Silberne Fäden, schimmernd in der Morgensonne, gaukelten durch die
stille Luft; langsamen Fluges kamen sie aus dem Tal heraufgezogen,
in dessen sonniger Tiefe das Dorf mit seiner Kirche und den hundert
Häusern gleich einem weitschichtig ausgekramten Spielzeug zwischen
den herbstlich gefärbten Berghängen lag. Der vergoldete Knauf des
Kirchturmes strahlte in hellem Feuer, die alten Schindeldächer
schillerten wie silbergrauer Samt, und auf den neuen Häusern leuchteten
die frischen Ziegel wie Metall in der Rotglut. Die welkenden Obstbäume
waren anzusehen, als trügen sie keine Blätter mehr, nur eine Menge
kleiner, rotwangiger Früchte. Und Buche und Ahorn spielten zwischen
brennendem Gelb und tiefem Purpur.
Das gegen Süden blickende Berggehänge war von der Morgensonne
übergossen, das jenseitige noch von blauem Frühschatten unmwoben, und
über den Felswänden hoben sich die vom ersten Schnee überhauchten
Zinnen mit feinen Silberlinien in das wolkenlose Blau des Himmels.
Wie im Märchen die Gestalt der guten Fee von einem Zauberschleier
umflossen ist, so war dieses farbenschöne Bild der Landschaft
übersponnen von Flimmern und Geglitzer; das ging von den fliegenden
Fäden aus, die zu Tausenden die Luft durchgaukelten; bald waren es
nur winzige Dinger, die einem schwebenden Funken glichen, bald wieder
lange Fadenschlangen, welche stiegen und sanken, sich spielend rollten,
Schlingen bildeten und sich langsam wieder streckten. Alle Hecken und
Gesträuche waren überzogen von dem blitzenden Gespinst; auf den welken
Wiesen lag es umher und schimmerte; an kahlen Bodenstellen, von denen
der Rasen niedergebrochen war, glitzerten die weißen Fäden, als träte
pures Silber in feinen Adern aus der verwundeten Erde hervor; und an
ein Fichtengehölz, das einen seltsam müden Anblick gewährte, fast den
Anblick eines in Dürre sterbenden Waldes, war das leuchtende Gespinst
in solcher Menge angeflogen, daß die schräg durcheinanderstehenden
Fichten einer Schar geplünderter Weihnachtsbäume glichen.
Auf den offenen Halden lag, obwohl der Oktober schon begonnen hatte,
die Morgensonne mit linder Wärme. Doch im Schatten des Waldes hauchte
eine empfindliche Kühle, und an dem welken Kraut des Bodens hing noch
der graue Reif der vergangenen Nacht. Der Wald schien öde zu sein,
und dennoch herrschte in ihm eine merkwürdige Unruhe. Erregte Stimmen
klangen von den bewohnten Gehängen herüber. Dumpf widerhallten
zwischen den Bäumen die schweren Schläge, mit denen irgendwo auf den
Halden Pfähle in den Boden getrieben wurden, und überall im Walde ließ
sich ein Rauschen und Gurgeln vernehmen, wie von reichlich strömendem
Wasser.
Es hatte in der vergangenen Woche stark geregnet, und hoch droben in
den Felswänden schmolz die Sonne den früh gefallenen Schnee; aber
nirgends im Walde rann ein Tropfen, alle Wasserrinnen der Gießbäche
lagen trocken. Und dennoch dieses rastlose Gurgeln und Geriesel! Es
klang wie versunken, tief aus der Erde herauf.
Steine rollten, und zu dem lauten Hall, mit dem sie gegen die Stämme
schlugen, gesellte sich das Klirren eines eisenbeschlagenen
Bergstockes.
Über den Waldhang kam auf steilem Pfad ein Jäger herabgestiegen -- kein
Berufsjäger, sondern einer, der die Jagd zu seinem Vergnügen trieb; nur
der verwitterte Rucksack, der grüne Filzhut mit der Spielhahnfeder und
die schweren Nagelschuhe erinnerten an die landesübliche Jägertracht;
statt der Joppe trug er einen Flaus aus braunem Velvet, dazu eine
grüne Weste mit silbergefaßten Hirschgranen und eine graue Tuchhose,
die unter den Knien mit Ledergamaschen umschlossen war; eine neue
Expreßbüchse, die den Erlös eines Ochsen gekostet hatte, vollendete
die Ausrüstung dieses Bauern, der sich als Gutsbesitzer fühlte. Er
mochte einige Jahre über dreißig zählen, und man sah es ihm an, daß
er ein hübscher Bursch gewesen war; noch heute stand ihm der schwarze
Schnurrbart gut zu Gesicht, und ein Zug behaglichen Wohlwollens spielte
um den vollen Mund; die derben Wangen zeigten jene rötlichen Äderchen,
die an fleißig vertilgten Rotwein denken ließen, und die unruhig
schwimmenden Augen verrieten, daß Toni Purtscheller auch den Jähzorn zu
seinen Untugenden zählte.
