Die alte Faustina war in dem fernen Palästina, auf dem Wege nach
Jerusalem. Sie hatte nicht gewollt, daß der Auftrag, den Propheten zu
suchen und ihn zum Kaiser zu führen, einem andern als ihr anvertraut
werde. Sicherlich hatte sie bei sich selbst gedacht: Was wir von diesem
fremden Manne verlangen, ist etwas, was wir ihm weder durch Gewalt noch
durch Gaben entlocken können. Aber vielleicht gewährt er es uns, wenn
jemand ihm zu Füßen fällt und ihm sagt, in welcher Not sich der Kaiser
befindet. Und wer kann die rechte Fürbitte für Tiberius tun, wenn nicht
die, die unter seinem Unglück ebenso schwer leidet wie er selbst.
Die Hoffnung, Tiberius vielleicht retten zu können, hatte die alte Frau
verjüngt. Ohne Schwierigkeit hatte sie die lange Seereise nach Joppe
überstanden, und auf der Fahrt nach Jerusalem bediente sie sich nicht
eines Tragsessels, sondern sie ritt. Sie schien die beschwerliche Reise
ebenso leicht zu ertragen, wie die edeln Römer, die Krieger und die
Sklaven, die ihr Gefolge bildeten.
Diese Fahrt von Joppe nach Jerusalem erfüllte das Herz der alten Frau
mit Freude und lichter Hoffnung. Es war die Zeit des Frühlings, und
die Ebne von Saron, die sie auf der ersten Tagesreise durchritten
hatten, war ein einziger leuchtender Blumenteppich gewesen. Auch auf
der Fahrt des zweiten Tages, als sie in die Berge von Judäa eindrangen,
verließen die Blumen sie nicht. Alle die vielförmigen Hügel, zwischen
denen der Weg sich durchschlängelte, waren mit Obstbäumen bepflanzt,
die in reichster Blüte standen. Und wenn die Reisenden es müde wurden,
die weißrosigen Blüten der Aprikosen und Pfirsichbäume zu betrachten,
konnten sie ihre Augen erquicken, indem sie sie auf dem jungen Weinlaub
ruhen ließen, das aus den schwarzbraunen Reben hervorquoll und dessen
Wachstum so rasch war, daß man es mit den Augen verfolgen zu können
meinte.
Aber nicht nur Blumen und Frühlingsgrün machten die Wanderung lieblich.
Der größte Reiz wurde ihr von allen den Menschenscharen verliehen, die
an diesem Morgen auf dem Wege nach Jerusalem waren. Von allen Wegen
und Stegen, von einsamen Höhen und aus den fernsten Winkeln der Ebene
kamen Wandrer. Wenn sie die Straße nach Jerusalem erreicht hatten,
schlossen sich die einzelnen Reisenden zu großen Scharen zusammen und
zogen unter frohem Jubel dahin. Rings um einen alten Mann, der auf
einem schaukelnden Kamele ritt, gingen seine Söhne und Töchter, seine
Eidame und Schwiegertöchter, und alle seine Enkelkinder. Es war ein so
großes Geschlecht, daß es ein ganzes kleines Heer bildete. Eine alte
Mutter, die zu schwach war, um zu gehen, hatten die Söhne auf ihre
Arme gehoben, und sie ließ sich stolz durch die ehrfürchtig zur Seite
weichenden Scharen tragen.
