Am Ende dieser drei Wochen fuhr Hermann Pirath nach der „Teufelsheide“.
Die Teufelsheide war eine weite Hochebene, die ringsum von Wald und von
einsamen Waldgehöften eingefaßt war. Sie war sonst ganz verlassen. Der
Geist des Volkes ließ allerlei überirdische Heimlichkeiten auf ihrer
rauhen Fläche spielen, über die im Sommer niedrige Gewitter sich heftig
entluden. Hin und her lagen Moore und Teiche, und auf sandigem Boden
wuchsen niedrige Föhren, Eibensäulen und Wacholder, und Heidekraut
kämpfte mit dem Moor.
Mitten in ihr lag ein sonderbarer kleiner Gasthof, der bei den Bauern
in den Waldgehöften in einem zweifelhaften Ruf stand. Wovon mochte
solch ein Gasthof wohl auch anders leben? Die Gegend war verwunschen,
und außer Jagdgesellschaften schien niemand in der Welt die Heide zu
kennen. Sie lag im Land wie ein Leberfleck. Ein Teufel hatte einst hier
die Erde gesegnet, und die grüne Fruchtbarkeit war gewichen und das
verdorrte Mal geblieben.
Hermann Pirath hatte auf ihr ein Stück Jagd gepachtet und ging zum
erstenmal hin, weniger um zu schießen, als um zu schauen, was
eigentlich droben los wäre. Er ließ sich von der Bahnstation die zwei
Stunden Wegs bis zum ersten Bauerngehöft fahren. Der Wagen sollte dann
auf ihn warten. Hermann besprach mit dem Bauern die Lage der Jagd, die
das große Gebiet dieses und zweier Nachbarhöfe umfaßte, und ging allein
weiter. Der Bauer rief ihm noch nach: „Passen Sie auf, es könnte Ihnen
eine merkwürdige Schweinesache unter die Augen kommen.“ „Wieso? Was
denn?“ rief Hermann zurück. — „No, es spukt wieder einmal. Das läßt
der Gasthalter in der Heide nicht ausgehen.“
Hermann stieg in die pralle Sonne hinein und kümmerte sich nicht mehr
um die Worte des Bauern. Das Heidekraut knisterte um seine Stiefel. Aus
dem niederen spröden Wachstum um den Ausschreitenden stieg die Hitze
hoch wie aus einer Kachel. Aber es war, als ob der Duft zerriebener und
süß schwelender Wurzeln hinein geräuchert sei. Es war ein Weihrauch im
Julitag. Hermann schritt schwitzend rasch aus. Manchmal raschelte ein
Häschen davon. Vögel warfen sich in die Luft und in die Hitze und
fielen nieder ins Bad der heißduftenden, knisternden Sträucher. Die
dunkeln Wacholdersäulen standen wie eingeschlafene steile Mädchen
einsam hin und her.
Hermann gefiel dies alles. Sein Kopf erholte sich. Sein Herz wurde weit
und warm. Er wischte sich den Schweiß aus dem dicken Nacken, blieb bald
stehen, um einem Vogel nachzuschauen, der schwarz aus der Luft
herniederglitzerte, und kaum daß ihn die Nähe der Heideerde empfangen
hatte, schon in dem Geflecht und dem braunen, olivenen und heideroten
starren Schaum des Bodens verschwunden war. Dann hielt er die Schritte
an vor einer kleinen heftigen Gruppe im Sand. Eine Ameise massakrierte
eine Wespe. Sie hatte das große Tier auf dem Rücken liegen. Sie hackte
ihre kleinen Krampen von Beinchen in den gelbschwarz geringelten Leib
und versuchte zugleich mit ihren Zangen um den dünnen Wirbel zu kommen,
mit dem der Wespenkopf am Rumpf saß. Die Wespe bog ihren Leib
krampfhaft auf, und ihr Stachel flog unglücklich aus und ein und aus,
aber immer in die Luft. Die Ameise wirbelte auf dem Wespenleib herum,
den Kopf tief unter den Kopf des Feindes gebohrt, langsam die Wespe
enthauptend. Und auf einmal waren beide still. Auch die Ameise rührte
sich nicht mehr.
So erlebte Hermann, wie der kleine Jäger den geflügelten und
gefürchteten Tiger erlegte. Weshalb verallgemeinerte er dann und
übertrug das mikroskopische Begebnis auf die große Erde und auf
Menschen? Nun dachte er, wie in einem Blitz, an die verrückte Hexe und
an Peter.
