Erstes Kapitel

Silberne Fäden, schimmernd in der Morgensonne, gaukelten durch die

stille Luft; langsamen Fluges kamen sie aus dem Tal heraufgezogen,

in dessen sonniger Tiefe das Dorf mit seiner Kirche und den hundert

Häusern gleich einem weitschichtig ausgekramten Spielzeug zwischen

den herbstlich gefärbten Berghängen lag. Der vergoldete Knauf des

Kirchturmes strahlte in hellem Feuer, die alten Schindeldächer

schillerten wie silbergrauer Samt, und auf den neuen Häusern leuchteten

die frischen Ziegel wie Metall in der Rotglut. Die welkenden Obstbäume

waren anzusehen, als trügen sie keine Blätter mehr, nur eine Menge

kleiner, rotwangiger Früchte. Und Buche und Ahorn spielten zwischen

brennendem Gelb und tiefem Purpur.

Das gegen Süden blickende Berggehänge war von der Morgensonne

übergossen, das jenseitige noch von blauem Frühschatten unmwoben, und

über den Felswänden hoben sich die vom ersten Schnee überhauchten

Zinnen mit feinen Silberlinien in das wolkenlose Blau des Himmels.

Wie im Märchen die Gestalt der guten Fee von einem Zauberschleier

umflossen ist, so war dieses farbenschöne Bild der Landschaft

übersponnen von Flimmern und Geglitzer; das ging von den fliegenden

Fäden aus, die zu Tausenden die Luft durchgaukelten; bald waren es

nur winzige Dinger, die einem schwebenden Funken glichen, bald wieder

lange Fadenschlangen, welche stiegen und sanken, sich spielend rollten,

Schlingen bildeten und sich langsam wieder streckten. Alle Hecken und

Gesträuche waren überzogen von dem blitzenden Gespinst; auf den welken

Wiesen lag es umher und schimmerte; an kahlen Bodenstellen, von denen

der Rasen niedergebrochen war, glitzerten die weißen Fäden, als träte

pures Silber in feinen Adern aus der verwundeten Erde hervor; und an

ein Fichtengehölz, das einen seltsam müden Anblick gewährte, fast den

Anblick eines in Dürre sterbenden Waldes, war das leuchtende Gespinst

in solcher Menge angeflogen, daß die schräg durcheinanderstehenden

Fichten einer Schar geplünderter Weihnachtsbäume glichen.

Auf den offenen Halden lag, obwohl der Oktober schon begonnen hatte,

die Morgensonne mit linder Wärme. Doch im Schatten des Waldes hauchte

eine empfindliche Kühle, und an dem welken Kraut des Bodens hing noch

der graue Reif der vergangenen Nacht. Der Wald schien öde zu sein,

und dennoch herrschte in ihm eine merkwürdige Unruhe. Erregte Stimmen

klangen von den bewohnten Gehängen herüber. Dumpf widerhallten

zwischen den Bäumen die schweren Schläge, mit denen irgendwo auf den

Halden Pfähle in den Boden getrieben wurden, und überall im Walde ließ

sich ein Rauschen und Gurgeln vernehmen, wie von reichlich strömendem

Wasser.

Es hatte in der vergangenen Woche stark geregnet, und hoch droben in

den Felswänden schmolz die Sonne den früh gefallenen Schnee; aber

nirgends im Walde rann ein Tropfen, alle Wasserrinnen der Gießbäche

lagen trocken. Und dennoch dieses rastlose Gurgeln und Geriesel! Es

klang wie versunken, tief aus der Erde herauf.

Steine rollten, und zu dem lauten Hall, mit dem sie gegen die Stämme

schlugen, gesellte sich das Klirren eines eisenbeschlagenen

Bergstockes.

Über den Waldhang kam auf steilem Pfad ein Jäger herabgestiegen -- kein

Berufsjäger, sondern einer, der die Jagd zu seinem Vergnügen trieb; nur

der verwitterte Rucksack, der grüne Filzhut mit der Spielhahnfeder und

die schweren Nagelschuhe erinnerten an die landesübliche Jägertracht;

statt der Joppe trug er einen Flaus aus braunem Velvet, dazu eine

grüne Weste mit silbergefaßten Hirschgranen und eine graue Tuchhose,

die unter den Knien mit Ledergamaschen umschlossen war; eine neue

Expreßbüchse, die den Erlös eines Ochsen gekostet hatte, vollendete

die Ausrüstung dieses Bauern, der sich als Gutsbesitzer fühlte. Er

mochte einige Jahre über dreißig zählen, und man sah es ihm an, daß

er ein hübscher Bursch gewesen war; noch heute stand ihm der schwarze

Schnurrbart gut zu Gesicht, und ein Zug behaglichen Wohlwollens spielte

um den vollen Mund; die derben Wangen zeigten jene rötlichen Äderchen,

die an fleißig vertilgten Rotwein denken ließen, und die unruhig

schwimmenden Augen verrieten, daß Toni Purtscheller auch den Jähzorn zu

seinen Untugenden zählte.

