Mit festem Druck umspannte er ihre Hand. »So komm!«

Ein paar Schritte ließ Karlin sich von ihm führen; ehe der Pfad um die

Ecke des Waldes lenkte, blieb sie stehen.

»Komm, Linerl!«

»Laß mich noch a bißl schauen!«

Mathes legte den Arm um ihre Schultern. So standen sie schweigend

und blickten zum Kirchhof hinunter, auf dessen Gräbern sich die

eisernen Kreuze wie dünne schwarze Striche zwischen Grün und Blumen

unterschieden.

Tief atmend trocknete Karlin ihre Tränen. Dann stiegen sie Hand in Hand

über den steilen Hang empor, vom warmen Gold der Sonne umleuchtet. Die

Drosseln schlugen in den Haselnußbüschen, und die Luft war erfüllt von

dem Wohlgeruch, der dem frischen Heu entströmte.

Es wollte schon Abend werden, als sie das einsame, verlassene Gehöft

erreichten. Das kleine Haus, in dem ihr Glück sich heimisch machen

sollte, lag vor ihnen wie eine öde Ruine; die Mauern brüchig, das Dach

verschoben, die Fenster ohne Kreuzstöcke, der Eingang ohne Tür und

Balken. Wie ein Schuttfeld waren Hof und Garten anzusehen, übergossen

von Geröll und schweren Steinen.

Dennoch hingen ihre Augen mit leuchtendem Blick an dem kahlen Gemäuer.

Ihre Herzen sahen, was hier werden sollte. In Karlins Seele erwachte

bei jedem Schritt ein Gedanke an die Kinderzeit, und diese Erinnerung

belebte alles, was verwüstet vor ihren Füßen lag.

Als sie die öden Räume durchwandert hatten und wieder ins Freie traten,

nahm Mathes den Zollstab aus der Tasche und maß die Lichtung der

Fensterhöhlen. »Gleich morgen fang ich mit die Kreuzstöck an und laß

vom Glaser d' Scheiben einschneiden. Weißt, damit's nimmer einiregnet

in d' Stuben. Sonst fangt der Fußboden 's Faulen an.«

»Ja! Und ich mach mich gleich über'n Garten her!« sagte Karlin. »Da

müssen d' Steiner ausklaubt werden, eh man noch mit der Schaufel

anfangt.« Sie legte ihr Bündel nieder, hob einen schweren Stein vom

Boden auf und trug ihn zu der aus Felsbrocken aufgeschichteten Mauer,

die sich um den Garten zog. Als sie den zweiten holen wollte, der

so gewichtig war, daß sie ihn kaum von der Erde emporbrachte, rief

Mathes: »Geh, Linerl, der is dir z'schwer! Den laß für mich!« Er kam

gesprungen, nahm ihr den Stein aus den Händen und trug ihn zur Mauer.

Nun sammelte Karlin das minder grobe Geröll, während Mathes sich mit

den großen Brocken schleppte.

So begannen sie den Bau ihres Glückes. Bei dem Eifer, mit dem sie

schafften, gewahrten sie nicht, daß die Sonne zur Ruhe ging.

Drunten im Tal wurde der Abendsegen geläutet, und im dämmerigen Blau

der Höhe blitzten die ersten Sterne wie feine, glühende Nadelspitzen.

Fußnoten:

[1] Lehm.

[2] Das Gebet ist entnommen aus »Perlen der Andacht«, eine Auswahl

katholischer Gebete; Passau, Verlag von Georg Primbs & Comp.

[3] Raphael.

Der laufende Berg · 第 60 / 60 题