Sechstes Kapitel

Erst spät in der Nacht war Hannes eingeschlafen, und als sie erwachte,

war es noch nicht sieben Uhr. Ihre Gedanken setzten sofort dort wieder

ein, wo die Ermüdung sie unterbrochen hatte: bei Hans.

Die Arme unter dem Kopf verschränkt, lag sie ganz still, mit

weitgeöffneten Augen.

Hans ... Wie oft hatte sie das Wort vor sich hin gesprochen, in all den

Jahren des heißen Mühens und Studierens, der ersten, angsterfüllten

Versuche und der großen, stolzen Siege in ihrer Kunst. Er wußte es ja

nicht. Er wußte ja nicht, daß sie ihm alles verdankte, den ganzen,

reichen Inhalt ihres Lebens. Er hatte die Liebe in ihr wachgeküßt,

und die Liebe hatte den Ehrgeiz der vornehmen Seele geweckt, es dem

Geliebten gleich zu tun an Wissenseifer, und den Drang nach der

Schönheit der Form. Dann hatte er den ersten, gewaltigen Schmerz in

sie hineingetragen, und der Schmerz hatte den großen Stolz gezeitigt,

zu zeigen, daß es für den Mann kein Herabsteigen gewesen wäre zur

unlösbaren Verkettung von Seel’ und Leib.

Ein leises, liebes Lächeln glitt um ihren Mund. Hans — — —.

Die Wunden, die sie bei dem jähen Abschied davongetragen, waren

längst verharrscht. Und im Laufe der Jahre waren die Narben immer

glatter, immer feiner geworden. Wenn sie in stillen Nächten, in denen

sie heimdachte, mit gleitendem Finger danach tastete, fand sie kaum

noch die Spuren. Dann dehnte sie den jungen, gestählten Körper und

spürte in ihm statt Wunden und Schmerzen das Wunder der Frauenkraft.

Eines Tages — o, eines Tages würde er sie nötig haben, wie den Duft

der Heimatscholle, den kein Sohn des Niederrheins auf immer zu missen

vermochte, der zu den Treuen im Lande zählte. Sie glaubte fest an

diesen Zug der Heimat. Warte nur, über ein kleines ...!

Sie hatte gewartet, und das Warten war ihr nicht sauer geworden.

Alle Energien in ihr waren frei geworden und, von einem zähen Willen

geleitet, den Weg gegangen, den ihr erst der Trotz und dann in

seltsamer Wandlung das erwachte Gefühl der Persönlichkeit gewiesen

hatte. Mit geklärtem Auge schaute sie mehr und mehr in alle Dinge

und ihre Beweggründe hinein, und wenn sie auf eine unbefriedigte

Ehe traf, sah sie die Verschiebung der einst harmonierenden Motive

nicht so sehr in äußerlichen Ablenkungen, als in dem rein innerlichen

Umstand, daß die Frau am Tage der Hochzeit mit der straffen, geistigen

Erziehung abzuschließen pflegte, während für den Mann jetzt erst die

Weiterentwicklung und mit ihr die geistigen Kämpfe begannen. Fand er

auf die Dauer kein mitgehendes Verständnis, fand er in ihr, in der er

eine Kameradin erhofft hatte, immer wieder nur das launenhafte Kind,

kaum auf einer höheren Warte stehend als die Kinder, die sie geboren

hatte und die sie zu stolzen, starken Menschen erziehen sollte, fand

er in ihr nie und nimmer anderes als das Evageschöpfchen, das »um

seiner selbst willen« geliebt sein wollte — was Wunder, daß die Kluft

breiter und breiter wurde und eine der Seelen frierend am Ufer stand.

Das war dem jungen, im Dunkel seines ersten Liebeswehs umherirrenden

Mädchen wie eine Erleuchtung gekommen: eine Frau muß dem Manne, auch

nach dem Rausch des Lenzes, ebenbürtig bleiben; nicht in der Fülle des

Wissens, aber in der Fülle des Verständnisses. Dann hat sie ein Recht

auf ihn, als sein wahrhaftiger Zeltgenosse, der Kampf und Sieg mit ihm

teilt, beides wie ein gleichwertiges; nicht als seine hübsche Magd, der

er für ein Lächeln ein Armband mit heimbringt.

Darauf war ihr Streben gerichtet gewesen. Sollte der Tag kommen — auf

alle Fälle, sie wollte bereit sein.

Der Tag war nicht gekommen. Ihn mit kleinen Künsten herbeizuführen, lag

in ihrem Wesen nicht.

