Er stürzte nach der Haustür, er öffnete —

Es war Hannes.

Der Umschwung seiner Empfindungen war so stark, daß er sich einen

Atemzug lang gegen die Tür lehnen mußte — daß das Mädchen in jäher

Angst nach seinen Armen griff — daß sie Entsetzliches befürchtete —

»Nein, nein!« stieß er hervor. »Es kam nur — ich dachte — Frau Schmitz

käme allein. Ich sah nur das große Umschlagetuch. Wenn man in der Nacht

wartet, spielt die Phantasie Streiche. Mädel, Mädel, Gott Dank, daß du

da bist!«

Er drückte geräuschlos die Tür ins Schloß und führte das Mädchen

vorsichtig ins Zimmer.

»Du warst noch auf, als die Frau kam? Hat keiner etwas gehört?«

»Ich stand am Fenster, Onkel, und öffnete ihr, ohne daß sie zu läuten

brauchte. Als sie mir deine Bestellung ausgerichtet hatte, nahm ich

gleich ihr Umschlagetuch, ohne erst den Hut zu holen, bat die Frau, an

meiner Stelle dort zu bleiben, für den Fall, daß Großmutter zufällig

aufstehen und nach mir sehen sollte, und hastete hierher. Aber so

sprich doch um Gottes willen, was ist? Was ist mit Hans?«

Und in fliegender Eile berichtete er ihr die Vorgänge des Abends.

»Was ich auch vorbrachte, Hannes, alles war vergebens. Er war fertig

mit sich. Er hatte Abschluß gemacht. Das einzige, was ich in meiner

Todesangst erzielte, war der Aufschub bis zum Morgen. Und bis dahin ist

nicht mehr weit.«

Hannes stand blaß vor ihm, aber sie stand aufrecht. Die großen, tiefen

Augen weit geöffnet, ging ihr Blick an ihm vorbei.

»Nein, Onkel Springe, so spät ist es noch nicht.«

»Ich wußte mir keinen anderen Rat als dich.«

»Ich danke dir, Onkel Springe, Hat er von mir noch gesprochen?«

»Nein, Kind. Aber das beweist nichts. Viel eher ...«

»Onkel Springe,« sagte sie, bevor er vollenden konnte, »ich muß sofort

zu ihm.«

»Ich hatte das erwartet,« murmelte Springe, »aber es mußte von dir

ausgehen.«

»Willst du mich hinbringen? Wo ist er jetzt?«

»Ich habe ihn dazu bewogen, sich zur Ruhe zu legen. In seinem

Schlafzimmer.«

Aus den letzten Worten hörte sie die zögernde Frage heraus. Da sah sie

ihn ernst an.

»Wie kann mich das hindern! Komm, Onkel Springe. Und dann, nicht wahr,

dann läßt du mich allein.«

In Springes Brust stieg eine breite Atemwelle auf. Er antwortete nichts

als: »Ich wußte es ja, ich wußte es ja. In dir täuscht man sich nicht.«

Dann ging er ihr voran in das obere Stockwerk und öffnete leise die Tür

zu Hans’ Zimmer.

Hans Steinherr lag auf dem Ruhebett, ganz still, das Gesicht der Wand

zugekehrt.

»Bist du es, Heinrich?« fragte er und wendete ein wenig den Kopf.

Hannes hatte die Tür hinter sich ins Schloß gedrückt. Jetzt, allein

mit ihm, schlug ihr das Herz so rasend, daß ihr schwindelte. Aber sie

bezwang sich mit aller Tapferkeit, trat rasch an ihn heran, beugte

sich über ihn, und bevor er einen Schrei der Überraschung auszustoßen

vermochte, hatte sie ihre Lippen fest auf seinen Mund gepreßt, als

müßte es so sein — —.

