„Nein, lieber Freund, das ist nicht recht. Ich bin eine sehr erfahrene
Frau und vielleicht ein wenig gescheiter als Sie intelligenter Mann,
und herumgekommen ...“
Pirath grollte hin: „Auf einen Hei fall’ ich, trotz meiner
Unterlegenheit, doch nicht so ohne weiteres herein!“
Sie sagen selber: „Nicht ohne weiteres! Das bedeutet doch, daß Sie ihm
zugehorcht haben. Daß er etwas sagte, was Sie beschäftigt.“
„Ja!“
„Er ist aber durch und durch ein lumpiger Schwindler. Ich kenn’ ihn.
Ich hab ihn auf Sumatra gesehn, und er kennt mich auch. Er ist frech
wie Gassendreck. Zu tun, als ob wir uns nie gesehen hätten. Dort hat er
in einem Haus schmarotzt und hochgestapelt, in dem ich verkehrte, bei
einem Tabakpflanzer. Alle seine Jagdgeschichten von Sumatra sind
Feuilletonerfindungen. Und mit Ihnen hat er nichts anders vor, als daß
er Geld von Ihnen erschwindeln will.“
Sie sprach zum Schluß ganz heftig. Das reizte Peters gekränkten Ehrgeiz
wieder auf. Er sagte spöttisch: „Ich danke Ihnen für Ihre mütterliche
Vorsorglichkeit.“ Bei sich: „Wie wird sie so heftig! Als ob sie
eifersüchtig wäre, daß ein andrer Mensch mit mir in Berührung kommt.
Hat sie mich vielleicht gepachtet?“
Das Gespräch verlief in Mißstimmung. Als Pirath ging, lächelte die
Amerikanerin ihm herzlich nach. Er ist lieb; der Riese ist wie ein
Kind. Aber dann faßte sie der böse Gedanke, was die Welt wohl aus
diesem weichen Mann machen mochte, der ausgezogen war, sie zu erobern.
Denn sie kannte das Erbteil des alten Piraten Jens an ihrem Freund noch
nicht. Die fatale Energie!
Der Hei bemächtigte sich Piraths, sobald es ihm möglich war. „Nun?
Überlegt?“ schnauzte er ihn an. „Der Holländer dürfte auch zugreifen
wollen, wenn er’s wüßte.“
Hätte das Gespräch mit der Amerikanerin nicht stattgefunden, so wäre
Pirath dem Hei ohne weiteres über den Mund gefahren. Er hätte ihm
gesagt: „’n Buckel runter!“ So fand er es selbstverständlich, mit
Gefahr und Schwindel noch erst ein wenig zu spielen.
M...m...! wiegte Pirath mit dem Kopf hin und her, als ob er halb
zustimme. Der Hochstapler war aus seinem Beruf heraus ein Optimist. Er
mißverstand drum Piraths M...m! und legte es so aus, daß der Karpfen
zugebissen hatte, jedoch noch etwas gleichgültig tat, um zu verbergen,
daß er schon an der Angel hing. Der Karpfen tut schlau! flüsterte der
Hei sich wonnig zu. Ich werde ihm eins hinter den Kopf geben, dann
vergeht ihm die Schläue. Laut sagte er zu Pirath: „N... ja! Also nein
oder ja! Oder der Holländer! Aber eins vorausgeschickt. Als Provision
bekomm’ ich vor dem Nachtessen zehn Blaue. Sonst bleibt der Maharadscha
Katipatituli, der natürlich nicht so heißt, in seinen
Finanzschwierigkeiten zwischen seinen tausend Weibern in Hinterindien,
wo natürlich die Palmenwälder nicht liegen. Also Pirath, zeigen Sie,
daß Sie ein großer Kaufmann sind, ein echter moderner Deutscher.