Die Reihe war an ihm, dem Manne — und sie wartete, und wenn sie

vergeblich warten sollte. Heute stand sie ihm nicht mehr nach, weder in

der Kunst, noch im Leben.

Der selbstbewußte Ausdruck auf dem Gesicht des Mädchens schwand

plötzlich hin, eine Unruhe trat in ihre Augen. Sie zog die Arme unter

dem Kopfe fort und saß aufrecht da.

Was hatte Onkel Springe gestern abend gesagt? Was war mit Hans?

»Er ist drauf und dran, über Bord zu gehen — —«

Noch einen Moment ließ sie die Worte in ihren Ohren tönen und hämmern.

Dann war sie mit einem Sprunge aus dem Bett und kleidete sich an.

»Oho,« murmelte sie vor sich hin, während sie die Haken ihres

Promenadenkleides schloß, »oho!« Sie wußte nicht, war es eine Drohung,

war es, um sich selbst Mut zu machen. Noch war ihr ja gänzlich fremd,

in welcher Lage, in welcher Bedrängnis Hans eigentlich stak. Aber die

Gewißheit, daß es eine Bedrängnis war, genügte, um sie vergessen zu

machen, daß — die Reihe an ihm sein sollte, zu ihr zu kommen; und all

die mütterlichen Eigenschaften, die unbewußt im Weibe ruhen, waren in

ihr ausgelöst.

Sie klingelte dem Zimmermädchen.

»Sehen Sie doch sofort nach, ob Herr von Springe schon sein Zimmer

verlassen hat. Sonst lassen Sie ihn wecken.«

Heinrich Springe erwartete seinen Bundesgenossen bereits im

Frühstückszimmer. Sie ließen sich an einem separaten Tisch servieren

und saßen allein.

»Guten Morgen, meine Lerche!«

Sie legte den Arm um seinen Hals und ihre weichen Lippen auf seinen

Mund.

»Töchterchen,« sagte er zärtlich und streichelte ihr Gesicht und ihr

Haar ... »Dort kommt der Kellner. Jetzt heißt es zulangen. Ein Mensch,

der ein ordentliches Frühstück im Magen hat, hat schon halb gewonnen.

In diesem Sinne los, Hannes! Wer die beste Klinge schlägt!«

Da hielt sie wacker mit.

»Wunderst du dich nicht, daß ich dir gar keine Komplimente über dein

Singen mache?« fragte er nach einer Weile. »Du mußt mich unbedingt für

einen Barbaren halten. Gelt, das ist die Meinung?«

»Onkel Springe! Wer ist denn musikalischer als du?!«

»Für den Hausgebrauch, Kind. Die musikalischen Schwingungen muß jeder

Künstler in sich verspüren, ob Maler, Dichter oder Klavizimbelspieler.

Aber sieh mal, Mädel, da reise ich geschlagene acht Stunden mit dem

Kurierzug, um dich nach Jahren wiederzuhören, und als es geschehen ist,

bleibe ich stumm.«

Sie streichelte seine Hand und sah ihn schelmisch von der Seite an. »Du

wolltest wohl erst die Kritiken in den Morgenblättern lesen?«

»Schlauberger!« lachte er. »Übrigens ist das bereits auch geschehen.

Die Herren Musikkritiker verstehen zwar durch die Bank mehr von

Instrumentalmusik als von einer Stimme, aber diesmal haben sie sich

denn doch zu ~einem~ schönen Jubelchor vereinigt. Mein Mädel hat es

ihnen angetan, mußte es ihnen ja antun; mir hattest du es ja auch

angetan, daß ich den unbezwinglichen Drang verspürte, alle Menschen

teilnehmen zu lassen, irgend eine gute Tat zu tun, und da bin ich

spornstreichs zum Hans gelaufen.«

Damit war das Wort gefallen. Die beiden sahen sich ernst an.

»Eine Frau ist im Spiel,« sagte Springe kurz.