»Hans, mein alter, lieber Hans! Nun sage mir, was dir fehlt.«

Hans Steinherr versuchte zu sprechen. Er rang nach Klarheit, nach

Bewußtsein. Mit entsetzten Augen starrte er die Erscheinung an, von

der er nicht wußte, wie sie zu dieser Stunde in dieses Zimmer kam. Und

sie strich mit ganz weicher Hand über diese wilden Augen und sagte nur

immer: »Mein alter, lieber Hans ...«

Noch einmal versuchte er, die Lippen zu bewegen. Aber es kam kein Ton.

Sie sah nur, wie seine Schultern schütterten, und sie hinderte ihn

nicht. Vielleicht, daß er weinte — —. Nur mit zärtlichen Fingern strich

sie über sein Haar und wiederholte von Zeit zu Zeit: »Alter, lieber

Hans! Glaubtest du denn wirklich, daß ich dich so gehen lassen würde?

Einfach gehen lassen?«

Dann wurde er allmählich stiller, und sie saß bei ihm und wartete

geduldig, bis er reden würde. Ihre weichen, warmen Hände, die jetzt auf

seiner Stirn lagen, zeigten ihm, daß sie wartete.

»Was nun?« stammelte er, »was denn nun? Das — das habt ihr ja glücklich

zu stande gebracht. Nun kann ich es doch nicht mehr tun — —«

»Wenn du es getan hättest, Hans, und ich hätte es erst morgen früh

erfahren, ich hätte dich doch nicht allein gelassen.«

Er sah sie verständnislos an. Seine Gedanken sprangen noch immer im

Zickzack durch seinen Kopf.

»Darauf bist du nicht selbst gekommen, Hans? Daß ich abgereist wäre,

um die lieben Menschen hier nicht so arg zu treffen, und dir an irgend

einem Winkel der Welt — nachgefolgt wäre?«

»Hannes, Hannes!« brachte er hervor, »wie kannst du das aussprechen — —«

»Wundert dich das? Das solltest du dir nicht gedacht haben, und wußtest

doch, daß ich dich liebte?«

»Nein, nein!« rief er. »Das habe ich ~nicht~ gewußt. Das wäre ja

Wahnsinn gewesen.«

»Was es ist,« sagte sie und lächelte vor sich hin, »das kann ich dir

nicht sagen. Denn ich weiß ja nur das eine: daß ich dich lieb habe; so

lieb, wie nur je im Leben; wie damals, als wir Kinder waren, und noch

viel lieber.«

»Quäl’ mich nicht! Quäl’ mich nicht so!«

Da nahm sie hastig seinen Kopf und drückte ihn gegen ihre Brust.

»Ruhig,« beschwichtigte sie mit ihrer tiefen, klingenden Stimme,

»ruhig, ganz ruhig. Es ist so, und nun hast du es mir zu glauben.«

Er regte sich nicht. Er lag wie im Arm einer Mutter. Wie unendlich wohl

das tat — —

Und nach einer Weile sagte sie: »Du darfst nur sprechen, wenn du

vernünftig bist.«

»Ich bin’s.«

»Nur, wenn du etwas Vernünftiges zu sagen hast.«

»Hannes, Hannes, du bist so lieb, so — so — und es ist doch alles

nutzlos.«

»Magst du mich so wenig leiden, Hans? Trotzdem ich mich dir aufdränge?«

»Du kannst scherzen,« sagte er tonlos. Aber als sie eine Bewegung

machte, drückte er den Kopf fester gegen ihre Brust und schlang scheu

den Arm um ihren Hals.

Sie hielt ganz still. Das war der Knabe — — der Knabe von ehemals.

»Hannes, es ist nichts aus mir geworden. Ich bin nichts und ich werde

nichts. Hingegen du — du hast alles erreicht. Das sind doch keine

Gleichheiten, die zueinander passen.«

»Dein Talent ist zehnmal größer und wichtiger als meins. «

»Mein Talent? Ich habe keins. Ich hab’s in der Fabrik draußen kläglich

erproben können.«

»Wer spricht denn von der Fabrik?«

»Von der Fabrik nicht?«

Er ließ sie los und schaute sie staunend an.