Seine Sonnenfreude war gestört. Er wollte jetzt schießen. Er deckte
sich in einer kleinen Gruppe von Föhren, stieß den Stock mit dem
kleinen Sesselgriff in den Boden und schaute aus. Er hatte die Flinte
aber noch nicht entsichert.
Da sah er in der Ferne etwas sich rasch über die Heide bewegen. Erst
dachte er: ein Auto! Was konnte so schnell zwischen dem niederen
Strauchwerk voran? Aber es gingen keine Wege in der Heide. Es kam auf
ihn zu. Es war etwas Schwarzes und etwas Weißes, und das Weiße
flatterte wie eine Flamme. Es waren Reiter. Sie kamen nun hinter kleine
Föhrengruppen, verschwanden immer auf drei, vier Augenblicke, kamen von
Baum- zu Baumgruppe immer wieder auf kurze Sekunden zum Vorschein.
Hermann verlor ihr Bild nicht aus den Blicken. Er sah auf einmal, da
ein größerer Zwischenraum zwischen den Bäumen und die Kavalkade schon
näher gekommen war, daß auf dem einen Pferd eine Gestalt saß, die im
Galoppieren ein großes helles Tuch von sich löste und auf einmal nackt
und weiß auf dem schwarzen Pferd dahinflog. Schwarze Haare flatterten
lang und wagrecht hinter ihr.
Hermann lachte sonderlich berührt. Die Sonne warf ihr Licht auf die
nackte Reiterin, und die Hitze der Heide stieg wellend zwischen seinen
Augen und ihr auf. Es war ihm komisch und doch märchenhaft. Er suchte,
betroffen, wie er war, nach dem Namen jener alten legendären
Nacktreiterin und fand ihn nicht gleich. Aber als er auf einmal laut
sagte: „Lady Godiva! Ach ja, Lady Godiva!“ da waren die Reiter
verschwunden. Hatten sie abgeschwenkt? Waren sie von den Pferden
gestiegen? Hermann spähte aus seiner Föhrengruppe heraus rundum, sah
nichts, trat hinaus, und im selben Augenblick hörte er die Pferdehufe
dumpf trommeln, und noch wußte er nicht, in welcher Richtung, als die
zwei Reiter durch ein Boskett von Föhren brachen, das keine zwanzig
Schritte von ihm entfernt war. Voran stieg ein Reiter in einer hellen
Hose und blauer Jacke heraus und dann die Lady Godiva, und sie rasten
auf den erschrockenen Hermann zu. Der kam sich vor, als ob er heftig an
einem Schlüsselloch ertappt worden wäre. Aber dann fuhr sein Herz wie
ein Luftballon an die Decke, zu seinem Hals hinauf, denn die nackte
Reiterin, die jetzt an ihm vorbeisauste, war Ree, und den andern kannte
er auch.
Er rannte wie besessen, von rascher Wut gestoßen, hinter den Reitern
her und rief: „Dirne! Dirne!“ Und hob mit zitternden Armen seine
Flinte. Die Reiter waren ihn erst im letzten Augenblick gewahr worden.
Die Frau trieb den Hengst an. Ein kleiner Schrei stieß schrill auf. Der
Mann in der hellen Hose fuhr in die Tasche, drehte sich zurück und
schlug mit der Hand von oben herab einen Knall durch die Luft, der
rasch und dumpf verscholl, wie von der Sonnenbrut der Heide erstickt.
Dann waren die Reiter verschwunden.
Hermann stand allein mitten in der Sonne. Es fror ihn. Er schaute die
Läufe seines Gewehrs entlang, die auf den Boden gesunken waren. „Jetzt
liegt wohl einer dort unter Wacholder und Heidekraut!“ sagte er und
fühlte, wie bleich er war. Es konnten nur Sekunden gewesen sein, daß er
die Überlegung verloren hatte. Er zog den Kolben untern Arm und ließ
die Läufe aufknacken. Da sah er, daß die beiden Patronenscheiben
jungfräulich waren. Wie er das feststellte, war er zuerst verwundert.