Das war in Wahrheit ein Morgen, der selbst den Betrübtesten mit
Freude erfüllen konnte. Der Himmel war freilich nicht klar, sondern
mit einer dünnen weißgrauen Wolkenschicht überzogen, aber keinem der
Wandrer kam es in den Sinn, sich zu beklagen, daß der harte Glanz
der Sonne gedämpft war. Unter diesem verschleierten Himmel strömten
die Wohlgerüche der blühenden Bäume und des jungen Laubes nicht so
rasch wie sonst in den weiten Raum, sondern sie verweilten über Wegen
und Fluren. Und dieser schöne Tag, der mit seinem schwachen Licht
und seinen reglosen Winden an die Ruhe und den Frieden der Nacht
gemahnte, schien allen den vorwärtseilenden Menschenscharen etwas von
seinem Wesen mitzuteilen, so daß sie fröhlich, aber doch weihevoll
weiterzogen, mit gedämpfter Stimme uralte Hymnen singend, oder auf
seltsamen, altertümlichen Instrumenten spielend, aus denen Töne kamen,
die gleich dem Summen der Mücken oder dem Zirpen der Heimchen waren.
Wie die alte Faustina zwischen allen diesen Menschen dahinritt, wurde
auch sie von ihrem Eifer und ihrer Freude mitgerissen. Sie trieb ihren
Zelter zu größerer Eile, während sie zu einem jungen Römer, der sich
an ihrer Seite hielt, sagte: „Mir träumte heute nacht, daß ich Tiberius
sähe und er mich bäte, die Reise ja nicht aufzuschieben, sondern gerade
heute nach Jerusalem zu ziehen. Mich dünkt, die Götter wollten mir eine
Mahnung schicken, es nicht zu verabsäumen, an diesem schönen Morgen
hinzuwandern.“
Als sie diese Worte sprach, hatten sie gerade die höchste Höhe eines
langgestreckten Bergrückens erreicht, und dort hielt sie unwillkürlich
an. Vor ihr lag ein großer, tiefer Talkessel, von schönen Anhöhen
umkränzt, und aus der dunkeln, schattigen Tiefe dieses Tales hob sich
der gewaltige Fels, der auf seinem Gipfel die Stadt Jerusalem trug.
Aber das enge Bergstädtchen, das mit seinen Mauern und Türmen einem
krönenden Geschmeide gleich auf der flachen Höhe des Felsens lag,
war an diesem Tage tausendfältig vergrößert. Alle die rings um das
Tal ansteigenden Höhen waren von bunten Zelten und einem Gewühl von
Menschen bedeckt.
Es wurde Faustina klar, daß die ganze Bevölkerung des Landes sich in
Jerusalem sammelte, um irgend ein großes Fest zu feiern. Die entfernter
Wohnenden waren schon angelangt und hatten ihre Zelte aufgeschlagen.
Die hingegen in der Nachbarschaft der Stadt wohnten, waren noch im
Anzuge. Alle die lichten Bergeshöhen hinunter sah man sie kommen,
gleich einem ununterbrochenen Strome von weißen Gewändern, Gesängen und
Festesfreude.
Lange überschaute die alte Frau diese heranströmenden Menschenmengen
und die langen Zeltreihen. Dann sagte sie zu dem jungen Römer, der an
ihrer Seite ritt:
„Wahrlich, Sulpicius, das ganze Volk muß nach Jerusalem gekommen sein.“
„Es ist in Wirklichkeit so,“ antwortete der Römer, der von Tiberius
ausersehen worden war, Faustina zu geleiten, weil er mehrere Jahre lang
in Judäa gelebt hatte. „Sie feiern jetzt das große Frühlingsfest, und
da ziehen alle Menschen, jung und alt, nach Jerusalem.“
Faustina besann sich einen Augenblick. „Ich freue mich, daß wir an dem
Tage in diese Stadt gekommen sind, wo das Volk seinen Feiertag begeht,“
sagte sie. „Dies kann nichts andres bedeuten, als daß die Götter unsere
Fahrt beschützen. Hältst du es nicht für wahrscheinlich, daß er, den
wir suchen, der Prophet aus Nazareth, auch nach Jerusalem gekommen ist,
um an dem Feste teilzunehmen?“
„Du hast wirklich recht, Faustina,“ sagte der Römer. „Er ist vermutlich
hier in Jerusalem. Dies ist in Wahrheit eine Fügung der Götter. So
stark und kräftig du auch bist, du kannst dich doch glücklich preisen,
wenn du nicht die lange, beschwerliche Reise nach Galiläa hinauf machen
mußt.“
Er ritt sogleich auf ein paar Wandrer zu, die eben vorbeizogen und
fragte sie, ob sie glaubten, daß der Prophet aus Nazareth sich in
Jerusalem befinde.