Er hatte ein mühsames Niedersteigen; immer wieder fand er den Pfad von
klaffenden Spalten unterbrochen; wohin er den Fuß setzte, lag der Boden
locker und rutschte unter seinem Tritt; und rings um ihn her war aller
Grund in einer steten, leisen Bewegung; mit dem sachten Knirschen, das
aus der Erde quoll, mischte sich manchmal ein dumpfer Knall -- da war
unter dem Boden eine starke Baumwurzel entzweigerissen.
Eine breite, frisch geöffnete Kluft versperrte den Pfad, und
Purtscheller mußte einen Umweg machen. Als er den Steig wieder
erreichte, blieb er stehen, legte das Kinn auf den vorgestemmten
Bergstock und betrachtete den Wald. Einzelne Bäume waren schon
gefallen, viele standen schief und hingen mit den Wipfeln über Kreuz,
und an mancher noch aufrecht stehenden Fichte verriet ein rötlicher
Behauch der Nadeln, daß ihre Wurzeln seit geraumer Zeit schon außer
Nahrung waren.
»Da kann's noch a schöns Unglück absetzen! Der ganze Berg is im
Laufen!«
Mit sorgenvollem Unmut folgte sein Blick den gähnenden Bodenspalten
und glitt über die gestürzten und krankenden Bäume. Es war sein
eigener Wald, den er sinken und sterben sah. »Da verlier ich wieder
an ordentlichen Brocken Geld!« Eine Furche grub sich zwischen seine
Brauen, er schob verächtlich die Lippen vor und richtete sich auf. »Ah,
was! Der Purtscheller halt's aus!« Nun lächelte er wieder, folgte dem
Pfad und hörte zwei lustige Stimmchen. Verwundert gewahrte er zwischen
den schiefen Bäumen ein kleines Bürschl und ein noch kleineres Mädel,
die wie die Kinder armer Stadtleute gekleidet waren und unter Lachen
ein seltsames Spiel betrieben; sie suchten locker hängende Kanten des
Moosgrundes auf, kletterten auf die unterhöhlte Stelle, trampelten mit
den Füßen und schaukelten sich so lange, bis der Klumpen Erde mit ihnen
niederbrach. »Hopsala hüo!« schrien sie dann fidel, überkugelten sich,
von Sand umwirbelt, und sprangen lachend auf, um das Spiel von neuem zu
beginnen.
»Kinderln! Kinderln!« rief ihnen Purtscheller gutmütig zu. »Gebts
obacht! Der ganze Boden is lebendig. Da kann a Malör passieren, eh man
sich umschaut. Gscheid sein, Kinderln! Gscheid sein!«
Die beiden Knirpse standen verlegen, faßten sich bei den Händen und
machten scheue Augen. Kaum aber hatte Purtscheller den Rücken gewandt
und etwa hundert Schritt sich entfernt, da hörte er hinter sich schon
wieder den jauchzenden Kinderschrei: »Hopsala hüo!« Er schüttelte den
Kopf und lächelte. »Merkwürdig! Kein Unglück so groß, a Kind kann noch
Freud dran finden!« philosophierte er vor sich hin. »Kunnt's nur einer
's ganze Leben lang so halten, wie's die Kinder machen! Lachen zu
allem, was kommt! In jedem Schatten noch a Lichtl finden!« Er drehte
den Schnurrbart, als hätte er seine Freude dran, daß ihm ein guter
Gedanke gekommen war.
Noch deutlicher als im Walde zeigte sich auf dem offenen Berghang
das Bild einer rastlos fortschreitenden Zerstörung: alle Wiesen
verwüstet und überschüttet von kiesigem Erdreich, das aus höheren Lagen
niedergeglitten war; Hunderte von Rissen und Klüften zogen sich nach
allen Seiten; weite Strecken des ebenen Wiesengrundes waren senkrecht
zu tiefen Gruben eingesunken, und in diesen Löchern standen schlammige
Pfützen, aus denen quirlende Luftblasen aufstiegen.