Verhindern Sie, daß diese Geldquelle in ausländische Hände fließt. Prr,
zugegriffen! Der Auerochskopf hängt mit gebrochnem Genick in Ihren
Muskeln.“
Sieh, sieh! Der Hei ist sicher! Und wie er frech geworden ist! Es kam
Pirath nun humoristisch vor. Er dehnte die Geschichte aus und meinte:
„Lieber Herr Hei, es ist eine große Sache. Viel Geld! ’n bisken viel
Geld! Wieviel gedenken Sie hineinzulegen ...?“ Hei schaute ihn
sonderbar an ... „Nun sehn Sie, ich weiß. Sie sind der Kopf, die
einführende Energie ...“ Hei nickte mit aufleuchtenden Augen. „... Wie
gesagt, viel Geld! Da Sie aber nun glauben, Herr Goed möchte auch, so
wollen wir ihn doch einfach hinzuziehen. Mit seiner Finanzkraft und
kolonialen Erfahrenheit! Die Größe des Objekts verträgt zwei Nationen
...“
Hei legte Pirath heftig die Hand auf den Arm: „Still! pst!“ sagte er
und klappte einmal mächtig mit den schlaffen Augendeckeln über seinen
grauen verwischten Augen. „Der Holländer möchte. Schauen Sie mir in die
Augen, Pirath, Hand her! Diskretion! — Der Holländer ist ein
Schwindler!“
„Wa...as?“ fragte Pirath.
„Ehrenwort! Ich kenn ihn. Ein Schwin...dler! Er tut großmächtig an
Bord. Wollen sehen, ob er in Penang seine Zeche bezahlen kann ... Auf
Sumatra ...“
Aber Pirath lachte Hei laut ins Gesicht. So ein kleiner Betrüger, so
ein hochstapelndes Wichtchen spuckt nach Mijnheer Goed, dem soliden,
breitbeinigen, historisch aussehenden Pflanzer. „Hören Sie mal, Herr
Hei,“ fuhr ihn Pirath an, „kennen Sie auf Sumatra ein Haus so und so
...?“
Da sah Hei melancholisch zu ihm auf: „Jugendsünden!“ flüsterte er ganz
zerschmelzend. Aber plötzlich änderte er die Haltung. „Das haben Sie
von der Amerikanerin. Pfui! Sie soll sich was schämen, einem Mann seine
Jugendeseleien nachzurechnen. Gerade sie!“
„Weshalb gerade sie?“ fragte Pirath rasch.
„No, reden wir nicht weiter drüber. Eine Dame. Seien wir galant! Was
hat diese ... Dame mit unserm Geschäft zu tun? Sie haben meinen Artikel
gelesen. Die Aufnahmen beschwören sozusagen die Wahrheit. Sie können
mir trauen. Zehn Blaue, und Sie erfahren als Erstes Namen und Lage der
Palmenurwälder ... Ur...wälder! und des Harems mit den tausend Weibern,
zu denen die Amerikanerin als tausendundeinte gehörte, denn ... pst,
Hei, Maul zu. Tiger gehen dich was an, Stoßzähne! Aber diese Mrs.
Tschikaügoü ...!“
Da sagte Pirath eisig, obschon es in ihm wie bei einem Erdbeben zuging:
„Ich geb Ihnen die tausend Mark, wenn Sie den Satz zu Ende sprechen.“
Heis faule graue Augen wurden starr und die Augdeckel klappten wie ein
verrückter Vorhang. Aber schon besann sich Peter, und eine brennende
Scham überätzte ihn, daß er sich diesem Subjekt gegenüber so gehen
gelassen hatte. Hei schien zu fürchten, daß der andre hinter sein Wort
gehen könnte und beeilte sich: „Die Amerika ...“
Aber Pirath brüllte: „Seien Sie still!“ Er lief davon. Er ging in seine
Kabine, legte einen Tausendmarkschein in ein Kuwert. „Der Hund bekommt
das schöne Geld!“ sagte er. Er spuckte in das Kuwert hinein, bevor er
es schloß. Dann klingelte er und sagte dem Kellner: „Bringen Sie das
dem Schriftsteller Hei.“
Als der Kellner zum Weggehen die Tür öffnete, ging draußen die
Amerikanerin vorbei. Peter starrte auf die Tür, sah in ein einsames,
üppiges, von Palmen umstandenes Pflanzerhaus, an dem alle Jalousien
tief versperrt waren und hörte eine bekannte Stimme drin. Er schüttelte
sich wütend. „Was geht das mich an? Was geht das mich an?“ fragte er
sich gequält und zornig.
