braust und brandet, bullert und bölkt, daß die Bohlen unter unsern
Füßen zittern, daß die Wände hinter uns ächzen und die Scheiben
hinter uns klirren. Schon flattert des Gottes violettgrauer Mantel
über uns, hastiger wandern die Wellen, tiefer bückt sich das Rohr,
unwilliger schütteln die Pappeln die Köpfe. Immer mehr Katzenpfoten
kräuseln die Flut, die Sonne wird ein fahler Fleck, näher kommt der
Regensturm. Und nun platzen die Böen, schütten muldenweise das Wasser
hinab, verhüllen die Ferne, verschlucken den Wilhelmstein, decken
die Berge zu mit grauen Schleiern und die Dünen und den Strand da
drüben, überschütten Nähe und Weite mit demselben gleichmäßigen Grau,
in dem nur eine schwarzschwingige Möwe jauchzend umhertaumelt. Und es
prasselt und klatscht und schlägt und stiebt schräg auf die Wellen, und
die jagen dahin, wie mit Ruten gepeitscht, und das brüllt und heult
und bullert in der Luft und pfeift und kreischt und schreit, und wie
ein Geisterschwarm stiebt ein Möwenflug heran und wirft sich in der
Rohrbucht ins Wasser.
Zwei schwarze Streifen liegen weit vor uns. Das sind die Fischerboote.
Wie zwei Einbäume aus der Urzeit, so sehen sie aus. Sie haben ja auch
die alte Form treulich bewahrt, die Fischer, von der Zeit her, wo ihre
Ahnen mit Flintsteinen und Feuerbrand die Eichstämme aushöhlten. Rund
um das Meer liegen die Gräber, voll von Urnen und Opfermessern; der
Wind pustet die Scherben frei, und der Regen wäscht die Brocken los aus
den Dünen.
Der Sturm läßt nach; aus dem dicken Grau wird ein lichtes Grau. Schon
taucht wie ein Schatten der Wilhelmstein wieder auf aus den grauen
Schleiern; ihm folgen die Berge, die Dünen und der ferne Strand, bis
sie klar und scharf am Himmelsrand stehen. Goldig wird es im Westen,
immer goldiger. Durch graue Wolkenballen reißt sich die Sonne ein Loch
und malt Flammen in die schwarzblaue Bucht. Goldrote Flammen brechen
unter der schweren Wolke hervor; wie zerflossen glüht darin die Sonne;
blaugrüne Striche ziehen sich über den Himmel, und auf allen Wolken
erblühen Rosen.
Der Vorzeit Ungeheuer schwimmen durch das blaugrüne Himmelsmeer,
Riesenhaie und Drachen, Einhörner und Tiger, Schlangen und Eidechsen,
mißgestaltet und furchtbar, alle nach Osten, in die graue Nacht hinein.
Von Osten aber kommt es schwirrend und flatternd, sausend und brausend,
dicht über dem Wasserspiegel, Hunderte und Aberhunderte, und fällt
in das Rohr: der Sprehen frohes Volk, und da schwatzt und lärmt und
plaudert es. Und wieder ein Zug und noch einer und immer wieder einer.
Zum Meere streicht ein Zug Gänse, sich kreuzend mit Entenflügen, die
klingend und sausend das Meer verlassen, hoch über uns fortstreichend
zur Leine. Wohin man blickt, zieht es schwarz durch die Luft, mit
hastigen Flügelschlägen, mit Sausen und Brausen, immer vom Meere fort.
Ein Reiher nur klaftert dem Meere zu, einsam und allein.
Längst ist die Sonne hinter den Bergen verschwunden. Tiefer tönt
sich der Himmel; hier und da blinzelt ein Stern. Das Schwirren über
uns hört auf; nur der Sturm pfeift und flötet noch, und mit neuen
Regenböen zieht die Nacht über Meer und Land. Im molligen Stübchen des
Strandhotels lassen wir die Gläser zusammenklingen, dankbaren Herzens
des Kampfes gedenkend, des Dreireckenstreites zwischen Sturm und Sonne
und Flut, dessen unsere Augen sich freuten am Strande des Steinhuder
Meers.
[Illustration]
[Illustration]
Im deutschen Erdölgebiete.
