Drei Stationen kamen an Peter Piraths Reisen. Drei Stationen, an denen
er sozusagen den Zug verließ, verweilte, rückwärts schaute und die
Fahrpläne neuer Richtungen studierte.
Bis zur ersten Station wurde er gepflügt. Bis zur zweiten Station kam
er in Saft, und vor der dritten, da er ernteschwer geworden war, da ...
In Genua ging Peter Pirath an Bord des „Fürst Bülow“. Der Hotelwagen
brachte ihn zum Kai, er stieg den Holzsteg aufs Zwischendeck hinauf und
von dort die Eisenstiegen weiter aufs Promenadendeck. Schiffsoffiziere
standen halb höflich bereit, halb militärisch wichtig und barsch umher.
Der Kapitän grüßte Pirath mit einem väterlichen und zugleich
weltmännischen Lächeln und einem verweilenden Anschlag an die vierfach
bebänderte Mütze. Der Obersteward bemächtigte sich Piraths im
Handumdrehen mit einer nur halb ausgeführten, aber doch formvollendeten
Verbeugung.
Pirath ging hinter diesem Mann her das Promenadendeck entlang. Mit dem
linken Auge sah er den Kai, in buntem Gewimmel von fremdem Volk
bedeckt, mit ungewohnten Gebärden belebt, und mit dem rechten Auge sah
er auf einmal, er mußte unwillkürlich den Schritt anhalten, einen
jungen Menschen in einem Stuhl an der weißlackierten Wand tief
rückwärts liegen und lesen. Peter begann seine Reisen wie eine
religiöse Tat. Er folgte nur ungern dem Obersteward, um sich seine
Kabine zeigen zu lassen. Er wollte sich über die Reling legen und
schauen. Die steile Stadt schickte aus den üppigen Klötzen ihrer
Paläste, die wie Felsenblöcke über Schluchten die Straßen bildeten,
dieses farbige fremde Gewimmel von Volk herab. Das bewegte sich am Kai,
mitten im Geruch der fernen Küsten, der an den Dampfern und Seglern
abfloß, wie eine unbekannte Seele, die unbewußt den Schleier von sich
lüpfen will und heischte, geschaut zu werden. Und dieser junge Mann lag
tief rückwärts und las. Das war Pirath außerordentlich merkwürdig.
Er eilte hinter dem Obersteward her, warf einen Blick in seine Kabine
und flüchtete wieder an Deck. Der junge Mann lag noch immer und las. Es
war ein junger Mann, der unter einer blauen Seglermütze sachlich kurz
geschorene rote Haare hatte und gepflegt pedantisch gekleidet war. Er
war von stämmiger kurzer Gestalt, hatte ein Gesicht mit einer zu
kleinen Nase, fest gerundeten Backenknochen, eine breite Stirn, einen
scharfen Mund und einen mädchenhaften rosazarten Teint. Seine Augen
ertranken in den spiegelnden Scheiben seines Kneifers. Seine roten
Brauen hoben sich leicht, als Pirath vorbeiging, und senkten sich fast
im selben Augenblick wieder in das Buch. Er war etwas weitsichtig und
hielt das Buch steifarmig vor sich hoch. Das Buch hatte einen
klatschigen Deckel, dessen Titel Pirath schon von fern lesen konnte:
Die Welt und der deutsche Gedanke.
Der erste Gedanke Piraths war, als er diesen Titel gelesen hatte: Dies
Buch könnte dir auch vielleicht nützen. Aber er wunderte sich, daß ein
junger Mensch so untätig einem Buch hingegeben sein konnte, wo vor
seiner Nase die lieblichste, ein wenig märchenhafte Lust eines fremden
Volkes auf dem Kai tanzte. Denn es war ein strahlender, windgekühlter
Augusttag. Peter empfand eine leise Enttäuschung in der inneren
Erhebung, mit der er den ersten Schritt auf dem Schiff getan hatte.
„Ich wollte, dieser junge Mann wäre nicht an Bord!“ sagte er sich. Er
dachte, wie störend solch ein trockenes Pflänzchen in dem engen
Lebensraum sei, in dem auf drei, vier Wochen ein lebendiger Haufen
Menschen fremdem Klima entgegenfuhren und eng aneinander die Welt
erlebten. Pirath stellte sich an einer solchen Bordgesellschaft von
vornherein alles harmonisch vor.
