Auf einmal erschien ihm Ree. Er hatte nicht vermocht, diese Katze in
seinem Bett zu halten. Wie sollte er jetzt die Welt erobern? Eine
Stimmung von Niedergeschlagenheit und Zweifel verbreitete sich
kleinmütig über ihn.
Der Holländer ging wieder dazu über, von der Reise zu sprechen. Er
nannte als sein Ziel Sumatra und pries den Aufschwung, den diese Insel
genommen hatte. Peter aber glitten die Gedanken fortwährend von Ree auf
die blonde Amerikanerin über.
Als sie sich am nächsten Tag zum Essen begaben, fanden sie einen
Unbekannten am Tisch. Der Fremde stand sofort auf, sobald jemand kam,
verbeugte sich und sagte: „Hartmuth Hei, Schriftsteller und
Tigerjäger.“ Er tat das auch beim Kapitän, der als letzter kam. Der
Kapitän schaute ihn eine Sekunde verwundert an. Dann sah er durch den
Saal. Unversehens stand der Obersteward an seiner Seite, bückte sich zu
ihm nieder und flüsterte: „Der Herr hat sich einfach hingesetzt. Als
ich ihm einen andern Platz anwies, sagte er, dieser Stuhl ist doch
frei. Ich kann ja gleich da sitzenbleiben. Weshalb mich derangieren?“
Während des Essens erzählte Herr Hartmuth Hei ununterbrochen Abenteuer
von Jagden, bei denen er sich heldenhaft benommen hatte. Bald war es
einem Tiger in Indien schlecht bekommen, daß er Hei zu stark auf die
Pelle rückte, bald mußte ein afrikanischer Löwe dran glauben. Hei
sagte: „Vor einigen Jahren war ich im Innern Sumatras. Ich hatte
Tigerspuren verfolgt, war an einen moorigen Fluß im Urwald gekommen und
ein steiles Ufer hinabgeglitten. Ich sah am Ufer einen Stein aus dem
Wasser ragen, wollte grad mit einem Satz darauf. Da hob sich der große
Stein aus dem Wasser, hob sich immer ... immer ... ein rosarotes Loch
erschien darunter und gelbe Stumpen, wie Kinderköppe so dick, und ich
sah auf einmal, daß ich im Begriff gewesen war, in das Maul eines
Hippopotamus zu springen. Ich ...“
„Seggen Sie, wie alt sind Sie?“ fragte grob der Holländer.
Hei blieb der Mund offen. Allmählich sagte er: „Achtunddreißig! Welche
Frage!“
„Dann waren Sie acht Jahre alt, wie Sie das ... wie seggt man? ...
Abentuur mit die Hippopotamus gehabt!“
„Wieso?“
„Weil ich dreißig Jahr in Sumatra leb und in dieser Teid ein
Hippopotamus dort nicht gesehen wurde.“
Aber Hei entgegnete belebt: „Ha, gesehen wurde! Merken Sie sich, meine
Herrschaften, gesehen wurde! Die Flußpferde sind allerdings rar auf
Sumatra geworden, und ich dürfte der einzige europäische Jäger sein,
der eins vor die Flinte bekam. Ich fahr fort mit meiner Erzählung ...“
„Dat is unnodig!“ sagte der Holländer.
„Weshalb, wenn ich fragen darf?“
Den andern wurde die Sache peinlich. Die Amerikanerin wandte sich
auffällig an Pirath und begann ein Gespräch mit ihm über deutsche
Frauen. Der Kapitän rief den Kellner herbei und studierte ausgiebig in
der Speisenkarte. Der Holländer aber sagte ruhig: „Weil ick Ihnen dat
segge!“
Hei zuckte mit den Schultern und wandte sich an seinen Nachbarn, einen
deutschen Beamten, der als Richter in die Südsee reiste. Dem erzählte
er das Abenteuer zu Ende. Der Richter hörte zu, als ob er zehn
Kilometer vom Erzähler weg sich hinter seinen hohen Kragen verschanzte.