»Ja, wenn nicht von der Fabrik, von was denn in aller Welt?«

»Hältst du mich für so dumm, mein dummer Hans? Meinst du denn, ich

hätte deine Gedichte und deine kunsthistorischen Aufsätze nicht in den

Zeitschriften gelesen? Oder traust du mir so gar kein Verständnis zu?«

Er lachte laut auf. »Meine Gedichte! Meine Aufsätze! Ein nettes, wirres

Zeug — —«

»O ja,« sagte sie, ohne die Ironie zu beachten, »ein bißchen wild ging

es ja manchmal darin zu. Aber das lag nicht an deinem Kunstvermögen,

das lag an dir armem, liebem Kerl selbst. Dir fehlte die Sammlung. Man

muß ein Ziel haben, um unbeirrt marschieren zu können.«

Und als sie sah, daß wieder der sarkastische Zug um seinen Mund

auftauchen wollte, fügte sie mit ganz leiser, ganz durchsichtiger

Schelmerei hinzu: »Wie kann man Sammlung haben, wenn man nicht einmal

eine Frau hat!«

»Hannes!« rief er, von dem alten Heimatston gepackt, »Hannes!«

»Aha, das siehst du ein. Das ist der erste Schritt zur Besserung. Und

da ich nun doch einmal dabei bin, mich dir auf die schönste Weise

anzutragen, so merk dir noch, daß ich schon ganz tüchtig verdiene, und

daß du, als der Mann, mich unbedingt überholen mußt.«

Da lachte er nur auf.

Aber nun gab sie nicht mehr nach und kniete an seiner Seite, als wollte

sie sich ganz klein machen.

»Hans, Hans, heraus mit dem Ehrgeiz! Ich habe allezeit zu dir

aufgeschaut! Du bist ja so reich an Wissen und Können, daß du deine

Schätze gar nicht einmal überblicken kannst, wenn du erst anfängst, mit

deinem Pfund zu wuchern! Und höre einmal: Ich hab’ eine große Furcht.

Eine gewaltige Furcht wegen meines großen Einkommens. Wahrhaftig, Hans.

Ich fürchte — ich fürchte — ach, Hans, ich werde einmal entsetzlich

faul werden. Und wenn du mich lieb hast, wirst du dir das selber

zuzuschreiben haben.«

Und wieder hatte der frische Heimatston des rheinischen Mädchens

gesiegt.

»Hannes, das geb’ ich nicht zu. Auf keinen Fall! Die Kunst ist etwas

Heiliges, der wird man nicht untreu.«

»So geh mir mit gutem Beispiel voran!«

»Nein, du mir!«

»Ich habe zuerst drum gebeten. Sei nicht geizig!«

»Aber ich weiß ja nicht einmal, wie und wo ich es anfassen soll.«

»Hans, das sagt ein Düsseldorfer? Hier, deine, unsere Vaterstadt

wartet. Hier ist Terrain. Hier werden Männer benötigt, die für die alte

und jung aufblühende Düsseldorfer Kunst eine Klinge zu schlagen wissen.

Gegen den Zopf bei uns selber und gegen die Hämlinge da draußen! Wie?

Hab’ ich das nicht schön gesagt? Hans, hier gibt’s Arbeit. Und wenn

du mit ihr noch nicht auskommst, widme dich dem öffentlichen Leben.

Ach, Hans, und wenn dich der Ehrgeiz plagt, kannst du noch einmal

beigeordneter Bürgermeister für das Kunstdepartement der guten Stadt

Düsseldorf werden. Hans, sind das nicht Aussichten?«

Und sie lachte ihr klingendes, glückseliges Lachen, das ansteckend auf

den staunenden Horcher wirkte, der mit leuchtenden Augen jedem ihrer

Worte gefolgt war.

»Hans, gib acht, wenn die Sammlung kommt! Wenn du erst deine Kräfte in

Kopf, Herz und Faust zusammen hast! Wie dann der Dichter sich melden

wird, der die Stimmen in sich und um sich her sammelt. O, ich bin ja

so froh, daß du kein Wunderkind geworden bist, kein Überflieger ohne

Wurzelland. Ein Baum muß wachsen in Sturm und Wetter.«

Sie hatte den Kopf an den seinen geschmiegt, und plötzlich begann sie

leise eine Verszeile aus »Ännchen von Tharau« zu singen.