„Wir haben ihn jedes Jahr um diese Zeit dort gesehen,“ antwortete
einer der Wandersleute. „Sicherlich ist er auch dieses Jahr gekommen,
denn er ist ein frommer und gerechter Mann.“
Eine Frau streckte die Hand aus und wies auf eine Höhe, die östlich
von der Stadt lag. „Siehst du diesen Bergabhang, der mit Olivenbäumen
bewachsen ist?“ sagte sie. „Dort pflegen die Galiläer ihre Zelte
aufzuschlagen, und da erhältst du die sichersten Nachrichten über den,
den du suchst.“
Sie zogen weiter, einen geschlängelten Pfad bis in die Tiefe des Tales
hinunter und begannen dann, den Berg Zion emporzureiten, um die Stadt
auf seinem Gipfel zu erreichen.
Der steil ansteigende Weg war hier von niedrigen Mauern umsäumt, und
auf ihnen saßen und lagen eine unzählige Menge Bettler und Krüppel, die
die Barmherzigkeit der Reisenden anriefen.
Während der langsamen Fahrt kam eine der jüdischen Frauen auf Faustina
zu. „Sieh dort,“ sagte sie und wies auf einen Bettler, der auf der
Mauer saß, „dies ist ein galiläischer Mann. Ich erinnere mich, ihn
unter den Jüngern des Propheten gesehen zu haben. Er kann dir sagen, wo
der zu finden ist, den du suchst.“
Faustina ritt mit Sulpicius auf den Mann zu, den man ihr gezeigt hatte.
Es war ein armer alter Mann mit großem, graugesprenkeltem Barte. Sein
Gesicht war von Hitze und Sonnenschein gebräunt, und seine Hände waren
schwielig von der Arbeit. Er begehrte keine Almosen, sondern schien
im Gegenteil so tief in kummervolle Gedanken versunken zu sein, daß er
nicht einmal zu den Vorüberziehenden aufsah.
Er hörte auch nicht, daß Sulpicius ihn ansprach, sondern dieser mußte
seine Frage ein paarmal wiederholen.
„Mein Freund, man hat mir gesagt, daß du ein Galiläer seist. Ich bitte
dich, sage mir, wo kann ich den Propheten aus Nazareth finden?“
Der Galiläer fuhr heftig zusammen und sah sich verwirrt um. Aber als er
endlich begriff, was man von ihm verlangte, geriet er in einen Zorn,
in den sich Entsetzen mischte. „Was sagst du da?“ brach er los. „Warum
fragst du mich nach dem Manne? Ich weiß nichts von ihm. Ich bin kein
Galiläer.“
Die jüdische Frau mischte sich jetzt ins Gespräch. „Ich habe dich doch
mit ihm gesehen,“ fiel sie ein. „Hege keine Furcht, sondern sage dieser
vornehmen Römerin, die die Freundin des Kaisers ist, wo sie ihn schnell
finden kann.“
Aber der erschrockene Jünger wurde immer erbitterter. „Sind heute alle
Menschen wahnsinnig geworden?“ rief er. „Sind sie von einem bösen
Geiste besessen, da sie einer um den andern kommen und mich nach diesem
Manne fragen? Warum will mir niemand glauben, wenn ich sage, daß ich
den Propheten nicht kenne? Ich bin nicht aus seinem Lande gekommen. Ich
habe ihn niemals gesehen.“
Seine Heftigkeit zog die Aufmerksamkeit auf ihn, und ein paar Bettler,
die neben ihm auf der Mauer saßen, begannen gleichfalls seine Worte zu
bestreiten.