Der Holländer verspeiste mit gutem Appetit, als ob er Hei nichts gesagt
hätte, ein Tournedos. Er rief laut lachend einem Landsmann an einem
Nachbartisch etwas auf holländisch zu, das niemand verstand. Hei
horchte auf.
Man erwartete ein peinliches Nachspiel nachher an Deck. Der Kapitän
heftete sich an den Holländer, um für alle Fälle bereit zu sein. Mrs.
Haug sagte zu Pirath: „Seien Sie lieb, und laden Sie uns alle in die
Bar ein. Den Jäger lassen Sie ruhig beiseit liegen. So was ist häufig
auf Schiffen. Man muß sie immer zehn Meter vom Leib und natürlich
einige tausend Kilometer von der Seele halten. Aber Mynheer Goed wollen
wir von ihm entfernen. Kommen Sie, wir trinken Champagner.“
Diese kameradschaftliche Vertraulichkeit berührte Peter innig. Er
wollte der Amerikanerin die Hand küssen. Aber dann sagte er nur:
„Furchtbar gern!“
Als der Champagner eingegossen wurde, sah Hei von draußen zu dem
Fenster herein, an dem der Tisch stand. Er streckte plötzlich seinen
mageren Kopf weit vor wie ein Hahn durchs Fenster, so daß alle
erschraken. Er rief: „Sieh da! Unser Tisch versammelt sich zu
fröhlichem Tun!“ Dann kam er herein, schob einen Sessel zwischen Pirath
und die Amerikanerin und bemerkte leichthin: „Sie gestatten!“ Nach
hinten rief er: „Steward, einen Sektlutscher!“
Die Gesellschaft schaute sich betroffen an. Die Amerikanerin begann
laut zu lachen. Der Kapitän rückte unruhig und peinlich berührt hin
und her und warf lange Blicke auf den Schriftsteller. Der Holländer tat
so, als ob niemand an den Tisch gekommen wäre. Der Richter versteifte
den Kopf in den hohen Kragen hinein und sah den Kapitän an. Der Kapitän
blickte wie nach Hilfe rund um sich. Hei neigte sich zur Amerikanerin:
„Befleißigen sich die Gnädigste auch der hohen Jagd?“ Sie antwortete
lachend und nebenbei: „Ja, auf sonderbare Menschen!“ — „Auch sehr
interessant!“ machte Hei. Aber er war schon zu Peter hinübergeglitten:
„Und in dem Herrn hab ich wohl einen Kollegen vor mir?“ — „Wieso?“
fragte Pirath, sich zurückziehend. — „Nun, die ganze Gestalt, das
Exterieur, so wie die Muskeln übern Rücken gehen und die Brust
herausgeweitet zwischen den Schultern sich wölbt. Sie könnten, parbleu!
einem Nilpferd mit einem Ruck den Hals umdrehen.“
Pirath wurde ganz verlegen, als der andre seine Gestalt so beschrieb,
und er errötete über und über. Er war nicht so kühn, zu Mrs. Haug
aufzuschauen.
Aber während Hei mit Pirath sprach, hatte der Holländer sich zum
Kapitän hinübergebeugt und ihm zugeflüstert: „Jetzt geht einer nach dem
andern mit seinem Glas an die andre Tisch, in die Huk drüben!“ Der
Kapitän lachte und sagte es weiter. Pirath sah, wie der Nachbar der
Amerikanerin sich zu ihr neigte und wie sie lachend ja winkte. Der
Holländer erhob sich, nahm sein Glas in die Hand und ging steif an
einen andern Tisch. Da stieß der Richter Pirath an und flüsterte ihm
zu: „Einer nach dem andern geht mit seinem Glas an den andern
Tisch“ ... Der Kapitän stand auf und der Richter schloß sich ihm an.
Als er weg war, sagte die Amerikanerin: „Herr Pirath, geben Sie mir
Ihren Arm ...“ Sie führte ihn um das Deck herum, blieb dann stehen und
schaute ihn an.
