„Können wir denn weiter auf die guten Winde zählen?“ fragte Pirath, der
die Meilen in Tage umrechnen wollte.
„Darauf schon. Aber nicht auf den Kurs!“
„Was will das sagen?“
„Dat wir mit dem kaputtnen Chronometer keen Besteck nehmen können ...
Der Hundsrotz. Schweinefott!“ schimpfte er auf einmal los. „Der aas’ge
Kriminal! So ’ner sollte man gliks an’ Besan kommen, daß er mit der
Zung’ das Steuerrad belecken kann, so ’n Halbgehenkter. Wo wir jetzt
herauskommen? De Splitteren von den Chronometer mögt dat weeten, ick
nich.“
Sie mußten jetzt mit ihren Taschenuhren arbeiten. Eine wurde nach
ungefährer Berechnung auf die Zeit von Greenwich gestellt. Aber die
Uhren schwankten alle voneinander ab, und niemand wußte, um wieviel die
Greenwichuhr, die unten in kardanische Ringe gelegt war, jeden Tag vor-
oder nachging. Auch das Sekundenzählen beim Mittagmessen ging mit dem
kleinen Sekundenrad nur sehr ungenau. In den fünfundvierzig Tagen, die
sie unterwegs waren, hatten sie kein Schiff gesehen, und auf eine
solche Begegnung, bei der man sich die geographische Lage hätte sagen
lassen können, war auch künftighin nicht zu rechnen. Der Himmel war
immer bewölkt. Auch nachts sah man keine Sterne. Sie stürmten ins
Ungewisse hinein. Jeder Tag verstärkte die Unsicherheit des Kapitäns.
Sie konnten nordwärts zu Inseln treiben. Die Osterinsel lag im Kurs.
Die Karten zeigten hier und dort Riffe. Nachts sah man das alles nicht.
Pirath war es in dieser bösen Zeit, die sich nie mehr zu einer
ausruhenden Minute fand, als ob sich sein Leben vom festen Erdboden
gelöst habe und leicht und zerbrechlich, wie das Leben von jenen
durchsichtigen Nachtinsekten, die ein Windhauch töten kann, übers Meer
schwebend getragen würde. Eine Sekunde könnte es unversehens aus dem
Dasein blasen. Er betete: „Komm, o süßer Erdenfleck an der
amerikanischen Küste!“
Dann half er dem Kapitän und Steuermann in langen Beratungen voll
jähzorniger Ausbrüche allen Wahrscheinlichkeiten nachjagen, um jeden
Tag die geographische Lage festzustellen. Man hatte nicht viel mehr
Hilfsmittel als das Log, das die tägliche Meilenzahl angab. Aber da man
die Stromversetzung nur auf „vielleicht“ berechnen konnte, war diese
Berechnung nicht zuverlässig.
Kluge war nun wieder freundlich und ergeben, wie er zu Anfang der Reise
gewesen war. Die Not hatte die Erbitterung in ihm erdrückt. Die drei
Menschen achtern mußten auch fest zusammenhalten gegen das Logis. Dort
wuchs eine Luft von Aufruhr immer dicker an. Der Meister, der Koch,
Hinnerk, Niklas und die drei Schiffsjungen waren die einzigen, auf die
das Achterdeck fest zählen konnte, und der Meister kam täglich mit
einer Beschwerde über Widersetzlichkeit und Drohungen. Der Kapitän,
Pirath und Kluge trugen stets ihre Revolver bei sich. Auch der Meister
bekam einen. Der Kapitän trank viel und ging selten ohne Rausch
schlafen. Aber er hatte die Eigentümlichkeit, daß der Rausch ihn in
seinen beruflichen Verpflichtungen nicht störte. Den Steuermann hielt
er mit Rum so knapp als möglich, und er bat auch Pirath, ihm nichts zu
geben. „He kann nix verträgen!“ sagte er.
Eines Sonntagabends, als Pirath, und der Kapitän das Nachtessen beendet
hatten, kam der Meister in die Messe herein und sagte, die Engelmanns
und Normanns und Amerikaners täten sich zusammen und kämen achtern. Da
stand der Kapitän auf und ging hinaus an Deck. Peter stieg zum
Kartenhaus hinauf und auf die kleine Kommandobrücke, die wie ein Steg
bis zum Großmast über das mittlere Deck vorgeschoben war. Er sah im
Licht, das aus Kluges Kabine fiel, unter sich den Kapitän stehen. Übers
Deck trat eine Schar Menschen im Dunkeln. Der Kapitän fragte barsch in
die Finsternis hinein: „Wat wollt ji?“