»Recht als ein Palmenbaum über sich steigt,

Hat ihn erst Regen und Sturmwind gebeugt — —«

Da konnte er sich nicht mehr enthalten. Da schlang er die Arme um sie

und küßte sie auf die Lippen, auf die Augen, auf das schimmernde,

rotblonde Haar. Als ein Gesunder! Als ein Mensch, der nach dem Leben

verlangt, nach dem fröhlichen Kampf und dem segenschweren Sieg.

»Hannes, alter, kleiner Hannes! Liebste, ach du Aller-Allerliebste!

Jetzt lass’ ich dich nicht mehr los.«

»Ich hab’ dich nie losgelassen, Hans.« — —

Sie hörten ihre Herzen schlagen. Das war ein Gleichklang.

Und mit einem Male, in der neuen Gesundheit seines Empfindens, wurde

sich Hans Steinherr der Situation bewußt.

»Mädel, Mädel, wo bist du denn hingeraten? Das ist ja mein Schlafzimmer

— —«

»Herr Gott!« schrie sie auf und wich bis an die Wand zurück.

»Hans,« sagte sie dumpf, aber in ihrer Stimme vibrierte der Schalk und

das Glück, »du hast mich fürchterlich kompromittiert.«

»Aber du warst ja als Krankenschwester bei mir.«

»Der Kranke ist kerngesund. Ich hab’ die Beweise. Kannst du das

leugnen?«

»Nein, ich kann es ~nicht~ leugnen.«

»Du hast mich also kompromittiert, und du wirst wissen, was ein

Ehrenmann zu tun hat.«

»Hannes!« flehte er.

»Ja oder nein?«

»Wenn es denn nicht anders ist —: Ja!«

»O, bitte: das genügt mir nicht. Deutlicher, klarer, Herr Doktor

Steinherr!«

»Hannes, ich seh’ es ein, ich muß dich heiraten.«

Da flog sie wie der Wind heran und umhalste ihn wie ein glückliches

Kind. »Hans, mein alter, lieber Hans!«

»O du alter, kleiner Hannes!«

»Weißt du, wir könnten die beiden Namen in einen fassen.«

»Wir sind ja eins und sind es immer gewesen.«

Und sie plauderten und schwatzten wie die Kinder von den Erinnerungen,

und das dritte Wort war: »Weißt du noch?«

»Weißt du noch,« fragte Hannes, »als wir im Regen durch den Hofgarten

liefen und ich es nicht wollte, daß du mir auf die Füße sahst, wenn ich

über die Pfützen springen mußte, und du dann riefst: Ach, in ein paar

Jahren bist du ja doch meine Frau?! Und heute bin ich zu dir gekommen,

weil ich es mußte, und weißt du, was ~ich~ jetzt rufe?: Ach, in ein

paar Wochen bist du ja doch mein Mann! Kuß! So, und jetzt müssen wir zu

Onkel Springe.«

Aber sie hielt ihn noch einmal an der Tür zurück. Mit einem lieben,

ernsten Zug im Gesicht.

»Hans, du darfst mich nicht falsch verstehen. Meine Liebe soll dir nie

eine Last sein, sie soll dir — meine Liebe sein. Du hast als Künstler

die Welt nötig. Du ~mußt~ sogar die Welt nötig haben, wenn du immer ein

Wahrheitsschilderer bleiben willst. Und du wirst überall die Schönheit

suchen, und manch eine Frau wirst du schön und interessant finden.

Hans, ich werde nie eifersüchtig sein. Meine Liebe steht so felsenfest,

daß ich weiß: ich werde der Hafen sein, zu dem er nach jeder Ausfahrt

freudig und mit überlegenem Lächeln zurückkehrt. Das, Hans, das war’s,

was ich dir noch sagen wollte.«

Er hielt ihre Hände fest und war keines Wortes mächtig.