„Soll ich’s Ihnen sagen?“ fragte sie lächelnd.
„Bitte, ja!“ antwortete Pirath. „Was ist es denn?“
„Sie waren ganz rührend, wie er das von Ihren Muskeln sagte und Sie rot
wurden ...!“ Und sie ließ ihren Arm mit einer zärtlichen Schwere in
seinem liegen.
Pirath war verwirrt.
„Aber lieber Herr Pirath, sind Sie denn solch ein Kind? Wir sind
Reisekameraden! Wir können uns doch sagen, was uns aneinander gefällt
und uns bedeutsam aneinander zu sein scheint. Kommen Sie, wir gehn
wieder zu den andern.“
Peter kam sich wieder als Schüler vor und versuchte seine Verlegenheit
zu bemeistern. Sie setzten sich nebeneinander an den neuen Tisch. Sie
sahen Hei allein mit dem letzten ihrer Tischgenossen in der andern Ecke
sitzen. Der Holländer schimpfte: „So eene Wanz!“ Da erhob sich drüben
auch der andre, flüsterte in die Luft hinein: „Verzeihung!“ und kam mit
ernstem Gesicht graden Schritts zu den andern. Aber kaum saß er da,
als Hei aufstand, sein Glas nahm und ebenfalls herüberkam. Er sagte:
„Sie haben recht, meine Herren. Es zieht drüben. Und das ist in den
Tropen Gift. Zugluft — schlimmer als ein Elefant, gefährlicher als ein
angeschossener Tiger. Übrigens eine Geschichte von einem angeschossenen
Tiger ...“
Hei saß wieder neben Pirath und wandte sich an ihn. Pirath drehte sich
leicht weg. Aber das beirrte Hei nicht. Er begann: „Also einmal in
Birma mit dem Maharadscha von Pnumpum war ich auf der Jagd ...“
„Wenn Sie fortfahren von die Jagdgeschichtchens, denn geh ich auch auf
die Jagd!“ sagte der Holländer drohend.
„An Bord?“ lachte Hei. „Was wollen Sie hier erlegen? Mit welcher Waffe?
Bitte?“
„Ich will ... hei Wanzen will ich erdrücken. Mit die Daumen ...“
Aber Hei rief hinein: „O, reden Sie nicht von Wanzen, Mynheer! Da war
ich einmal drunten in Afrika im Dschungel ...“
Der Holländer lachte zum Kapitän hin: „Für solche Wanzen ist ein Küsten
Kanon niet groot genug.“
„Na, aber wirklich!“ rief Hei erstaunt. „Sie kennen die Geschichte? Von
der Wanze und der Kanone ...?“
Aber alle begannen zu lachen. Man bog sich hin und her vor Lachen. Goed
wieherte, daß ihm die Tränen in die grünen Äuglein sprangen. Er
brüllte: „Die ganze deutsche Kriegsmarin mit her an diese Wanz!“
Die Amerikanerin sagte leis zu Pirath: „Gehen wir.“ Der Richter und der
Kapitän erhoben sich. Andre taten desgleichen. Man ging ein wenig herum
und stellte sich draußen an der Reling zusammen. Der Windzug, der aus
dem finstern Meer aufrauschte, spielte durch die Haare und Kleider.
Auch Goed stand da. Auf einmal war Hei ebenfalls zwischen ihnen. Goed
und Hei stellten sich zu Pirath, und es war ihm, als ob sie sich
heimlich um ihn streiten wollten. Peter bemerkte das verwundert. Was
wollen sie mit mir? fragte er sich. Dies ungleiche Paar! Der hungrige
Schwindler und der imponierende, großmächtige Pflanzer!
Im Stuhl hinter ihnen an der weiß lackierten Wand lag der rothaarige
Jüngling und las. Er hatte noch immer sein Buch mit dem klatschigen
Deckel: Die Welt und der deutsche Gedanke. Pirath wollte den beiden
entgehen, weil er sich über ihr Benehmen nicht klar wurde. Er setzte
sich neben den Lesenden und begann ein Gespräch mit ihm.