Hatte er denn nicht abgedrückt? Und mit einemmal stieg eine neue Wut in
ihm hoch. Er ballte die Fäuste über die Heide und schrie: „So, +du+
hast auf +mich+ geschossen! Zuhälterart! Auf mich geschossen?! Du
Flibustier! ...“
Hermann ging geradeaus rasch zum Bauernhof zurück und trug nur einen
Gedanken in sich, den Wut und Rachegefühl, Bruderliebe und Empörung in
Flammen einhüllten und fest schmiedeten. Mit diesem Gedanken wollte er
vor seinen Bruder hintreten und ihm sagen: „Das hat sie gemacht! Das
hab ich gesehen! Jetzt ist dir das Handeln leicht.“ Und während er sich
das sagte, dachte er an das Erbteil, das ihnen vom Namengeber der
Familie überkommen war. Er fühlte sich des Bruders sicher, so wie von
ihm der mit Staunen gemischte feindselige Bann, den jenes Frauenzimmer
auf ihn ausübte, gewichen war. Er war schadenfroh, der kleine dicke
Hermann. Auch für sich selber nahm er klare Erleichterung aus dem
furchtbaren Begebnis. Während der Fahrt zur Stadt wuchs in ihm das
repräsentative Bewußtsein des Familienältesten. Jetzt wollte er
befehlen.
Dann trat er in Peters Haus, wo er den Bruder vorfand, mit Unmut,
Sicherheit und diesem Bewußtsein gewappnet auf. Er machte Peter
schonungsvoll darauf aufmerksam, daß er ihm etwas ganz Unerwartetes und
Schreckliches zu berichten habe und daß er aber hoffe, es bringe ihm
wenigstens die Leichtigkeit einer klaren Tat. Darauf erzählte er kurz,
was er in der Heide erlebt hatte.
Als er geendigt hatte, merkte man Peter kaum einen Eindruck an. Er
schwieg noch eine Weile und fragte dann kühl: „Ein Irrtum ist natürlich
ausgeschlossen?“
„Natürlich,“ antwortete Hermann hitzig, „sonst wär ich nicht
hergekommen.“
„Tja,“ machte Peter nach einer kleinen Weile, „dann muß ich als Erstes
den Betreffenden fordern. Du sagst, du hast ihn erkannt?“
„Du wirst ihn nicht fordern!“ entgegnete Hermann.
„So? Weshalb nicht?“
„Weil er ein Lumpenkerl, ein weltbekannter Landstreicher ist. Du
findest kein Ehrengericht, das diese Forderung behandelt, und keinen
Menschen, der dir Zeuge sein will.“
„Wer ist es denn?“ fragte Peter hitzig lauernd.
„Der Friseur Larisch!“
Peter legte den Kopf in die Hände, um nachzudenken, wer der Friseur
Larisch war. Auf einmal richtete er sich auf. Er war blaß und sagte,
von Abscheu geschüttelt: „Pfui!“
Er erinnerte sich nun, daß dieser Larisch einmal Lakai am Hof der nahen
Residenz war. Gerüchte brachten ihn in Zusammenhang mit einer
Prinzessin, die aus der Residenz verschwand, zur gleichen Zeit, da
Larisch den Dienst im Schloß verließ. Dann wurde Larisch Friseur in der
Heimatstadt der Piraths und lockte sich Kunden an mit den Erzählungen
seiner galanten Abenteuer am Hof. Plötzlich verschwand er. Es wurde
verbreitet, der Fürst habe ihn erschießen wollen, es sei ihm dann vom
Hof eine große Summe gegeben worden, damit er das Land ganz verlasse.
Seitdem tauchte Larisch nur mehr von Weile zu Weile in der Stadt auf,
und Reisende erzählten, daß sie ihn als Kavalier bald im Osten, bald im
Westen, in Kopenhagen oder Kairo sahen, einem Dasein ergeben, das
niemand recht erkannte. Besonders Pferderennen und Spielsäle solle er
pflegen, und einmal war er auch in einen Falschspielerprozeß
verwickelt.
Diese Gestalt war Peter nun auf einmal lebendig, mager, gepflegt und
doch wie beschleimt. Er sagte erschüttert zu Hermann: „Das ist Ree?“
und schüttelte den Kopf. Dann fügte er hinzu: „Jetzt ist der Entschluß
natürlich nicht schwer!“
Hermann drängte ihn, die Angelegenheit gleich durchzubesprechen, und
wollte so viel davon auf sich nehmen, als es die Lage erlaubte. Hermann
begab sich dann gleich zum Rechtsanwalt.
* * * * *
Peter war allein und stand mitten im Zimmer, als der Bruder gegangen
war. Es war ihm, als stünde er in einem zusammengebrochenen Haus und
als ob alles in seinem Kopf und an seinem Körper dumpf von den Schlägen
der über ihn gestürzten Balken sei. Er hatte nur die eine klare
Erkenntnis, daß er gern niederfiele und sich auf dem Boden winden und
schreien und weinen möchte. Aber er hielt sich mühsam aufrecht. „Komm
ich so aufrecht stehend über die nächsten Stunden hinweg,“ sagte es in
ihm, „dann bin ich gerettet. Aber sink’ ich nun hinein, dann bin ich
verloren.“ Sein Leben öffnete einen dunkeln und moorigen Teich. Von
Augenblick zu Augenblick erschrak er vor dem schwarzen Schillern, das
sich in seinem Bewußtsein finster hob. Es klang ihn an: Ehebruch!
