Mathes lächelte. »Was fehlt dir denn?«

»So a Fieber hab ich, so a gspassigs! Net krank bin ich und net gsund!«

Schnaufend betrachtete er den Rücken seiner rechten Hand. Das war ihm

zur Gewohnheit geworden: nachdenklich die Narben jener Kratzwunden zu

studieren. Die Schrunden, die in der Brandnacht die Mauerbrocken in

sein Gesicht gerissen hatten, waren spurlos verheilt; nur diese drei

feinen, weißen Linien auf seiner Hand wollten nicht verschwinden.

Als die Pferde beschlagen waren und Mathes sie aus der Werkstatt

führte, sagte er: »An die Sonntagnachmittag bin ich allweil droben bei

meine Leut. Magst net amal auffikommen auf an Plausch?«

»Na! Ich dank schön. Da droben geht mir der Wind z'kalt!« Schorschl

winkte gegen die Esse. »Ich bin's warme Fuier gwöhnt. Die schneidigen

Lüftln vertrag ich net.«

Draußen im Hof blieb Mathes wieder stehen. »Du? Schorschl? Is wahr, was

d' Leut reden?«

»Was reden s' denn?«

»Daß dir der Zillerlenz sei' Tochter hat antragen lassen?«

»Da weiß ich nix davon.« Geärgert kehrte Schorschl in die Werkstatt

zurück und nahm die Arbeit wieder auf. Daß er gelogen hatte, schien

sein Gewissen nicht sonderlich zu drücken. Es verhielt sich wirklich

so: der Zillerlenz, dem das aufblühende Geschäft in die Augen stach,

hatte den alten Rufel als ›Hochzeitsschmuser‹ in die Schmiede

geschickt. Schorschls Antwort war kurz und bündig gewesen. »Von die

Weibsbilder mag ich nix wissen. Da hab ich meine Erfahrungen gmacht.«

Er hatte seine Hand betrachtet und mit der Zunge über die weißen Narben

gestrichen. »Die einzig, mit der ich auskomm, is die Bäckenmahm. Mit

der bin ich z'frieden.«

Zu dieser Zufriedenheit hatte er Ursache. Kurz vor den Weihnachtstagen

hatte sich die Bäckin vom Krankenbett erhoben, hatte ihre Gesundheit

wiedergewonnen und fast einen Zentner an Fett verloren. Als Schorschl,

um dieses magere Wunder zu konstatieren, die Mahm in der Werkstatt auf

die große Eisenwaage setzte, wog sie ~nur~ zweihundertsechzig

Pfund. In der Freude über diese körperliche Erleichterung verschmerzte

sie gern den schweren Verlust, den die Brandnacht ihr gebracht hatte.

»Wie a Federl komm ich mir für«, sagte sie mit Lachen, »wie a Federl

so leicht!« Es wurde für sie eine Art von Sport, die engsten Türen

aufzusuchen und sich schief durchzuschmiegen, ohne mit der Jacke an den

Pfosten anzustreifen. Bei dieser ›Federleichtigkeit‹ konnte sie ihrem

Neffen danken, was er für sie getan hatte. Emsig wackelte sie zwischen

Stube, Werkstatt und Küche hin und her, überwachte die Zubereitung

aller Mahlzeiten und begann ihr ›Schorscherl‹ auf eine Weise zu

verhätscheln, daß die Gesellen darüber ihre Späße machten. Aber nicht

nur für das ›Schnaberl‹ des Daxenschmiedes sorgte die Bäckenmahm.

Sie kassierte für ihn die Gelder ein, führte Buch über Einnahmen und

Ausgaben, brachte alle Räume des Hauses in freundlichen Stand, hielt

Schorschls Kleider in Ordnung und füllte durch fleißige Näharbeit alle

Lücken des gähnenden Wäschekastens. Am Morgen des Lichtmeßtages konnte

sie Schorschl vor den Schrank führen, in dem die weißen Leinwandstöße

mit blauen Mascherln gebunden und so eng aneinander gerückt waren, daß

kein Stück mehr Platz gefunden hätte. »Schau dir's an, dein Kasterl!