Am Südrande der Lüneburger Heide, einige Stunden von der strebsamen
hannoverschen Stadt Peine entfernt, lagen mehrere Dörfer, abgeschieden
von dem Verkehr der großen Welt, in stillem Frieden, die Ortschaften
Stederdorf, Wendesse, Odesse, Abbensen, Dollbergen und Edemissen. Vor
den achtziger Jahren verirrte sich nur selten ein Fremder hierher;
den Waidmann lockte der Rotwildbestand, den Botaniker manches seltene
Kraut, den Mineralogen die von der freigebigen Natur in zahlloser Menge
umhergeschleuderten Überbleibsel der Eiszeit, allerlei Geschiebe aus
dem Norden, dem Heideboden fremd.
Als aber das amerikanische Petroleum das Brennöl der Väter verjagte,
da regte sich auch in Deutschland die Sucht, flüssiges Gold aus der
Erde zu pumpen, und man erinnerte sich alter Schriften, in denen es
vermerkt war, daß seit alten Zeiten die Heidebauern aus den sogenannten
»Fettlöchern« der Heide auf kunstlose Weise ein mineralisches Öl
gewannen und als Wagenschmiere verwendeten. Man kramte in den
Bibliotheken umher und fand in neueren Schriften die Bestätigung der
alten Funde. Es bildete sich eine Gesellschaft. Die Bohrungen hatten
ein anscheinend günstiges Ergebnis; eine neue Krankheit, das Ölfieber,
griff um sich. Ein neuer Ort, +Ölheim+ bei Peine, erstand in der
stillen Heide, und schlaue Leute brachten es in kurzer Zeit zu Geld
und Namen. Bald wetteiferten in Ölheim mehrere Aktiengesellschaften;
hohe Bohrtürme, Arbeiterwohnungen, Straßen, Bahngeleise und
unterirdische Rohrleitungen wurden angelegt. Wo früher das liebliche
Lied der Heidelerche und der Schmetterschlag des Baumpiepers allein
über rosa Heidekraut und dunklem Wacholder erklang, da zischten die
Dampfkessel, ächzten die Pumpen, donnerten die Bohrmeißel. Über tausend
fremde Arbeiter vermengten ihre Mundarten mit dem schweren Platt der
Heideleute; Hotels mit gepfefferten Preisen machten sich breit, und
fremdes Volk, Börsenleute, Ingenieure, Spieler, verliehen den Sitten
der Gegend ein anderes, glänzenderes, aber nicht besseres Gepräge.
Einige Jahre ging das wilde Treiben so vor sich; aber schon 1886 kam
der Krach. Die Bilanz der »Ölheimer Petroleum-Industrie-Gesellschaft
in Peine« wies einen Verlust von mehr als zwei Millionen Mark auf.
Einige Schlaue retteten sich mit vollen Taschen, andere Leute setzten
ihr Erspartes zu und wanderten fort, den weißen Stock in der Hand.
Die Gesellschaft liquidierte, das laute Treiben verstummte, und 1887
verschmolzen sich mehrere Gesellschaften zu einer einzigen, die zwar
keine Millionen aus der Erde pumpte, aber doch immerhin eine Reihe von
Jahren noch bedeutende Erträge erzielte. Die Zeiten waren vorüber, wo
»Ölheim«, das einst eine große Industriestadt zu werden hoffte, eine
eigene Zeitung besaß; von den über tausend Arbeitern waren nur noch
sechzig übrig geblieben, das deutsche Pennsylvanien spielte auf dem
Geldmarkte keine Rolle mehr.
