Drittes Kapitel

In den Kreisen, die Piraths nahe gestanden hatten, sprach sich zwischen

dem Stelldichein um zwölf Uhr im Cafépavillon am Ring und den

Vier-Uhr-Besuchen die neue Wendung in den nächsten Tagen herum. Hatten

die Piraths sich wirklich wiedergefunden? Aber die Bankiersfrau, die

auch ein wenig intellektuell war und gern Schauspieler und Sänger des

Stadttheaters einlud, warf eine neue Ansicht über das Unklare der Lage

in die Gesellschaft. Zwischen den Piraths sei etwas Unsauberes, sagte

sie, und sie prägte dafür ein Wort, an dem sich alle aufregten: „etwas

Perverses!“ Darüber ging nun die Unterhaltung. Die Damen hatten Ree ja

einiges heimzuzahlen. Sie war das wilde Tier ihrer Gesellschaft

gewesen, unzuverlässig wie eine Katze, man hatte nie auf sie zählen

können. Sie verdarb oft in verschlagenster Weise die schönsten Pläne.

Bei ihr konnte man über den Nächsten sich überhaupt nicht erleichtern,

denn sie war imstande und antwortete sofort: „Das sag ich der

Betreffenden zurück,“ ging zu ihr und tat es. So unzuverlässig war sie.

Aber Ree hatte diese Gesellschaft doch durch ihre ungebändigte Eigenart

zu einem gruselnden und angstvollen Staunen gezwungen, und für dies

Gefühl, das ihrer saftlosen Alltäglichkeit gegen den Strich ging und

dem sie stets nur widerwillig und ausspuckend folgten, mußten Bürger

und Bürgerinnen sich rächen.

Da kamen die ersten Zeugen aus der Heide.

Der Schreiber des Rechtsanwalts las die Notizen seines Herrn. Er zeigte

seinem Kollegen vom Justizrat das Protokoll. Der Schreiber erzählte dem

Justizrat. Den Justizrat verknüpften heimlich bemunkelte Bande mit der

Bankiersfrau. Die Regierungsrätin, der Cafépavillon, die Vier-Uhr-Tees

... die Stadt! Die ganze Stadt nahm nun die Angelegenheit des Ehepaars

Pirath ins Maul. Es war ein Schmaus. Sie schmatzte damit. Der Saft rann

wie an den Lefzen der widerwärtigen Dogge. Man kaute familien-,

berufsweise. Die Männer gingen öfter ins Wirtshaus. Die Frauen trafen

sich jetzt dreimal täglich und schickten gleich die Kinder hinaus.

Dazwischen telephonierten sie sich ununterbrochen an. Der Plebejer

deutete mit verächtlichen Mundwinkeln hinauf. Die Freunde des Hauses

grunzten sich an vor Neid auf den Friseur Larisch. Das

Revolverblättchen arbeitete, und Schenkwirt, Kontorist, Arzt und

Kaufmann, Fabrikant und Richter schoben es sich vieldeutig

aufschmunzelnd hin und gruben die Bärte gleich in den Bierkrug. Denn

das Blättchen lasen sie nur am Stammtisch.

Peter bekam Schmähbriefe. Sie waren geifernd unflätig. Die Phantasie

verborgner Schmutzkerle fing Feuer am Schicksal eines Nächsten und dem

Ehebruch seiner Frau mit dem unsauberen Abenteurer. Um den Prozeß stieg

eine schleimende, brodelnde Geilheit in der alten, mittelgroßen Stadt

auf, in der jeder sich bis ins zehnte Glied zurück kannte und alle doch

so taten, als ob sie erst von der neuen Zeit in die Stadt gebracht

worden seien.

Zufälle, böser Sinn und der geschärfte Argwohn des Verfolgten trugen

Peter rasch diese Entwicklung zu. Er fühlte sich immer unsicherer

werden, und als er einmal den Beweis von der Einmischung eines

Angestellten der Fabrik herausfand, wurde er rasend wie ein Riese. Er

stürmte zwischen den Schreibtischen auf den Betreffenden zu, hob ihn

von seinem Stuhl und rief: „Ist dieser Prozeß denn wie eine schmutzige

Dirne abends im Stadtwald? Kann denn jeder da unter die Röcke greifen?“

Er machte sich über den Dreckskerl her, als ob er ihn zu Quetschfleisch

verarbeiten wollte. Hermann kam herangekugelt, und ihm und den älteren

Herren gelang es, den Rasenden zu entfernen.

Von Männern, denen er zugetan war, weil er sie für Rechtschaffene und

Bedeutsame hielt, hörte er, daß sie sein Unglück zu gesellschaftlichem

Spiel ausmünzten. Er wollte sie fordern, wollte schlagen, schießen,

töten — sich mit den Muskeln wehren. Hermann hatte die Erledigung

solcher Angelegenheiten auf sein Teil genommen. Er saß auf der Ehre

seines Bruders wie ein hitziger Wachhund. Aber sprang er jemandem an

die Kehle, so aalte sich der beleidigt davon, tat diskret mitfühlend,

und Hermann hatte umsonst gebellt. Die Brüder wurden allmählich zu

lächerlichen Persönlichkeiten. Alle feste Form schien sich um diese

Angelegenheit und um Peter aufzulösen. Er sah, wie die Auflehnung

seines Rechtlichkeitsgefühls und wie alle gerechte Raserei seiner

Persönlichkeit gegen den bösen Bann um ihn in lächerliche, vergebene

Gebärden auseinanderglitten. Die Zeit wurde ihm fratzenhaft.

