Mit den letzten Tagen des März war der Schnee im Tal so weit
geschwunden, daß man die Arbeit auf den Feldern beginnen konnte. Die
Lenden mit der weißen Samenschürze umgürtet, schritt Mathes einen Tag
um den anderen vom Morgen bis zum Abend durch die frischgebrochenen
Ackerfurchen und streute den Samen in Purtschellers Erde.
Das Säen ist eine Kunst. Manch ein Bauer wird alt, ohne sie zu lernen.
Es gehört eine ruhige und achtsame Hand dazu, um für jeden Wurf das
richtige Quantum Körner aus der Schürze zu fassen, nicht zu groß und
nicht zu klein. Und gleichmäßig muß der gestreute Same über die lockere
Krume fallen; nicht zu spärlich, da sonst die Ernte mager wird, und
nicht zu dicht, da sonst die Halme sich drücken und taube Ähren treiben.
Mathes verstand sich auf diese Kunst. Häufig hielten die Bauern
auf den Nachbarfeldern in der Arbeit inne, um dem jungen Sämann
nachzuschauen: wie ruhig er einen Schritt vor den anderen setzte, und
wie schön zerteilt von seiner streuenden Hand der Same rieselte.
Als er wieder einmal das Ende des langen Feldes erreichte, nickte ihm
ein alter Bauer freundlich zu: »Heuer wird er lachen können, der Herr
Purtscheller, wann er im Sommer seine Felder anschaut!«
Mathes füllte aus dem großen Sack, der am Rain des Ackers stand, die
leergewordene Schürze. Zog das Gewicht des Samens an seinen Schultern?
Mathes ging gebeugt. Sein Körper richtete sich auch nicht auf, als die
Schürze wieder leicht und leer wurde.
Doppelte Sorge bedrückte ihn.
Wohl lagen die Halden der Simmerau noch halb im Schnee, aber der
gefrorene Boden begann schon aufzutauen, das rieselnde Schneewasser
verschwand in allen Schrunden des zerklüfteten Berghanges, und
deutlich konnte Mathes das Rauschen der aus dem Innern des Berges
hervorströmenden Bäche hören, deren Wassermenge mit jeder Sonne
wuchs. Vor drei Tagen, als Mathes zu den Seinen in die Simmerau
hinaufgestiegen war, hatte der Vater gesagt: »Heut in der Nacht hab ich
gspürt, wie 's ganze Häusl zittert hat. Jetzt fangt er wieder an, der
Berg.«
»Tu dich net sorgen, Vater! In drei Tag bin ich mit'm Haberbau fertig
und komm, daß ich helfen kann.«
»Ja, Bub! Vergelts Gott! Soviel Angst hab ich vor'm Fruhjahr! 's Wasser
sollt halt in d' Höh steigen aus die untrischen Gäng! Eh kriegen wir
kein' Fried. Gelt tu dich bei der Saat a bißl tummeln.«
»Richtige Saat braucht Zeit!«
»Ja, ja! Is wahr! Aber meinst net, daß d' länger brauchst als drei Tag?«
»Na, Vater!«
»Gott sei Lob und Dank!«
Nun waren die drei Tage vergangen, und Mathes streute den Samen über
das letzte Feld. Als die Elfuhrglocke läutete, gingen die Bauern, die
auf den anderen Äckern bei der Arbeit waren, zur Mahlzeit heim. Mathes
blieb. Wenn er diese Stunde verlor, konnte er bis zum Abend mit der
Saat nicht fertig werden. Sinnend sah er, während er durch die Furche
schritt, dem lautlosen Fall der Körner zu. Für wen würde aus dieser
Saat die Ähre wachsen? Für wen die Ernte reifen?
Daß er auf diese Frage keine Antwort fand, das war die andere Sorge,
die ihn drückte.
Er hatte sich krumm gearbeitet in diesem Winter. Was half es? Wohl
nahm die Wirtschaft ihren geregelten Gang, und die Einkünfte wuchsen
mit jedem Monat. Aber was Mathes mühsam aufbaute, warf Purtschellers
Leichtsinn wieder über den Haufen. Man wußte schon im ganzen Dorf
von dem Geschäft, das Purtscheller im November abgeschlossen hatte:
die alte Hypothek war getilgt worden, zehntausend hatte er bar auf
die Hand bekommen, und jetzt lag eine Hypothek von achtzigtausend
auf dem Purtschellerhof. Und jene zehntausend, von denen Zäzil die
ersten zwanzig Mark davongetragen hatte? Fast die Hälfte war für
den Ankauf des neuen Trabers aufgegangen, der Rest war lustig durch
Purtschellers Finger gerollt. Seit dem Fasching war er schon wieder in
der Klemme, ließ sich Vorschüsse von den Händlern geben und suchte Geld
aufzutreiben. Daß es bei diesen Bohrversuchen nicht immer sprudelte,
das steigerte seine jähzornige Reizbarkeit in solchem Grad, daß Karlin
und die Leute im Haus kaum mehr ein Auskommen mit ihm fanden. Wer
die junge Frau betrachtete, dem mußte der Anblick ihres abgehärmten
Gesichtes ins Herz schneiden. Ihre schlimmste Zeit war jene Woche
gewesen, in welcher Purtscheller mit verbundenem Kopf das Zimmer hatte
hüten müssen. Bei einer Trainingfahrt hatte ›Lüftikus‹ den Gig mitsamt
dem Trainer über die Straßenböschung in den Bach hinuntergeworfen.
