Sie neigte sich tiefer: „Wo ich hinfahr, da wachsen keine Palmen.“

Ihre Stimme war nicht fest, als sie das sagte. Peter erschrak. Es war

ihm, als stünde eine zweite Bedeutung hinter diesen Worten. Er sprang

über die Betten auf sie zu und rief: „Wo du hinfährst, da bist aber du.

Da brauchen keine Palmen zu sein.“

Er wollte sie an sich reißen. Aber er blieb mit einem Knopf am

Fliegennetz hängen und begann sich eilig loszunesteln. Ewe trat von

ihrem Koffer zurück und sagte: „Die Zeit ist aus. War sie nicht schön?“

„Schön?“ rief Peter und arbeitete noch immer am Netz.

„Peter, mit mir ist es nicht einfach. Peter, wir müssen uns trennen!“

Sie sagte das „müssen“ mit einer kalten Härte, und Peter wußte auf

einmal, daß irgend etwas in dem Unbekannten war, das um diese Frau lag;

etwas, das stärker war als er, als Liebe, als der vergangne Monat.

Schauer fuhren über ihn nieder. Er zog den Knopf gewaltsam aus dem

Netz, das krachend aufriß. Er blieb stehen und fragte mit einem Herzen,

das bebte, zweifelte, hoffte und über dem der vergangene Monat sich

plötzlich in einer geraden gefährlichen Wand zurückstaute, wie in einem

Wunder das Meer vor den durchziehenden alten Juden: „Sehen wir uns

wieder?“

Ewe schaute ihn an, eine Weile ohne Antwort, dann begann es in ihrem

Gesicht zu arbeiten; sie versuchte sich zu meistern, aber bald fiel sie

über den Koffer nieder und begann in wilder, verzweifelter Weise zu

schluchzen. Peter stürzte ihr zu Knien und umfaßte ihren Kopf. Er

wollte ihn, den sie in ihre Arme preßte und der im Weinen erregt auf

und nieder schlug, zu sich heranziehen.

„Sehen wir uns wieder?“ fragte er noch einmal, und auch seine Stimme

fuhr das Weinen an, daß sie schwer klang, wie ein zusammenstürzendes

Gewölbe.

Da tönte es aus dem verborgenen Gesicht: „Ich kann nicht lügen. Nein,

nie!“

Sie warf sich ganz über den Teppich, und ihr Körper flog in

verzweifelten Zuckungen hin und her. Peter kniete vor dem Koffer, dumm

und verlassen. Es regnete grau, niedrig, heftig. Der Wind raste in den

Bäumen. Staub flog in Wolken durch die Luft. Die Erde hat kein

Firmament mehr. Das war norddeutsche Rauheit in der Tropenluft. Peter

schaute geschlagen vor sich hin auf die braune Fläche des Koffers, die

ein roter Strich gerade und schroff durchzog, und in dem breiten

blutroten Strich standen zwei Buchstaben und eine Nummer, und viele

farbige Zettel klebten auf dem braunen Boden. Er sah sie der Reihe nach

an und las, was auf ihnen stand, und verstand es nicht. Es waren

Hotelnamen, Schiffe, Städte und Länder. Sein Gehirn ließ die Buchstaben

nicht in sich hinein. Er las immer wieder, während Ewe nun ruhig

weinend am Boden lag und sich an den Füßen eines Tisches anhielt.

Auf einmal nach einer langen Weile stand sie auf, wusch die Augen mit

einem Schwamm und kam auf Peter zu. Sie setzte sich auf den Koffer und

legte ihre Hände auf seine Schultern. Sie schaute ihn an. Er sagte kurz

und rauh:

„Ich hab schon kein Glück!“

Sie aber erhob weich und herzlich ihre Stimme: „Ich weiß, ich tu dir

mehr als weh. Du bist so und sollst nicht anders sein. Du bist mein

großes deutsches Herz, und du wirst wieder stark sein, wenn ich davon

bin. Nimm mich in deine Zukunft mit als ein rätselhaftes Herz, eine

Mischung von Alt und Neu; von meinem deutschen Blut her hab ich

Sehnsucht, und von meinem Vaterland her die Ökonomie des Gemüts.“

„Du hast mit mir gespielt!“ grollte Peter auf.