„Freilich hast du zu seinen Jüngern gehört,“ sagten sie. „Wir wissen
alle, daß du mit ihm aus Galiläa gekommen bist.“
Aber der Mann streckte beide Arme zum Himmel empor und rief: „Ich habe
es heute in Jerusalem nicht aushalten können um dieses Mannes willen,
und jetzt lassen sie mich nicht einmal hier draußen unter den Bettlern
in Frieden. Warum wollt ihr mir nicht glauben, wenn ich euch sage, daß
ich ihn nie gesehen habe?“
Faustina wendete sich mit einem Achselzucken ab. „Laß uns
weiterziehen,“ sagte sie. „Dieser Mann ist ja wahnsinnig. Von ihm
können wir nichts erfahren.“
Sie zogen weiter, den Bergeshang hinauf. Faustina war nicht mehr als
zwei Schritte vom Stadttor entfernt, als die israelitische Frau, die
ihr hatte helfen wollen, den Propheten zu finden, ihr zurief, sie
solle sich in acht nehmen. Sie zog die Zügel an und sah, daß dicht vor
den Füßen der Pferde ein Mann auf dem Wege lag. Wie er da im Staube
ausgestreckt lag, gerade da, wo das Gedränge am lebhaftesten wogte,
mußte man es ein Wunder nennen, daß er nicht schon von Tieren oder
Menschen niedergetreten war.
Der Mann lag auf dem Rücken und starrte mit erloschenen, glanzlosen
Blicken empor. Er regte sich nicht, obgleich die Kamele ihre schweren
Füße dicht neben ihm niedersetzten. Er war ärmlich gekleidet und
überdies mit Staub und Erde besudelt. Ja, er hatte so viel Sand über
sich geschüttet, daß es aussah, als suche er sich zu verbergen, um
leichter überritten oder niedergetreten zu werden.
„Was ist dies? Warum liegt dieser Mann hier auf dem Wege?“ fragte
Faustina.
In demselben Augenblicke begann der Liegende die Vorübergehenden
anzurufen. „Bei eurer Barmherzigkeit, Brüder und Schwestern, führet
eure Pferde und Lasttiere über mich hin! Weichet mir nicht aus!
Zertretet mich zu Staub! Ich habe unschuldig Blut verraten. Zertretet
mich zu Staub!“
Sulpicius faßte Faustinas Pferd am Zügel und führte es zur Seite. „Das
ist ein Sünder, der Buße tun will,“ sagte er. „Lasse dich dadurch nicht
aufhalten. Diese Leute sind wunderlich, und man muß sie ihre eignen
Wege gehen lassen.“
Der Mann auf dem Wege fuhr fort zu rufen: „Setzet eure Fersen auf mein
Herz! Lasset die Kamele meine Brust zertreten und den Esel seine Hufe
in meine Augen versenken!“
Aber Faustina brachte es nicht über sich, an diesem Elenden
vorbeizureiten, ohne zu versuchen, ob sie ihn nicht bewegen könnte,
aufzustehen. Sie hielt noch immer neben ihm.
Die israelitische Frau, die ihr schon einmal hatte dienen wollen,
drängte sich jetzt wieder an sie heran. „Dieser Mann hat auch zu den
Jüngern des Propheten gehört,“ sagte sie. „Willst du, daß ich ihn nach
seinem Meister frage?“
Faustina nickte, und die Frau beugte sich über den Liegenden.