Er hatte ein mühsames Niedersteigen; immer wieder fand er den Pfad von

klaffenden Spalten unterbrochen; wohin er den Fuß setzte, lag der Boden

locker und rutschte unter seinem Tritt; und rings um ihn her war aller

Grund in einer steten, leisen Bewegung; mit dem sachten Knirschen, das

aus der Erde quoll, mischte sich manchmal ein dumpfer Knall -- da war

unter dem Boden eine starke Baumwurzel entzweigerissen.

Eine breite, frisch geöffnete Kluft versperrte den Pfad, und

Purtscheller mußte einen Umweg machen. Als er den Steig wieder

erreichte, blieb er stehen, legte das Kinn auf den vorgestemmten

Bergstock und betrachtete den Wald. Einzelne Bäume waren schon

gefallen, viele standen schief und hingen mit den Wipfeln über Kreuz,

und an mancher noch aufrecht stehenden Fichte verriet ein rötlicher

Behauch der Nadeln, daß ihre Wurzeln seit geraumer Zeit schon außer

Nahrung waren.

»Da kann's noch a schöns Unglück absetzen! Der ganze Berg is im

Laufen!«

Mit sorgenvollem Unmut folgte sein Blick den gähnenden Bodenspalten

und glitt über die gestürzten und krankenden Bäume. Es war sein

eigener Wald, den er sinken und sterben sah. »Da verlier ich wieder

an ordentlichen Brocken Geld!« Eine Furche grub sich zwischen seine

Brauen, er schob verächtlich die Lippen vor und richtete sich auf. »Ah,

was! Der Purtscheller halt's aus!« Nun lächelte er wieder, folgte dem

Pfad und hörte zwei lustige Stimmchen. Verwundert gewahrte er zwischen

den schiefen Bäumen ein kleines Bürschl und ein noch kleineres Mädel,

die wie die Kinder armer Stadtleute gekleidet waren und unter Lachen

ein seltsames Spiel betrieben; sie suchten locker hängende Kanten des

Moosgrundes auf, kletterten auf die unterhöhlte Stelle, trampelten mit

den Füßen und schaukelten sich so lange, bis der Klumpen Erde mit ihnen

niederbrach. »Hopsala hüo!« schrien sie dann fidel, überkugelten sich,

von Sand umwirbelt, und sprangen lachend auf, um das Spiel von neuem zu

beginnen.

»Kinderln! Kinderln!« rief ihnen Purtscheller gutmütig zu. »Gebts

obacht! Der ganze Boden is lebendig. Da kann a Malör passieren, eh man

sich umschaut. Gscheid sein, Kinderln! Gscheid sein!«

Die beiden Knirpse standen verlegen, faßten sich bei den Händen und

machten scheue Augen. Kaum aber hatte Purtscheller den Rücken gewandt

und etwa hundert Schritt sich entfernt, da hörte er hinter sich schon

wieder den jauchzenden Kinderschrei: »Hopsala hüo!« Er schüttelte den

Kopf und lächelte. »Merkwürdig! Kein Unglück so groß, a Kind kann noch

Freud dran finden!« philosophierte er vor sich hin. »Kunnt's nur einer

's ganze Leben lang so halten, wie's die Kinder machen! Lachen zu

allem, was kommt! In jedem Schatten noch a Lichtl finden!« Er drehte

den Schnurrbart, als hätte er seine Freude dran, daß ihm ein guter

Gedanke gekommen war.

Noch deutlicher als im Walde zeigte sich auf dem offenen Berghang

das Bild einer rastlos fortschreitenden Zerstörung: alle Wiesen

verwüstet und überschüttet von kiesigem Erdreich, das aus höheren Lagen

niedergeglitten war; Hunderte von Rissen und Klüften zogen sich nach

allen Seiten; weite Strecken des ebenen Wiesengrundes waren senkrecht

zu tiefen Gruben eingesunken, und in diesen Löchern standen schlammige

Pfützen, aus denen quirlende Luftblasen aufstiegen.