»Liebt er sie — —?«

»Wenn’s das wäre! Gelt, Mädel, dann würden wir uns bescheiden. Aber das

ist es eben nicht. Es ist schlimmer. Er ist mit seinen Sinnen, seinem

Hochmut, seiner Eitelkeit engagiert. Das ist ein böses Trisolium für

einen Mann, der gewohnt ist, alles von sich selbst aus zu beurteilen

und sich in jeder Situation zu bespiegeln. Die Coeur-Dame aber hat

ebenfalls ihren Ehrgeiz für sich. Sie möchte außer einem Gatten von

Rang und Würden auch noch einen Mantelträger — hm, anders kann ich dir

das nicht erklären — und für dies ehrenvolle Pöstchen hat sie in ihrer

großen Güte Hans ausersehen.«

»Und Hans — und Hans?«

»Ist aus allen seinen Himmeln gestürzt. Ich habe die feste Gewißheit,

daß er sie nicht liebt, so, weißt du, Kind, wie wir das Wort

verstehen, mit dem Ewigkeitsbegriff. Aber er ist im Lauf der Jahre

ein armer, einsamer Mensch geworden, und todmüde. Da kommt nun eine

schöne Frau des Wegs — sagen wir: die gefeiertste Weltdame — und da

der verschlossene Sonderling für sie Nouveauté ist, beginnt sie zur

Kurzweil das Spiel. Der Mann, der schon auf alle Freuden des Lebens

verzichtet hat, traut seinen Augen nicht, zögert, alte Erinnerungen

werden in ihm lebendig, und, teils aus Haß, teils aus Gier, noch

einmal seine Kräfte zu erproben — er greift zu. Wenn ein Todkranker

sich an etwas anklammert, mein Kind, dann fragt er nicht viel nach den

Qualitäten, dann redet nur noch sein Egoismus, denn er weiß, es ist das

letzte Mal ...«

Springe sann nach. In seinem Geiste sah er, wie Bild für Bild sich

entwickelt hatte.

»Die schöne Frau aber,« fuhr er mit ironischer Betonung fort, »hatte

bereits andere Pläne, auf die sie nicht verzichten wollte. Und da

ihr unterdes Hans unentbehrlich geworden war, als Troubadour, so

wirkte sie mit verdoppeltem Nachdruck auf seine Sinne, um ihn für das

vorbehaltene Pöstchen des Schleppenträgers gefügig zu machen. Gestern

abend erfolgte die Erklärung, und der überrumpelte Hans warf dennoch im

ersten Ansturm den Bettel über den Haufen.«

»Ah — —« stieß die Zuhörerin hervor, und über ihr blaß gewordenes

Gesicht huschte eine Röte.

»Das muß der Frau wohl imponiert haben. Möglich auch, daß sie darauf

vorbereitet war, den Mann erst ein bißchen der Raserei überlassen

wollte, um sich dann über den Niedergebrochenen gnädig zu neigen,

überzeugt, daß er nun für ein Glück halten werde, was ihm zuvor das

Anfassen nicht wert schien. Als ich gestern bei Hans war und meine

Plaudereien aus der Heimat ihn still und in sich gekehrt gemacht

hatten, platzte in die frommste Stimmung ein =billet de diable= hinein.

Und die schönste Explosion war fertig.

Ich halte im allgemeinen nichts von sogenannten Schickungen. Das sind

Eselsbrücken für Faulpelze, die nicht fest zupacken wollen. Aber als in

diesem Augenblick bei Hans just eine schwere Erkältung zum Durchbruch

kommen mußte, Schüttelfrost, Fieber, Kopfschmerz, na, Kleine, da

hab’ ich für das eine Mal die Segel gestrichen und die ›Schickung‹

akzeptiert. Auf vierundzwanzig Stunden mindestens liegt er in der

Klappe. Gottlob! Mit einem feudalen Husten und Schnupfen kann man weder

den Othello, noch den Romeo agieren.«

»Onkel Springe,« bat sie leise, »sei doch ernsthaft!«

»Ich war nie ernsthafter als jetzt. Als ich gestern nacht vor dem

Schlafengehen noch für einen Moment in das Café des Kaiserhofs trat,

traf ich Herrn Willibald Hüsgen, der Hans bei uns vermutete und ihm

auflauern wollte, um sich für den ›genußreichen Abend‹ im Hause Frau

Bettina Wittelsbachs zu bedanken. Hans hatte ihn auf seine Quälereien

hin dort eingeführt. Herr Willibald war ebenso konfus wie wütend,

scheint sich aber einen gut rheinischen Abgang gemacht zu haben. Von

ihm hörte ich, daß der bevorzugte Bräutigam ein kleiner, wenn auch

etwas abgetakelter Prinz ist. Verstehst du jetzt? Und hier ist das

Billett, das Hans gestern nach dem intimen Verlobungszirkel noch

erhielt. Ich habe es eingesteckt.«

Er legte die Karte Bettinas auf den Tisch, und Hannes las. Dann lehnte

sie sich schweigend zurück, aber in ihren Augen und um ihren Mund stand

ein Zug fester Entschlossenheit.