Der Kapitän stand auf einmal vor ihm, führte die Hand an die Mütze und
sagte mit einer kleinen lächelnden Verbeugung: „Kapitän Schnell.“ Peter
nannte seinen Namen, und der Kapitän sprach gleich diesen Namen nach,
so als ob er ihn seit längerem kannte. Das kam Peter Pirath vertraut
vor, und er begann den Kapitän zu lieben. Der Kapitän war der gute
Geist der Fahrt in die Welt, die Pirath begann, ein modernisierter
wiedergekehrter Mentor, und ohne Hemmungen erzählte Pirath in dieser
ersten Stunde auf dem Dampfer, da dieser zur Abreise rüstete, von
seinen Zwecken und fragte den Kapitän nach einzelnen Persönlichkeiten,
an die er Empfehlungen besaß. Doch es schien ihm, da er diese Namen
nannte, als ob der Kapitän etwas spöttisch täte und sich zurückzöge.
Aber dann sah er, wie die blauen Augen des Kapitäns auf den lesenden
Jüngling fielen und zugleich der kurze ergraute Bocksbart seines großen
gesunden Gesichtes sich vorn etwas hob. Da sagte er sich, daß der
Rothaarige wohl die Ursache der plötzlichen Änderung sei.
Am Kai landeten drei Droschken. Der ersten entstieg eine schlanke
straffe Frau in einfachem weißen Kleid. Sofort begann ihre Blondheit
sonderlich in der Sonne zu leuchten. Ihr folgte ein großer Mann, der
seinen Bauch steil vor sich hintrug und mit seinem Panama seinen
riesenhaften Kopf halb verbarg. Die anderen Droschken luden noch einige
Herren und Damen aus, an denen nichts Besonderes zu sehen war. Der
Dickbäuchige grüßte herauf. Die straffe Frau ebenfalls. „Wir sind da,
Käpten! Sie können fahren!“ rief der Dickbäuchige. Dann stellte er sich
an die Spitze der Gesellschaft, hielt die Hände wie eine Trompete an
den Mund, und während er den wippenden Holzsteg heraufkam, blies er den
Wilhelmusmarsch hinein. Die Damen und Herren folgten lachend. Der
Kapitän sagte zu Peter: „Entschuldigen Sie!“ und war unversehens
verschwunden. Der Dickbäuchige tauchte die Eisentreppe herauf und rief:
„Käpten! Wo ist der Käpten?“ Er grüßte Pirath. Er lächelte ihn von ganz
nah mit seinem großen geröteten Gesicht an. Aus diesem Gesicht sprang
die Nase in einem scharfen Winkel heraus, wie eine geometrische Figur
an einem krausen Gewächs. Dann stellte er sich, einen Augenblick
erstarrt tuend, vor dem rothaarigen Leser auf. Der schaute flüchtig zu
ihm hin, grüßte sanft errötend. Der Dickbauch drehte sich zu der
straffen Frau um und sagte, indem er mit dem Daumen rückwärts auf den
Jüngling zeigte: „Heut abend weiß er ihn auswendig.“ Sie fragte: „Wen?“
— „Den deutsche Gedankche in der Wällt!“ antwortete der Dickbäuchige
in einem fremden gutturalen Deutsch. Er war ein Holländer.
Der Rote errötete wiederum und lächelte kühl. Er versank tiefer in sein
Buch. Pirath legte sich mit dem Rücken an die Reling und schaute die
schöne Frau an. Ob sie die Frau des Dickbäuchigen war?
„Soll ik Ihnen wat seggen, Herr Backhaus?“ wandte der Holländer sich
wieder an den Lesenden. Dann bückte er sich nieder und flüsterte ihm
etwas ins Ohr. Der Jüngling lächelte kühl abwehrend und selbstbewußt.
Der Holländer richtete sich laut gröhlend wieder auf. Er schaute Pirath
an und tippte mit dem Daumen auf die Stirn. Der Jüngling erhob sich und
ging, das Buch in der Hand, davon.
„Mrs., so sehen die jungen Manen aus, die sich heutzutage die Welt
ankuken gehen. Dat is Chebrauch in die deutschen Kolohnjen,“ sagte der
Holländer.
Da wußte Pirath, daß sie nicht seine Frau war.
Als das Schiff schon fuhr, kam der Obersteward zu Pirath und sagte:
„Der Herr Kapitän bittet um die Ehre, Herrn Pirath bei den Mahlzeiten
am Kapitänstisch zu sehen.“ Peter sagte: „Danke.“
Als er abends im Smoking in den Speisesaal kam, fand er, daß er
zwischen dem Holländer und der straffen Frau saß. Der Holländer führte
das Gespräch. Der Kapitän blieb diesen ersten Abend auf der Brücke. Der
Holländer fragte Pirath nach seinem Reiseziel. Peter erzählte in
Andeutungen. Nachher war es ihm, als ob der Holländer sich ein wenig um
ihn bemühte. Aber er ging nicht ein auf Piraths Antwort, sondern trieb
gleich das Gespräch auf die Erlebnisse des Tages in Genua zurück.