Dann gingen sie, Hand in Hand. Sein Schritt war fest und schnell. Ein

aufrechtes Mannestum war in ihm und eine Heiterkeit, die nach frischer

Lebenstat Ausschau hält, den Dank für das Leben zu bekunden. — —

Heinrich von Springe war, nachdem er Hannes in Hans Steinherrs

Zimmer hatte eintreten lassen, sofort umgekehrt. Zuerst hatte er

seine Wanderung durch das Parterrezimmer wieder aufgenommen, dann

war er lange auf einem Fleck stehen geblieben, um seiner Erregung

Herr zu werden, und die abenteuerlichsten Pläne waren ihm durch den

Kopf gegangen, für den Fall, daß das Mädchen unverrichteter Sache

zurückkehren würde. Als aber Viertelstunde auf Viertelstunde verstrich,

ohne daß das Mädchen wieder aufgetaucht wäre, löste sich die lastende

Spannung in ein verblüfftes Staunen, und das Staunen endlich in ein

breites Behagen — —.

Es schlug drei Uhr. Da tastete er wieder einmal nach seiner Rocktasche,

und diesmal brachte er schmunzelnd sein Etui hervor und zündete sich

mit der Miene eines Mannes, der einen Genuß zu würdigen versteht, eine

große Zigarre an.

Dann legte er sich in das offene Fenster, so bequem es ihm möglich

schien, und beobachtete den heraufziehenden Frühlingsmorgen.

Noch immer schlug im fernen Garten eine Nachtigall, und ihr lockender

Ruf ließ eine zweite antworten. Aber Dialog und Duett irritierten ihn

nicht mehr. Ja, wenn ihm eine Pause in musikalischer Beziehung zu lang

ausgesponnen vorkam, nahm er seine Zigarre aus dem Mund und ahmte leise

den Lockruf nach.

»Tü — — Türülü — — —«

Und er freute sich kindisch, wenn die kleinen unsichtbaren

Gesangskünstler prompt einsetzten.

Jetzt war er so in sein Tun vertieft, daß er das Uhrenschlagen

überhaupt überhörte. Nur einen Schritt überhörte er nicht. Der klang

ihm denn doch zu bekannt. So ging nur Frau Margot.

Sie war schon dicht vor dem Hause, da lehnte er sich, die Zigarre

zwischen den Lippen, weit aus dem Fenster, damit sie ihn erkennen

sollte, und rief so gemütlich und fröhlich, als ob es sich um eine

Absprache handelte: »Guten Morgen! Guten Morgen, du allerschönste Frau!

Hast du dich auch herbemüht?«

Frau Margot war sprachlos. Sie hatte den Weg in der treibenden Angst

der Ungewißheit zurückgelegt, von allen erdenkbaren Schreckensbildern

erfüllt, und nun rekelte sich ihr geliebter Mann zigarrenrauchend im

Fenster und machte Naturstudien!

»Aber Heinz — — aber Heinz!«

»Willst du zum Fenster einsteigen, oder soll ich dich feierlich an der

Tür des Hauses empfangen?«

»Sei nicht so unvernünftig fidel. Ich bin ja ganz hin.«

»Das, Liebste, kommt davon, wenn man nicht seine unvernünftige

Fidelität beibehält.«

»Heinz, so öffne doch!«

»Aber nicht prügeln, hörst du? Ich habe nichts verbrochen!«

Sie schüttelte lachend den Kopf über den Unverbesserlichen.

Nun war sie bei ihm im Zimmer und bestürmte ihn um Auskunft.

»Erst beichten, wer dich mir auf die Spur gebracht hat. Es muß alles

seine Ordnung haben.«

»Ach Gott, Heinz, ich wachte auf und fand deinen Platz immer noch leer.

Das ängstigte mich, und ich nahm meinen Morgenrock über, um zu sehen,

ob bei den Toggenburgers noch Licht sei. Du und Hannes, ihr hattet ja

den ganzen Tag über Heimlichkeiten gehabt. Und als ich wirklich noch

Lichtschein entdeckte, klopfte ich leise an. Du kannst dir meinen

Schreck vorstellen, als die Wirtschafterin von Hans mir öffnete.«

»Das ist die Strafe, wenn die Frau nicht vertrauensvoll den Mann

erwarten kann,« sagte Heinrich Springe.