„Was habt ihr Galiläer an diesem Tage mit euerm Meister gemacht?“
fragte sie. „Ich treffe euch zerstreut auf Wegen und Stegen, aber ihn
sehe ich nirgends.“
Aber als sie so fragte, richtete sich der Mann, der im Straßenstaube
lag, auf seine Kniee empor. „Was für ein böser Geist hat dir
eingegeben, mich nach ihm zu fragen?“ sagte er mit einer Stimme, die
voll Verzweiflung war. „Du siehst ja, daß ich mich in den Straßenstaub
geworfen habe, um zertreten zu werden. Ist dir das nicht genug? Mußt du
noch kommen und mich fragen, was ich mit ihm angefangen habe?“
„Ich verstehe nicht, was du mir vorwirfst,“ sagte die Frau. „Ich wollte
ja nur wissen, wo dein Meister ist.“
Als sie die Frage wiederholte, sprang der Mann auf und steckte beide
Zeigefinger in die Ohren.
„Wehe dir, daß du mich nicht in Frieden sterben lassen kannst,“ rief
er. Er bahnte sich einen Weg durch das Volk, das sich vor dem Tore
drängte, und stürzte, vor Entsetzen brüllend, von dannen, während seine
zerfetzten Kleider ihn gleich dunkeln Flügeln umflatterten.
„Es will mich bedünken, daß wir zu einem Volke von Narren gekommen
sind,“ sagte Faustina, als sie den Mann fliehen sah. Sie war durch
den Anblick der Schüler des Propheten ganz niedergeschlagen. Konnte
ein Mann, der solche Tollhäusler zu seinen Begleitern zählte, imstande
sein, etwas für den Kaiser zu tun?
Auch die israelitische Frau schaute betrübt drein, und sie sprach mit
großem Ernste zu Faustina: „Herrscherin, zögere nicht, den aufzusuchen,
den du finden willst. Ich fürchte, es ist ihm etwas Böses zugestoßen,
da seine Jünger so von Sinnen sind und es nicht ertragen, von ihm reden
zu hören.“
Faustina und ihr Gefolge ritten endlich durch die Torwölbung und kamen
in enge, dunkle Gassen, die von Menschen wimmelten. Es erschien beinahe
unmöglich, durch die Stadt zu kommen. Einmal ums andere mußten die
Reiter Halt machen. Vergebens suchten Sklaven und Kriegsknechte einen
Weg zu bahnen. Die Menschen hörten nicht auf, sich in einem dichten und
unaufhaltsamen Strome vorbeizuwälzen.
„Wahrlich,“ sagte die alte Frau zu Sulpicius, „Roms Straßen sind stille
Lustgärten im Vergleiche zu diesen Gassen.“
Sulpicius sah bald, daß fast unübersteigliche Schwierigkeiten ihrer
harrten.
„In diesen überfüllten Gassen ist es beinahe leichter zu gehen als zu
reiten,“ sagte er. „Wenn du nicht allzu müde bist, würde ich dir raten,
zu Fuße zum Palaste des Landpflegers zu gehen. Er liegt freilich weit
weg, aber wenn wir hin reiten wollen, kommen wir sicherlich nicht vor
Mitternacht ans Ziel.“
Faustina ging sogleich auf den Vorschlag ein. Sie stieg vom Pferde und
überließ es der Obhut eines Sklaven. Dann begannen die reisenden Römer
die Stadt zu Fuß zu durchwandern.
Dies gelang ihnen weit besser. Sie drangen ziemlich rasch bis zum
Herzen der Stadt vor, und Sulpicius zeigte Faustina gerade eine
halbwegs breite Straße, die sie bald erreichen mußten.
„Sieh dort, Faustina,“ sagte er, „wenn wir erst in dieser Straße sind,
sind wir bald am Ziele. Sie führt uns geradeswegs zu unserer Herberge.“
Aber als sie eben in diese Straße einbiegen wollten, begegnete ihnen
das größte Hindernis.
Es begab sich, daß in demselben Augenblick, wo Faustina die Straße
erreichte, die sich vom Palaste des Landpflegers zur Pforte
der Gerechtigkeit und nach Golgatha erstreckte, ein Gefangener
vorbeigeführt wurde, der gekreuzigt werden sollte.