„Sie lesen immer in diesem Buch?“ fragte er.
„Ja, gewiß!“ antwortete der andre.
„Ist es so fesselnd?“
„Nun wohl!“ sagte Backhaus. „Ich will mir mit deutschem Bewußtsein die
Welt anschauen.“
„Und dann?“
„Dann übernehm ich das Geschäft meines Vaters.“
„In Hamburg?“
„Nein, in Kassel!“
„Das lernen die deutschen jungen Leute jetzt wohl von den Engländern?“
fragte Peter. „Zuerst umschauen, wie die Welt aussieht. Lehrjahre! Und
dann erst zu Haus beginnen. Nicht wahr?“
„Das deutsche Bewußtsein erwacht jetzt!“ sagte der junge Backhaus.
„Hätte es das früher getan, so wäre es besser um uns.“
„Nun, es geht uns doch nicht schlecht.“
„Aber falsch. So wie unser moderner Turnunterricht zu Haus die Glieder
neu schult, so müssen wir auch den Geist, das Bewußtsein unsrer
Persönlichkeit neu erziehen.“
„Das steht in diesem Buch?“
„Nein. Es ist mehr historisch. Schon das Ergebnis sozusagen.“
„Verzeihen Sie, Herr Backhaus, das ist mir unklar. Noch kein Geschäft,
aber schon eine Bilanz.“
„Es handelt sich hier um höhere Dinge als Geschäft.“
„Aber Sie nannten doch als Endziel das Geschäft Ihres Vaters in Kassel.
Meinen Sie denn nicht, daß, wenn uns das Geschäft in die Welt führt,
eben dieses Geschäft das höchste der Dinge ist. Das Geschäft natürlich
in der ganzen Atmosphäre einer deutschen Mentalität ...? Das Geschäft
als Spitzenführer der Gruppe unsrer guten deutschen Eigenschaften.
Anders wäre es doch wieder der alte verstaubte deutsche Stubengeist!“
Der Blonde machte: „Nun ja!“ Er strengte sich an, nachzudenken, und
seine blauen Augen gingen unruhig hin und her und fielen dann aufs Buch
und waren gleich still und besänftigt. Aber auf einmal, als Pirath
schon dachte, er sagt nichts mehr, bemerkte er ganz ruhig und bestimmt:
„Es nutzt doch alles nichts, bis der Krieg entscheidet!“
Der Holländer kam und nahm Pirath hinweg. „Wat seggt der deutsche
Gedanke?“ fragte Goed. Pirath erzählte. Goed antwortete, ein wenig
nebenbei: „Die Deutsche sind tüchtige Menschen. Aber ihr müßt eure
Gedanke zu Haus lassen. Wisse Sie, was ist Welt? Welt ist Geld! Und
nicht sich über ein Buch versammeln und mit dem Kopf drüber brühen, wie
die Hühner auf die Eiern brühn. Tun! Das müßt ihr. Dann gibt es nichts
Besseres in die Kolohnjen als der Deutsche. Aber diese Gedanke ...
diese Gedanke ... Wenn ein Deutscher ein Loch in seinen Schuhn hat,
dann denkt er zuerst über die Entstehung der Schuh nach, dann studiert
he die Fabrikation von das Ledder in den dicke Buks ... Englishman —
$all right!$ Sie gehn nicht rundum in Gedanken, aber mit der Faust
darauf zu.“
Pirath war ärgerlich, daß einer das deutsche Wesen so nicht erkennen
konnte. Er antwortete gereizt: „Lassen Sie die Engländer gradaus auf
ihren Pfeffersack und ihren Fußball zugehn. Wir sind Deutsche! Das ist
etwas andres! Wir wollen auch in Geschäftssachen fühlen, wie uns das
Herz schlägt.“
„Durchschnittlich siebzigmal in der Minut!“ lachte Goed, „wie bei die
andern Nationen.“ Allmählich führte er dann, während sie zahllose Male
ums Deck gingen, das Gespräch auf seine Pflanzungen auf Sumatra. Er
erklärte, wie viel Möglichkeiten diese Insel noch berge.