Pirath erkannte in den andern Tischgenossen die Insassen der Droschken,
die zugleich mit dem Holländer und der Frau am Kai angekommen waren. Er
nahm sich vor, mit dem Holländer, der nach Sumatra zu reisen schien,
bei erster Gelegenheit über seine Zwecke zu sprechen.
Pirath überlegte sich, was er seiner Nachbarin sagen könnte. Er fand
nichts, und er genierte sich seiner Unbeholfenheit vor ihr. Er spürte,
daß sie ihn öfter anschaute. Ihre merkwürdige Sprechweise fiel ihm auf.
Sie sprach fließend Deutsch, aber mit einer fremden Aussprache. Er
schnappte nach dieser Eigenart, um das anknüpfende Gespräch zu finden,
legte sich einen schönen und gescheiten Satz zurecht. Aber als er ihn
sagen wollte, fand er ihre Blicke wie wartend auf sich gerichtet, und
das verwirrte ihn. Aus dem schönen und gescheiten Satz wurde die
unbeholfene Frage: „Von wo sind die gnädige Frau? Darf man sich
erkundigen?“
Sie antwortete mit einem, wie Peter schien, übertrieben höflichen und
entgegenkommenden Lächeln: „Aus Tschikaügoü!“
Peter verstand nicht, aber er genierte sich vor der Schwierigkeit, sich
den Namen deutlicher vorsprechen zu lassen, und er sagte: „So!“ Aber
die Fremde nahm dann unversehens das Gespräch in die Hand und spielte
wie mit einem Ball damit. Peter unterhielt sich unerwartet leicht, und
er begann diese Gewandtheit, den klug ausnutzenden Verstand der Dame zu
bewundern. Die Nachbarin verstand es, die Unterhaltung wechseln zu
lassen, und Peter fand, daß sie gleichermaßen mit Humor wie mit der
Fähigkeit ernster Rede ausgestattet sei. Aus ihren Gesprächen ging ihre
Weltgereistheit hervor, und Berlin, Hongkong, Sydney, Neuyork waren ihr
geläufig wie Hannover und Hildesheim dem Pirath. Da fühlte er, der so
ganz seinen begonnenen Reisen angehörte, wie sie, die Vielgereiste, ihm
überlegen war. Er sah jetzt in ihr etwas wie eine Führerin.
Das war, was Peter Pirath während des ersten halben Tages an Bord des
„Bülow“ erlebte. Er gab sich wohl Rechenschaft darüber ab: Drei
Menschen hatten sich ihm heut genähert, die straffe kluge Frau, der
dickbäuchige Holländer und der Kapitän, und allen dreien ordnete er
sich unter. Da tat er bei sich als der Schlaue. „Man muß aus allen
Blüten Honig saugen!“ sagte er. Aber ganz im Innern gefiel es ihm
nicht, daß er der war, der geführt werden sollte. Er war zu anderm
ausgereist.
Nach Tisch saß Pirath mit dem Holländer in der Bar. Sie tranken
schwarzen Kaffee, und Pirath bot dem Holländer eine seiner großen
Zigarren an. Der Holländer schien sich auszukennen und sagte: „Oh!“
sehr erstaunt, diese Zigarre hier zu finden. Er brannte die Zigarre
umständlich an. Dann versuchte er diskret Pirath zum Erzählen zu
bringen. Peter aber dachte immer an die Klugheit seiner Tischnachbarin.
Er fragte den Holländer: „Von wo ist meine Tischnachbarin?“
„O, die Mrs. Tschikaügoü? Aus Tschikaügoü!“
„Wo ist das?“
„Ich schreib Ihnen das Wort. Dann wissen Sie es!“ Er schrieb auf einen
Zeitungsrand: Chicago. „Sie ist eine Deutsch-Amerikanerin, Mrs. Haug.“
„Sie ist sehr gescheit!“ sagte Peter.
„Sie ist eine reiche Witwe!“ warf der Holländer hin. „Ha, wenn man
nicht verheiratet und so häßlich wäre ...“ Nach einer Weile sagte er
noch und lächelte halb spöttisch dazu, halb anzüglich: „Aber Sie!“