Hermann: „Du warst stets ein Optimist.“

Peter: „Du bist eingeladen auf vier Uhr. Verkauf der Hengste. Kündigung

der von der Oxford-Universität erzognen Reitgerte. Behrens baut keinen

Stall. Rodin wird sich einer höheren Aufgabe zuwenden können, als

Pferdeköppe auf einen Freßtrog zu setzen.“

Hermann brummte zurück, daß er’s nicht glaube, und bei Peter schwoll

zugleich das Bewußtsein seines Sieges wie auch die dunkle Erkenntnis,

daß er nicht die Mauer hinter diesen grünen Augen ganz eingerammt,

sondern daß sie nur wie in einer Magie, die er nicht erfaßte, sich vor

ihm von selber geöffnet hatte. Er schämte sich drum ein wenig seiner

großen Worte am Telephon, die ihm als der Sachlage unangemessen

vorkamen, und er lenkte das Gespräch ab. Er sagte: „Jetzt mach’ ich

mich dann an die Zentrifuge, und im November schwör’ ich dir, können

Zeylon, die Südsee und Afrika ihre Kopra etwas rascher wachsen lassen.“

Hermann erwiderte: „Sag, laufen die dann so gewiß, wie heut mittag die

Hengste verkauft werden?“

Peter lachte zurück: „Zweifler! Wichtigtuer! Nur du leistest etwas.

Kamel! Götz von Berlichingen! Adieu! Schluß!“

Er hängte an, und in einer steigenden Laune nahm er die Zeichnungen aus

dem Schrank. Mit Feuer wollte er sich an die Arbeit machen. „Ich umbaue

mein Leben mit ihr!“ sagte er sich, blieb an diesem Wort hängen und

dachte sich unter dem „ihr“ nicht mehr die Erfindung, sondern die

grünäugige schwarze Ree, den Tiger. Er ließ sein Gedächtnis im Ohr den

Klang ihrer Worte wiederholen. Waren sie ernst? Ihre Augen brannten ihn

an. Lag kein andrer Sinn hinter diesen Blicken? Wirklich Einsicht und

Verzicht? Er schob die Erinnerungen an alte Auftritte mit Ree

ungeduldig zurück. Er wollte sich nicht gewiß drüber werden, daß ihr

Blut ihm fremd war und er niemals gehört hatte, wie es klopfte. Die

Stimmungen hingen in ihm wie die Fäden des Altweibersommers in der

Luft, zart und fliegend. Die Energie seines Gemüts lenkte ihn aus Unmut

und Zweifel allmählich hinaus. Er brannte sich über den kühlen geraden

Strichen seiner Zeichnungen eine der Zigarren an, die sein Bruder „die

Säulen“ nannte. Er genoß die fremdartige, am Gaumen schwebende

Bitterkeit ihres Dufts weich und bewußt und dachte an ferne Sonne und

ferne Inseln, an Ree und an seine Zentrifuge.