Einmal sah Pirath, daß die Amerikanerin mit einem langen Blick ihm
entgegenschaute, während sie so umhergingen. Er hätte gern mit ihr
gesprochen. Aber er hörte zum erstenmal etwas, was seinem Unternehmen
galt, und in Gedanken versuchte er fortwährend beim Pflanzer etwas von
seinen großen Plänen anzubringen. Ein zögernder Instinkt befahl ihm
aber vorsichtig zu sein, und da sagte er gar nichts, weil es ihm
unehrlich erschienen wäre, mit halben Verdeckungen zu sprechen. Der
junge Backhaus ging jetzt allein umher, das Buch unter die Achsel
geklemmt. Der Tigerjäger stand im Winkel hinter dem Rauchzimmer und
erzählte ununterbrochen.
* * * * *
Peter hatte seine Zeichnungen und Arbeiten über die Zentrifuge
mitgenommen. Er dachte sich, die lange Schiffahrt ließe ihm vielfach
freie Zeit, die er mit der Fortsetzung der Arbeiten ausnützen könne.
Aber das sorglose und ein wenig planlose Hinundher, das Neue der
Atmosphäre an Bord, die steigende Hitze hinderten ihn, voll und ganz an
die Arbeit zu kommen. Er fühlte sich dann unzufrieden mitten in einer
Anhäufung von Sorglosigkeit, wenn er so halb tätig, halb abschweifend
sich über seine Papiere bückte. Es haftete auch ein feindseliger Geruch
von Vergangenheit an diesen Blättern und Notizen. Ree entstieg ihnen,
und allmählich bildeten sich die Empfindungen, die er aus ihnen
empfing, stets zu dem einen Eindruck zusammen, daß in dem Land, das
hinter ihm verschwand, in dem Leben, das anfing, ein wenig wesenlos
hinter ihm zu werden, er versagt hatte, er jämmerlich unterlegen war.
Ein paarmal versuchte er dabei sich zusammenzuraffen. Aber dann lehnte
er sich auf. Er gab sich damit zufrieden, daß er die Pläne der
Zentrifuge in der bisher erreichten Form dem Bruder überlassen hatte,
der sie dem Patentamt vorlegen und in der Fabrik einführen wollte.
Es kamen nun auch große, gemeinsame Ausflüge in den Häfen, die sie
anliefen. Er fuhr mit Mrs. Haug, mit Goed und dem Richter nach Pompeji.
Das war Ablenkung und Neues. Er wollte es ganz haben und befreite sich
von allen andern Sorgen. Pompeji ließ ihn ohne Eindruck.
Als sie auf den Dampfer zurückgekehrt waren, sagte er der Amerikanerin:
„Es sind Stumpen einer Stadt. Ich hab Ruinen nie geliebt, und diese
haben nicht einmal das Malerische von Ruinen deutscher Burgen!“
Als sie ihm antwortete, ob es ihn nicht ergreife, daß Pompeji eine
Stadt sei, die man nicht sterben lasse, sah er, in der Erinnerung, den
Ausflug auf einmal mit andern Augen an. Sie standen abends an Deck
zusammen, und er sagte ihr, wie richtig und schön ihre Bemerkung
gewesen und daß ihm darnach erst der Sinn in das Trümmerfeld gekommen
sei.
Sie bemerkte darauf: „Ich möchte mit Ihnen durch die Welt reisen!“ Und
Peter fühlte sein Herz wärmer gehen, und es war ihm auf einmal, als
täte es ihm wohl, die Asche, die in ihm lag, etwas zu entfernen und ihr
zu zeigen, was drunter brannte. Denn so weit seine Heimat auch hinter
ihm lag, aus seinen Adern war Ree nicht gewichen. Um nicht erzählen zu
müssen ging er von der Amerikanerin fort und umwanderte ungezählte Male
das Deck, während die Ladebäume knarrend arbeiteten und in der Tiefe
auf dem Wasser in beleuchteten Kähnen Musikbanden neapolitanische
Lieder fruchtbar machten.