In den letzten Jahren ist es dort ganz still geworden, und erst
neuerdings hat man wieder angefangen, Bohrversuche anzustellen, nicht
um Petroleum, sondern um mineralisches Maschinen-Schmieröl, sehr
wertvoll wegen seines gänzlichen Sauerstoffmangels, zu gewinnen. Man
ist bescheidener geworden, und wenn die Bohrungen planmäßig angestellt
werden, so wird sich hier vielleicht noch einst auf solider Grundlage
eine gesunde Industrie aufbauen; denn das natürliche Maschinenöl der
Heide hat einen Ruf in der ganzen deutschen Industrie. Läge Ölheim in
landschaftlich reizvollerer Gegend, so würde das Solbad »Waltersbad«
mit seiner sehr wirksamen Solquelle eine große Zukunft haben; so aber
erholen sich hier alljährlich nur in reiner Luft, hohem Kiefernwalde
und stärkendem Bade einige hundert bleicher, kränklicher Schulkinder
in der Ferienkolonie und einige Heidefreunde, denen die Hauptsache
reine Luft, unverfälschte Natur und Ruhe ist. --
Ohne großes Zeitungsgeschrei, ohne reißendes Aktiensteigen, ohne
Hochflut von Gold ist, während Ölheim wie ein schnell emporstrotzender
Pilz in nichts versank, an einer andern Stelle der Lüneburger
Heide langsam dieselbe Industrie entstanden, in den beiden nur ein
Viertelstündchen voneinander entfernt liegenden Dörfern +Wietze+ und
+Steinförde+, die von den nächsten Bahnhöfen Schwarmstedt und Celle
je in ungefähr 2½ Stunden für tüchtige Fußgänger zu erreichen sind.
Die Heide trägt hier einen ganz andern Charakter; es fehlen hier die
Massen erratischen Geschiebes, die bei Ölheim den Sand so bunt färben;
hier ist der Boden fast ohne jede Steinbeimengung. Aber unter dem
gelben Sande ruht dasselbe wertvolle Öl in großer Menge, und auch ein
bedeutendes Steinsalzlager ist hier erbohrt.
Den Wanderer packt ein ganz merkwürdiges Gefühl, wenn er, von dem
Bahnhofe Schwarmstedt losmarschierend, nach Wietze kommt. Keine
Spur von Industrie hatte auf dem langen Wege sein Auge berührt.
Neben den weißstämmigen Birken-Alleen liegen grüne Saatfelder oder
ernste Föhrenwälder -- Fuhrenwald sagt der Heidebauer --, Föhrenwald
begrenzt den Himmelsrand, ein Heidedorf liegt inmitten brauner Heide
und grüner, dem Boden mühsam abgetrotzter Felder. Viele Häuser
tragen noch Strohdächer, und unter den hölzernen, roh geschnitzten
Pferdeköpfen zieht vielfach noch der Herdrauch zum Giebelloche
empor; nur die neuen Häuser haben Schornsteine. Selten begegnet
ihm ein Radfahrer, noch seltener ein Fußgänger, der Briefbote oder
ein Bauer, der ihm freundlich die Tageszeit bietet. Ein Wagen, der
hinter einer Wegesbiegung sichtbar wird, fesselt sein Interesse. Eine
ganze Reihe schwerer Leiterwagen, hoch bepackt mit blauen, öligen
Fässern, kommt ihm langsam entgegen, das erste Kennzeichen der Wietzer
Ölindustrie. Noch eine Stunde auf staubiger Landstraße, dann tauchen
hinter den langmähnigen, grünen Birken seltsame Bauwerke in der Heide
auf, schwarze hohe Bohrtürme, daneben rotdachige neue Häuschen und
alte Bauernhäuser mit Strohdach und Pferdeköpfen. Aus den kleinen,
schwarzen Maschinenhäusern steigen kleine weiße Dampfwölkchen stoßweise
in die Luft; ohne Hast und Eile, aber ohne Pause und Rast bewegen
sich die schwarzen Balken der Ölpumpen; Maschinenteile, Koks- und
Steinkohlenhaufen, Balken- und Bretterwerk, Schlammbüchsen und Ölfässer
lagern auf dem gelben Sande, und ein strenger Teergeruch erfüllt die
warme Luft. An zwanzig Bohrtürme recken sich hier empor; weiterhin,
bei den Eichen von Steinförde, erheben noch andere sich in düsterm
Ernste. Ein dumpfes Donnern schallt dem Wanderer entgegen; es ist der
Bohrmeißel, der ein neues Bohrloch schaffen soll. Bedächtig wälzen
Arbeiter die gefüllten Ölfässer auf die derben Leiterwagen, andere
laden die leeren Fässer ab. Zwei Gesellschaften, eine deutsche und
eine holländische, bohren hier; beide beschäftigen zusammen fünfzig
Arbeiter, die fast alle aus Wietze, Steinförde und den Nachbardörfern
stammen.