Ehebruch! Hopf! Treulosigkeit! Schmutz und Schweinerei! Friseur
Larisch, der Zuhälter! Ehebruch! Betrogenes Gattentum! Beschmutztes
Nest! Sumpf und Hure! Straßenpflaster, Pferdeknecht und Freudenhaus!
Hopf! Ehebruch! Ein Tanz und Gebrause von höhnischen aufstachelnden
Scharen zielte nach ihm. Und er machte sich so kalt, daß sein Herz ihn
schmerzte, wie ein Bad im Schmelzwasser im Mai den Körper. Er stand so
da und hielt sich an seinem Schreibtisch an, und es war ganz närrisch
sicher in ihm, daß er es überdauerte, wenn er so stehenbleiben könnte.
So fand ihn sein Bruder, der sich zurückbeeilt hatte. Er nahm ihn mit.
Sie fuhren in einem Auto durch den Stadtwald und wollten im
Parkgasthaus essen. Aber wie Peter die vielen Menschen dort sah, bat
er: „Fahren wir doch lieber zu dir! Die Menschen tun mir nichts. Aber
ich kann nicht freundlich grüßen, wenn Bekannte vorübergehen, und mich
nicht mit fremden Leuten in höfliche Gespräche einlassen. Es ist mir,
als wenn heut so etwas wie ein fataler Familientag sei und als ob
einige Ahnen und einige zukünftige Piraths dabei seien. Die Familie
Pirath setzt sich in großer Versammlung mit der Entsetzlichkeit: Leben
auseinander.“
Die beiden Brüder saßen dann rauchend den Abend über beisammen. Sie
tranken und sprachen, und wie eine graue steinerne Säule stand das
Ereignis des Tages mitten zwischen ihnen, sah stumpf schweigend ihrem
Tun zu und drohte auf sie niederzustürzen. Dieses Beisammensein bestand
aus vielen Anläufen zu einer intimen und sicheren Gemütlichkeit, die
bei beiden aber wie ein Fluß in einer Grotte stets erschrocken
verliefen, sobald sie die graue Säule gewahr wurden. Sie sprachen fast
nur über Familie, erzählten sich von den einzelnen toten und lebendigen
Mitgliedern, und Hermann brachte den Stammbaum und die Aufzeichnungen,
an denen er seit jungen Jahren arbeitete. Sie verfolgten die Zweige
zurück zu den Ästlein, die Ästlein zu den Ästen, die Äste in den Stamm,
in dem in einer Doppelscheibe der Name jenes Jens Pirath stand, der
noch an der Küste gewohnt und von Schiffahrt gelebt hatte.
„Da hast du den Piraten!“ sagte Hermann. „Ein Glück, daß die Familie
ins Mittelland kam und dieser Ursprung sich verwischt hat. Mit dem
Namen in einer Hafenstadt hätten wir ein feines Ansehen.“
In der späten Nacht gingen die Brüder auseinander. Das dumpfe unsichere
Gefühl hatte sich bei Peter in diesem harmlosen und gesprächigen
Beisammensein heimlich verlaufen. Er wunderte sich, daß es so leicht in
ihm war, nur kalt. „Eis! Eis!“ sagte er laut in sein einsames Zimmer
hinein, aus dem er ohne Zorn das Bild Rees entfernte. Die Eiszeit naht
wieder. Seinen Schicksalsschlag in dieser Form auszudenken schien ihm
primitiv groß und grausam. Er dachte an alte vorgermanische Urwälder,
über die die Gletscher brutal hernieder wanderten.
Aber in den Tagen, die kamen, schlichen sich die Erinnerungen an die
schillernde, kostbare, vielgestaltige Ree an ihn heran ... Das Eis
konnte schmelzen, und in schwelgendem Schmerz dachte er sich allerlei
Möglichkeiten aus, wie sein Leben mit Ree anders hätte laufen können.
Ich war zu tölpelhaft für sie, zu einseitig auf die beiden Beine
gestellt. Sie war ein erotisches Tier. Es konnte graziös und leicht wie
eine Libelle zwischen den Porzellanfigürchen tänzeln, und auf einmal
packte es eine Laune und warf das ganze Porzellan durcheinander ...