Das Haus Peter Piraths lag am Stadtwald und war in ein Gartenstück

hineingestellt, das nach hinten auf eine enge Nebenstraße stieß. Dort

waren Stall und Schuppen, durch Garten, Sträucher, Bäume und ein

umgittertes Höfchen vom Haus getrennt. Peter Pirath ging über den

Gartenweg, und der gelbe Sand knirschte samtig unter seinen Schuhen. Er

sah durchs Strauchwerk allerlei Bewegung im Hof des Stalls und ging

etwas rascher. Er erkannte dann bald, daß dort seine Frau stand. Sie

stand zwischen den beiden schwarzen Hengsten, die verkauft werden

sollten. Peter blieb stehen, ein peinliches Gefühl ergriff ihn, und er

wollte unbemerkt zurückgehen. Er stand an der Schwelle einer Laube, die

hier den Weg am Gitter endigte. Das Gitter war mit spärlichem wilden

Wein bezogen, und Peter sah das Bild seiner Frau und der Pferde durch

ein Loch im grünen Teppich. Seine Frau hatte ihn nicht gesehen. Sie

drehte ihm den Rücken. Der eine Hengst schaute durch das Gitter zu

Peter herüber. Ree drückte ihren Kopf von unten an die rosa Schnauze

des Tiers, und die großen Kugeln des Tierauges leuchteten auf einmal

aus ihrem Haar heraus. Obgleich sie Peter so nah waren, daß er hätte

hineinfahren können, wenn er mit dem Arm durchs Gitter gefaßt hätte, so

lag doch etwas auf diesen beflorten Wölbungen, das so fremd und fern

vom Menschen war ... Die Frau richtete ganz nah vor Peter und ohne ihn

zu ahnen, ihren katzenhaften Leib an den Beinen des Hengstes entlang

hinauf, und sich rückwärts dehnend, folgte die Biegung ihrer Glieder

Hals und Kopf des Tieres. Ihr Gesicht heftete sich auf die hellen

Nüstern, und in zärtlichen Strömen bog sie ihre Glieder immer fester zu

dem Leib des Tieres hin, an dem es überall unruhig zuckte.

Peter ging nicht. Er wollte schauen. Das war schön und schmerzhaft. Er

ballte in trotziger Eifersucht die Fäuste und knirschte: „Nein, sie

sollen verkauft ...“ Auf einmal hatte sich der dünne Frauenleib vom

Tierkörper gelöst. Ein schwarzbekleideter Arm war mit einer weißen Hand

in die Luft gefahren. Ein Knall und ein Blitz waren aus der Hand

geflogen. Peter sah das leuchtende Gewölbe des Pferdeauges plötzlich

zertrümmert. Der schwarze große Leib kam in Zuckungen. Die Beine

wollten ihn entsetzt hochstemmen. Sie knickten zusammen, rutschten, das

ganze Tier machte einen armseligen halben Sprung zur Seite, bei dem

alle Glieder unregelmäßig durcheinanderflogen. Dann stürzte es jäh hin

und streckte langsam die Beine starr in die Luft aus.

Die Frau hatte das Tier durchs Auge ins Gehirn geschossen.

Peter sprang wild aus der Laube auf die Gittertür zu. Sie war

verschlossen, der Schlüssel weg. Er riß an ihr. Er sah zugleich, daß

seine Frau auf das andre Pferd lossprang, nach dessen Kopf faßte.

Wieder flog die weiße Hand hoch und der Knall und der Blitz und der

Tierleib, der sich entsetzt gegen das Fallen wehrte und plötzlich

willenlos umschlug und sich langsam auf den Rücken wälzte. Der

englische Stallmeister lief aus dem Stall heraus und blieb plötzlich

stehen. Ein andrer Mann lag wie ohnmächtig an der besonnten Mauer.

Peter schüttelte die Eisenstäbe der Gittertür. Seine Adern flogen vor

Wut. Drinnen stand die dunkle Frau und rief ihm bleich zu:

„Es soll keiner mehr auf ihrem Rücken sitzen!“

Und Peter konnte sich von dem Rasen nicht befreien, in das ihn die

furchtbare dumme Grausamkeit gestürzt hatte. Die Tat kam ihm so

unerlaubt, so entwürdigend und menschenunmöglich vor, daß er nichts von

dem verstand, was geschehn war. Er brüllte seiner Frau unverständliche

und unzusammenhängende Worte zu und schließlich, er wußte selber nicht,

was und nicht, weshalb gerade dieses Wort als letztes und lautestes:

„Dirne!“

Dann drehte er sich weg. Der englische Stallmeister sprach auf die Frau

ein. Der Pferdehändler stand verständnislos und betäubt an der Mauer.

Peter eilte ins Haus, nahm seinen Hut und ging auf die Straße. Er

durchlief einige Alleen des Parks und dachte an seinen Bruder. Er ging

rasch auf dessen Haus zu, das auf der andern Seite an den Stadtwald

stieß. Hermann war zu Haus. Peter erzählte. Der andre erbleichte. Er

konnte nicht sprechen. Er lief auf und ab. Er schleuderte seine Zigarre

an eine Wand, und die Funken stoben wild auseinander. Er heftete sich

auf einmal an einen Stuhl an und schrie:

„So ein Rabenaas! So ein Schlächter! Was hast du ihr denn gesagt?“

„Dirne!“ antwortete Peter, und erst jetzt kam ihm das Wort wieder ins

Bewußtsein.