Die Gewinnung des Öls ist recht einfach. Wenn das Bohrloch bis zur
nötigen Tiefe niedergebracht und mit Eisenröhren ausgekleidet ist, wird
die Pumpe aufgestellt, das Becken herbeigebracht; die Dampfmaschine
setzt die Pumpe in Bewegung, und dann läuft das dickflüssige braune
Öl in fortwährendem Strahle in das Becken, in dem es durch ein
Schlangenrohr vermittelst heißer Dämpfe entwässert wird. Dann ist es
zum Gebrauch fertig und wandert in Fässern nach Celle und Schwarmstedt
und von dort auf der Bahn als vielbegehrtes Schmieröl nach den
Industriebezirken von Hannover, Westfalen und Rheinland.
Der Ölreichtum jener Gegend war den Heidebauern schon seit
Jahrhunderten bekannt. Auf natürlichen Heidetümpeln, den »Fettlöchern«,
sammelte sich das Öl als braune buntschillernde Schicht, wurde
abgeschöpft und als Wagenschmiere benutzt. Man grub auch an sehr
ölhaltigen Stellen den Sand aus, wusch ihn in Bottichen aus und
schöpfte das Öl ab.
Bei den Bohrtürmen liegt ein Teich, der lebhaft an unsere Vorstellungen
vom Toten Meere erinnert. Den nackten gelben Sand schmückt keine
Spur von Vegetation, nur unverwüstliche Binsen starren düster aus
der braunen Flut. Nußgroße, dunkelbraune Öltropfen schwimmen auf dem
Wasser, dicke Klumpen quellen vom Grunde des Tümpels empor, und in den
Buchten lagern auf der Wasseroberfläche schwere, braune Ölschichten,
bunt in der Sonne schillernd, oder klebend auf dem feuchten Sande.
Massen von toten und sterbenden kleinen und zollangen Schwimmkäfern
bedecken die Wasserfläche; das schmierige Öl hat die zählebigen
Insekten erstickt, die hier zuflogen.
Die flache Gestaltung der Heide begünstigt neue Entdeckungen nicht;
keine Gesteinswand, kein Bodendurchschnitt gibt der Industrie einen
Wink. Daß aber das Gebiet zwischen Peine und Verden an der Aller
bei planmäßigen Bohrversuchen noch manches andere Öl- und Salzlager
darbietet, davon sind kundige Geologen jetzt schon überzeugt.
[Illustration]
[Illustration]
Einsame Heidfahrt.
Nordwestwind pfiff über das Heidland, veranlaßte die ernsten Fuhren
durch sein ungestümes Kosen zu unwilligem Gebrumm und die starren
Machandelbüsche zu ärgerlichem Kopfschütteln, ließ den Landstraßenstaub
sich in Kringeln drehen und erlaubte es den hunderten von himmelblauen
Faltern, die im Heidekraute hin- und hertaumelten, nicht, fröhlich um
die ersten Doppheideblüten zu tanzen. Ab und zu warf mir der neckische
Gesell eine Handvoll Staub in das Gesicht; aber er entschädigte mich
wieder dadurch, daß er mir gleich darauf den betäubenden, süßen Duft
der Lupinen zufächelte, deren schweres Goldgelb die braune Heide
unterbrach. Wie ein Hund die Schnuckenherde mit heiserem Gebell
vor sich hertreibt, so hetzte der Wind graue Wolken nach Südost,
und wenn eine Herde vorüber war, dann leuchtete blauer Himmel aus
dem Grau, und stechend sengte die Sonne herunter. Dann erklang das
Summen der fleißigen Immen lauter, dann tanzten die verschüchterten
Bläulinge lustiger um die rosigen Heideglöckchen, die Sandammer ließ
dann fleißiger ihr müdes Liedchen ertönen, und die Heidlerchen,
die unsichtbaren Sänger der Heide, belebten mit froheren Strophen
ihren einförmigen Singsang, bis eine neue Wolkenherde, einen dicken,
schwarzen Widder an der Spitze, sich vor die Sonne drängte und die
Heide wieder ihr trübes Aussehen gewann.
Ich fuhr allein, mutterseelenallein, durch die Heide. Gern habe ich im
frohen Bergland lustige Wandergesellschaft; in der Heide hasse ich sie.