»Nun —?« fragte Springe. »Jetzt gilt’s, den Kriegsplan entwerfen,

Kleine.«

»Ich werde zu der Dame hingehen.«

»Was — —? Du — —?«

»Jawohl, ich. Es muß doch auf der Stelle etwas geschehen. O nein, nicht

meinetwegen.«

»Aber, Mädel, alter, tapferer Hannes, was willst du denn dort?«

»Das weiß ich noch nicht. Wenn ich ihr gegenüberstehe, werd’ ich es

wissen.«

Springe schwieg. Dann nahm er Hannes’ Hände.

»Hör mich mal an. Ich weiß mit Frauenzimmern schlecht Bescheid, oder

sie müßten sein wie Frau Margot, du und Mutter Stahl. Düsseldorfer

Auslese. Aber daß ~du~ zu der Dame hingehst, das duld’ ich nicht.

Wenigstens jetzt noch nicht. Du bist ein junges Mädchen, und ich ein

gesetzter Mann, wenn’s auch keiner glaubt. Folglich — werde ~ich~

hingehen. Das war auch meine Absicht.«

»Onkel Springe, dir werden deine Kavaliertugenden im Wege stehen.«

»Ja, Kind, um mich dort herumzuprügeln, geh’ ich auch nicht hin.«

Nun mußte sie doch lächeln, trotz ihrer schweren Stimmung.

»So meinte ich es nicht. Aber gewisse Dinge können sich nur Frauen

sagen. Und wenn du nichts erreichst?«

»Dann, ja dann soll die Reihe an dir sein. Abgemacht!«

Sie erhoben sich und unternahmen einen Spaziergang, über die Linden,

durch das Brandenburger Tor und den Tiergarten. Das Thema wurde nicht

weiter berührt. Sie waren beide wortkarg geworden.

Als es gegen elf Uhr ging, verabredeten sie, da das Wetter heiter war,

eine Rendezvousstelle am westlichen Ausgang des Tiergartens. Springe

nahm einen Wagen und fuhr zum Kurfürstendamm. Dem Hausmädchen, welches

ihm die Korridortür öffnete, gab er seine Karte und trug ihm auf, der

gnädigen Frau zu bestellen, daß er eine Mitteilung von Herrn Doktor

Steinherr zu überbringen habe. Wenige Minuten darauf stand er im

Empfangssalon Bettina gegenüber.

Sie sah etwas abgespannt aus, aber gerade der matte Flor um die Augen

verstärkte den pikanten Reiz.

»Meine gnädige Frau,« sagte er mit tiefer Verbeugung, »ich erbitte Ihre

Verzeihung, daß ich so gänzlich ungerufen —«

»O,« erwiderte sie lächelnd, »die Freunde des Herrn Doktor Steinherr

sind auch meine Freunde.«

»Ich werde mir diesen Vorzug zu eigen machen.«

Sie zog einen Moment die Augenbrauen hoch; dann wies sie lässig auf

einen Sessel. »Sie ließen mich wissen, daß ein Auftrag des Herrn Doktor

Sie zu mir führe ...«

»Ein Auftrag? Pardon, nein. Das ist ein Mißverständnis. Lediglich ein

Mitteilungsbedürfnis trieb mich her.«

Eine Pause trat ein. Frau Bettina war auf der Stelle orientiert. Und

diese Pause benutzten sie beide, um sich schweigend zu beobachten. Dann

sagte die Dame des Hauses kalt: »Jetzt ist es an mir, Ihre Verzeihung

zu erbitten. Aber ich erwarte in dieser Minute noch Besuch.«

Heinrich von Springe verneigte sich, aber er blieb sitzen. »Der

Besucher, meine gnädige Frau, ist leider durch eine heimtückische

Krankheit ans Bett gefesselt.«

»Hans ist krank — —?« entfuhr es ihr so schnell, daß sie ihren Fehler

nicht mehr korrigieren konnte.

»Ja,« wiederholte Springe höflich, »er ist krank. Gestern abend ist er

plötzlich erkrankt.«

Sie nagte nervös an der Lippe, um die Beherrschung wiederzufinden. Dann

sah sie ihr Gegenüber scharf an.

»Sie wissen, um was es sich handelt?«

»Um eine Influenza, gnädige Frau.«

»Ah —!« rief sie zornig und sprang auf. »Mir scheint, Sie wollen die

Situation ins Lächerliche ziehen.«

Auch Springe hatte sich sofort erhoben.