Ihm voran eilte eine Schar junger, wilder Menschen, die die Hinrichtung
mit ansehen wollten. Sie jagten in ungestümem Laufe durch die
Straße, streckten die Arme verzückt in die Höhe und stießen ein
unverständliches Geheul aus, in ihrer Freude, etwas zu schauen, was sie
nicht alle Tage zu sehen bekamen.
Nach ihnen kamen Scharen von Menschen in schleppenden Gewändern, die zu
den Ersten und Vornehmsten der Stadt zu gehören schienen. Hinter denen
wanderten Frauen, von denen viele tränenüberströmte Gesichter hatten.
Eine Anzahl Arme und Krüppel schritten vorbei und stießen Schreie aus,
die in die Ohren gellten.
„O Gott!“ riefen sie, „rette ihn! Sende deinen Engel und rette ihn!
Schicke einen Helfer in seiner äußersten Not!“
Endlich kamen ein paar römische Kriegsknechte auf großen Pferden. Sie
wachten darüber, daß niemand aus dem Volke zu dem Gefangenen hinstürze
oder ihn zu befreien versuche.
Gleich hinter ihnen schritten die Henkersknechte, die den Mann, der
gekreuzigt werden sollte, zu führen hatten. Sie hatten ihm ein großes,
schweres Kreuz aus Holz über die Schulter gelegt, aber er war zu
schwach für diese Bürde. Sie drückte ihn, daß sein Körper ganz zu Boden
gebeugt wurde. Er hielt den Kopf so tief gesenkt, daß niemand sein
Gesicht sehen konnte.
Faustina stand in der Mündung des kleinen Nebengäßchens und sah die
schwere Wanderung des Todgeweihten an. Mit Staunen gewahrte sie, daß
er einen Purpurmantel trug und daß eine Dornenkrone auf sein Haupt
gedrückt war.
„Wer ist dieser Mann?“ fragte sie.
Einer der Umstehenden erwiderte: „Das ist einer, der sich zum Kaiser
machen wollte.“
„Dann muß er den Tod um einer Sache willen leiden, die wenig
erstrebenswert ist,“ sagte die alte Frau wehmütig.
Der Verurteilte wankte unter dem Kreuze. Immer langsamer schritt
er vorwärts. Die Henkersknechte hatten einen Strick um seinen Leib
geschlungen, und sie begannen daran zu ziehen, um ihn zu größerer Eile
anzutreiben. Aber als sie an dem Stricke zogen, fiel der Mann hin und
blieb mit dem Kreuze über sich liegen.
Da entstand ein großer Aufruhr. Die römischen Reiter hatten die größte
Mühe, das Volk zurückzuhalten. Sie zückten ihre Schwerter gegen
ein paar Frauen, die herbeieilten und den Gefallenen aufzurichten
bemüht waren. Die Henkersknechte suchten ihn durch Schläge und Stöße
zu zwingen, daß er aufstehe, allein er vermochte es nicht, wegen
des Kreuzes. Endlich ergriffen ein paar von ihnen das Kreuz, um es
fortzuheben.
Da richtete er das Haupt empor, und die alte Faustina konnte sein
Gesicht sehen. Die Wangen trugen Striemen von Schlägen, und von
seiner Stirn, die die Dornenkrone verwundet hatte, perlten ein paar
Bluttropfen. Das Haar hing in wirren Büscheln, klebrig von Schweiß und
Blut. Sein Mund war hart geschlossen, aber seine Lippen zitterten,
als kämpften sie, um einen Schrei zurückzudrängen. Die Augen starrten
tränenvoll und beinahe erloschen vor Qual und Mattigkeit.
Aber hinter dem Gesichte dieses halbtoten Menschen sah die Alte
gleichsam in einer Vision ein schönes und bleiches Gesicht mit
herrlichen, majestätischen Augen und milden Zügen, und sie ward
plötzlich von Trauer und Rührung über das Unglück und die Erniedrigung
dieses fremden Mannes ergriffen.
