Pirath rief streng: „Geht!“

Aber sie gingen nicht, sondern die Vordersten begannen langsam die

Leiter zu ersteigen. Pirath rief noch einmal: „Regenbogen spricht zu

euch also: Ihr geht gleich aus dem Hag!“ Da setzte sich das erste

schwarze Bein auf die kleine Plattform vor der Tür, und der Schwarze

rief eigenwillig: „Nein!“ Pirath aber trat rasch vor und schlug von

oben herab mit seiner Faust heftig auf den frechen schwarzen Kopf. Der

offene Mund des Schwarzen klappte zu und machte einmal „Keh!“ Dann fiel

der Körper langsam und willenlos zurück. Er drückte den Hintermann

einige Sprossen abwärts, der dritte fiel unter dem unerwarteten Stoß

von der Leiter und riß den vierten mit, und bald lag ein Knäuel von

Menschen am Fuß der Leiter. Sie versuchten möglichst rasch auf die

Beine zu kommen und flüchteten. Einer zog den Besinnungslosen mit.

Dann sagte Pirath zu Seeschwalbe: „Ich sprech’ zu dir, du liebe, treue

Seeschwalbe: Regenbogen wird jetzt ein andrer werden und muß die Insel

verlassen.“

Kaum hatte er das gesagt, so fuhr Seeschwalbe zu Boden und begann

händeringend zu stöhnen. Ein kurzer Gedanke durchflog Pirath, ob er

Seeschwalbe mit sich nehmen könnte. Aber er wußte gleich, daß er sie

nicht aus dem Boden reißen dürfte, und daß drüben in Europa nichts aus

ihr werden könnte. Er fuhr fort:

„Du wirst die Königin über Kililiki sein und auf die Kinder aufpassen

und die Männer und Frauen zur Arbeit in den Pflanzungen anhalten. Und

wenn ich einmal zurückkomme, so wirst du Rechenschaft ablegen. Ich

weiß, du wirst mir gute Rechenschaft ablegen, denn du bist ein starkes

und kluges Weib. Du darfst nicht stöhnen und weinen. Eine Königin

stöhnt nicht. Sie herrscht und ordnet. So spricht Regenbogen zu dir und

du gehst jetzt in deine Hütte und wartest.“

Seeschwalbe war aufgestanden, und ihre Augen durchleuchtete der

mädchenhafte Glanz einer neuen Zeit, die sie unter den Worten

Regenbogens dämmernd in sich aufsteigen sah. Sie ging stolz in ihre

Hütte und setzte sich in den Sand. Und ihre Kinder setzten sich um sie.

Es waren fünf Knaben und zwei Mädchen, und sie waren von schönem großen

Wuchs, von heller Haut und reinen Augen. Und Seeschwalbe sprach zu

ihnen: „Euer Vater Regenbogen geht in sein Land und kommt zurück. Eure

Mutter ist nun Königin von Kililiki. Möwenschnabel liegt erschlagen im

Wald; denn er war bös. Aber aus dem Innern eurer Mutter kommt das Gute,

weil der Gott Regenbogen sie befruchtet und gesegnet hat. Der ewige

Geist will, daß wir Palmen pflanzen, die später reifen und unsern

Kindeskindern eine Arbeit hinterlassen und eine neue Arbeit anzeigen.

So spricht eure Mutter, die Seeschwalbe, zu euch, die jetzt Königin auf

Kililiki ist.“

Pirath öffnete das Paket und fand einen Zettel drin. Darauf stand: „Wir

kommen am Nachmittag. Von Wiltingen.“ Er zog die Kleider an, die das

Paket enthielt. Es war ein blauer Leinenanzug. Strümpfe, ein Hemd und

Schuhe. Er zog Stück für Stück an in einer gespannten Feierlichkeit,

langsam, wichtig und schwerfällig, und ein Glanz erstand um ihn, der

voll Seligkeit war. Er berauschte sich an der heiligen Handlung des

Anziehens, mit der er sich Europa, Deutschland, der Mutter wiedergab.

