Eine Woche später wanderte die alte Faustina die steilen Abhänge der
Insel Capreae hinan. Es war ein heißer Tag, und das furchtbare Gefühl
des Alters und der Mattigkeit überkam sie wieder, während sie die
geschlängelten Pfade und die in die Felsen gehauenen Stufen erklomm,
die zu der Villa des Tiberius führten.
Dieses Gefühl steigerte sich noch, als sie zu merken anfing, wie sehr
sich alles während der Zeit, die sie fern gewesen war, verändert
hatte. Früher waren immer große Scharen von Menschen diese Treppen
hinauf und heruntergeeilt. Es hatte hier von Senatoren gewimmelt,
die sich von riesigen Lybiern tragen ließen; von Sendboten aus
den Provinzen, die von langen Sklavenzügen geleitet ankamen; von
Stellensuchenden und von vornehmen Männern, die eingeladen waren, an
den Festen des Kaisers teilzunehmen.
Aber heute waren diese Treppen und Gänge ganz verödet. Die graugrünen
Eidechsen waren die einzigen lebenden Wesen, die die alte Frau auf
ihrem Wege bemerkte.
Sie staunte, daß alles bereits zu verfallen schien. Die Krankheit des
Kaisers konnte höchstens ein paar Monate gedauert haben, und doch war
schon Unkraut in den Spalten zwischen den Marmorfliesen emporgewuchert.
Edle Gewächse in schönen Vasen waren schon vertrocknet, und mutwillige
Zerstörer, denen niemand Einhalt getan hatte, hatten an ein paar
Stellen die Balustrade niedergebrochen.
Aber am allerseltsamsten däuchte sie doch die völlige Menschenleere.
Wenn es auch Fremdlingen verboten war, sich auf der Insel sehen zu
lassen, so mußten sie doch wohl noch da sein, diese unendlichen Scharen
von Kriegsknechten und Sklaven, von Tänzerinnen und Musikanten, von
Köchen und Tafeldeckern, von Palastwachen und Gartenarbeitern, die zum
Haushalt des Kaisers gehörten.
Erst als Faustina die oberste Terrasse erreichte, erblickte sie ein
paar alte Sklaven, die auf den Treppenstufen vor der Villa saßen. Als
sie sich ihnen näherte, erhoben sie sich und neigten sich vor ihr.
„Sei gegrüßt, Faustina,“ sagte der eine. „Ein Gott schickt dich, um
unser Unglück zu lindern.“
„Was ist dies, Milo?“ fragte Faustina. „Warum ist es hier so öde? Man
hat mir doch gesagt, daß Tiberius noch auf Capreae weile?“
„Der Kaiser hat alle seine Sklaven vertrieben, weil er den Verdacht
hegt, einer von uns habe ihm vergifteten Wein zu trinken gegeben, und
dies habe die Krankheit hervorgerufen. Er hätte auch mich und Tito
fortgejagt, wenn wir uns nicht geweigert hätten, ihm zu gehorchen. Und
du weißt doch, daß wir unser ganzes Leben lang dem Kaiser und seiner
Mutter gedient haben.“
„Ich frage nicht nur nach Sklaven,“ sagte Faustina. „Wo sind die
Senatoren und Feldherrn? Wo sind des Kaisers Vertraute und alle
schmeichelnden Speichellecker?“
„Tiberius will sich nicht mehr vor Fremden zeigen,“ sagte der Sklave.
„Der Senator Lucius und Macro, der Anführer der Leibwache, kommen jeden
Tag her und nehmen seine Befehle entgegen. Sonst darf sich ihm niemand
nahen.“
Faustina hatte die Treppe erstiegen, um in das Landhaus einzutreten.
Der Sklave schritt ihr voran, und im Gehen fragte sie ihn:
„Was sagen die Ärzte über Tiberii Krankheit?“
„Keiner von ihnen versteht diese Krankheit zu behandeln. Sie wissen
nicht einmal, ob sie rasch oder langsam tötet. Aber eins kann ich dir
sagen, Faustina, daß Tiberius sterben muß, wenn er sich weiter weigert,
Nahrung zu sich zu nehmen, aus Furcht, daß sie vergiftet sein könnte.
