niedrigen Weidenbüsche auf die grüne Wiese, weiter, immer weiter, bis
er den Augen entschwindet, die hängen bleiben an der weiten grünen, von
dunklen Wäldern umrahmten Fläche, auf denen buntes Vieh weidet und über
die die Schwalben schießen.
Der Wind frischt auf. Wie wohl das tut bei dem Sonnenbrand! Unser
Fischer wischt mit der groben braunen Hand den Schweiß von dem braunen
Gesicht und atmet tief auf. Auch ihm bringt die Brise Erholung. Das
Staken, das schweißerpressende, es ist zu Ende. Das Segel los und
hinaus aus dem engen Kanal in die breite Hamme.
Von uns spricht niemand. Wir wollen nicht sprechen, sehen wollen wir,
die Augen baden in dem satten Grün unendlicher Wiesen, die Augen
laben an der braunen, blauschimmernden Flut, in der sich die weißen
Wetterköpfe so seltsam spiegeln, in die die Fische, vor Wähligkeit
sich werfend, silberne Kreise ziehen, und in der die starren, dunklen,
merkwürdigen Binsen ihrem Spiegelbilde zunicken. Der Mummel hellgrüne
breite Blätter liegen faul am Uferrand, ihre goldgelbe Blume schwankt
träumend hin und her in unseres Kahnes Wellenschlag; trotzig reckt das
Pfeilkraut seine Spieße, schläfrig rauschen die Schilfrispen, die der
Wind aus der Unterstunde jagte, und unwillig schüttelt die Blumenbinse,
die stolze, ihr rosiges Blütenhaupt.
Sprecht nicht, seht lieber! Seht dem Storch zu, der bedächtig
über das Grün wandelt, den Enten, die am Ufer schnabbeln, dem
Silberflügelgeflimmer der Wasserjungfern am Schilf, dem Tanz weißer
Falter an roten Blumenkerzen, dem Blitzen und Leuchten der Wellen am
Bug.
Wie groß und anders alles aussieht gegen die ewige Ruhe des grünen
Plans; am Horizont die Bäume, so schwarz und schwer, jede Blume so
leuchtend, jeder taumelnde Kiebitz riesig, jede Krähe, die japsend auf
dem Pfahle sitzt, ein auffallender Fleck. Und dort unten, das Segel;
riesenhaft hoch und breit und düster macht es sich hier, wo alles so
flach und so hell ist. Wie ein Rätsel mutet es an, wie ein schwarzes
Gespenst, das drohend und unheilsvoll uns näher rückt. Der Angler am
Ufer, halb vergraben im Grün, er unterbricht die Landschaft, alles
beherrschend, ein fester Punkt in dem fließenden Grün weit und breit.
Ein kalter Schatten fällt auf die warme Landschaft. Im Nu hat die
schwarze Wolke alles um uns in andere Töne getauscht. Das warme
Hellgrün der Wiesen hat sie kalt verdunkelt, das leuchtende Wasser
getrübt. Aber da, wo ihre kalte Macht aufhört, blitzt und gleißt die
Flut in strahlendem Silberweiß, leuchtet grell und heiß das Grün der
Wiesen.
Grobe Stimmen weht der Wind heran. Stöhnend, jappend arbeitet sich ein
Schleppdampfer hinter uns her, einen Torfbock im Seil. Dann klatscht
es gegen unsern Kahn, lange Männer handhaben die langen Ruder, braune
Gesichter nicken uns zu.
Vor uns kräuselt sich die Flut. Dort zappelt auch das Schilf reger. Und
jetzt faßt auch uns der Wind fester in das schwarze Laken. Still war es
um uns, als wir losfuhren; laut wird es jetzt. Aber ein anderes Lied
als im Walde singt hier der Wind. Dieses Geruschel, dieses Getuschel
der Binsen, das Flüstern des Schilfs, das Rauschen des Röhrichts,
das Kluckern des Wassers, ganz anders klingt es als Fuhrengesumm,
Buchengeflüster und Eichengemurre. Zu jedem Landschaftstext spielt der
Wind eine andere Melodie.
Torfschiffe segeln an uns vorüber. Ernste, glattbackige Männer sitzen
am Steuer, wortkarg und stumm. Ein Nicken, ein tiefer Zuruf ist ihr
einziger Gruß. Ein einziger von den vielen flötete vor sich hin. Aber
er schämte sich, als er sich uns näherte, und lange hinter uns fing
er erst wieder an zu pfeifen: »Ein armer Fischer bin ich zwar ...« Es
war ein Junge von sechzehn Jahren. Die Männer vom Teufelsmoor pfeifen
nicht.