Pirath ließ sein Leben hinter sich — und sein Leben war zusammengefaßt
in den harten Schlag: Ree — als etwas, das unwürdig war. Nicht Ree war
minderwertig. Aber er, er hätte sich nicht in diese Luft begeben
sollen, er, der eine Energie war und doch sein Gemüt wie ein Moor in
sich trug. Und da Ree keine Wurzeln in seinem Leben schlagen konnte,
wucherte dieses Verhältnis auf seinem Gemütsleben wie auf einem
Komposthaufen.
Die Amerikanerin schaute ihm unverhohlen nach, wenn er an ihr
vorüberging. Sie empfand es nicht als eine Beleidigung, daß er sie
hatte stehen lassen. Sie sagte sich: Es ist, als sei er irgendwo wund.
Bei gewissen Dingen verliert er seine breite Ruhe und fängt an zu
pendeln. Dieser Mann steht kurz hinter einem Erlebnis. Und als er
wieder vorbeiging, sprach sie ihm leis für sich in den Luftzug hinein
nach, der hinter seinem raschen Gehen sie streifte: „Es wäre süß, Sie
zu lieben, mein Herr! Und von Ihnen geliebt zu sein, so zwischen Neapel
und Hongkong.“
Das Schiff fuhr einige Tage ohne Unterbrechung durchs Mittelländische
Meer. Der nächste Hafen war Port Said. Für Peter, den Unerfahrenen,
entwickelte sich das Leben an Bord verführerisch sorglos und weich und
bildete eine neue ungeahnte Realität, der er sich mit vollem Herzen
hingab. Man plauderte, schaute, spielte, aß, trank, scherzte, die Welt
lag fern um die Scheibe des Horizonts herum und konnte nicht über einen
kommen. Selbst an Hei hatte man sich gewöhnt. Seine Aufdringlichkeit
war manchmal nicht ohne Witz. Nur der Kapitän widersetzte sich. Wenn
man ihm sagte: „Hei ist doch ein Scherz!“, dann machte er empört: „O,
gehn Sie!“ und sprach von etwas anderm. Hei fuhr fort, Pirath
aufzusuchen, und erzählte ihm wunderbare Jagdgeschichten, die Pirath
nicht glaubte. Hei ließ dafür Pirath seine Getränke aufschreiben. Er
log und schmarotzte sich im Kreis durch die Schiffsgesellschaft und
versuchte, als niemand seine Jägergeschichten mehr hören wollte, mit
einer geheimen Mission wichtig zu tun, die er nicht direkt, aber
verdeckt im Auftrag eines großen Staates, der natürlich nur Deutschland
sein konnte, unternahm. Dadurch leitete er den Zorn und das besondere
Mißtrauen des Richters auf sich, der nach der Südsee fuhr.
Der Richter sagte zu Pirath, indem er vor Empörung rot wurde: „Das ist
ein Schwindler!“
Der Holländer meinte: „Er wird nicht von Bord gehen, ohne uns
weismachen zu wollen, daß er wegen seiner guten Flint Erbprinz von
Johore wird.“
Die Amerikanerin vermutete: „Er wird nicht von Bord gehen, ohne
versucht zu haben, uns alle anzupumpen. Und bei einem wird es ihm
gelingen. Bei Ihnen, Herr Pirath, wo er anfangen wird.“
„Weshalb bei mir?“
„Er riecht den Neuling in Ihnen, den Reisedilettanten.“
Goed sagte: „So wie ich Bekenntnis von Ihne hab, Herr Pirath, geben Sie
ihm Kredit bis zu drei Nulle!“
„Er wird sich schneiden!“ rief Pirath.