Als er angezogen war, wartete er, ohne das Haus zu verlassen. Er saß

ruhig mitten im Raum und dachte in bebenden Wonnen an seinen Bruder, an

die Vaterstadt, an Arbeit und Fabrik, an Verwandte und an Menschen,

deren Gesichter willkürlich in seiner Erinnerung aufflossen. Auf einmal

hörte er draußen schreien. Männer und Frauen riefen: „Das große Kanu

mit dem Feuerloch kommt! Ö! Ö! Niemand rudert es. Es hat kein Segel

auf, und es geht doch rascher als unsre Kanus! Ö! Ö!“

Da erhob Pirath sich langsam und ging hinaus. Er sah den Haufen der

Menschen am Strand und bemerkte dann auch den kleinen schönen Dampfer,

und er stieg die Leiter hinab und er ging zum Meer. Die Männer und

Frauen, an denen er vorbeiging, erschraken auf einmal, als sie ihn

sahen, und wollten fliehen. Aber ein Weib rief: „Es ist Regenbogen!“ Da

hielten sie an und schauten ihn ungläubig und unsicher an. Was war mit

ihm vorgegangen? Wo war seine göttliche weiße Haut? Was hing an seinen

Gliedern? ...

Er stellte sich vor sie, das Gesicht zum Meer hin, die Augen an das

weiße Schiff gebannt, das ein wenig traumhaft seine kleinen Manöver in

dem blauen Wasser verrichtete, und harrte. Er sah, wie die Jolle

niederging, wie Leute in weißen Anzügen hineinstiegen; ihre Haut

leuchtete ein wenig, und er biß die Zähne aufeinander, furchtbar von

diesem Neuen und Unerhörten gepackt, das ihn nun aus dem Leben der

einsamen Insel Kililiki zurücknehmen sollte.

Aus der Jolle stieg zuerst der alte Professor von Wiltingen heraus. Er

kam, groß, breit und gutmütig, wie er war, mit seinem langen grauen

Bart auf Pirath zu und, nicht wissend, mit wem er es zu tun hatte,

reichte er ihm ernst und stumm die Hand. Die jüngeren Herren warteten

eine Weile diesen Willkommengruß ab und machten sich so lange an der

Jolle zu schaffen. Pirath sprach kein Wort. Es war ihm, als verdunste

alles in ihm an der Berührung. Es kämpfte schwelgerisch in ihm, und er

preßte mit aller Kraft die Tränen zurück. Dann ging er auf die drei

jüngeren Männer zu und reichte jedem die Hand und schritt dann stumm

voraus auf seinen Hag. Da wußte der Herr von Wiltingen und die andern,

mit wem sie es zu tun hatten, und sie begannen auf eine lange und

starke Erzählung zu warten. Sie traten hinter Pirath in den Hag ein.

Die Eingeborenen stellten sich weit im Kreis um das Gehöft. Alle sieben

Dörfer waren nun da. Aus dem Schatten der ersten Hütte trat Seeschwalbe

heraus und auf die Männer zu. Sie lachte und war stolz. Hinter ihr

hielten sich furchtsam ihre sieben Kinder. Und Pirath legte seinen Arm

leicht auf ihre Schulter und sagte: „Das war meine alte Kameradin.“ Das

war das erste Wort, das er sprach. Die andern Weiberhütten waren leer,

die Weiber hatten sich in den Kranz von Neugierigen gemischt, die den

Hag umstellten.