„O du armer Mensch, was hat man dir getan?“ rief sie und trat ihm einen
Schritt entgegen, während ihre Augen sich mit Tränen füllten. Sie
vergaß ihre eigene Sorge und Unruhe über dieses gequälten Menschen Not.
Ihr war, als müßte ihr Herz vor Mitleid zerspringen. Sie wollte gleich
den andern Frauen hineilen, um ihn den Schergen zu entreißen.
Der Gefangene sah, wie sie auf ihn zukam, und er kroch näher an sie
heran. Es war, als erwarte er bei ihr Schutz gegen alle zu finden, die
ihn verfolgten und quälten. Er umfaßte ihre Kniee. Er schmiegte sich an
sie wie ein Kind, das sich zu seiner Mutter rettet.
Die Alte beugte sich über ihn, und während ihre Tränen strömten, fühlte
sie die seligste Freude darüber, daß er gekommen war und bei ihr Schutz
gesucht hatte. Sie legte ihren einen Arm um seinen Hals, und so wie
eine Mutter zu allererst die Tränen aus den Augen des Kindes trocknet,
so legte sie ihr Schweißtuch aus kühlem, feinem Linnen auf sein
Gesicht, um die Tränen und das Blut fortzuwischen.
Aber in diesem Augenblick waren die Henkersknechte mit dem Heben
des Kreuzes fertig. Sie kamen und rissen den Gefangenen mit sich.
Ungeduldig wegen des Aufenthalts, schleppten sie ihn in wilder Hast
fort. Der Todgeweihte stöhnte auf, als er von der Freistatt fortgeführt
wurde, die er gefunden hatte; aber er leistete keinen Widerstand.
Jedoch Faustina umklammerte ihn, um ihn zurückzuhalten, und als ihre
schwachen, alten Hände nichts vermochten und sie ihn fortführen sah,
war es ihr, als hätte ihr jemand ihr eignes Kind entrissen, und sie
rief: „Nein, nein! Nehmt ihn mir nicht! Er darf nicht sterben! Er darf
nicht!“
Sie empfand den furchtbarsten Schmerz und Groll, weil man ihn
fortführte. Sie wollte ihm nacheilen. Sie wollte mit den Schergen
kämpfen und ihn ihnen entreißen.
Aber bei dem ersten Schritte, den sie machte, wurde sie von Schwindel
und Ohnmacht befallen. Sulpicius beeilte sich, seinen Arm um sie zu
legen, um sie vor dem Fallen zu bewahren.
Auf der einen Seite der Gasse sah er einen kleinen, dunkeln Laden,
und dort hinein trug er sie. Da war weder Stuhl noch Bank, aber der
Kaufmann war ein barmherziger Mann. Er schleppte eine Matte herbei und
bereitete der Alten ein Lager auf dem Steinboden.
Sie war nicht besinnungslos, aber ein so starker Schwindel hatte sie
befallen, daß sie sich nicht aufrecht halten konnte, sondern sich
niederlegen mußte.
„Sie hat heute eine lange Wanderung hinter sich, und der Lärm und das
Gedränge in der Stadt sind ihr zu viel geworden,“ sagte Sulpicius zu
dem Kaufmanne. „Sie ist sehr alt, und keiner ist so stark, daß das
Alter ihn nicht schließlich niederwerfen könnte.“
„Dies ist auch für jemand, der nicht alt ist, ein schwerer Tag,“ sagte
der Kaufmann. „Die Luft ist fast zu drückend beim Atmen. Es sollte mich
nicht Wunder nehmen, wenn wir ein schweres Unwetter bekämen.“
Sulpicius beugte sich über die Alte. Sie war eingeschlummert und
schlief, mit ruhigen, regelmäßigen Atemzügen nach der Ermüdung und der
Gemütsbewegung.
Er ging und stellte sich in die Ladentür, um die Volksmenge zu
beobachten, während er auf ihr Erwachen wartete.