Denn das Tier war so schön und kostbar, daß die Sorge, die man um das
schundige Porzellan hatte, bestraft werden mußte.
Niemals kam aber auch nur der Schatten eines Gedankens, das Leben mit
ihr wieder aufzunehmen, zu verzeihen und noch einmal zu versuchen. Es
kamen Briefe von ihr. Er gab sie ungeöffnet Hermann, und Hermann gab
sie dem Rechtsanwalt weiter, ohne sie zu lesen. Der Anwalt sagte
Hermann, die Briefe seien alle sehr persönlich und enthielten keine
Tatsachen außer der Bitte um Geld. Sie seien im übrigen so gehalten,
als ob die Dame nie einen Friseur Larisch gekannt hätte und nie mit ihm
im Heidegasthof gewohnt und nackt über die Heide geritten sei. Der
Anwalt besprach auch nur mit Hermann die Form, in der der Prozeß
geführt werden sollte. Peter erfuhr nur das Wichtigste. Er überließ den
beiden alles. Er bat nicht einmal um Schonung für den andern Teil. Er
sagte darüber zu Hermann: „Jeder mag seine Suppe so heiß essen, wie er
sich sie gekocht hat. Ich blase die meinige selber und kümmere mich
nicht um die eines andern.“
Ree blieb in ihm. Sie blieb in ihm nicht wie ein Erlebnis. Seit jenem
Tag, an dem ihm Hermann die Begegnung in der Heide erzählt hatte, war
alles Körperliche seines Zusammenhangs mit Ree aus ihm gewichen. Sie
durchschwebte ihn wie eine Stimmung. Es gibt Träume, aus denen man
erwacht, ohne lange Zeit sich von ihnen befreien zu können. Sie wehen
mit in die ersten Stunden unsres Tags hinein, vergiften die
Wirklichkeit dieser Stunden mit einem süßen Nachduft des träumend
Erlebten. Einen Hauch von einer unmöglichen, von Schwere und Hemmung
befreiten Welt schicken sie über uns, einen Hauch nur, einen
verwünschenden Odem. Den Fluch einer unwirklichen Stimmung werfen sie
über den Beginn unsrer Tagesarbeit.
So wie etwas schwül und süß Erträumtes, dessen Atem vor dem lichten
körperlichen Tag nicht weichen wollte, lebte Ree weiter neben und in
Peter.
Hermann und der Rechtsanwalt betrieben den Prozeß. Ree widerstrebte.
Der Anwalt versuchte, die Scheidung auf eine für Ree schonende Weise
durchzuführen. Aber Ree biß um sich wie ein toller Köter, wenn man ihr
davon sprach. Sie wollte auf alle Weise nichts von Scheidung wissen.
Sie sagte bei einem Besuch in der Anwaltsstube:
„Weshalb stellen Sie sich zwischen diesen gutmütigen Tollpatsch und
mich? Der Mann war doch froh an mir. Er wollte mich doch so, wie ich
bin.“
Der Anwalt entgegnete: „Es liegt mir fern, mich auf irgendeine Art in
Ihre und Ihres Manns Gefühle einzumischen. Was ich von Ihnen verlange,
verlange ich nur im Auftrag von Herrn Peter Pirath.“
„Von Herrn Hermann Pirath!“ rief Ree aufgeregt hinein.
„Bitte, Gnädigste, hier ist das von Herrn Peter Pirath gezeichnete
Schriftstück, das mir Vollmacht gibt.“
„Das ist ein Wisch. Man bläst drüber.“
„Ihre Gegenpartei tut das jedoch nicht. Darf ich höflichst ersuchen,
daß mir die Gnädigste ihren Rechtsvertreter bezeichnet. Es dürfte Ihnen
doch angenehmer sein, und allerlei Peinliches bliebe Ihnen erspart,
wenn Gnädigste nur mittelbar mit dem Gegner verkehrte.“
„Ich brauche keinen Rechtsvertreter. Wozu?“
„Den Grund nannte ich Ihnen schon.“
„Er ist nicht stichhaltig.“
„Er dürfte es aber bald werden.“
„Wann?“
„Wenn wir gezwungen werden, zum Äußersten zu greifen, um unsern Zweck
zu erreichen.“
„Was ist das?“
„Die Wahrheit, gnädige Frau!“
„Welche Wahrheit? So was gibt’s nicht. Wahrheit ist, daß ich mit meinem
Mann zusammen leben will. Welche Wahrheit?“
„Die Gründe, weshalb Herr Peter Pirath diesen Willen der Gnädigsten
nicht teilt — das ist diese Wahrheit.“
„Sie ist schäbig.“
„Aber ein Gesetzesparagraph.“
„Also mit dem Gesetz will man auf mich schießen.“
„Nur wenn die Gnädigste sich nicht anders ergibt. Herr Peter Pirath
sieht sich dann in der Tat dazu gezwungen. Sonst möchten wir das
Prinzip in die Angelegenheit bringen: Je menschlicher, desto lieber.“
„Wie heißt Ihr Gesetz?“
Der Anwalt ergriff einen dicken Band, schlug ihn an einer mit einem
Kuwert bezeichneten Stelle auf und reichte ihn Ree hin.