Die Heide ist nicht gesellig, und nur dem einsamen Wanderer gegenüber
ist sie mitteilsam, ganz wie der echte Niedersachse. Der ist auch
ein schlechter Gesellschafter, ein uninteressanter Mensch, in bunter
Reihe, wo gelacht und geschwatzt und getändelt wird. Aber im stillen
Aug'-in-Aug' mit dem Freunde wird er mitteilsam, gesprächig; da kramt
er aus dem verschlossenen Herzen allerlei Schätze hervor, wunderschöne
Dinge, die niemand vermutete hinter dem kalten Blauaugenblick, unter
den gleichmütigen Zügen.
Viel Liebes und Schönes hatte mir die Heide schon gewiesen, wenn ich
als einsamer Wanderer ihr nahte; heute aber wollte ich sie bitten,
mir ihre ältesten Erbstücke, tief versteckt in der Fuhrentruhe, zu
zeigen: den +Steinhäusern+ galt meine Pilgerfahrt. Lange hatte ich mir
den Besuch schon vorgenommen, aber immer hielt eine heilige Scheu mich
ab, in großer Gesellschaft die Fahrt zu machen, mit Leuten, die bei
den ehrwürdigen Denkmälern Mettwurst und Kognak hervorholen und die
Steinplatten als Fremdenbücher mißbrauchen.
Heute aber war ich ganz allein, allein wie der Schäfer, der hinter
Bergen seine Schnucken weidete, allein wie ein grauer Findling
auf brauner Heide. Schnell ließ ich mein Rad dahinsausen über die
gelben, glatten Fußwege, in deren Grasborden blutrote kleine Nelken
leuchteten, flog vorüber an den Häusern von Bleckmar und tauchte unter
in Heideeinsamkeit und Waldstille, die die Straße nach Fallingbostel
umgibt, eine Straße, die der Heide echteste Schönheiten erschließt.
Der Wald endet auf des Hügels Kuppe, und Heidberge, baumlos und kahl,
nehmen mit ihrem braungrünen Violett das Auge gefangen. Wie einfach
sind die Mittel der Heide, wie viel schafft sie damit! Diese kahlen
Hügel, gleichmäßig überzogen mit dem braunen Tuche, sie beruhigen die
Seele. Es ist eine köstliche Farbe, das braungrüne Violett, eine Farbe,
die das Herz gefangen nimmt, von der die Augen nicht fort wollen. Kein
Haus, kein Mensch weit und breit, Heidhügel an Heidhügel, einige ganz
ernst braun, einer mit schmaler gelber Binde geschmückt; ein Heidweg
ist es, der sich über seine Kuppe zieht. Ein Wall graugrüner Fuhren
rahmt dieses Heidebild ein und blaue Hügel, die am Himmelsrande mit
grauen Wolken verschmelzen.
Nach stundenlanger Rast im spärlich blühenden Heidekraute riß ich mich
los, flog bergauf, talab und stellte mein Rad in Nordbostel ein. Dem
Wirtshause gegenüber führt ein breiter Weg nach Süden, von Hängebirken
beschattet; den schlug ich ein. In der Grasheide, die wie ein riesiges
Löwenfell sich an weißen Buchweizen anschließt, zirpten die Grillen.
Mitten in der kahlen Heide weidete der Schäfer, das Knüttzeug in den
Händen, die grauen Schnucken. Über dem notreifen Roggen rüttelte
ein Sperber, und ein Hase, von den Schnucken hochgemacht, flüchtete
in den hohen Brahm, der mit der grasigen, grünen Farbe seiner hohen
Büsche ganz absonderlich von dem Heidebraun abstach und im Verein mit
den toten Gestalten der Wacholderbüsche die Landschaft belebte. Hohe
Tannen und breitästige Eichen zeigten einen Bauernhof an, hinter dessen
Zaun kein Menschenlaut erschallte. Es war die Zeit der Heuernte. Ein
zweiter Hof, Homanns Hof, blieb links liegen, und dann suchte ich mich
durch prächtigen Tannenhochwald hindurch, bis sandige, hügelige Heide,
übersät mit Feuersteinen, bestanden mit ästigen Kiefern, auf deren
Wipfelsprosse der Baumzier mit schmetterndem Sange sich niederließ,
mich wieder in ihre braunen Arme schloß.
