blickte nachdenkend zu Boden; sie gedachte bei Mühlfels’

Worten des Grafen, der ja in ähnlicher Weise zu ihr gesprochen hatte,

und gab dem Baron darum in ihrem Herzen Recht. Sie vermochte nicht

sogleich die Antwort zu finden, und Mühlfels deutete ihr Schweigen und

nachdenkliches Wesen für eine gute Wirkung seiner Worte, und beeilte

sich, im obigen Ton fortzufahren:

»O, dieses Verlangen, gnädigste Prinzessin, wird um so heftiger, wenn

wir Diejenigen, denen unsere tiefste Verehrung gehört, ein freudloses

Dasein führen sehen. O, bedenken Hoheit, wie sehr die leiden müssen,

die mit solchen Empfindungen erfüllt, sich dennoch nur zu einem

Mitleiden verurtheilt sehen, obwol ihr Herz sie drängt, ihr Leben für

ein Lächeln der Verehrten hinzugeben!«

Sidonie blickte wohlwollend auf ihn. In seinem Ausspruch klangen ihr

ja auf’s Neue des Geliebten Worte wieder; denn also hatte auch er

einst gesprochen, und so that ihr Mühlfels’ Wärme wohl, obwol sie

dadurch überrascht wurde, da sie dergleichen Empfindungen bei ihm nicht

erwartet hatte. Nach kurzem Zögern entgegnete sie mit mildem Ton:

»Ich muß Ihnen beistimmen. Denn es däucht mir natürlich, daß wir

diejenigen, die wir in unser Herz geschlossen haben, auch ganz

glücklich sehen möchten; ist das doch eine Nöthigung unserer Gefühle.

Können und dürfen wir jedoch stets dieser folgen? Entbehren und

Verzichten ist ja einmal das Loos der Menschen!«

»O hegen Sie diesen Glauben nicht, Prinzessin! Er ist zu niederdrückend

und obenein unbegründet! Nicht zum Entbehren ist Jugend und Schönheit

geschaffen, sondern zum vollsten Genuß des Lebens. Nur der Schwache

und Furchtsame entbehrt im Gefühl seiner Machtlosigkeit; ihm mangelt

die wahre Leidenschaft; der Muthige jedoch weiß die Schranken zu

durchbrechen, die ihn von seinem Glück fern halten!«

Die Prinzessin schaute ihn betroffen an; seine Worte paßten auch jetzt

wieder zu ihrem eigenen Verhältniß, ja sogar zu ihrer gegenwärtigen

Lage, so daß sie auf den Gedanken geleitet wurde, der Baron sei mit

ihrer Liebe bekannt und bedacht, sie zu ermuthigen und zu trösten.

Prinzessin Sidonie (Band 2/3) · 第 1 / 13 段