„Was?“ fragte Hermann erschrocken und ungläubig.

„Ja, ich hab’s gesagt! Ich weiß nicht, wie und warum!“

Hermann sauste wieder hin und her. Er war gegen Peter klein und rund,

und sein Körper hob sich wie eine federnde Kugel unter den lautlosen

Schritten auf dem Filzboden. Schließlich sagte er heftig: „Es ist

wurscht! Sie hat es verdient! Bedaure nur nicht, daß du es gesagt

hast!“ Er raste wieder los, hin und her, hielt sich unvermittelt an

einem Stuhl an und schrie Peter ins Gesicht: „So macht sie es auch

einmal mit dir! In die Augen! Bums! Sie ist meschugge.“

Peter, der jetzt das Wort, das er seiner Frau zugerufen, in sich

brennen spürte, fragte kleinlaut: „Was soll ich tun?“

„Scheiden!“ brüllte der kleine Dicke und fiel in den tiefen Stuhl

hinein, als ob der Donner dieses Wortes ihn aus der Luft gefegt hätte.

Aber dies schwere donnernde Wort hatte auch seine Aufregung gebrochen.

Mit fast sanfter Stimme fuhr er nach einer Weile fort: „Es ist nie in

unsrer Familie vorgekommen. Aber die Menschen, Begriffe, Zeiten

wechseln ja. Und wer weiß, in welcher Form unsre Altvordern diesem

scheinbar sittlichen Gesetz gefolgt sind? Was meinst du?“

Aber er wagte nicht, zu Peter hinzuschauen. Er war sich ganz ungewiß,

was für eine Wirkung der Donnerschlag bei ihm vollbracht hatte. Er

wollte vermitteln: „Was dreihundert Jahre als sittlich galt, braucht es

heut nicht mehr zu tun. Wir beginnen ja menschlicher zu leben jetzt!

Sozusagen!“

Er brannte sich eine Zigarre an und begann fast schon gemütlich seinen

Faden weiter zu spinnen: „Man irrt, oder das Herz ist energischer als

der Kopf. So heiratet man. Und soll man dann ein Leben lang unter dem

einen Versagen aus der Jugendzeit leiden? Und die Leute verrenken sich

die Mundwinkel. Das ist wichtig. Laß sie, Peter. Wir Pirath-Söhne

stehen auf uns. Auf unsern kleinen und großen Beinen! Und so eine

Scheidung ...“

Aber da fuhr Peter ihm in die Worte. Er sagte kühl und fest, als ob er

einen ruhigen Entschluß ausspräche: „Ich liebe Ree doch!“

Hermann hörte erstaunt, wie diese klaren selbstverständlichen Worte die

zuversichtliche Malerei, an der gerade sein gutes Bruderherz arbeitete,

mit einem Krach zerriß. Er sah zum erstenmal Peter an und sah ein

Gesicht, das zugleich trotzig und niedergeschlagen war. Er war fast

zehn Jahre älter als der Bruder und schon in den Vierzigern. Er war

neben Peters Leben mit verliebten Augen einhergegangen. Seine

Kümmernisse hatte er so stark gefühlt wie Peter selber, seine Erfolge

mit Stolz begleitet. Aber er hatte in allen Vorstellungen etwas

Kindliches um den Bruder gelassen, das ihm den Ernst, mit dem er seinen

Teil des Geschäfts verwaltete, er war der Kaufmann, der Bruder war der

Ingenieur, idyllisch umflorte. Für diese Äußerungen seines Temperaments

fehlte ihm ja, da er unverheiratet war, sonst die Luft.

Nun sah er dies gequälte, zwiespältige Gesicht, und er erschrak, daß er

so unachtsam schon für sich und laut die Schwierigkeiten überwunden

hatte. Aber das war ja wieder das eine, in dem er sich von Peter so

stark verschieden spürte und das er an ihm nicht verstand: einer

schweren Lage unterliegen und doch verliebt an ihr festhalten, ihr

sozusagen treu bleiben!