An dem Schienenstrang entlang, der zur Abfuhr von Grubenhölzern die
Heide unbarmherzig zerreißt, führt der Weg zu den uralten Grabstätten
unbekannter Häuptlinge, Helden eines Volkes, von dem kein Zeichen,
keine Überlieferung auf unsere Zeit gekommen ist. Als steinerne Rätsel
nahen die fünf grauen Grabkammern aus dem Fuhrenwäldchen; keine
verwischte Rune meldet dem Forscher, welcher Stamm hier seine Großen
beisetzte. Unverstand hat die Grabkammern durchwühlt, Gleichgültigkeit
den Boden mit Papier und Flaschenscherben besät, Dummheit schrieb ihre
albernen Namen auf die ehrwürdigen Steinplatten. Aber der Wind fegt das
häßliche Papier fort, er schüttet trockene Nadeln auf die scheußlichen
Scherben, und mitleidiger Regen leckt an den Steinen, bis die Namen,
die unfromme Tröpfe an die grauen Flächen schmierten, verschwunden sind.
Auf dem grauen Steine, der abseits gefallen ist, saß ich und sann. Über
mir summten die Fuhren ihre gleichmäßigen Weisen, goldene Sonnenflecke
zuckten auf dem Boden, blitzende Fliegen schossen an mir vorbei. Ein
Stückchen spitzen Feuersteines fesselte meine Augen. Ich wollte ihn
aufnehmen, da zischte es warnend: ein breiter Kopf mit rotfunkelnden
Katzenaugen richtete sich empor aus dem warmen, sonnenbeschienenen
grauen Sande, und zwei nadelscharfe Giftzähne in weit aufgerissenem,
rotem Rachen hackten nach meinen Fingern. Schon erhob ich den Stock zum
tödlichen Schlage -- und ließ ihn sinken. In diesem Walde breche ich
keinen Ast, töte ich kein lebend Wesen. Wer weiß, wer die Schlange
ist? Wer weiß, wer der einsame Kolkrabe ist, der hoch in der Luft
seine Adlerkreise zieht und sein rauhes »Rauk, rauk« über die Heide
krächzt? Grabwächter scheinen sie mir zu sein, der Königsrabe und die
todbringende Otter mit den Karfunkelaugen, Wächter an heiliger Stätte.
Eine schwarze Wolke mit gelben, Hagel kündenden Rändern legt sich
vor die Sonne. Verschwunden sind die blanken Fliegen, verklungen
des einsamen Finken Schmettergesang, und die Schatzwächterin, die
Schlange mit dem Zickzackband, kriecht fröstelnd unter den Grabstein.
Mit dem Stocke scharre ich den spitzen Stein zu mir heran; es ist
eine Lanzenspitze, künstlich zurechtgeschlagen aus dem stahlharten
Feuerstein, mit dem die Heide besät ist. Glatt, wie geschliffen, sind
seine Ränder; ein Kunstwerk ist er, das wir heute mit unserer großen
Technik kaum nachbilden können. Wer fand den Stein vor Jahrtausenden
auf einsamer Heide, wer formte ihn zu schneidender Speerspitze mit dem
Steinhammer, wer führte ihn auf der Pirsch gegen Ur und Bär und focht
mit ihm im blutigen Kampfe, wo Steinbeile auf Birkenschilden dröhnten
und runde Steine, aus Lederschlingen geworfen, Schädel zerbrachen?
Schon wollte ich den Stein in die Tasche stecken, da breitete sich
schwarze Finsternis über den Himmel; ein Blitz zuckte schwefelgelb
über die Heide, und grell knatternder Donner polterte wiederhallend
durch die Stille. Erschrocken legte ich die Waffe an ihren Platz und
deckte dürre Nadeln darüber. Ein Heulen ging durch die Luft, wie das
Wutgebrüll eines Riesen; der Wind schüttelte die Fuhren, daß sie
knirschten und schrillten, und eine Staubwolke, mit Spreu und Reisig
gemischt, tanzte durch den Wald. Dann ließ der Wind nach; er holte
Atem. Noch ein Donnerschlag, und nun ging es hernieder, Hagel und
Regen, gepeitscht vom wütenden Sturme, daß der Waldboden schnell sich
bedeckte mit grünen Fuhrenzweigspitzen und trockenem Geäst.
