Peter warf erregt ein: „Und die Atjeh Exploration Co.?“

„Da ist er noch Administrator. Aber das ist mehr platonisch.“

„Ist es Schwindel?“

„Man kann es nicht so nennen. Aber einigermaßen ist es das. Das Gebiet,

das sich die Gesellschaft zugelegt hat, ist unerreichbar und hat also,

bis auf weiteres wenigstens, keine Abfuhr für etwaige Produkte. Es

liegt in einem nur halb pazifizierten Land, und der Besitz des Bodens

dürfte außerdem noch nicht ganz einwandfrei in den Händen der Atjeh

Exploration Co. liegen.“

Peter fühlte, daß er erbleichte. Seine Hand zitterte mit der Zigarre

erregt über den Rand des Aschenbechers.

„Haben Sie Aktien der Gesellschaften?“ fragte der andre. „Die

Rubbergesellschaft ist im Grund solid, wenn auch kein glänzendes

Unternehmen. Aber man hofft, sie nach dem Herausschmiß des Herrn Goed

zu heben.“

Peter antwortete unsicher: „Nur von der Atjeh habe ich Aktien.

Allerdings für eine große Summe.“

Der andre: „Ich möchte nicht indiskret sein. Aber es liegt wohl im

Interesse Ihres Besuchs bei mir, wenn ich weiß, wieviel es ist und auf

welche Weise Sie die Papiere bekamen.“

„Ich kaufte von Goed am elften Oktober in Kolombo einundfünfzig Prozent

der Atjeh-Aktien.“

„Das ist empörend,“ rief der Konsul und sprang lebhaft auf. Sein

Gesicht rötete sich. Er ging hastig um den Tisch herum. Dann setzte er

sich wieder und sagte ruhig:

„Da ich Ihr Haus kenne, weiß ich, daß diese Summe Ihnen nichts allzu

Schweres bedeutet. Aber ich muß Ihnen sagen, daß das ganze Geld so gut

wie Null ist, vorläufig wenigstens und für absehbare Zeit. Denn bis

Atjeh in den Verkehr gezogen ist, werden wir nicht mehr da sein ...“

Der Konsul sagte noch: „Es ist uns mitgeteilt worden, daß sich Goed

irgendwo zwischen Port Said und Hongkong einen Schlepper unterhält,

einen Belgier namens Speecht.“

Da lachte Peter verzweifelt: „Ja, der wirkte auch bei mir mit!“ Er

knirschte vor Wut und Scham und ballte die Fäuste. Er erzählte, wie

Goed auf dem Dampfer als Mann von Einfluß, Glück, Macht galt, wie sein

Auftreten von Selbstsicherheit und Breite gewesen sei und wie Speecht

diese Meinung in ihm gekräftigt habe. Dann sei er mit Goed nach Sumatra

gekommen. Da habe Goed ihn plötzlich nicht mehr gekannt. Daraufhin sei

er Goed aufsuchen gegangen und habe ihn zweimal am lichten Vormittag

betrunken vorgefunden.

„Er ist ein verlorener Mann,“ antwortete der Konsul. „Das typische

Schicksal der Tropen. Einst sah er beßre Tage und konnte im Zirkus die

vollen Champagnerflaschen an der Rampe zerschlagen. Er ist ein

verlorener Mann. Körperlich und finanziell ruiniert.“

„Und meine einhundertundfünfzigtausend Gulden?“ fragte Peter. „Was

macht er damit?“

Aber der Konsul hob nur die Hand und zuckte mit den Schultern. „Er ist

wie ein Moloch,“ sagte er. „Man hat schon öfter versucht, gesetzlich an

ihn heranzukommen, mußte es aber aufgeben. Er soll ganz in der Hand

einer schlauen Mischlingsmalaiin sein. Die pflegt seine Trunksucht.

Aber der können Sie den Teil Ihres Geldes, der jetzt von ihr auf Zinsen

angelegt wird, nicht mehr entreißen. Ich kann Ihnen auch nicht dazu

raten, die Hilfe des Gerichts in Anspruch zu nehmen. Den Kosten, die

das verursacht, steht wohl nur gänzliche Aussichtslosigkeit entgegen.