Er sagte leise, den Zusammenhang dieser zwiespältigen Veranlagung

ahnend: „In deiner frühen Jugend hast du ja heimlich Gedichte gemacht

und mir immer Eichendorff vorlesen wollen.“

Da lächelte Peter ein wenig und antwortete: „Ja. Ich hab das wirklich

vergessen gehabt. Wie hat sich das Ziel meines Berufs und meines Lebens

von dem Ziel verschoben, dem man damals nachging! Es hing eigentlich

überall an der Luft. Man las Dichter und schwelgte nur im Herzen ihre

Zartheit aus, und zugleich ritten durch die Wünsche die tollsten und

grausamsten Abenteuer. Ach, Hermann, und ist Eichendorff nicht mehr als

Kopra, trotzdem die Kopra den Schein, das heißt den Erfolg für sich

hat?“

Er schwieg einen Augenblick und sagte plötzlich wie erstaunt: „Jetzt

kommt mir’s auf einmal so vor, als ob ich damals mehr so war, wie Ree

ist. Sag, vielleicht ist sie nur so ein Kind, das auf Abenteuer aus

ist, und in unserm Leben heut gibt es keine Abenteuer mehr. Nur noch

Kokosfett und Bilanzen! ... Sie hat recht!“ fügte er heftig hinzu.

Hermann war ein wenig beleidigt. Er kämpfte die Lust nieder, zu sagen,

daß solche Ansichten die Ketten bilden, die einen Mann unwürdig an

solchen Geschöpfen festhalten, wie diese tolle schwarze Hexe mit den

grünen Augen eins war, die fortwährend die Gesellschaft, in der sie

lebten, in Atem und Schrecken hielt und seinen Bruder quälte. Aber er

fühlte, wenn auch nur verwundert und widerstrebend, die Macht dieses

Außergewöhnlichen, das Außerhalb-der-Gesellschaft dieser Frau, das

seinen Peter wie ein verführerisches Irrlicht umgab. Es war ihm selber

maßlos fremd. Er sagte in seinem Herzen gequält und gerührt, in

zärtlichster Bruderliebe: „Du dummer Dichter!“ Heimlich fand er, daß

eine solche Veranlagung etwas ein wenig Wunderbares und Ewiges war, und

er dachte dabei, er wußte nicht weshalb, an die Bibel, an Don

Quichotte, an Wilhelm Meister, in dessen Schicksalen er öfter erstaunt

und staunend las.

Er streichelte Peter über den Arm, und Peter wiederholte, wie in einem

dumpfen Traum jetzt, gehetzt und weh: „Ich liebe sie ja!“

„Ja, ja!“ streichelte ihn Hermann.

„Sie ist so fremd, so sonderbar! Sie ist so eine dunkle Wolke aus einer

andern Welt, und ihr Schatten kann nur wie ein Wunsch mich streifen.

Und man kommt nie hinein. Und ich bin ihr zu schwerfällig. Ich reite

nicht frei genug. Ich versteh ihre Bücher nicht genug. Ich finde Bilder

und Kunstwerke schön, aber ich kann mich nicht in sie verlieben, wie

Ree ... Ich kann nicht auf den Launen und Einfällen reiten und hab nur

eine große breite Straße vor mir. Es ist furchtbar. Und es soll doch

nicht anders sein. Es ist so, als ob sie mein Blut verwunschen macht.“

Hermann zerschmolz fast. Er hatte keine Frau gefunden, nicht weil er

keine gesucht hätte. Aber weil er keine ehrlich und sicher hätte zu

sich nehmen können. Er mißtraute allen, weil er an ihnen so stark den

Zweck sah. Peter hatte ihm einmal im Scherz gesagt: „Bei deiner

wählerischen Art wirst du einmal auf die Dümmste und Gefährlichste

hineinfallen!“ Daran erinnerte sich Hermann jetzt. „Ich schwöre

dreimal,“ sagte er rasch zu sich selber, „bei allen Palmen Zeylons und

Afrikas, ich heirat’ nie, nie, nie! Und vor allem nie eine Schwarze.

Wir sind zu blond für die!“ Ree war auch ihm etwas Außergewöhnliches.

Aber er entsetzte sich vor ihrer Heftigkeit und Unstetigkeit. Er sagte,

sie hat ein falsches Temperament. Es muß Zigeunerblut in ihr sein.

Piraths Insel · 第 11 / 96 题