Purtscheller war, wenn es um seinen heiligen Leib ging, sehr
wehleidiger Natur. Das ganze Haus atmete auf, als er den ersten Ausgang
machte. Nun hatte auch Karlin wieder ruhigere Tage; vom Morgen bis zum
Abend war Purtscheller unsichtbar; freilich, wenn er in später Nacht
bekneipt nach Hause kam, weckte seine jähzornige Stimme alle Schläfer
im Haus. Nur bei ~einem~ war das Wecken überflüssig. Der schlief
nicht. Und als die junge Frau nach solch einer Nacht am Morgen in den
Hof kam, sah Mathes ein bläuliches Mal an ihrer Schläfe.
Er wurde bleich. »Karlin?« Zum erstenmal hatte er die gewohnte Anrede
vergessen. Dann fragte er: »Is Ihnen was passiert, Frau Purtschellerin?«
Heiße Röte huschte über ihre vergrämten Züge. »A bißl angstößen hab ich
mich, am Kasten, in der Finsternis.« Noch während sie sprach, hatte sie
sich abgewandt und war ins Haus getreten.
Nach ein paar Tagen war das häßliche Zeichen vergangen. Aber wenn
Mathes bei der Arbeit an Karlin dachte, konnte er sich ihr Gesicht
nicht mehr anders vorstellen, als immer mit diesem Mal. So sah er sie
auch jetzt, während er durch die Furche schritt und sich bei jedem
Samenwurf fragte: Was soll aus ihr werden? Aus ihr und ihrem Kind? Wenn
kommt, was kommen muß: Purtschellers Ruin und die Gant seines Hofes?
Von Süden wehte ein linder Hauch über die kahlen Samenfelder, warm und
befruchtend. Mathes fühlte ihn und blickte auf, als hätte er Sorge, daß
der Föhn käme. Doch der Himmel war sonnig und blau. Am Saum des nahen
Wäldchens schlug eine Drossel, und in das eintönige Rauschen der Bäche,
die aus den Höhlen des laufenden Berges rannen, klang vom Dorf herüber
das Hammertrio der Daxenschmiede.
Die Sonne begann zu sinken. Ein Abend, lau und windstill, leuchtend in
allen Farben. Gegen fünf Uhr wurde Mathes fertig mit der Saat. Am Rain
des Ackers stehend, nahm er den Hut ab und drückte ihn an die Brust.
»Lieber Herrgott, leg dein' Segen drauf!« Dann hob er den Sack mit dem
Rest des Samens auf die Schulter und trat den Heimweg an. Als er bei
einer Hecke vorüberkam, spürte er den Duft der ersten Veilchen. Er
pflückte die kleinen Blüten, die halb noch Knospen waren, und steckte
sie hinter das Hutband.
Auf der Straße vor dem Purtschellerhof begegnete ihm Karlin, die den
Tonerl an der Hand führte, damit das Kind den schönen Frühlingsabend
und die linde Luft genießen möchte.
»Guten Abend, Frau Purtschellerin!« sagte Mathes, ohne den Schritt zu
verhalten.
Da fiel ihr seine gebeugte Haltung auf. Als er schon vorüber war,
fragte sie beklommen: »Mathes? Tragst denn so schwer?«
Er blieb stehen und schüttelte den Kopf. »Bloß an halben Metzen. Den
hab ich sparen können bei der Saat.«
In Sorge betrachtete sie sein Gesicht. »Tust net a bißl gar z'viel
schaffen? So viel müd schaust aus!«
»Ah na! Dös hab ich so im Fruhjahr. Die ganzen Jahr her hab ich's
allweil so ghabt. Dös vergeht schon wieder.« Er hatte den Sack zu Boden
gestellt und die Veilchen vom Hut genommen. Sich niederbeugend, gab er
dem Kind die Blumen, roch an ihnen und stellte sich, als müßte er von
der Stärke ihres Duftes niesen. »Hazzi!«
Das gefiel dem Bürschl; eifrig grub es sein Näschen in die Blumen und
machte: »Hazzi!«
Lächelnd nahm Mathes den Sack wieder auf. »Pfüe Gott, Frau
Purtschellerin!« Er ging davon.
Karlin strich die losen Härchen hinter das Ohr und sah ihm nach.
Als Mathes den Hof betrat, stand Purtscheller, für die Jagd gekleidet
und die Schrotflinte auf dem Rücken, vor einer Stalltür und schwatzte
mit Zäzil. Die Magd schien ihren Herrn auf die Heimkehr des Knechtes
aufmerksam zu machen; er blickte über die Schulter; dann sagte er dem
Mädel ein leises Wort und ging auf das Tor zu.