Der Osten ist ein habgieriges Maul. Und — seien Sie nicht bös — Sie

waren leichtsinnig.“

„Ich tat es unter dem Druck gewisser ... Stimmungen, Erlebnisse!“

„Stimmungen sind im Thüringerwald, am Bodensee zu Hause. Im Osten

gibt’s nur ‚$business$‘. Sagen Sie sich, es ist Lehrgeld ...“ In

verändertem Ton fügte er hinzu: „Sie würden mir große Freude machen,

wenn Sie dieser Tage einmal bei mir zu Gast wären. Wann es Ihnen

beliebt. Heut abend? Morgen? Gut, heute abend. Um acht Uhr. Abgemacht.

Ich freue mich sehr.“

Peter dankte und ging.

Er ging eigentlich ganz beruhigt daher, sagte er sich. Er trat durch

den Schatten von Gummibäumen, um deren schwarze Haufen die Sonne weiß

und grell niederfiel. Er blinzelte in dem von Licht umfluteten Schatten

rund um sich. Nur weniges Leben war umher. Zwei stangenbeinige

halbnackte Inder gingen mit wiegenden Hüften, mager, gerade und dumm —

schön durch die steile Sonne. Ein alter weißbärtiger Malaie unter einem

großen europäischen Hut trieb einen Ochsenwagen langsam daher. Er sah

aus wie ein wandernder Pilz. Die beiden Ochsen drückten die Köpfe auf

den Boden, und ihre Leiber schwankten steif hin und her. Die Sonne floß

auf ihre unregelmäßigen Höcker. Sonst war nichts um ihn. Nichts als die

drei fremden Menschen, die beiden fremden Tiere und die

sonnenvergewaltigten, verstummten und geschlossenen Fassaden der beiden

Häuserreihen, die sich im Winkel trafen. Ein fremder Geruch von

exotischen Gewürzen strich durch den erhitzten Schatten. Alles war

fremd.

„Wie bin ich so allein!“ sagte sich Peter. Er ging etwas schneller. Er

sah das Hotel drüben im Winkel des Platzes gegenüber der sonderlich

gebauten Post liegen. „Dies könnte Maastricht sein,“ sagte sich Peter.

Dies Gebäude eines modernen, europäischen Architekten stand da in der

von Faulheit, von niedergebogenen und doch erregt quellenden Instinkten

geschwängerten Luft wie ein Kunststückchen. So eine Lüge! Das täuscht

Europa her. „Europa als Vogelkäfig!“ schimpfte Peter, und auf einmal

fiel die grelle Verlassenheit der Stadt, die an den drei fremden

Menschen, den beiden fremden Tieren, dem fremden Geruch noch

verlassener wurde, widerstandslos über ihn her. Er lief dem Hotel zu.

Er flüchtete. Wovor? Er wußte nicht, wovor er flüchtete. Rund um ihn

ballte es sich zusammen, und er war so verlassen, so verflucht der

einsamen Fremdheit ausgeliefert.

Bald war er im Hotel. Die Terrasse war öde und sonnenbeschwemmt, die

Säle dahinter hatten eine stillstehende Hitze aufgestapelt, in der die

Ventilatoren mühsam wie in einem Brei drehten und keine Kühle

schafften. Der Atem ging einem bedrückt. Die Säle waren leer.

Auf einmal aber kam breitbeinig tretend, etwas unsicher zwischen den

Tischen durchschreitend, Goed daher. Seine Glatze leuchtete in der

Dunkelheit des Saales. Peter spürte einen Stich im Herzen. Es war, als

ob dieser Stich ihm unversehens einen drohenden und rasenden Ärger

gegen den Schwindler eingeimpft hätte, von dem er sich hatte prellen

lassen.

Aller Zwiespalt, alle Enttäuschung, alle Vereinsamung, alle Ohnmacht

nahm er zusammen und trat auf den Holländer zu. Er sagte ihm: „Herr

Goed, jetzt setzen Sie sich einen Augenblick an diesen Tisch. Ich habe

mit Ihnen abzurechnen.“

Goed richtete sich mühsam stramm, schaute Peter hassend an mit seinen

grünen kleinen Augen, die im Rausch flackerten, und rief aufgeregt:

„Wat wellen Sie?“

„Mit Ihnen abrechnen.“

„Det hebben wir ja. Ik hebb ja die Anwising for die Aktie! Sie moeten

slaapen gan. Die Hitz’!“ Goed wollte weiter.