Als die Männer oben waren, schweigsam sich im Raum umhersetzten und

Pirath noch immer kein rechtes Wort fand, brach der Herr von Wiltingen

das Schweigen und fragte mit seiner milden Freundlichkeit: „Herr

Pirath, gehen Sie mit uns nach Europa zurück?“

Und da löste sich auf einmal an dieser einfachen und

selbstverständlichen Frage die verknollte Erstarrung, die jene kühle

scheinbare Sicherheit in Piraths Herzen vollbracht hatte. Pirath, der

auf einem Holz saß, hob seine Augen noch zu dem Frager hoch, aber

gleich fuhr er in sich zusammen, schlug die Hände übers Gesicht, und es

stieg ein tränenloses Schluchzen aus allen Wurzeln seines Daseins

herauf und rüttelte ihn wie ein Erdbeben. So kam die erste Abrechnung

mit Kililiki, und obgleich er, nachdem er von jenem Fieberanfall

befreit, sein Bewußtsein wiedererlangt hatte, keinen Augenblick

unsicher war, daß er Kililiki verlassen mußte, daß Europa ihn rief und

er dem Ruf der Quelle seines Blutes folgen mußte, so überrannte ihn nun

doch das Schwere und Gewalttätige seines Entschlusses.

Die Männer ließen ihn gewähren. Als er sich beruhigt, trat der alte

Herr von Wiltingen zu ihm und legte seine Hand auf seine Schulter.

Pirath sagte, seiner wieder ganz sicher: „Verzeihen Sie mir den Anfall.

Ich muß so viel hier zurücklassen.“

„Wie lange waren Sie hier?“ fragte Herr von Wiltingen, und alle

lauschten gespannt auf die Antwort.

„Ich weiß es nicht. Die Jahre sind über mich hergestürzt. Nennen Sie

mir das Datum, das Sie heute schreiben.“

„Morgen ist Weihnachten neunzehnhundertachtundzwanzig.“

Da erschrak Pirath. Er stammelte: „Dann sind’s fünfzehn Jahre. Das hab

ich nicht gedacht. Dann bin ich ja ein alter Mann. Dann bin ich ja

schon über fünfzig.“

„Donnerwetter!“ entfiel es dem Professor. „Und Sie sehen aus wie Mitte

dreißig.“

Dann lachte der alte Herr: „Die Hose ist etwas kurz, die wir Ihnen

geschickt haben.“ Jetzt erst bemerkten die jüngeren Männer und auch

Pirath, daß die Hose ihm kaum über die Mitte der Waden reichte. Sie

grölten alle auf. Das Eis war geschmolzen. Der Professor sagte: „Da muß

ich, als der Längste von uns, Ihnen meine Garderobe zur Verfügung

stellen. Wollen wir zum ‚Seepferd‘ hinüber?“

Pirath sagte: „Wie Sie wünschen. Bitte lassen Sie mich noch eine Stunde

auf der Insel. Ich muß mit den Leuten sprechen, und das geht besser,

wenn Sie fort sind. Ich will auch einiges hier aus dem Haus einpacken

und mitnehmen.“

Die vier Männer gingen. Pirath begleitete sie zur Jolle und wartete,

bis sie auf dem Schiff waren. Dann sagte er zu den Scharen von Männern

und Frauen, die sich am Ufer drückten: „Ihr Leute, kommt in meinen Hag.

Regenbogen muß zu euch sprechen!“

Alles stürzte hin, und Pirath erstieg die Leiter zu seinem Hause und

sprach von oben:

„Es spricht Regenbogen zu den Männern und Frauen Kililikis so:

Regenbogen muß von euch gehen. Seine weiße Insel hat ihn gerufen. Er

fährt mit dem großen weißen Kanu zu seiner Mutter. Er läßt euch allein.

Unter euch wohnte ein Mann, der war bös und falsch wie eine Schlange.