Beim Nachtessen war er schweigsam und ließ seine Nachbarin allein
reden. Plötzlich sagte sie: „Sie antworten mir kaum. Seien Sie doch
nicht so unhöflich!“ Pirath befleißigte sich dann eines spöttischen und
erregten Entgegenkommens, das sie mit fragenden Blicken erwiderte. Als
das Essen vorbei war, setzte er sich eine lange Weile in seine Kabine
und rauchte dort seine Zigarre, statt der Gewohnheit nach ins
Rauchzimmer zum schwarzen Kaffee zu gehen und zwischen seinen
Tischgenossen zu sitzen. Später stellte er sich vorn am Schiff einsam
an die Reling. Er stand eine Weile da im vollen Licht einer Decklampe,
da sah er von hinten den dicken Holländer mit wackelndem Bauch
heranlaufen; mit kurzen, hastigen, durch die Kleider behinderten
Schritten folgte ihm Mrs. Haug. Als Goed bei Pirath ankam, rief der
Holländer ganz außer Atem: „Weten Sie, wat Mrs. Tschikaügoü gesagt
hett! ‚O, der Herr Pirath sind ein so schöner Mann!‘ Dat hat sie
gesagt!“
Er lachte Mrs. Haug an, die wie wartend straff stand und vom Laufen
erregt atmete. Goed rief: „Seuker, dat haben Sie gesagt! Zu mir!“
Pirath wurde über und über rot und warf ihr einen empörten Blick zu.
„Plump wie ein Amerikaner!“ sagte er für sich. Sie aber stieß mit dem
Fuß auf und ging davon. Goed sagte zu Pirath dann: „Kommen Sie mit in
die Bar! Ick wünsche Ihnen etwas zu zeigen!“
Sie gingen. Sie setzten sich allein an einen kleinen Tisch. Goed zog
aus der Tasche ein Pack Papiere, breitete eine in farbigen Flächen
zusammengesetzte Karte aus und zeigte Pirath die grünen großen Flecken:
„Die gehören meiner Maatschappij. Und die gelben gehören Ihnen, wenn
Sie wollen. Sie sind uns vorge... wie sagt man ... gezeechnet! Grün ist
Rubber und Gelb hat alte Kokonutbestände, die man vergroteren kann.
Sie, Herr Pirath, sind niet wie soviel Deutsche, wie der Herr Deutsche
Gedanke! Sie lesen! Sie greifen zu. Die Welt ist Geld!“
Unvermittelt fragte er, was Hei ihm am Vormittag gesagt hätte. Peter
erzählte es. „Schwindler!“ antwortete Goed. Mehr sagte er nicht. „Aber
dies ist gut, exzellent. Deli-Sumatra wächst, Atjeh Co. prima, prima!“
Pirath schaute die Karte an. Hier bot sich ihm Ernstes, das wußte er.
Goed war ein Ehrenmann. Die holländischen Kolonien genossen, seitdem
der Kautschukschwindel vorbei war, den besten Ruf. Sonst ließen nicht
England und Amerika ihre Kapitalien dorthin fließen. Goed bemerkte
auch: „Rund um uns warten Engländer und Amerikaner. Sie overstromen,
overschwemmen das Land mit Geld! Da ist es der deutsche Gedanke,
zuzugreifen, vorzukommen, mitzukommen. Herr Backhaus aber leeset nur.“