Fix und fertig liegt alles da. Gleich morgen kannst heiraten!«

»Geh, laß mich aus!« brummte Schorschl in der ersten Verblüffung. »Für

was denn söllene Sacherln! Ich bin doch kein Madl net. Zwei Hemeder,

eins zum Anziehen und eins zum Waschen, dös wär gnug für mich gwesen.

Und vom Heiraten red mir gleich ~gar~ net!« Ärgerlich ging er zur

Tür, kehrte wieder um und drückte seiner mager gewordenen Bäckin die

Hand. »No ja, ich dank dir halt schön! Aber mit'm Heiraten laß mich

aus!«

Das versprach sie. Aber schon nach wenigen Tagen begann sie ihm die

Mitgift zu rühmen, welche die Tochter des Berghofbauern zu erwarten

hätte.

»Hörst net auf!« schimpfte Schorschl. »So a Putzgredl, so a schieche!

Zahnlucken hat s' wie Ofenlöcher!«

In der Woche darauf konnte die Mahm ihrem Schorscherl nicht genug

erzählen, wie gut ihr das Bürgermeistermädel gefiele.

»Was? Dös Krisperl, dös dürre! An der ihre Knöcherln soll sich an

andrer die Zähn ausbeißen! Jetzt hab ich ~dich~ allweil angschaut,

jetzt bin ich ans Runde gwöhnt.«

Trotz dieser Mißerfolge schmiedete die Bäckenmahm neue Pläne. Sie

war so ehrlich für das Wohl ihres ›Schorscherl‹ bedacht, daß sie ihr

eigenes Schicksal in zweite Reihe setzte. Auch hatte sie für diesen

Fall schon ihr Plänchen fertig. Wohl war sie durch den Brand um

ihre schönen, vierprozentigen Pfandbriefe gekommen. Aber es war ihr

doch der Bauplatz geblieben, der große Garten und die Lizenz für das

Bäckergeschäft, die als Recht auf dem Grundstück lag. Dafür hatte man

ihr dreitausendfünfhundert Mark geboten; sie wollte viertausend haben

und hatte Zeit, zu warten, bis der richtige Käufer kam. Dann konnte

sie sich im Garten der Daxenschmiede, um ihrem ›Schorscherl‹ recht nah

zu sein, ein Häuschen mit zwei Stuben und einer Küche bauen. Durch

Verbriefung dieser Erbschaft wollte sie sich in Schorschls Hausstand

für freie Verpflegung einkaufen bis an ihr seliges Lebensende. »Gott

verhüt's noch lang!«

Als im März der Talschnee zu schmelzen begann und linde Tage kamen,

ließ sich die Bäckenmahm in warmen Stunden den Lehnstuhl unter

das offene Tor der Werkstätte stellen, und wenn sie nicht für ihr

›Schorscherl‹ zu flicken hatte, nähte sie an den Leinwandvorhängen für

die Fenster ihres Häuschens, zu dessen Bau die Ziegel noch gar nicht

gebrannt waren. Und da sah sie eines Tages die Simmerauer-Vroni mit dem

Henkelkorb vom Krämer kommen. »He! Du!« rief die Bäckenmahm. »Geh, kehr

a bißl ein auf a Plauscherl!«

Vroni schien wie mit Taubheit geschlagen, machte flinke Schritte und

verschwand um die Straßenecke.

Prüfend hatte die Bäckenmahm ihr nachgesehen. »Sapperlot! Is dös Madl

aber sauber! Dahermarschiert s', als hätt s' Federn unter die Schuh!

A Gsicht wie der Apfel an Michäli! Die Zöpf liegen ihr droben wie a

Krönl! Feingwachsen wie a Zwiefelröhrl und doch schön ~rund~, wie

er's gwöhnt is jetzt!« Sie beugte sich vor und lugte in die Schmiede,

aus welcher der Taktschlag der drei Hämmer tönte: klingeling kling,

klingeling kling! »Vielleicht tät ihm ~die~ gfallen?« Lächelnd

rief sie: »Schorscherl!« Sie mußte ein paarmal rufen, bis er den Hammer

niederlegte und kam. »Du? Was tätst denn zur Simmerauer-Vroni sagen?«

»Himmel sakra!« fuhr Schorschl auf, als hätte ihm die Bäckenmahm ihre

Nähnadel ins Herz gebohrt. »Wirst mir net bald mei' Ruh lassen?«

Der laufende Berg · 第 43 / 60 题