Deshalb hat Regenbogen ihn von euch fortgenommen. Das war euer König

Möwenschnabel. Er liegt im Wald, und seine Seele ist aus seinem Leib

fort. Aber fürchtet euch nicht. Sie tut euch nichts Böses. Regenbogen

hat sie gebannt. Es spricht nun Regenbogen zu euch, daß die Seeschwalbe

eure Königin sein soll. In sie ist das Tabu übergegangen, und ihr müßt

ihr gehorchen. Regenbogen hat euch oft erzählt, daß ihr weiterlebt in

dem, was ihr arbeitet, und ihr lebt weiter in den schönen und

fruchtbaren Palmen, die ihr in den Pflanzungen hegt, und wenn eure

Seele den Körper verläßt, bleibt sie als Geist in den Palmen wohnen,

und sie ist ein guter Geist, der euern Kindern nichts Böses antut,

sondern nur das Gute. Darum müßt ihr immer in den Pflanzungen arbeiten

und sie schön instand halten. Denn ihr müßt wissen, Regenbogen kommt

einmal wieder nach der Insel Kililiki und schaut sich die Pflanzungen

an, und wehe, wer unordentlich und faul war. Und das spricht Regenbogen

noch zu euch: Sooft es für einen Mann oder ein Weib Zeit ist, daß die

Seele den Körper verläßt, so oft ist Regenbogen auf Kililiki und fragt

die Seele, die davon will: Hat der Körper in der Pflanzung gearbeitet?

Hat der Körper auch seine Kinder angehalten, das zu tun, wie Regenbogen

es zeigte? Und die Seele, die ‚Ja‘ sagen kann, wird es gut haben im

Lande Jenseits. Jetzt geht Regenbogen.“

Er stieg hinab und ging durch die Menschen durch. Die waren erst

erstaunt und betreten, und dann, wie Regenbogen sie durchschritten

hatte, da ging seine Rede wie eine süße Verzweiflung in ihnen auf. Sie

waren glücklich an den Jahren, die der weiße Gott unter ihnen verbracht

hatte, und waren verzweifelt, daß er sie verließ. Sie warfen sich auf

den Boden, und ihr Weinen und Heulen, ihre Rufe und ihr Gestöhn folgten

ihm, bis sein Kanu an dem weißen großen Schiff anlegte und er über die

schwankende Treppe ins Innere verschwand. Seeschwalbe aber lag im Sand

ihrer Hütte und drückte ihre Kinder an sich. Kein Laut drang aus ihren

aufeinander gepreßten Lippen. Freude und Schmerz aber überschwemmten

mit grenzenloser Wucht ihr Inneres. Sie war wie eine Gebärerin voll des

Heiligsten an Lust und Leid, und es war ihr nicht geringer, als ob sie

eine ganze Insel Kililiki gebären müßte.

Pirath kam nicht mehr ans Land zurück. Er sagte den Forschern, er habe

schon Abschied genommen. Da meinte der Professor, dann könnten sie

abdampfen. Der Zweck, den ihr Unternehmen verfolgte, sei ja schon vor

dem Besuch auf Kililiki erreicht gewesen.

Das kleine weiße „Seepferd“ dampfte im späten Nachmittag ab. Pirath

stand auf Deck und schaute heimlich zu, wie Kililiki ins Meer und in

die Ferne versank. Nach dem Abendessen erzählte er bis in die tiefe

Nacht hinein, gepackt von den Erinnerungen und dem hingegeben, was er

wiedergewinnen sollte, seine Erlebnisse. Als er geendigt hatte, sah er,

daß seine Zuhörer aufgeregt und ergriffen waren von dem Weg, den sein

Leben genommen hatte. Da änderten auch in seinem Inneren seine

Erlebnisse das Gesicht. Sie waren ihm bis dahin selbstverständlich

vorgekommen. Nun legte er einen Maßstab an, den die Welt ihm hinhielt.

Er war melancholisch. Es war ihm, als ob ein Riß in seinem Leben wäre,

und nur die Aussicht, das verlorene Europa wiederzugewinnen, stand wie

ein tröstendes Heim in seiner Richtung. Als er seine Erzählung beendet

hatte, schaute Professor von Wiltingen ihn innig an und sagte: „Das ist

das größte und sonderbarste Menschenschicksal, das mir unter den

vielen, die ich mitansehen durfte, begegnet ist. Der neue deutsche

Robinson.“

Piraths Insel · 第 75 / 96 题