Wirre Stimmen klangen. Über einen steilen, von Furchen durchrissenen

Wiesenhang sah Purtscheller ein Dutzend Leute emporsteigen, darunter

einige, welche schwarze Röcke trugen. »Natürlich! Die studierten Herrn

müssen ihre Nasen einistecken! Bin neugierig, was die auskochen.« Aus

dem Ton dieses Selbstgespräches klang ein zweifelhafter Respekt vor

den Männern der Wissenschaft. Aber in Purtscheller war die Neugier wach

geworden. Vielleicht gesellte sich dazu auch die Meinung: ›Wo um das

Wohl und Wehe des Dorfes geredet wird, muß ich dabei sein! Ich bin der

Purtscheller!‹ Er suchte die Leute einzuholen.

Es waren fünf Herren aus der Stadt, mit Brille oder goldenem Kneifer,

bejahrte Männer mit ernsten Gesichtern; sie hatten Pläne bei sich, in

die sie mit Farbstiften die Bewegungslinien des ins Laufen geratenen

Berghanges einzeichneten; drei Geometergehilfen waren mit Theodolit,

Meßlatte und Erdbohrer bei der Arbeit. Der Pfarrer des Dorfes, der

Bürgermeister und zwei Gemeinderäte begleiteten die Kommission, um die

knapp gestellten Fragen mit redseligem Eifer zu beantworten. Hinter

ihnen, als dreizehnter, folgte in bescheidener Entfernung ein alter

Bauer, um den sich niemand kümmerte. Er war nicht, wie die anderen,

aus dem Dorfe heraufgekommen; drüben auf einem nahen Wiesenhang stand

sein kleines Heimwesen, das der unheimliche Bergrutsch zu verschlingen

drohte. Als er die Herren gesehen hatte, war er von der Rettungsarbeit

weggelaufen, um ein Wort des Trostes zu hören, einen Schimmer von

Hoffnung für sein versinkendes Haus zu empfangen. Seine Kleidung

bestand aus einem mürben Rupfenhemd und einer blauen, verwaschenen

Leinwandhose, welche Häubchen an den Knien hatte und am Bund von

den Hosenträgern zu Zacken ausgezogen war. Arbeit und Jahre hatten

den müden Körper gebeugt. Die weißen Haare waren glatt in die Stirn

gestrichen -- ein von zahllosen Fältchen durchschnittenes Sorgengesicht

mit rotgeränderten, kummervollen Augen. Er hatte die dürren,

schwieligen Hände auf dem Rücken liegen und seine Finger zitterten.

Da klang hinter ihm die Stimme Purtschellers: »Grüß Gott, Simmerauer!

Was is denn da?«

Der Alte blickte auf. »Die gealogisch Kammissoni is da!« sagte er leis,

als könnte jedes laute Wort den wichtigen Vorgang stören.

»So, so?« Im Vollgefühl seiner Persönlichkeit ging Purtscheller auf

die Herren zu und lüftete den Hut. »Grüß Gott, ihr Herrn mitanander!

Fleißig bei der Arbeit, ja?«

Der Pfarrer dankte für den Gruß, der Bürgermeister und die beiden

Gemeinderäte zogen den Hut; von den fremden Herrn schien es keiner

zu beachten, daß sich die Gesellschaft um eine so bedeutungsvolle

Persönlichkeit vermehrt hatte; sie waren mit einer Erdprobe

beschäftigt, die der Bohrer aus dem Grunde gehoben hatte.

Purtschellers Gesicht färbte sich dunkelrot; diese Mißachtung seiner

Person hatte ihn beleidigt. Einer der Gemeinderäte merkte das und

wollte dem Purtscheller-Toni zu der ihm gebührenden Anerkennung

verhelfen. Aber die gelehrten Herren waren über den breinassen Lehm,

den der Bohrer gefördert hatte, in eine so lebhafte Debatte geraten,

daß sie für nichts anderes Ohr und Augen hatten.

Eine Weile kaute Purtscheller am Schnurrbart; dann wandte er der

Gesellschaft den Rücken; lachend, doch mit Ärger in der Stimme, rief er

über die Schulter zurück: »Gelt, Bürgermeister? Wann's ans Zahlen geht,

kannst mich auch auf der Seit stehn lassen! Mich geht ja die ganze

Gschicht nix an. Mein Haus und Hof is net in Gfahr.«

Der laufende Berg · 第 6 / 60 题