„Die Gnädigste ziehen vielleicht vor, sich mit eignen Augen von der
Stärke unsrer Position zu überzeugen.“
Ree nahm das Buch. Ein Duft strömte auf einmal in ihre Nase, der ihr
vertraut erschien. Er peinigte sie. Sie untersuchte rasch ihre
Umgebung, hob das Kuwert aus dem Buch und schnellte zurück. Das war der
Brief, den sie gestern abend ihrem Mann geschrieben hatte. Er war
ungeöffnet. Sie schlug ihre erzürnten grünen Augen gegen den Anwalt.
Der alte gepflegte Herr saß ruhig in seinem Stuhl und empfing die
zornigen Blicke mit einem Gesicht, das nur aufmerksam wartete.
„Was ist das? Wie kommt mein Brief hierhin? Ungeöffnet? Man
unterschlägt meinem Mann meine Briefe.“
„Nicht im geringsten!“ entgegnete der Rechtsanwalt kühl.
Das war ein Schlag für Ree. Sie fand den Zusammenhang nicht gleich und
fragte: „Liest mein Mann denn meine Briefe nicht?“
„Er übergibt sie seinem Anwalt in dem Zustand, in dem Sie diesen Brief
sehen. Der Anwalt liest sie und vergißt sie sofort. Den Anwalt,
Gnädigste, müssen Sie sich vorstellen, als die vermittelnde Anstrengung
zwischen Mensch und Gesellschaft sozusagen oder von Mensch zu Mensch.
Er ordnet die Dinge, die sich die Menschen durch die Gesellschaft
aufoktroyieren lassen, wenn die Menschen von selber nicht mehr damit
fertig werden können. So liest Herr Peter Pirath die Briefe der
Gnädigsten nur mittelbar ...“
Aber Ree stieg empor. Sie schnellte wie ein Puma aus dem Sessel. Sie
schrie mit einer spitzen Stimme: „Das nennen Sie je menschlicher, um so
lieber? Sie unterschlagen meine Briefe. Sie zerschneiden die
Möglichkeiten eines versöhnlichen Ausgangs. Sie mittelbarer Scherge!
Sie unmittelbare Perücke! ...“
Der Anwalt stand auf, verbeugte sich und ging elegant zur Tür. Er
öffnete sie mit einer gemessenen Gebärde, die in seiner Art, sich zu
benehmen, nur ein ganz klein wenig auffällig war, nur ganz diskret eine
Andeutung gab, und schritt, ohne sich noch einmal umzudrehen, hindurch.
Er ließ die Tür hinter sich offen und verschwand im Flur. Ree stand
beschämt, enttäuscht und zornig mitten im Zimmer und schaute ihm nach.
Dann lachte sie wild auf. Sie riß Handschuhe und Tasche an sich und
verließ das Haus. Draußen kreuzte eine Bekannte ihren Weg, die Frau
eines Bankdirektors, die viel bei Piraths verkehrt hatte. Die Frau
Direktor verzog ihr Gesicht zu einem wie fünf Kilometer entfernten
Lächeln, nickte mit dem Kopf an Ree vorbei und grüßte, wohin? wen? zu
einem Fenster hinauf oder in die Elektrische hinein, die gerade
vorbeisauste, oder den Milchmann oder den Pudel, der an einem Tor ein
Bein hob? ... Ree erkannte sofort, wes Sinnes dieser gegenstandslose
Gruß war. Sie antwortete nicht und sagte halblaut: „Gans!“ Die Frau
Direktor aber, die glaubte, weiß Gott, wie unvoreingenommen gehandelt
zu haben, war empört, daß ihr nicht geantwortet wurde, und murmelte
unter dem wippenden Rand ihres Panamas: „Diese Person! Diese ... Person
...!“ Denn Rees Lady Godiva-Ritt begann allmählich bekannt zu werden,
ohne daß man etwas Bestätigendes darüber hörte.