»Wenn gnädige Frau mit der Frage etwas anderes bezweckten, dann

allerdings habe ich —«

»Nein, nein,« lachte sie ungeduldig auf, »es handelt sich in der Tat um

diese — diese Influenza.«

Springe lachte unaufgefordert mit, als ob er die Pointe in ihren

Worten durchaus nicht verstanden hätte.

»Sie haben recht, gnädige Frau, das ist freilich eine außerordentlich

komische Krankheit.«

Da wurden ihre Gesichtszüge unbeweglich.

»Ich danke Ihnen, mein Herr, für die Freundlichkeit, mich zu

benachrichtigen. Ich darf aber wohl Ihre Zeit nicht länger in Anspruch

nehmen.«

Und als Springe zögernd auf seinem Platze verharrte, sagte sie mit

einer hoheitsvollen Abschiedsverneigung: »Herr von Springe — —?«

Da rückte sich Springe zusammen und trat einen Schritt näher.

»Gestatten Sie mir, meine gnädige Frau, daß ich noch ein bei der

Vorstellung entstandenes Versäumnis nachhole. Ich möchte nicht gehen,

ohne mich Ihnen in meiner Eigenschaft als Vater Hans Steinherrs zu

präsentieren.«

Frau Bettina trat überrascht zurück, glühende Röte auf der Stirn. »Sie

scherzen,« stammelte sie verwirrt, »das ist doch nicht möglich.«

»Die Verwunderung ist ganz auf meiner Seite, gnädige Frau. Sollte Hans

das nie erwähnt haben?«

»Er liebte es nicht, von daheim zu sprechen,« gab sie, immer noch

fassungslos, zur Antwort. »Nur einmal, ganz kurz, erwähnte er eines

alten Freundes, der durch Heirat sein, Hansens, Stiefvater geworden

sei.«

»Dieser alte Freund bin ich, gnädige Frau, und die Freundschaft ist auf

meiner Seite unverändert geblieben.«

»Sie sind nicht alt ...« sagte sie gedankenlos.

»Ist denn äußerlich erkennbares Alter ein unbedingtes Erfordernis zum

Ehemann?«

Sie zuckte zusammen. Das war Hohn. — — Nun hatte sie sich wieder.

»Da Sie sich als Vater meines besten Freundes ausweisen,« sagte sie mit

lächelnder Liebenswürdigkeit, »so müssen Sie mir schon erlauben, daß

ich Sie noch ein wenig hier behalte. Das ist eine unerwartete Freude

für mich.«

Springe stutzte; aber er ließ sich wieder nieder.

»Und nun erzählen Sie mir von ihm. Von dem Hans, als er noch ganz klein

und unartig war.«

»Sollte es nicht,« erwiderte Springe verblüfft, »in unserem Falle

richtiger sein, ~Sie~ erzählten mir von dem Hans, als er schon ganz

groß und — artig war?«

»Bitte, bitte,« schmeichelte sie, und ihre dunklen Augen schienen weich

und flehend. »Was ich zu berichten habe, ist nicht immer erfreulich.

Er hat mir viel Sorgen gemacht, aber ich hab’ ihn gern und bewundere

sein Talent; und von seinen Freunden erträgt man viel, das haben Sie

wohl auch erfahren. Erzählen Sie mir von seiner Jugend. Nachher mag die

Reihe an mich kommen, zu ergänzen.«

Noch einmal machte Springe einen Anlauf, das Gespräch auf der anderen

Bahn zu halten. Aber sie legte ihm sanft die Spitzen ihrer zarten

Finger auf die Hand und sah ihm mit dem rätselhaft lächelnden Blick in

die Augen.

Das arme Ding, dachte er mitleidig, sie kann nun einmal nicht gegen

ihre Natur. Es ist ein Jammer, daß man so einem schönen Geschöpf wehe

tun muß. Na, anders geht’s doch nicht.

Aber er begann zunächst zu erzählen. Vom Rhein, vom Düsseldorfer Leben,

von seiner ersten Bekanntschaft mit Hans, von den großen Qualitäten des

jungen Freundes und seiner Entwicklung, von den feinen, dichterischen

Talenten, die durch eine Jugendliebe geweckt worden seien, und vieles

mehr. Jedesmal, wenn er zu Ende kommen wollte, berührte sie leise seine

Hand, und ihr Auge verlangte, daß er fortfahre.