Und ich weiß, daß ein kranker Mann es nicht aushalten kann, Tag und
Nacht zu wachen, wie der Kaiser tut, aus Angst, im Schlafe ermordet
zu werden. Wenn er dir vertrauen will wie in frühern Tagen, wird es
dir vielleicht gelingen, ihn zum Essen und Schlafen zu bewegen. Damit
kannst du sein Leben um viele Tage verlängern.“
Der Sklave führte Faustina durch mehrere Gänge und Höfe zu einer
Terrasse, auf der Tiberius sich aufzuhalten pflegte, um die Aussicht
über die schönen Meeresbuchten und den stolzen Vesuv zu genießen.
Als Faustina die Terrasse betrat, sah sie dort ein grausiges Wesen
mit aufgeschwollenem Gesicht und tierischen Zügen. Seine Hände und
Füße waren mit weißen Binden umwickelt, aber aus den Binden kamen halb
abgefressene Finger und Zehen hervor. Und die Kleider dieses Menschen
waren staubig und besudelt. Man sah, daß er nicht imstande war,
aufrecht zu gehen, sondern über die Terrasse hatte kriechen müssen.
Er lag mit geschlossenen Augen am äußersten Ende der Balustrade und
regte sich nicht, als der Sklave und Faustina herankamen. Doch Faustina
flüsterte dem Sklaven, der ihr voranschritt, zu: „Aber, Milo, wie kann
sich ein solcher Mensch hier auf der Kaiserterrasse aufhalten? Eile
dich, ihn von hier fortzuschaffen!“
Aber kaum hatte sie dies gesagt, als sie sah, wie der Sklave sich vor
dem liegenden, elenden Menschen tief zur Erde neigte.
„Cäsar Tiberius,“ sagte er, „endlich habe ich dir frohe Kunde zu
bringen.“
Zugleich wendete sich der Sklave an Faustina, prallte aber betroffen
zurück und konnte kein Wort mehr hervorbringen.
Er sah nicht mehr die stolze Matrone, die so stark ausgesehen
hatte, daß man erwarten konnte, ihr Alter werde dem einer
Sibylle gleichkommen. In diesem Augenblick war sie in kraftloser
Greisenhaftigkeit zusammengesunken, und der Sklave sah ein gebeugtes
Mütterchen mit trübem Blick und tastenden Händen vor sich.
Denn wohl hatte man Faustina gesagt, daß der Kaiser furchtbar verändert
sei, aber sie hatte doch keinen Augenblick aufgehört, sich ihn als
den kräftigen Mann zu denken, der er gewesen war, als sie ihn das
letzte Mal gesehen hatte. Sie hatte auch jemand sagen hören, daß diese
Krankheit langsam wirke, und daß sie Jahre brauche, um einen Menschen
zu verwandeln. Aber hier war sie mit solcher Heftigkeit vorgeschritten,
daß sie den Kaiser in wenigen Monden schon unkenntlich gemacht hatte.
Sie wankte auf den Kaiser zu. Sie vermochte nicht zu sprechen, sondern
stand stumm neben ihm und weinte.
„Bist du endlich gekommen, Faustina?“ sagte er, ohne die Augen zu
öffnen. „Ich lag da und wähnte, du stündest hier und weintest über
mich. Ich wage nicht aufzublicken, aus Furcht, daß dies nur ein
Trugbild gewesen sein könnte.“
Da setzte sich die Alte neben ihn. Sie hob seinen Kopf empor und
bettete ihn in ihren Schoß.
Aber Tiberius blieb still liegen, ohne sie anzusehen. Ein Gefühl süßen
Friedens erfüllte ihn, und im nächsten Augenblicke versank er in
ruhigen Schlummer.
V
Einige Wochen später wanderte einer der Sklaven des Kaisers der
einsamen Hütte in den Sabiner Bergen zu. Der Abend brach an, und der
Winzer und seine Frau standen in ihrer Tür und sahen die Sonne im
fernen Westen sinken. Der Sklave bog vom Wege ab und kam heran und
grüßte sie. Dann zog er einen schweren Beutel hervor, der ihm im Gürtel
stak und legte ihn dem Manne in die Hand.