Ree rief ein Auto. Sie fuhr davon und sagte sich: „Grünäugige Ree, du
bist auch eine Gans! Dieser alte Herr an dem mit Eichenlaub
umschnitzten Schreibtisch ist ein Genießer. Ein Eleganter. Ree, du
Gänslein, du hättest erst schmeicheln sollen und dann die Krallen
herauslassen ... Das hast du ungeschickt gemacht. Eine schlechte Note.
Elende Menschenkennerin. Ist man dazu eine Frau?“
Den peinlichen Schluß, daß sie sozusagen vor die Tür gesetzt wurde,
vergaß sie aber bald. Ree lebte in die Luft hinein. Aber da bekam sie
einen Einfall. Den pflegte sie nun wie ein Kind seine liebste Puppe.
Sie flog den ganzen Tag darüber nieder und badete sich drin wie eine
Biene im Blumenstaub, sog seinen Honig ein und konnte kaum die
Dunkelheit erwarten.
* * * * *
Peter hatte den Abend bei seinem Bruder verbracht. Sie waren zuvor beim
Anwalt gewesen und hatten dort von Rees Besuch gehört. Der Anwalt hatte
um Verhaltungsmaßregeln gebeten. Peter antwortete: „Ich überlass’ Ihnen
vollkommen die Entscheidung. Ich sagte meinem Bruder schon: Ich blas’
niemandes Suppe kalt.“
Der Anwalt meinte: „Dann müssen wir den Gasthalter und die Bauern aus
der Heide kommen lassen.“
Peter zuckte nur mit den Schultern. Aber eine heimliche Raserei stieg
in ihm auf. Als sie gingen, sagte er seinem Bruder: „Wenn das doch
nicht wäre! Man sollte meinen, es ist genug, wenn man so etwas erlebt
und überlebt.“
Hermann antwortete ihm: „Du kommst nicht dran vorbei, armer Peter. Das
ist die Anwendung der Welt auf deine Privatangelegenheiten. Das nennt
sich Gesellschaft und Staat.“
Peter fühlte sich von einem sonderbaren Zustand niedergedrückt. Sein
Dasein wurde ihm wie unwirklich. Schein war Wirklichkeit, Wirklichkeit
war Schein. Es war ihm, als ob nun sein Leben auf zwei weiße Scheiben
geschrieben wäre. Auf der einen stand wie ein Träumen die Möglichkeit
eingeschrieben, wie sich sein Leben weiter entwickelt hätte, wenn der
Friseur Larisch nicht gekommen wäre, wenn Ree nicht Ree wäre. Die andre
Scheibe umzirkelte die qualvolle Gewißheit des Raubes, den jener Tag in
der Heide an ihm begangen, und das schmerzhaft reduzierte Gebiet der
Zukunft, die vor ihm stand. Und bald fuhr eine Scheibe hoch und
verdeckte die andre. Und bald rasselte sie wieder ab, und die andre
stand steil und allein hoch. So tänzelten die beiden Scheiben auf und
ab. Daß Peter Ree ganz aufgab, stand unverrückbar klar und kalt in
seinem Blut, so kalt und scharf wie die Firsten von Eisbergen in blauem
Himmel. Aber doch flog es hinten am Horizont fortwährend trübend und
bewegt auf. Die sonst so abgemessenen Bewegungen seines schweren
Körpers bekamen etwas Zackiges, und auch seine Launen folgten diesem
unsteten Hin und Her. Der Boden unter ihm erdbebte stets ein wenig.
Er kam an diesem Abend zwiespältig gehetzt um neun Uhr nach Hause. Die
Dunkelheit hatte schon eingesetzt. Er sah keinen der Hausangestellten
im Flur und ging gleich zu seinem Zimmer. Der Gewohnheit nach griff er,
kaum daß er die Tür geöffnet hatte, nach dem elektrischen Knopf. Aber
da sah er, daß die Lampe überm Schreibtisch schon brannte. Er trat
erstaunt ins Zimmer. In einer Ecke erhob sich etwas und kam auf ihn zu.
Es kam heran, dunkel und mit immer wieder aufgehobenen Bewegungen, fast
lautlos und nur von einem weichen Knistern begleitet. Ein Wohlgeruch,
der ihn erschreckt an etwas erinnerte, umzog ihn rasch. Er griff sich
ans Herz. Ree stand im Schein der Lampe ohne Hut. Die schwarzen
Löckchen kringelten sich wie Moos über die Stirn hernieder, und die
großen grünen Augen leuchteten.
