Hannes hatte Frau Bettina ihre Künstlerkarte hineingeschickt, wie
sie sie im Verkehr mit Konzertdirektoren und Arrangeuren zu benutzen
pflegte.
»Johanna Stahl?« las Bettina nachdenklich. »Die berühmte Altistin, die
gestern erst im Philharmonischen — Sagen Sie der Dame, Anna, daß ich
sehr erfreut bin, sie zu empfangen.«
Die beiden Frauen standen sich gegenüber.
»Mein gnädiges Fräulein,« sagte Bettina, überwältigt von der
eigenartigen Erscheinung und der jugendlichen Schönheit der Sängerin,
und streckte ihr beide Hände entgegen, »was verschafft mir den Vorzug,
einen so ausgezeichneten Gast bei mir zu sehen?«
»Bewilligen Sie mir wenige Minuten Gehör, gnädige Frau? Ich möchte
vorausschicken, daß die Angelegenheit, die mich herführt, in erster
Linie ~Ihre~ Interessen tangiert.«
Bettina ließ die Arme sinken. Die andere hatte ihre Willkommenbewegung
gänzlich übersehen.
»Nehmen Sie Platz, mein Fräulein,« sagte sie mit formeller Höflichkeit.
»Womit kann ich Ihnen dienen?«
Hannes machte von der Einladung keinen Gebrauch. Eine Sekunde lang
kreuzten sich ihre Blicke. Die eine sah die dunkeläugige, gefährliche
Favoritin, die andere das freie, unerschrockene Germanenmädchen.
»Ich spreche gern die Hoffnung aus,« begann Hannes ruhig, »daß unsere
Unterredung ebenso kurz wie befriedigend verläuft. Mein Pflegeonkel,
Herr von Springe, ist, wie sich denken ließ, unverrichteter Sache
heimgekehrt. Ich hatte ihm gleich gesagt, daß das kein Geschäft für
Männer sei.«
»Ein Geschäft —? Mein Fräulein, Sie bedienen sich recht seltsamer
Ausdrücke.«
»Wir wollen hier nicht um Worte streiten, gnädige Frau. Das würde die
Erledigung der Angelegenheit nur verzögern.«
»So — so — —. Sie kommen aus demselben Grunde wie Herr von Springe?
Nun, ich finde das für Sie nicht sonderlich delikat.«
»Gnädige Frau, Sie wollen gütigst beachten, daß das — Parfüm nicht von
mir herstammt.«
»Mein Fräulein!«
»O nein, Sie erschrecken mich nicht. Ich fasse mich kurz. Das ist auch
mein Geschmack. Es liegt in Ihrem Interesse, daß ich Sie bitte, Ihre
Beziehungen zu Herrn Hans Steinherr ohne weiteres abzubrechen.«
»Verehrtes Fräulein,« lachte Bettina und zuckte die Achseln, »die
Rolle der verlassenen Ariadne, in der Sie sich gefallen, ist einfach
lächerlich.«
»Es freut mich, daß Sie das Kolorit dieser Rolle richtig taxieren,
obwohl ich nicht viel mit ihr zu tun habe. Ich reise morgen nach
München und singe in acht Tagen in Paris. Aber eben Sie, gnädige Frau,
möchte ich vor dieser Rolle bewahren.«
»Tragen Sie keine Sorge. Ich qualifiziere mich nicht dazu.«
»Das zu erfahren, läge lediglich in meiner Hand.«
»Sie machen mich neugierig.«
»Ich frage Sie nur, ob Sie, die Verlobte eines hohen Herrn, die
Beziehungen zu meinem Jugendfreunde lösen wollen oder nicht.«
»Und wenn ich Ihnen jegliche Antwort darauf verweigerte?«
»Soll ich das als Antwort auslegen?«
»Es steht in Ihrem Belieben.«
»So zwingen Sie mich, auf der Stelle zum Prinzen Georg hinzufahren und
ihm den Inhalt dieser Unterredung mitzuteilen. Entscheiden Sie sich!«
Bettina war erblaßt. Ihre Brust hob und senkte sich tief, und die
langen Wimpern zitterten über ihren Augen.
»Wenn Sie durchaus Lust verspüren, sich selbst mit diesem Schritt zu
kompromittieren — —. Sie verstehen mich wohl. Übrigens wird man Sie
nicht empfangen.«
»Man ~wird~ mich empfangen. Ich bin meiner Kunst dankbar, daß sie mir
alle Türen öffnet. Und vor einer Kompromittierung fürchte ich mich
nicht. Das ist mir die Freundschaft schon wert.«
Die beiden Frauen sahen sich fest in die Augen. Dann sagte Bettina mit
einer starken Willensanstrengung: »Ihr glühendes Eintreten stellt mir
den Preis so verlockend vor, daß ich Lust habe, freiwillig dem Prinzen
abzusagen und Herrn Doktor Steinherrs Werbung heute noch anzunehmen.«
»Das kommt zu spät, gnädige Frau.«
»Mein Fräulein, ich muß mir jetzt jeden weiteren Einspruch verbitten.«
»Gestern hätten Sie noch ein Recht dazu gehabt, heute nicht mehr. Ich
lasse Hans nicht unglücklich machen.«
»Unglücklich? Wenn ich ihn heirate? Das ist zum wenigsten originell.«
»Hans würde über die gestrige furchtbare Enttäuschung nie hinwegkommen.