„Dieses schickt dir Faustina, die alte Frau, der du Barmherzigkeit
erwiesen hast,“ sagte der Sklave. „Sie läßt dir sagen, du mögest dir
für dieses Geld einen eignen Weinberg kaufen und dir eine Wohnung
erbauen, die nicht so hoch oben in den Lüften liegt, wie die Horste der
Adler.“
„Die alte Faustina lebt also wirklich noch?“ sagte der Mann. „Wir
haben sie in Klüften und Sümpfen gesucht. Als sie nicht zu uns
zurückkehrte, glaubte ich, sie hätte in diesen elenden Bergen den Tod
gefunden.“
„Erinnerst du dich nicht,“ fiel die Frau ein, „daß ich nicht glauben
wollte, daß sie tot sei? Habe ich dir nicht gesagt, sie würde zum
Kaiser zurückgekehrt sein?“
„Ja,“ gab der Mann zu, „so sagtest du wirklich, und ich freue mich, daß
du recht behalten hast, nicht nur, weil Faustina dadurch reich genug
geworden ist, um uns aus unsrer Armut zu retten, sondern auch um des
armen Kaisers willen.“
Der Sklave wollte nun sogleich Abschied nehmen, um bewohnte Gegenden
zu erreichen, bevor die Dunkelheit anbräche, aber dies ließen die
beiden Eheleute nicht zu. „Du mußt bis zum Morgen bei uns bleiben,“
sagten sie, „wir können dich nicht ziehen lassen, ehe du uns alles
erzählt hast, was Faustina widerfahren ist. Warum ist sie zum Kaiser
zurückgekehrt? Wie war ihre Begegnung? Sind sie nun glücklich, daß sie
wieder vereint sind?“
Der Sklave gab ihren Bitten nach. Er trat mit ihnen in die Hütte, und
beim Abendbrot erzählte er von der Krankheit des Kaisers und Faustinas
Rückkehr.
Als der Sklave seine Erzählung beendet hatte, sah er, wie der Mann und
die Frau regungslos und staunend sitzen blieben. Ihre Blicke waren zu
Boden geschlagen, gleichsam, um die Erregung nicht zu verraten, die
sich ihrer bemächtigt hatte.
Endlich sah der Mann auf und sagte zu seinem Weibe: „Glaubst du nicht,
daß dies eine Fügung Gottes ist?“
„Ja,“ sagte die Frau, „sicherlich hat uns der Herr um dessentwillen
über das Meer in diese Hütte gesendet. Gewiß war dies seine Absicht,
als er die alte Frau an unsre Tür führte.“
Sowie die Frau diese Worte gesprochen hatte, wendete sich der Winzer
wieder an den Sklaven.
„Freund,“ sagte er zu ihm. „Du sollst Faustina eine Botschaft von mir
bringen! Sag ihr dies, Wort für Wort! Solches kündet dir dein Freund,
der Winzer aus den Sabiner Bergen. Du hast die junge Frau gesehen, die
mein Weib ist. Schien sie dir nicht hold in Schönheit und blühend in
Gesundheit? Und doch hat diese junge Frau einmal an derselben Krankheit
gelitten, die nun Tiberius befallen hat.“
Der Sklave machte eine Bewegung des Staunens, aber der Winzer fuhr mit
immer größerm Nachdruck fort.
„Wenn Faustina sich weigert, meinen Worten Glauben zu schenken, so
sag ihr, daß meine Frau und ich aus Palästina in Asien stammen, einem
Lande, wo diese Krankheit häufig vorkommt. Und dort ist ein Gesetz, daß
die Aussätzigen aus Städten und Dörfern vertrieben werden und auf öden
Plätzen wohnen und ihre Zuflucht in Gräbern und Felsenhöhlen suchen
müssen. Sage Faustina, daß mein Weib von kranken Eltern stammt und in
einer Felsenhöhle geboren wurde. Und solange sie noch ein Kind war, war
sie gesund, aber als sie zur Jungfrau heranwuchs, wurde sie von der
Krankheit befallen.“
Als der Winzer dies gesagt hatte, neigte der Sklave freundlich lächelnd
das Haupt und sagte zu ihm: „Wie willst du, daß Faustina dies glaube?
Sie hat ja deine Frau in ihrer Gesundheit und Blüte gesehen? Und sie
weiß ja, daß es kein Heilmittel gegen diese Krankheit gibt.“
Doch der Mann erwiderte: „Es wäre das beste für sie, wenn sie mir
glauben wollte. Aber ich bin auch nicht ohne Zeugen. Sie möge
Kundschafter hinüber nach Nazareth in Galiläa senden. Da wird jeder
Mensch meine Aussage bestätigen!“
„Ist deine Frau vielleicht durch das Wunderwerk irgend eines Gottes
geheilt worden?“ fragte der Sklave.
