Hermann fragte und kam: „Also wohin?“

Peter antwortete aufs Geratewohl: „Ach, so zwei Wochen an den

Traunsee! ...“

Da erboste sich Hermann: „Na, denn doch gleich an den Tümpel im

Stadtpark. Peter! Nach Sizilien! Nach Norwegen! Nach Spanien!“

Peter zögerte. Seine Phantasie war aufs Verzichten eingerichtet in

dieser Zeit. Doch schwerfällig folgten seine Wünsche den Lockungen.

Komm ich so weit herum, so entferne ich mich denselben Weg von meiner

Bürde, sagte er sich. Er ging auf Hermanns Einreden ein. Aber es war

schwer, so rasch ein Ziel zu finden. Er verschob es auf morgen.

Am nächsten Tag in der Frühe ließ er sich Prospekte vom Norddeutschen

Lloyd und von der Hapag kommen. Dasselbe tat Hermann auch für sich.

Peter suchte Spanien, Sizilien auf und reiste heimlich weiter übers

blaue Meer nach Algier, nach Kairo.

Hermann blätterte hitzig in dem Büchlein und sah, wie alles

zusammenlag, so nach Neapel, Sizilien ... Algier ... nur ein Sprung

Kairo ... dort die Pyramiden! An den Pyramiden blieb Hermann hängen.

Das war weit, groß, fremd. Das war etwas für Peter.

Er klingelte ihn an: „Weißt du, wohin du reisen sollst, Peter? Zu den

Pyramiden mußt du!“

„Gerade bin ich dort angekommen!“ lachte Peter zurück.

„Bitte was? Wie?“

„Im Prospekt des Norddeutschen Lloyd.“

„Ja, ich auch dort,“ sagte Hermann.

Also vorläufig reiste Peter zu den Pyramiden.

Die Brüder aßen zusammen, und nach Tisch schauten sie sich den kleinen

illustrierten Prospekt noch weiter an. Sie reisten drin bis Kairo. Aber

auf der Seite, wo Kairo stand, war ein Bildchen, auf dem Palmen sich

elegant über einen Strand neigten. Die Palmen hatten Zusammenhang mit

J. P. Pirath Söhne und mit der Zentrifuge. Hermann las heimlich rasch

die Verbindungen ab.

„Schau mal, Peter, da auf Zeylon wachsen Palmen. Auf ihnen ruhen Pirath

Söhne. Du müßtest doch eigentlich ... Wir haben ja einen Vertrauensmann

dort, den Konsul Janssen ...!“ Und während er so sprach, wuchs ein

Einfall heißblütig in Hermann auf. „Janssen ist Pflanzungsverwalter im

Innern Zeylons, und ha! siehst du! das ist was! Du würzest die

Erholungsreise durch die anregende Pikanterie eines kleinen

Stippbesuchs. Du überzeugst dich, wie die Kokosnüsse wachsen, die wir

hier der Menschheit zugänglich machen.“

Hermann war auf einmal wild erregt. Sein Kopf glühte. Er goß sich einen

Kognak ein und stülpte die Schale mit einem Zug in den Mund. Er hüpfte

zwischen den Sesseln herum. „Weißt du, was ich jetzt mache?“ rief er.

„Ich spiele das Milchmädchen in der Fabel ...“ Er ging herum und tat

so, als balancierte er einen Topf voll Milch auf seinem borstigen

Schädel. „Aber sieh, der Topf fällt nicht, wie beim Dichter. Wir

Kaufleute sind eben die Wirklichkeit, mein Lieber! Peter, du

kontrollierst, wie wir uns stehen, wenn wir auf den Zwischenhändler

verzichten können ... Wenn wir dann eigne Pflanzungen anlegen.

Verdammt! Auf den Einfall kam ich nie, weil ich dachte, weiter als bis

in die Schweiz führe kein Zug. Es ist uns Großes verloren gegangen in

all den Jahren.“

Die zwei Köpfe arbeiteten über dem Prospektbuch ineinander hinein. Der

aufgepeitschte Geschäftsgeist Hermanns trieb erregt die Phantasie

Peters. Der Geist strebte ins Wachsende, ins Größere, die Phantasie

tobte nun auf einmal wild in der Welt herum und jappte nach einer

andern Luft. In der Südsee machten die ungleichen Brüder halt.

„Man weiß zu wenig von dieser Gegend, als daß dort nichts zu machen

wäre!“ rief Hermann.

Peter scherzte: „Und wenn das Blut unsres von dir so gefürchteten Ahns

Jens aus Emden drunten wieder ausschlüge ...“

„Ach was!“ versicherte Hermann, der diese Rede in seiner Hitzigkeit für

ernst nahm, „unsre Zeit hat keine Luft mehr für diesen Beruf. Jens ist

vermodert, und wir halten den Familienschrank mit seinem Skelett gut

vor jedermann verschlossen. Und dann bitte um eins: Scherz’ nicht,

Peter! Jetzt bist du mehr als Peter Pirath, der vor seinem Kummer nach

Gmunden fliehen wollte. Jetzt schiebst du mit an der Zeit. Wenn das zu

machen geht und uns durch eigne Pflanzungen auch der Rohstoff ganz zu

Willen ist, dann wachsen wir so, daß die ganze Stadt mitwächst. Es ist

wie ein Stein, der ins Wasser fällt und, so weit es Wasser gibt, seine

Ringe von dem Stoß auswirft. Das wird ein berühmtes Datum in der

Geschichte von Jens Pirath Söhne und in der Geschichte der Heimatstadt.

Pflanzer und Fabrikant! Ferne Inseln und Vaterland in einem Kreis.

Kolonialpolitik einer deutschen Firma!“

Peters Weltreise war also beschlossen. Peter band sich an keine Zeit.

Eilig beförderte er die Vorbereitungen. Es kam ein Skandal mitten

hinein. Der Friseur Larisch erhängte sich im Garten des „Schwanen“ in

H. vor Rees Fenster. Sie hatte nichts mehr von ihm wissen wollen. Aber

diese furchtbare Wendung konnte den Stein nicht mehr aufhalten, der so

mächtig im Rollen war. Denn auch bei Peter, der das große, vom Bruder

ausgedachte Werk zuerst nur egoistisch zur eignen Befreiung dienstbar

machen wollte, hatte der Gedanke gezündet.

So warf jener Schicksalsschlag das ewige Rad einen Schwung fester bei

den Piraths herum. Der Geist der Entwicklung hienieden gab einen guten

Faustschlag hinein und knirschte vor Genugtuung mit seinen grimmigen

Zähnen. Pirath Söhne schnappten einen Sprung höher ein, damit eine

Reihe andrer Menschen und Verhältnisse, kurzum ein ganzes

Zeitläuftchen.

Aus verflossenem Herzblut schossen Triebe einer neuen Energie. Alte

Weltweisheit!

Der Räuber und Friseur Larisch blieb zeitlich: eine taube Ähre, deren

Wertlosigkeit bei der Ernte herauskam und vernichtet wurde. Und Ree!

Ach ja, und das heftige, schöne, ehebrecherische Tigerlein Ree?

Verabschieden wir sie. Sie hat ihre göttliche Mission erfüllt: einen

Flibustier aus der Gesellschaft gemerzt und einen wertvollen

Mannescharakter auf einen neuen und fruchtbaren Acker gebracht.

Piraths Insel · 第 18 / 96 题