Er würde nie das Vertrauen zurückgewinnen und an den quälenden Gedanken
zu Grunde gehen.«
»In Ihnen aber, nicht wahr, in Ihnen würde er die rechte Gefährtin
finden. Nun, ich bin nicht seelengroß genug, um Ihnen den erwählten
Gatten abzutreten. Mein Entschluß ist jetzt gefaßt.«
»Gnädige Frau,« begann Hannes, und ihr stolzer Mädchenkörper reckte
sich hoch auf. Über ihrem Gesicht lag eine finstere Ruhe. »Gnädige
Frau, ich habe bis jetzt ~nicht~ von mir gesprochen, aber wenn Sie mich
zwingen, ~werde~ ich von mir sprechen.«
»Ah — das klingt wie eine Drohung ...«
»Und es ~ist~ eine Drohung. Sehen Sie mich an. Wir sind zwei Frauen,
und keiner hört uns. In der Stunde der Gefahr soll keine falsche Scham
zwischen uns stehen. Sehen Sie mich an. Sie sind schön und üben Ihren
Einfluß auf die Männer; und ich —« eine dunkle Röte flog über ihre
Stirn, aber in ihren Augen blieb das stahlharte Leuchten — »ich traue
mir zu, es mit Ihnen aufzunehmen. Kein Mann hat mich je berührt, mit
Ausnahme Hans Steinherrs, als er noch ein halber Knabe war. Das fällt
mit in die Wagschale. Wagen Sie es, von seiner Stimmung Gebrauch zu
machen, wagen Sie es, ihn für immer an sich zu ketten und damit sein
Leben zu zerstören, nachdem Sie seinen Glauben schon zerstört haben!
Selbst ~dann~ werde ich meine mädchenhafte Scheu überwinden, und ich
werde schöner sein und treuer sein als Sie, und ich werde länger jung
bleiben um seinetwillen! Wagen Sie den Kampf? Ich werde ihn mit der
Heimatsstimme rufen und dem Ton der alten Erinnerungen. Für sein Glück
soll mir ~kein~ Opfer zu schwer sein, und der Herrgott wird es mir
verzeihen.«
Frau Bettina starrte das Mädchen an. Das war kein Ausbruch verwundeter
Eitelkeit, das war die hinreißende Frauenreinheit, die alles darf, und
die durch nichts befleckt wird. Und mit einem Male kam sie sich alt und
müde vor neben dem jungen, zu jedem Kampf entschlossenen Geschöpf.
»Gehen Sie, gehen Sie!« murmelte sie und drückte die Hand vor die Augen.
Da trat Hannes auf sie zu und zog Frau Bettinas Hände herab. »Ich bin,
als ich eintrat, Ihrem Händedruck ausgewichen, gnädige Frau. Lassen Sie
mich jetzt Ihre Hände drücken.«
»Ich weiß nicht, womit Sie es mir angetan haben,« stammelte die
Frau. »Sie — Sie haben den gläubigen Mut ...« Und plötzlich, dem
Impuls des Weibes folgend, schlang sie den Arm um Hannes und sah ihr
leidenschaftlich in das ernste und doch so jugendstrahlende Gesicht.
»Leben Sie wohl, Sie glückliche Natur! Ihr Hans soll nie wieder von mir
hören. Nur drei Abschiedszeilen zum Adieu.«
Mein Hans — dachte Hannes mit einem wehmütigen Lächeln. Aber sie
behielt tapfer ihre Haltung bei, und ruhig und gefaßt schieden die
Frauen voneinander. — —
Im Hotel ließ sie Springe auf ihr Zimmer bitten. Sie nickte dem
aufgeregt Hereinstürmenden zu.
»Hans wird ~nicht~ über Bord gehen. Die Gefahr ist vorbei.«
* * * * *
Als Springe am Nachmittag den Freund aufsuchte, fand er ihn am
Schreibtisch sitzend. Stumm wies Hans Steinherr auf ein Blatt Papier.
Bettina schrieb ihm, daß sie noch am selben Abend zu Verwandten ihres
Verlobten abreise, ihn aber um seine Verzeihung bitte.
»Komm mit nach Düsseldorf!« sagte Springe ernst. »Du bist es dir und du
bist es auch der Mutter schuldig. Die Heimat wird dich gesund machen.«
»Ich glaube an kein Gesundwerden mehr, Heinrich. Ich habe meine Wurzeln
eigenhändig zerstört.«
Aber er ließ sich leicht überreden, er war müde und hatte eine traurige
Sehnsucht. —
Hannes war nach München abgereist. Er hatte ihre Grüße empfangen und
sie selbst nicht gesehen. Sie schien vor ihm geflohen zu sein, und das
schmerzte ihn tiefer, als er es Springe wissen ließ.
In den ersten Märztagen fuhr Hans Steinherr an der Seite Heinrich von
Springes durch Hannover, Westfalen und das niederrheinische Land. In
sich versunken blickte er auf die Lichter Düsseldorfs, die sich rasch
näherten. Er kam nicht als Sieger, aber er kam.
Die Heimat hatte ihren erkrankten Sohn zurückgefordert.
[Illustration]