„Die Stadt ist mir unerträglich geworden!“ sagte er zu Hermann. „Sie

haßt mich und ich hasse sie.“

Hermann stak in seiner Stadt wie ein alter Wurzelstock, dickköpfig

verknorrt und dumm-selbstverständlich. Er verstand das nicht. Er lachte

und antwortete: „Du wirst überschwenglich wie die Frau Pastor von Sankt

Nikodemus, alter Peter. Laß nur mal alles vorbei sein! Dann werden die

Nerven wieder ruhig. Wer soll dich denn hassen? Einige verzerren sich

die Mundwinkel! Nicht deinetwegen, sondern wegen deiner Gegenpartei.

Man will heimzahlen, da der Löwe ins Krepieren gekommen ist. Das ist

lächerlich und gemein. Gewiß! Man kann auch später da mal revidieren

...“

„Nein, nicht einzelne Menschen,“ warf Peter dazwischen, „die Stadt mein

ich, die Straßen, die Plätze, die Häuser, die Gasthöfe, die

Elektrischen, die Menschenmassen ... die ganze Stadt. Ich trau mich

nicht mehr hinein. Sie hat ein Fastnachtsmaul auf gegen mich.“

Hermann schaute ihn erschrocken an.

„Und ich bin hier unfruchtbar geworden!“ fuhr Peter heftig fort.

„No, no,“ besänftigte Hermann. „Alter Peter ... in einer solchen Lage

nicht arbeiten können! Wer könnte es!? Aber das geht vorbei.“

„Es ist mir, wenn ich mich zur Arbeit niedersetzen will, als kniffe ich

feig aus, als desertierte ich vor ... vor den Gedanken ... vor Ree ...

vor unserm ... vor dem Prozeß, vor dem Friseur Larisch!“ schrie er auf.

„Auskneifen! Halt, Peter!“ schnaufte Hermann hinein, auf einmal wie

eine Kröte aufhopsend, „eine Reise, eine kleine Erholungsreise ...“ Er

lachte glücklich.

„Ach nein,“ machte Peter unlustig.

Die Brüder schieden voneinander. Peter, da jetzt die Dämmerung begann,

erging sich ein wenig im Stadtwald. Das war ihm zur Gewohnheit

geworden. Tagsüber zeigte er sich nicht draußen. Er dachte an den

Vorschlag Hermanns und fragte sich, mehr wie im Spiel: „Und wohin ginge

eine solche Reise? Wenn ich eine Reise machen wollte?“ Der Reihe nach

erschien: Norderney, Heyst, das Berner Oberland, Tirol, der Engadin ...

und er sagte sich: „An einem dieser Orte treffe ich gewiß Ree ... und

den Friseur Larisch.“

Da lachte es vor ihm im dämmernden Weg, und eine wohlbekannte Stimme

sagte: „Der fliehende Bär! Er fürchtet das Leopardenkätzchen!“ Zugleich

fühlte Peter einen kleinen Arm heftig in den seinen schlüpfen und wie

ein lebendiges Tier drin hüpfen, und die Stimme fuhr fort: „Jetzt

entkommst du mir nicht. Ich muß dich doch haben! Wenn du meine Briefe

nicht liest, so zwingst du mich, dir aufzulauern. Du mußt doch wissen,

daß ich nicht ohne dich sein will! Du bist ein riesenhaftes Bärenfell.

Ich muß es haben! Drauf spielen. Lieb’ es ja!“

Das sprudelte Ree heraus, und Peter, dem das Herz aus dem Leib

gesprungen war, fing an eiliger zu gehen, wollte sich von dem Arm

befreien und stotterte verwirrt und erschrocken: „Nein! Nein!“ Er fand

kein andres Wort, und als sie ihn nicht ließ, sagte er noch einmal bös

und zornig: „Gehen Sie!“ Er schob sie von sich und begann den schmalen

dunkeln Laubweg entlang zu laufen.

„Tollpatsch!“ lachte sie ihm wütend nach.

„Ich will reisen!“ sagte Peter noch im Laufen. „Ich muß reisen.“ Und

der Schatten in den Sträuchern stak voll von der drohenden, kleinen,

spitzen Stimme. Er eilte sich, in die große beleuchtete Allee zu

kommen. Ein leerer Einspänner kam. Er fuhr in ihm nach Hause. „Ich will

reisen!“ flüsterte er sich ununterbrochen zu. Er telephonierte an

Hermann:

„Ich hab’s mir überlegt mit der Reise.“

Hermann antwortete beglückt: „Ich komm’ gleich zu dir. Das müssen wir

zusammen besprechen. Auf gleich!“

Piraths Insel · 第 17 / 96 题