In seiner Aufregung faßte ihn Peter an den Schultern und schrie ihm ins

Gesicht: „Sie bleiben hier! Sie stehen mir Rede!“

Goed riß sich los und brüllte in stotternder Wut: „$Oh, you ... go on

... bloody mouth$ ...“ Er hob die Hand und schlug mit aller Kraft zu.

Peter fing den Schlag ab und griff rasch nach dem Hals des Holländers,

drückte mit der ganzen Kraft seiner Muskeln den großen Kopf zurück und

schleuderte den massigen Leib über einen Liegestuhl.

„Du willst mich schlagen,“ schrie er dazu, „du Schwindler, du Gauner,

du Haifisch!“ Der schwere weißgekleidete Mann fiel hin wie ein Klumpen.

Peter fühlte sich weggedrängt. Menschen erschienen plötzlich in Massen.

Wo kamen sie her aus dieser schleimigen Verlassenheit der

sonnenbebrüteten Stadt? Er wich ihrem Drängen. Er sah weiße Anzüge um

sich, ließ sich weiter schieben, ohne zu wissen, was mit ihm geschah.

Allmählich gewann er die Besinnung wieder und begann den Unbekannten

erregt zu erklären, weshalb er Goed an den Hals mußte.

Einer beruhigte ihn und bemerkte auf englisch: „Herr Goed ist kein

Mann, dem man die Ehre einer Ohrfeige gibt.“

Peter hörte den Holländer schimpfen und brüllen. Aber er war in einem

andern Raum. Er sah nichts mehr von ihm. Er dankte den Herren für den

Beistand. Einer sagte burschikos: „$Boy, give him a Whyski-Soda.$“

Peter stürzte das Glas in den Mund. Die andern lachten. Für ihn aber

war alles von bitterem Ernst. Er schämte sich auch, daß er sich so

vergessen hatte in der Wut und entschuldigte sich fortwährend. Die

Gesellschaft in den weißen Anzügen aber scherzte mit ihm und über ihn.

Es waren meist Holländer.

Einer sagte auf deutsch: „Sie brauchen sich doch nicht zu exkusieren.

Was liegt an einer Ohrfeige? Sie sind noch jung im Land. Die Sonne wird

auch an Ihnen das ihrige tun. Nur abwarten!“

„Aber er wollte mich doch schlagen!“ rief Peter.

„Das vergeht!“ sagte der andre.

„Und er hat mich mit Atjehaktien betrogen!“

Das kam wie ein Druck auf einen Einschalter. Alle brüllten ergötzt auf:

„Atjehaktie! Atjehaktie!“

Peter war beleidigt. Er war zum Gespött geworden. Rasch durchfuhr ihn

die Vorstellung all der großen Hoffnungen, der stolzen Erwartungen, des

starken Willens, der besiegten Verzweiflung, der Welt, die auf ihn

wartete, als er in Genua auszog. Er duckte sich kleinlaut unter den

Spott. Mürbe, müd und heimatsüchtig war er. Was war verlorenes Geld

gegen diese Zerrissenheit und Mutlosigkeit seines gestürzten Herzens?

Einer sagte noch: „Lassen Sie Ihre Atjehaktien droben im Nachtkasten

liegen. Was machen Sie mit dem unnützen Ballast.“

Ein andrer: „Ich gebe Ihnen meine Manilazigarre dafür.“ Er hielt ihm

eine halbgerauchte Zigarre hin.

Ein Belgier mit einem blonden Hahnenkopf rief: „Wollen Sie einen Kuß

für Ihre Atjehs?“ und alle lachten.

Peter ging. Er hatte nicht mehr zugehört. Und auch Ewe kam zu Besuch,

und all ihre Süße, ihre klare Klugheit, ihre reichen Launen erneuerten

ihren Verlust in ihm.

„Ach, mehr als die Atjehaktien bin ich auch nicht wert!“ klagte er. Und

als er dann allein, dumpf und verzweifelt in seinem verdunkelten Zimmer

des Hotels de Boer in Medan stand, da war er an der ersten Station

seiner Welt- und Eroberungsreise angekommen.

Piraths Insel · 第 43 / 96 题