»Was wünschest du, das geschieht?« fragte Hans Steinherr wie ein
freundlicher Wirt, als sie in seinem Hause an der gartenbekränzten
Grafenbergerchaussee angelangt waren und Heinrich Springe rastlos durch
das Zimmer wanderte.
Der Angeredete unterbrach seinen Gang.
»Hans —!« sagte er, und er legte alle Liebe und alle Innigkeit in den
Ton. Er ging auf ihn zu, faßte seine Hände und suchte seinen Blick.
»Hans — —!«
Der aber schüttelte stumm verneinend den Kopf.
»Hans,« fuhr Springe eindringlicher fort, »du kannst es ja nicht
wollen. Du hast ja vergessen, an deine Mutter zu denken. Ich will von
niemand sonst reden. Nur von deiner Mutter ...«
»Meine Mutter,« sagte Hans Steinherr und sah zur Seite, »meine Mutter
ist durch das Glück geschützt. Der Verlust, der sie trifft, wird an
ihrem Reichtum nichts ändern.«
Er holte tief Atem. Dann fand er ein ruhiges und entschlossenes Wort:
»Heinrich, mache keinen weiteren Versuch. Laß mich nicht bereuen, daß
ich dich nicht auf der Stelle abgewiesen habe. Ich versprach dir,
die nüchterne Überlegung am Morgen abzuwarten, obschon sie nicht
nüchterner ausfallen kann. Mehr kann ich nicht und mehr will ich nicht.
Das — ist mein letztes Wort.«
»Hans — —!«
Aber als der Freund sich abwandte, müde der Erwiderungen, ließ
Springe von jedem Überredungsversuch ab, trat hinter ihn und legte
schonungsvoll den Arm um ihn.
»Komm, ich bringe dich in dein Zimmer. Du sollst jetzt ruhig schlafen.«
Hans Steinherr lächelte leise über die sorglichen Bemühungen, aber er
ließ sie geschehen.
Sie gingen die Treppen hinauf, in das obere Stockwerk, in dem das
Schlafzimmer lag. Dort ließ sich Hans schweigend auf das Ruhebett
fallen.
»Laß die Lampe brennen, Hans. Licht ist gut gegen einsame Gedanken. Und
ich möchte von Zeit zu Zeit nachsehen kommen, ob du eingeschlafen bist
oder den Wunsch hast, mich zu sprechen. Gute Nacht, Hans; ich wünsche
dir mit aller Bedeutung eine ~gute~ Nacht!«
Unten im Hausflur blieb er stehen und horchte angespannt. Dann stieg
er schnell ins Souterrain hinab und klopfte behutsam an der Tür der
Wirtschafterin. Die Alte hatte den leichten Schlaf des Alters. Sie
erwachte sofort und fragte, ob der Herr Doktor noch ein Verlangen habe.
»Bitte, Frau Schmitz, stehen Sie gleich auf! Ich bin’s, Heinrich von
Springe. Sie müssen mir eine Gefälligkeit erweisen.«
In wenigen Minuten hatte die erschrockene Person ihre Kleider
übergeworfen. Springe beruhigte sie.
»Es ist nichts. Herr Hans fühlt sich nicht ganz wohl. Aber ich möchte
doch auf alle Fälle mit Fräulein Stahl sprechen. Gehen Sie doch bitte
sofort zur Immermannstraße — die Dienstmädchen machen leicht eine
übertriebene Geschichte daraus — und ersuchen Sie Fräulein Stahl in
meinem Namen, sich gleich herzubemühen. Das Fräulein versprach mir,
aufzubleiben, bis ich aus dem ›Malkasten‹ zurück sei. Wir wollten noch
plaudern.«
»Soll ich nicht,« fragte die alte Frau ängstlich, »gleich einen Doktor
mitbringen?«
»Das wird hoffentlich nicht von nöten sein. Eilen Sie nur!«
Er sah ihr vom offenen Fenster aus nach, wie sie in ihrem großen
Umschlagetuch eilig die Straße dahintrippelte.
Eine qualvoll lange Stunde begann für den Mann am Fenster. Er zog die
Uhr. Es war eins. Vor zwei Uhr konnte Hannes nicht eintreffen. Und wenn
sie nicht aufgeblieben, wenn sie schon zur Ruhe gegangen war? Aber
nein, sie hatte ja am Abend erst versprochen, zu warten. Es drängte
sie ja viel zu sehr, zu hören, ob der heitere Abend günstig auf Hans
eingewirkt habe. Sie wollten ja noch Pläne miteinander schmieden,
allein, ohne von den anderen gestört zu werden.
Hannes würde kommen; Hannes würde ganz bestimmt kommen!
Fern, aus einem der Gärten, tönten die langgezogenen Koloraturen einer
Nachtigall. Sobald ihr Ruf in einem Triller erstarb, antwortete eine
andere. Hin und her ging das Spiel, im Lauschen und im Schwelgen.
Aber Springe hatte heute keinen Sinn für den Wohllaut der Nacht. Als
er sich dennoch beim Horchen ertappte, riß er sich ärgerlich los. Das
Tirilieren zog ihn ab. Er hatte sein Gehör einer anderen Richtung zu
schenken.
Das Viertelstundenschlagen der Turmuhren erschien ihm endlos. Er
tastete nach seiner Zigarrentasche. Aber jetzt zu rauchen, kam ihm wie
ein Verbrechen vor. Er verspürte auch nicht die geringste Lust.
Eben hatte es dreiviertel zwei geschlagen, und seine Nervosität
war gestiegen, daß er die Zähne zusammenbeißen und die Fingernägel
in das Fensterbrett einkratzen mußte. Herrgott, das ging ja über
Menschenkräfte. Das war ja wie eine Nacht vor dem Schafott. Schlimmer,
schlimmer. Da oben lag ein Mensch, den Tod vor Augen, und er stand
hier unten, tatenlos, wie ein Publikum. Er fühlte, wie auf seiner
Stirn große, kalte Tropfen standen. Und da draußen dieses schwelgende
Nachtigallenkonzert, als gäbe es jetzt auf der weiten Welt nichts
Dringenderes zu tun, als Liebeslieder zu singen ...
Ein Schritt! Ein ganz hastiger Schritt! — —?
So weit, als er es vermochte, beugte sich Springe aus dem Fenster, um
die Straße zu übersehen.
Da! Das Mondlicht schuf taghelle Beleuchtung. Eine Frau! Eine Frau im
Umschlagetuch ...! Heiliger Vater im Himmel, die Frau kam allein zurück!