Peter Pirath arbeitet schon im dritten Monat in einer Palmenpflanzung
auf Java. Er ist dort Assistent. Den ganzen Tag geht er unter Palmen
und verteilt die Arbeit an braune Javaner, die in lässiger
Arbeitsgleichgültigkeit im dünnen Schatten der Palmen wirken, und an
gelbe Chinesen, deren unermüdliches Arbeitsgewissen ihn aufstachelt und
ihm ein Volkswunder Gottes dünkt. So geht Peter Pirath weite Wege unter
Palmen, wo die braunen Nüsse in Pyramiden aufgehäuft sind. Er kommt an
Haufen von Männern und Weibern, die die Nüsse aufschlagen und das weiße
Fleisch, die Kopra, herausschälen. Er läßt das Fleisch zu den großen
Darren führen, wo es in zahllosen Eisenblechfächern getrocknet wird. Er
läßt die getrocknete Kopra in Säcke zu sechzig Kilogramm füllen,
aufspeichern und von Weile zu Weile in den kleinen Dampfer verladen,
der der Gesellschaft gehört und die Kopra nach Sumatra bringt. Acht
Tage sieht er nur Nüsse schlagen und ausschälen, acht Tage dörrt er,
acht Tage kümmert er sich um Aufspeicherung und Verpackung.
Er wohnt im Gästehaus des Hauptverwalters. Er hat die Stelle, auf der
er ein Gehalt von dreihundert holländischen Gulden im Monat bezieht,
durch einen Brief des Konsuls Behnke an den Hauptadministrateur, einen
Bayern namens Föhr, bekommen. Deshalb wohnt er im Gästehaus des
Verwalters. Das Haus ist zu groß für ihn. Er benutzt nur zwei Zimmer,
die an der offenen Veranda liegen. Diese Veranda öffnet sich wie eine
Höhle ins Haus hinein, und Peter Pirath sitzt abends dort und nimmt
sein Nachtessen, liest europäische Zeitungen und fachliche Bücher, oder
studiert Javanisch, oder denkt in die Nacht hinaus, die vom Meer
gekühlt und vom eisernen Schrillen der Millionen Insekten durchlärmt
wird.
Schöne braune javanische Mädchen gehen an ihm vorbei. Der Sarong, mit
Gold durchwirkt, sitzt prall über die spitzen Brüste, umgürtet eng die
Hüften, daß wie eine leichte Kuppel der Bauch sich vorne hebt. Die
Mädchen sagen nichts zu ihm. Sie gehen des Abends auf der Veranda an
ihm oft vorbei mit dem leis drehenden, gespannten Gewölbe ihres Bauches
und den auf und ab schlüpfenden Hüften, und wenn sie vorbeigegangen
sind und Peter sie rückwärts sieht und ihre beiden Kugeln dort unter
dem Sarong wie Früchte reif hüpfen, dann weiß er: sie möchten in dein
Bett. Aber obschon er weiß, daß nichts von seiner Seele mit in diese
tierhaft leibliche, urwaldwirre, gewaltige Verführerischkeit der jungen
Javanerinnen fiele, so widersteht er doch den Lockungen seines
Rückgrates. Der Ethiker! Er sitzt so weltenfern einsam in dem heißen
und doch wie von kühlem Reif beatmeten javanischen Abend und läßt die
schönen Weiber hängen. Sie gehen nur an ihm vorbei, um von ihm
gepflückt zu werden. Er brauchte sie nur mit den Augen zu berühren, und
sie fielen in sein Bett, wie reife saftige Mangos.
Er aber geht in sein Wohnzimmer, in dem eine unsichtbare Hand eine
Stehlampe angedreht hat, setzt sich unter die Lampe an den Tisch und
zieht aus der Schublade ein kurzes dickes Büchlein. Dorthinein schreibt
er — in Notizenstil —, was er am Tage gesehen, erfahren und gedacht
hat.
Der erste Teil des Buches ist voll von Ewe. Dort singt die sorglos
uneingeschränkte Genießerischkeit jenes paradiesischen Monats auf
Zeylon.
Der zweite Teil ist Arbeit, Lernen, Selbstbeschränkung, Einfügen in den
kleinen Kreis.
Dieser zweite Teil beginnt mit dem Abend, den er beim Konsul Behnke in
Medan verlebt hatte, nachdem er Ewe noch nicht verwunden hatte und in
seiner ersten Eroberertat geprellt worden war. Diese Einzeichnung liest
er manchmal. Sie lautet:
„Der Konsul kam mir entgegen und sagte: ‚Ich hab nur Sie geladen, weil
ich dachte, daß wir dann ungestörter das besprechen können, was Ihnen
am Herzen liegt. Nicht einmal meine Frau ist da. Sie ist augenblicklich
zugunsten ihrer roten Blutkörperchen mit den zwei Kindern in
Deutschland.‘ Später im Gespräch über unsre Angelegenheit sagte er: ‚Es
ist ein Buch erschienen: „Königliche Kaufleute“. Ich hab’s nicht
gelesen, aber dieser Titel kitzelt alle diese Hamburger und Bremer bis
nach Jokohama. Doch das gibt’s nicht mehr: „Königliche Kaufleute!“ Wir
in den alten soliden Häusern sind nur noch Krämer. Sehr geregelter
Massenverkauf gegen vorsichtige kleine Gewinste. Daneben Spekulanten.
Ehrliche, glückliche und verunglückende und meistens andre. Goed wurde
aus dem ersten der zweite und aus dem zweiten der dritte;
Tropenschicksal: Aufschwung und Niedergang in einem Atemzug.
Sie, Herr Pirath, kommen mit Temperament und Gewissen in die Tropen. Ob
das gut oder schlecht ist, ist Nebensache. Es kommt darauf an, wie man
es mit seinen Geschäften — versöhnt, wenn es in einem bewußt bleibt.
Gehen Sie in die Südsee. Da ist es noch jungfräulich. Hier ist alter
angelsächsischer gepflügter Tropenboden. Die Jungfräulichkeit der
Südsee erwartet Ihr Temperament und Ihr Geld. Hier braucht man das
nicht. Ich kenne einen Beamten dort, der wirklich etwas von der Gegend
und der Sache versteht. Der wird Ihnen mehr als gerne helfen ...‘