Sie sagte: „Du bist ein Bär!“ und lächelte und wartete.
Er trank einen süßen verfluchten Augenblick, als ob alles verwischt und
versunken sei. Aber gleich durchfror ihn wieder die Wirklichkeit. Er
drehte sich um und ging rasch davon. Er stürzte auf die Straße hinaus.
Ein Auto kam. Er stieg hinein und fuhr davon, stöhnte und grollte. Er
murmelte ein über das andere Mal: „Friseur Larisch! Friseur Larisch!“
Schließlich ließ er das Auto zu Hermann fahren. Hermann hatte das dicke
schöne Mädchen bei sich, mit dem er gesundheits- und freudenhalber
einen außerordentlich geregelten Umgang pflegte. Diese Frau war weich
und schlicht, vertrauenerweckend unpersönlich, so daß die Brüder sich
nicht scheuten, vor ihr die Angelegenheit zu besprechen. Peter saß da
zwischen den beiden, sie tranken Champagner, und er war schweigsam und
niedergedrückt. Das Frauenherz erglühte unter der üppigen Brust in
zärtlichstem Mitleiden mit dem schönen, starken, unglücklichen Mann,
und als Peter sich einmal entfernte, fragte sie Hermann, ob sie nicht
ihre Freundin Alma für ihn holen sollte. Die Alma sei zu Hause und sei
so lustig. Hermann sagte lachend: „Nein, Frauen braucht er wohl nicht!“
Da schämte sich die dicke Olga und beschwor ihn, Peter nichts von ihrem
Vorschlag zu sagen.
Am nächsten Morgen wurde ins Haus Peters telephoniert. Das
Dienstmädchen antwortete, die Frau sei über Nacht geblieben und habe
scheinbar angekleidet auf dem Sofa geschlafen. Sie sei jetzt im Zimmer
des Herrn und warte auf ihn. Das Mädchen richtete den Auftrag aus. Ree
befahl ihr: „Telephonieren Sie mir um ein Auto!“ Sie schrieb auf einen
Zettel: „Ich wartete hier nicht auf Deinen Bruder. Mit dem bin ich
nicht verheiratet. Sondern auf Dich! Dein Rechtsanwalt ist mir
‚mittelbar‘ genug. Es bedarf nicht noch Deines Bruders, und wenn Du
Dich fürchtest, allein mit mir zusammenzukommen, so gibt das mir die
sichersten Versprechen. Du bist ein Bär. Ich bin Dir nicht bös. Ich
wohne im ‚Schwanen‘ in H. Ree.“
Diesen Zettel fand Hermann, der kurzatmig vor Aufregung und Empörung
angekommen war. Peter wurde herbeitelephoniert. Das Mädchen erhielt den
Auftrag, alles, was von der Frau im Haus zu finden sei, in Koffer zu
packen. Die Koffer wurden dann nach H. in den „Schwanen“ geschickt.
Das Begebnis stachelte Peter aus seiner zwiespältigen Dumpfheit auf. Er
schrieb dem Anwalt, er bitte ihn, mit aller Energie seine Sache
durchzusetzen und das Unvermeidliche zu tun.
Nun hatte eine Frau Regierungsrat Ree am Morgen das Haus verlassen
sehen. Die Frau Regierungsrat war erstaunt und bekam einen heftigen
Stoß, als ob ein bewährtes Axiom wieder einmal hinfällig geworden wäre.
Am ganz frühen Morgen, wohlverstanden! Sie grüßte infolgedessen Ree
außerordentlich freundlich. Ree antwortete kaum und sagte nur für sich
zu der andern hinüber: „Keine Aufregung, meine Liebe. Es ist nur ein
Irrtum!“ Aber die Regierungsrätin lief sofort zu ihrer Freundin, der
Bankiersfrau von gestern, um zu erzählen. Die fand sich wie vor den
Kopf gestoßen. Geht denn plötzlich die hochbürgerliche Ordnung
kopfunten! fragte es dunkel in ihr. Sie wurde sich selber unsicher und
unterdrückte die Worte, die ihr auf der Zungenspitze brannten und die
also beginnen sollten: „Ja, denk dir, was mir gestern widerfuhr mit
dieser Person, dieser ... Person ...“ Aber die Bankiersfrau hatte ein
gutes Herz, dessen weitsichtige Unvoreingenommenheit sie gern preisen
hörte. Sie sagte: „Weißt du, liebe Karoline, wer weiß, was das böse
Maul unserer Stadt da wieder angerichtet hat?“