Wirre Stimmen klangen. Über einen steilen, von Furchen durchrissenen
Wiesenhang sah Purtscheller ein Dutzend Leute emporsteigen, darunter
einige, welche schwarze Röcke trugen. »Natürlich! Die studierten Herrn
müssen ihre Nasen einistecken! Bin neugierig, was die auskochen.« Aus
dem Ton dieses Selbstgespräches klang ein zweifelhafter Respekt vor
den Männern der Wissenschaft. Aber in Purtscheller war die Neugier wach
geworden. Vielleicht gesellte sich dazu auch die Meinung: ›Wo um das
Wohl und Wehe des Dorfes geredet wird, muß ich dabei sein! Ich bin der
Purtscheller!‹ Er suchte die Leute einzuholen.
Es waren fünf Herren aus der Stadt, mit Brille oder goldenem Kneifer,
bejahrte Männer mit ernsten Gesichtern; sie hatten Pläne bei sich, in
die sie mit Farbstiften die Bewegungslinien des ins Laufen geratenen
Berghanges einzeichneten; drei Geometergehilfen waren mit Theodolit,
Meßlatte und Erdbohrer bei der Arbeit. Der Pfarrer des Dorfes, der
Bürgermeister und zwei Gemeinderäte begleiteten die Kommission, um die
knapp gestellten Fragen mit redseligem Eifer zu beantworten. Hinter
ihnen, als dreizehnter, folgte in bescheidener Entfernung ein alter
Bauer, um den sich niemand kümmerte. Er war nicht, wie die anderen,
aus dem Dorfe heraufgekommen; drüben auf einem nahen Wiesenhang stand
sein kleines Heimwesen, das der unheimliche Bergrutsch zu verschlingen
drohte. Als er die Herren gesehen hatte, war er von der Rettungsarbeit
weggelaufen, um ein Wort des Trostes zu hören, einen Schimmer von
Hoffnung für sein versinkendes Haus zu empfangen. Seine Kleidung
bestand aus einem mürben Rupfenhemd und einer blauen, verwaschenen
Leinwandhose, welche Häubchen an den Knien hatte und am Bund von
den Hosenträgern zu Zacken ausgezogen war. Arbeit und Jahre hatten
den müden Körper gebeugt. Die weißen Haare waren glatt in die Stirn
gestrichen -- ein von zahllosen Fältchen durchschnittenes Sorgengesicht
mit rotgeränderten, kummervollen Augen. Er hatte die dürren,
schwieligen Hände auf dem Rücken liegen und seine Finger zitterten.
Da klang hinter ihm die Stimme Purtschellers: »Grüß Gott, Simmerauer!
Was is denn da?«
Der Alte blickte auf. »Die gealogisch Kammissoni is da!« sagte er leis,
als könnte jedes laute Wort den wichtigen Vorgang stören.
»So, so?« Im Vollgefühl seiner Persönlichkeit ging Purtscheller auf
die Herren zu und lüftete den Hut. »Grüß Gott, ihr Herrn mitanander!
Fleißig bei der Arbeit, ja?«
Der Pfarrer dankte für den Gruß, der Bürgermeister und die beiden
Gemeinderäte zogen den Hut; von den fremden Herrn schien es keiner
zu beachten, daß sich die Gesellschaft um eine so bedeutungsvolle
Persönlichkeit vermehrt hatte; sie waren mit einer Erdprobe
beschäftigt, die der Bohrer aus dem Grunde gehoben hatte.
Purtschellers Gesicht färbte sich dunkelrot; diese Mißachtung seiner
Person hatte ihn beleidigt. Einer der Gemeinderäte merkte das und
wollte dem Purtscheller-Toni zu der ihm gebührenden Anerkennung
verhelfen. Aber die gelehrten Herren waren über den breinassen Lehm,
den der Bohrer gefördert hatte, in eine so lebhafte Debatte geraten,
daß sie für nichts anderes Ohr und Augen hatten.
Eine Weile kaute Purtscheller am Schnurrbart; dann wandte er der
Gesellschaft den Rücken; lachend, doch mit Ärger in der Stimme, rief er
über die Schulter zurück: »Gelt, Bürgermeister? Wann's ans Zahlen geht,
kannst mich auch auf der Seit stehn lassen! Mich geht ja die ganze
Gschicht nix an. Mein Haus und Hof is net in Gfahr.«