Die Segel, die so todesschwarz und so nachtdunkel sind, wenn sie uns
begegnen, sie glühen hinter uns auf wie rotes Gold, hinter uns, von der
Sonne durchschienen. Als ich es entdeckt hatte, sah ich jedem nach. Es
war mir ganz so, als wenn sie ein Lächeln überflog, die ernsten Segel,
ganz dasselbe stille Lächeln, das die ernsten Gesichter der Schiffer
erhellte, wenn sie uns nachsahen.
Immer mehr Segel rauschen an uns vorbei, eins im Kielwasser des andern.
Vor uns lauter schwarze, hinter uns lauter rotdurchleuchtete, und jedem
muß ich entgegensehen, wenn es schwarz heraufkommt, jedem nachblicken,
wenn goldrot leuchtend es hinunterfährt.
Eine Stunde fahren wir schon. Näher kommt uns schon der Weyerberg mit
seinem dunklen Baumgrün und seinem hellen Dünengelb, mit seiner Mühle
und seiner Kirche und mit dem klobigen Malerhaus. Aber in der Nähe, da
blitzen silbern die Binsenstiele über der Flut, schwenkt der Kalmus
seine gekräuselten Blätter, schaukeln sich Mummelblätter und nicken
rosige Dolden über weißen Blumenrispen, zucken des Rohres Fahnen. Auf
den Altwässern schnattern die Enten zwischen den weißen Nixenblumen;
über die Wiesen gaukeln die Kiebitze, schweben die Sprähen, und eine
silbergraue Seeschwalbe begleitet uns ein Stück Weges, bis sie umkehrt
und weiter reviert, immer auf und ab den Fluß.
Und immer Segel auf Segel, Grün an Grün, noch eine Stunde lang, und
dann ein Marsch durch Staub und Sand, und Rast unter den Linden
Worpswedes, wo es lebt und webt wie in der Stadt, von Wagen und
Stadtmenschen.
Noch ein Stündchen Schlendern über dürre Dünen, Ausschau auf das
unendliche Moor, ausgestreckt im rosigen Heidkraut, umschwirrt von
Libellen, umgeigt von Heuschrecken, und dann den staubigen Weg
hinunter, daß es hinter uns mülmt, wie hinter Schäfer und Herde, zu
unserm Torfschiff.
Und nun sprecht wieder nicht, bis wir an Land sind! Laßt den Kiebitz
rufen und die Möwe kreischen, bis sie alle übertönt des Reihers
heiserer Schrei, der breitflüglig in das Abendrot rudert.
In andere Töne kleiden sich jetzt Wasser und Wiesen, Weite und Nähe.
Gespenstiger noch sehen die schwarzen Segel vor uns aus, verlassener
noch klingt des Viehes Gebrüll.
So schwer, so satt, so fest ist die Landschaft, die so lustig war
und so hell und so leicht in der Mittagsglut. So verstohlen klingt
das Geplätscher der Wasser, so heimlich das Flüstern des Schilfes.
Unzerstörbare Ruhe, mächtiger Frieden erfüllt das Land. Des Reihers
Ruf, der Enten Schrei, auftauchend und verhallend, verschärfen
die Stille nur, und die hellen, nickenden Blumen am Ufer, viel
märchenhafter scheinen sie uns jetzt.
Nicht sprechen! Das paßt nicht zu dem Blaugrau des Himmels, zu den
sanften Gluten am Himmelsrande, zu der leisen Flut und der lauen
Luft, zu dem einsamen Abendstern vor uns, zu den goldüberschienenen
Fluttümpeln, in denen schwarz und starr die Binsen stehen, zu den
Fledermäusen, die im Zickzack uns umkreisen, zu den fernen, stillen
Segeln, die immer mehr in die schwarze Nacht hineinschwimmen, die uns
immer näher rückt.
Schon hat sie am Himmelsrand die letzten Sonnenrosen gepflückt, schon
die dunklen Bäume verhüllt und die Wiesen verschleiert; sie wirft ihre
Schatten hinter uns auf die Flut, verdunkelt die Ufer und die Blumen
und Büsche und rückt dicht an unser Schiff heran.
Und so treiben wir dahin. Ein schwarzes Segel führt unser schwarzes
Boot auf schwarzer Flut zwischen schwarzen Wiesen. Und stumm und
schweigend schauen wir hinauf nach dem einen goldnen Stern.
[Illustration]
Druck von Gebauer-Schwetschke G. m. b. H., Halle (Saale).
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
S. 24: Feistschneppe → Feistschnepfe
macht unterdes die {Feistschnepfe} hoch
S. 27: Herrgotsfrüh → Herrgottsfrüh
in aller {Herrgottsfrüh} auf dem Rade
S. 46: prühen → sprühen
Blüten und {sprühen} betäubenden Duft umher
S. 57: Möven → Möwen
dort unten, zwei {Möwen}, blitzen auf
S. 66: Olpumpen → Ölpumpen
die schwarzen Balken der {Ölpumpen}
S. 83: Möve → Möwe
Kiebitz rufen und die {Möwe} kreischen