Mitten in einer Schilderung hielt er inne. Die Zimmeruhr hatte die

Mittagsstunde geschlagen. Der Zweck seiner Mission fiel ihm heiß aufs

Herz. »Gnädige Frau,« sagte er sich erhebend, »Sie müssen mir den

Jungen freigeben, zumal ich mich gleichzeitig beehren darf, Ihnen meine

herzlichsten Glückwünsche zur Verlobung auszusprechen.«

Frau Bettina lehnte sich tief zurück. Das war die Ironie, die ihr immer

imponierte.

»Und wenn ich ihn trotzdem behalten möchte.«

»Das ist des Rheinlands nicht der Brauch. Wir da von der Westgrenze

sind als reichlich selbstbewußt, oder sagen wir ruhig: hochmütig

verschrieen bei aller unserer Lebensleichtigkeit; auch in unserem

Lieben machen wir Anspruch auf die ~erste~ Stelle.«

»Und in Ihrem Hassen?«

»Ich bin kein Adelsnarr. Aber auf dem Wappen meiner Familie steht der

rechte Spruch: ›=Pectus amicis, hostibus frontem=.‹ Sie haben die Wahl.«

»Ich verstehe kein Latein.«

»Ich auch nicht. Ich hab’s wieder verlernt, seitdem ich merkte, daß in

der Welt viel zu wenig ›deutsch‹ geredet würde. ›Die Brust dem Freund,

die Stirn dem Feind‹, lautet der Spruch.«

»Wollen Sie mein Freund sein, Herr von Springe?«

»Gnädige Frau tun mir unverdiente Ehre an.«

»Wer ist heute noch ein Freund? Ihr Hans, o ja; heute schon läßt er

mich allein. Aber ein Mann ist er doch, der Tollkopf, und deshalb muß

er mein Freund bleiben. Und Sie sind sein Erzieher ... Aus dieser

Quelle hat er geschöpft. Lassen Sie mich auch davon profitieren.«

»Meine gnädige Frau, der Zweck meines Besuches ist denn doch wohl —«

»Den Zweck Ihres Besuches,« fiel sie ein und schüttelte ihm herzlich

die Hand, »den sollen Sie mir morgen sagen, um diese Stunde. Kommen

Sie allein, oder kommen Sie mit Hans. Heute laß ich mir die schöne

Stimmung, die ich Ihnen danke, nicht angreifen. Das ist Ihre eigene

Schuld.«

Sie sah ihn an, mit halb über die Augen gesenkten Wimpern.

»Auf Wiedersehen, Herr von Springe! Ihrem Pflegling die zärtlichsten

Wünsche.«

Da stand er draußen; lachend, wütend, vollständig

durcheinandergewirbelt. Die Hexe, sprudelte es in ihm. Da hat sie

mich so lange von Düsseldorf erzählen lassen, bis wir glücklich

so familiär geworden waren, daß ich ihr nicht mehr grob kommen

konnte. Hannes meinte ja gleich, meine Kavalierstugenden — — ach

was, Kavalierstugenden! Blamiert hast du dich, alter Sohn! Vor zwei

kokettierenden Satansaugen hast du geschnurrt wie ein Kater, dem man

das Fell streicht!

Als er seiner Bundesgenossin ansichtig wurde, schlug ihm doch das Herz.

Aber er bemäntelte seine Niederlage nicht.

»Sie hat mich in Watte gewickelt,« knurrte er und biß sich auf den

Schnurrbart. »Viel hätte nicht gefehlt, und ich wär’ ihr um den Hals

gefallen.«

»Gott sei Dank!« gab das Mädchen zur Antwort.

»Gott sei Dank?« wiederholte Springe perplex. »Wieso denn das?«

»Onkel Springe, wenn selbst du nicht standhalten kannst, ist Hans doch

auch entschuldigt!«

Das ist die Logik der Liebe, dachte Springe. Aber er war kleinlaut

geworden und sagte es nicht laut.

»Erwarte mich im Hotel, Onkel. Spätestens in einer Stunde bin ich

zurück.«

Er sah ihr nach, wie sie über den Damm mit leichtem, flotten

Gang auf eine Droschke zuschritt. In dem rotblonden Haar lag die

Vorfrühlingssonne wie eine lustige Lohe. Ist das ein Mädel! gestand

sich Springe. Man wird gesund und fröhlich vom bloßen Anschauen. Da

liegt ein anderer Schmiß drin als in der Treibhausblume von vorhin. — —

— Na, na, na ... Nachträglich Schimpfen, das ist auch so eine Art —.

Die vom Niederrhein · 第 38 / 53 题