»Rauk, rauk« erklang es da freudig durch den Sturm; der Rabe war
herabgeflogen und umflatterte einen Mann, der über die Heide gekommen
war und zu dem einsamsten der fünf einsamen Gräber ging. Der Regen
peitschte sein braunes, hartes Gesicht, zauste ihm die graublonden
Haarsträhnen und den wirren Graubart und ließ die Marderschwänze an
dem Schnuckenmantel des einsamen Heidegängers lustig tanzen, der
sich bei jedem Schritte bückte und die Papierknäuel auflas, die den
Boden befleckten, und sie in der Busenfalte des grauen Mantels barg.
Mit einem Baststrick war der Mantel gegürtet, in dem Strick hing
die Steinaxt aus dunkelgrünem Nephrit mit dem Griff aus Hirschhorn.
Einäugig war der Alte; ein furchtbarer Hieb, vom rechten Schlaf bis
zum linken Ohr, hatte das Auge zerstört und das Antlitz verwüstet.
Die rechte Brust zeigte tiefe Narben, und an der Rechten fehlten zwei
Finger. Mühsam bückte er sich und hob die Scherben und Fetzen auf, die
ein Geschlecht ohne Scheu und Scham um die Gräber seiner Vorfahren
gestreut hat. Mit schweren Schritten ging er in die Heide und vergrub
dort die Fetzen und Scherben. Dann kehrte er zurück zu dem einsamen
Fürstengrabe, zu dem Grabe seines Herrn, nahm den großen Schild vom
Rücken, die Steinaxt aus dem Gurt und saß nieder auf einer grauen
Steinplatte. Hoch schwang er den Hammer und ließ ihn dröhnend auf den
Schild fallen; siebenmal erklang es dumpf, und dann sang der Alte ein
altes Lied, eine Totenklage für seinen Herrn. Seltsam waren die Worte,
unerhört die Weise, wie Sturmgeheul die Stimme des alten Speerträgers,
und jeder Strophe Endreim waren sieben dumpfe Steinhammerschläge auf
den breiten Schild aus Birkenrinde und Wisenthaut.
Wie betäubt saß ich unter der Tanne bei dem Grabe. Ich wollte fort,
aber des singenden Alten Einauge blitzte mich drohend an. Ein
dröhnender Hammerschlag endete das gewaltige Heldenlied, ein Schlag,
so erschütternd, daß ich die Augen schloß. Als ich sie öffnete, war
der greise Mann verschwunden; in der Ferne grummelte das abziehende
Gewitter; aus blauem Himmel lachte die Sonne hernieder auf das alte
Grab, um das frische Fuhrenbrüche an Stelle der Fetzen und Scherben
lagen, die jetzt alle verschwunden waren. Auf meinen Knieen aber
glitzerte die steinerne Speerspitze, ein Geschenk des Alten für den
einsamen Heidewanderer.
[Illustration]
[Illustration]
Im Torfschiff.
Sengende Mittagsglut zittert auf den Dächern von Osterholz-Scharmbeck.
Alle Fenster sind geschlossen, daß die Hitze nicht hineindringt in
die kleinen Stuben, denen die Bäume vor den Türen Schatten geben und
Kühlung. Sonntag ist es. Ein paar Kinder spielen vor der Türe eines
Hauses, sonst ist es still und leer in der Straße. Und verstärkt wird
die Stille durch das stille, braune Gesicht des alten, baumlangen,
weißbärtigen Fischers, der, ein Knie auf dem roten Binsenstuhl, die
Arme auf den Zaun gestützt, rauchend ins Leere sieht. Er wird uns nach
Worpswede fahren.
Im kleinen Hafen ist lautes Leben. Ein Dutzend nackte Jungen kauern
da im Sande und plätschern in dem braunen, lauwarmen Wasser. So satt
und so gesund sehen die braungebrannten Glieder aus im Sonnenlicht,
goldbraun sich abhebend von der dunklen Flut, die sie zerteilen.
Langsam und bedächtig macht unser Weißbart das schwarze Torfschiff
los, setzt den Mast ein und stakt mit dem langen, eisenbeschlagenen
Ruder uns den Kanal entlang, von dessen Ufern purpurner Weiderich uns
nachnickt.