„O, nein, Peter, das hab ich nicht. Wenn ich lange von dir fort bin,

dann wirst du in dir etwas von dem Guten, das du durch mich hast, klar

erleben. Ich bin nicht gut, nicht schlecht, nicht leichtsinnig und

nicht tugendhaft. Hinter mir steht ein sonderbares Geschick. Erlaß es

mir, dir davon zu erzählen. Unsre Zeit wird dir reiner und lieber

bleiben, wenn du von mir nur weißt, was du an mir erlebt hast.“

Sie schwieg einen Augenblick. Dann fragte sie unvermittelt und wild:

„Und war das nicht gut und schön?!“

Peter legte sich ganz auf den Boden und küßte ihren Fuß, wo die Haut

über dem ausgeschnittenen Schuh durch die Muster der durchbrochenen

Strümpfe leuchtete, weißer als der Strumpf. Dann zog er seinen Kopf

ruhig von ihrem Fuß weg, rundete die Arme über dem Koffer, legte das

Gesicht hinein und begann schwer und verhalten zu weinen. Ewe strich

ihm über den Kopf.

„Versteh, Peter, mein Geschick mache ich klar durch die Art, in der

mein Temperament es überwindet.“

Mitten im Weinen sagte Peter: „Ich versteh nichts von dir. Ich hab dich

nur lieb gehabt und lieb’ dich!“

„Und ich?“ fragte Ewe.

Peter richtete sich auf. Er hielt das Taschentuch an die verweinten

Augen und stammelte: „Ich versteh nichts von dir ... Ich hab schon kein

Glück! Ich wollte, ich wär zu Hause geblieben. Wie ist das Reisen so

schwer!“

Er sprach fast nichts mehr. Er brütete in sich hinein, und in seinem

Innern rollten Schmerz und Verlangen, Unbegreifliches und Groll

durcheinander, eins im andern und jedes für sich. Die beiden Menschen

legten sich schlafen, und in der ruhigen Dunkelheit stieg das

innerliche Wühlen stärker und wilder in diesem geprüften Männerherzen

auf; es wogte und balgte sich, stampfte und schrie wie Maschinen, bis

allmählich eine unheimlich kalte, hartnäckige Ruhe alle innere Erregung

in sich verzehrte. Diese Ruhe kannte er. Wie war es zugegangen, als er

glaubte, er sei verloren, wenn er diese Ruhe aufgäbe, die seine Hände

damals an den Tisch schraubte, zu Hause, an den großen schweren

Schreibtisch. Sein guter dicker Bruder war gekommen und hatte eine

kleine entsetzliche Sache erzählt. Und wie der gegangen war, der liebe

kugelrunde Hermann, da ... So strömte die kalte Ruhe auch jetzt über

ihn, so langsam und unaufhaltsam, ein Frost, ein Gletscher, dessen

Eisigkeit ihn erstickte.

Das ging in der dunkeln Nacht in seinen Vorstellungen vor, und mit

einem schleifenden Surren trieb der Ventilator irgendwo, und durchs

Fenster fiel der eiserne Klang der Millionen Grillen. Peter wehrte sich

gegen diesen Frost, der wie ein tötender Odem über sein Herz zu

kriechen begann. „Ich will wild und heftig dies Leid über mich nehmen.

Es soll nicht in mir erfrieren,“ schrie es in ihm. „Ich erfriere mit.“

Da hörte er, daß Ewe sich hochhob, und er spürte bald ihre Hand an

sich, und ihre Stimme bat durch die Finsternis: „Peter!“

„Ach nein!“ sagte er bös, „du gehörst nicht mehr zu mir! Geh! Ich bin

kein Maulesel!“

Piraths Insel · 第 36 / 96 题