„Ja,“ antwortete der Arbeiter, „wie du sagst, so ist es. Eines Tages
verbreitete sich ein Gerücht unter den Kranken, die in der Wildnis
wohnten: ‚Sehet, es ist ein großer Prophet erstanden, in der Stadt
Nazareth in Galiläa. Er ist voll der Kraft von Gottes Geist, und er
kann eure Krankheit heilen, wenn er nur seine Hand auf eure Stirn
legt.‘ Aber die Kranken, die in ihrem Elend lagen, wollten nicht
glauben, daß dieses Gerücht Wahrheit sei. ‚Uns kann niemand heilen,‘
sagten sie. ‚Seit den Tagen der großen Propheten hat niemand einen von
uns aus seinem Unglück retten können.‘
Aber es war eine unter ihnen, die glaubte, und diese eine war eine
Jungfrau. Sie ging von den andern fort, um den Weg in die Stadt
Nazareth zu suchen, wo der Prophet weilte. Und eines Tages, als sie
über weite Ebnen wanderte, begegnete sie einem Manne, der hochgewachsen
war und ein bleiches Gesicht hatte, und dessen Haar in blanken,
schwarzen Locken lag. Seine dunkeln Augen leuchteten gleich Sternen
und zogen sie zu ihm hin. Aber bevor sie sich noch begegneten, rief
sie ihm zu: ‚Komm mir nicht nahe, denn ich bin eine Unreine, aber sage
mir, wo kann ich den Propheten aus Nazareth finden?‘ Aber der Mann fuhr
fort, ihr entgegenzugehen, und als er dicht vor ihr stand, sagte er: --
‚Warum suchest du den Propheten aus Nazareth?‘ -- ‚Ich suche ihn, auf
daß er seine Hand auf meine Stirn lege und mich von meiner Krankheit
heile.‘ Da trat der Mann heran und legte seine Hand auf ihre Stirn. --
Aber sie sprach zu ihm: ‚Was frommt es mir, daß du deine Hand auf meine
Stirn legst? Du bist doch kein Prophet?‘ -- Da lächelte er ihr zu und
sagte: ‚Gehe jetzt zur Stadt, die dort auf dem Bergesabhang liegt und
zeige dich den Priestern.‘
Die Kranke dachte bei sich selbst: Er treibt seinen Spott mit mir,
weil ich glaube, daß ich geheilt werden kann. Von ihm kann ich nicht
erfahren, was ich wissen will. Und sie ging weiter. Gleich darauf sah
sie einen Mann, der zur Jagd auszog, über das weite Feld reiten. Als
er ihr so nah gekommen war, daß er sie hören konnte, rief sie ihm zu:
‚Komme nicht zu mir her, denn ich bin eine Unreine, aber sage mir, wo
ich den Propheten aus Nazareth finden kann?‘ -- ‚Was willst du von
dem Propheten?‘ fragte sie der Mann und ritt langsam auf sie zu. --
‚Ich will nur, daß er seine Hand auf meine Stirn lege und mich gesund
mache von meiner Krankheit.‘ Aber der Mann ritt noch näher. -- ‚Von
welcher Krankheit willst du geheilt werden?‘ sagte er. ‚Du bedarfst
doch keines Arztes.‘ -- ‚Siehst du nicht, daß ich eine Unreine bin?‘
sagte sie. ‚Ich stamme von kranken Eltern und bin in einer Felsenhöhle
geboren.‘ Aber der Mann ließ sich nicht abhalten, auf sie zuzureiten,
denn sie war hold und lieblich, wie eine eben erblühte Blume. -- ‚Du
bist die schönste Jungfrau im Lande Juda,‘ rief er. -- ‚Treibe nicht
auch du deinen Spott mit mir,‘ sagte sie. ‚Ich weiß, daß meine Züge
zerfressen sind und meine Stimme wie das Heulen eines wilden Tieres
klingt.‘ Aber er sah ihr tief in die Augen und sprach zu ihr: ‚Deine
Stimme ist klingend wie die Stimme des Frühlingsbächleins, wenn es
über Kieselsteine rieselt, und dein Gesicht ist glatt wie ein Tuch aus
weicher Seide.‘
Zugleich ritt er so nahe an sie heran, daß sie ihr Gesicht in den
blanken Beschlägen sehen konnte, die seinen Sattel zierten. ‚Du sollst
dich hier spiegeln,‘ sagte er. Sie tat es, und sie sah ein Gesicht, das
zart und weich war, wie ein eben entfalteter Schmetterlingsflügel. --
‚Was ist dies, was ich sehe?‘ sagte sie. ‚Das ist nicht mein Gesicht.‘
‚Doch, es ist dein Gesicht,‘ sagte der Reiter. -- ‚Aber meine Stimme,
klingt sie nicht röchelnd? Klingt sie nicht, wie wenn Wagen über einen
steinigen Weg gezogen werden?‘ -- ‚Nein, sie klingt wie die süßesten
Weisen eines Harfenspielers,‘ sagte der Reiter.