»Spotte du noch! Mir war alle Lustigkeit vergangen. Und als mir Frau

Schmitz gar mitteilte, daß sie das Fräulein hätte holen müssen, weil

der Herr Doktor daheim wohl erkrankt sei, da war ich im Handumdrehen

angekleidet und, und — da bin ich.«

»Und nun beruhigt, Liebste?«

»Beruhigt —? Aber ich bin ja noch so klug wie zuvor.«

»Ach so,« stimmte Springe bei. »Ja — viel klüger bin ich auch nicht.«

»Aber so sag doch endlich, ob Hans wirklich krank ist!«

»Krank? I wo! Der wird sich in diesem Augenblick wohl so urgemütlich

befinden wie noch nie in seinem Leben. Ich nehme das wenigstens an.«

»Heinz, sei ernsthaft! Was ist hier vorgegangen? Weshalb hast

du Hannes in der Nacht herholen lassen? Du mußtest doch sehr

schwerwiegende Gründe haben.«

»Ja, Margot, die hatte ich. Du siehst, ich bin jetzt ganz ernst. Hans

wollte in dieser Nacht ohne Abschied von dannen. Er wollte wieder

reisen, ins Ungewisse. Vielleicht wäre er nie wieder gekommen. Ich

erfuhr davon, ich habe lang’ auf ihn eingeredet, bei uns zu bleiben,

gesund und froh zu werden. Es half nichts. Da dachte ich: Hier kann

nur eine helfen. Wenn die Namen der Mutter und des Freundes versagen,

bleibt als letztes der Name der Geliebten. Und so griff ich denn zu der

stärksten Beschwörung und ließ Hannes holen.«

»Sie muß ihn sehr lieb haben,« sagte Frau Margot leise und drückte die

Hand des Gatten.

»Und er sie nicht minder,« entgegnete Heinrich Springe, »denn er

scheint sie jetzt überhaupt nicht mehr hergeben zu wollen. Diese

Egoisten haben meine Existenz total vergessen.«

»Wo sind sie denn? Ich möchte sie sehen.«

»Oben. In seinem Schlafzimmer.«

»In seinem — —?«

»Aber Liebste, mach doch nicht so liebe, dumme Augen. Sie sind in der

Tat oben. Der Junge hatte sich zur Ruhe gelegt, um nicht gestört zu

werden, und in der Frühe wollte er heimlich davon. Da ist das tapfere

Mädel schnurstracks hinaufgegangen, um ihn zu zwingen, sie anzuhören.

Nicht nur für sich, für uns alle. Spürst du denn nicht, wie kleinlich

und nichts-bedeutend in der Stunde der Gefahr alle sogenannten

Anstandsregeln werden? Zimperlichkeit ist nicht rheinische Art.«

Frau Margot schmiegte sich an seinen Arm und lachte zu ihm auf.

»Du, du? Ist das nicht unschicklich?«

»Unschicklich ist es,« sagte Heinrich Springe mit einem tiefen Atemzug,

»aber es ist auch verdammt schön! Und siehst du,« fuhr er fort und

legte den Arm um ihren Leib, »weil die Schönheit gar so selten ist, so

soll man sie, wenn sie uns grüßt, halten und fassen, wie und wo man

kann. Und nie, nie im Leben soll man sie ungeküßt von dannen lassen.«

Am offenen Fenster zog er ihren Kopf zu sich heran, und sie wehrte

nicht, und sie küßten sich.

»Das ist aller Weisheit Schluß, du liebe Frau.« —

Die Tür öffnete sich. Da waren die Kinder.

Und wortlos eilten die beiden Frauen aufeinander zu und umarmten sich.

Eine jede den Kuß des Liebsten auf den Lippen.

»Mutter —« sagte endlich Hannes.

Die vom Niederrhein · 第 47 / 53 题