Sie wendete sich und wies über den Weg. ‚Weißt du, wer der Mann ist,
der eben jetzt zwischen den zwei Eichen verschwindet?‘ fragte sie
den Reiter. ‚Er ist es, nach dem du vorhin fragtest, der Prophet aus
Nazareth,‘ sagte der Mann. Da schlug sie staunend die Hände zusammen,
und ihre Augen füllten sich mit Tränen. ‚Oh, du Heiliger! Oh, du Träger
von Gottes Macht!‘ rief sie. ‚Du hast mich geheilt!‘
Aber der Reiter hob sie in den Sattel und führte sie zu der Stadt auf
dem Bergesabhang und ging mit ihr zu den Ältesten und Priestern und
berichtete ihnen, wie er sie gefunden hatte. Sie befragten ihn genau
nach allem, aber als sie hörten, daß die Jungfrau in der Wildnis von
kranken Eltern geboren war, da wollten sie nicht glauben, daß sie
geheilt sei. ‚Gehe dorthin zurück, von wannen du gekommen bist,‘ sagten
sie. ‚Wenn du krank warst, mußt du es dein ganzes Leben lang bleiben.
Du sollst nicht hierher in die Stadt kommen, um uns andre mit deiner
Krankheit anzustecken!‘
Sie sagte zu ihnen: ‚Ich weiß, daß ich gesund bin, denn der Prophet aus
Nazareth hat seine Hand auf meine Stirn gelegt.‘
Als sie dies hörten, riefen sie: ‚Wer ist er, daß er die Unreinen rein
machen könnte? Alles dies ist ein Blendwerk böser Geister. Kehre
zurück zu den Deinen, auf daß du nicht uns alle ins Verderben stürzest!‘
Sie wollten sie nicht für geheilt erklären, und sie verboten ihr, in
der Stadt zu verweilen. Sie verordneten, daß jeglicher, der ihr Schutz
gewähre, gleichfalls als unrein erklärt werde.
Als die Priester dieses Urteil gefällt hatten, sagte die junge Jungfrau
zu dem Manne, der sie draußen auf dem Felde gefunden hatte: ‚Wohin soll
ich mich wenden? Muß ich zurück in die Wildnis zu den Kranken gehen?‘
Aber der Mann hob sie wieder auf sein Pferd und sprach zu ihr: ‚Nein
wahrlich, du sollst nicht zu den Kranken in ihre Felshöhlen gehen,
sondern wir beide wollen fortziehen, über das Meer in ein andres Land,
wo es nicht Gesetze gibt für Reine und Unreine.‘ Und sie -- --“
Aber als der Winzer in seiner Erzählung so weit gekommen war, erhob
sich der Sklave und fiel ihm in die Rede. „Du brauchst mir nichts mehr
zu erzählen,“ sagte er. „Stehe lieber auf und führe mich ein Stück
Weges, du, der die Berge kennt, damit ich noch in dieser Nacht meine
Heimfahrt antreten kann und nicht bis zum Morgen zu warten brauche. Der
Kaiser und Faustina können deine Nachrichten nicht einen Augenblick zu
früh erfahren.“
Als der Winzer dem Sklaven das Geleit gegeben hatte und wieder in die
Hütte heimkam, fand er seine Frau noch wach.
„Ich kann nicht schlafen,“ sagte sie, „ich denke daran, daß diese
beiden sich begegnen werden. Er, der alle Menschen liebt, und er, der
sie haßt. Es ist, als müßte diese Begegnung die Welt aus ihrer Bahn
schleudern.“